Fußball-Weltmeisterschaft Kann Katar sein Klimaversprechen halten?

Die in wenigen Tagen startende Fußball-Weltmeisterschaft in Katar soll das erste klimaneutrale Turnier seiner Art werden. Kritiker werfen dem Land Greenwashing vor. Können die Organisatoren ihr Versprechen halten?

Fahnen mit den Logos der FIFA und der Fußball-WM in Katar 2022
Am 20. November startet die Fußball-Weltmeisterschaft in Katar. Die Organisatoren versprechen ein klimaneutrales Turnier. Bildrechte: PantherMedia/Valerio Rosati

Nun ist es also soweit: in wenigen Tagen startet die umstrittene Fußball-Weltmeisterschaft in Katar. Die Organisatoren haben sich dabei ein ambitioniertes Ziel gesetzt. Das kleine Emirat am Persischen Golf möchte die erste klimaneutrale Weltmeisterschaft austragen. "Es ist eine riesige Herausforderung, eine klimaneutrale WM zu veranstalten. Die Art der Veranstaltung verursacht per se unglaublich viele Emissionen", meint Veronika Ertl, Leiterin des Regionalprogramms Energiesicherheit und Klimawandel Naher Osten und Nordafrika. Das beginne beim Bau der benötigten Infrastruktur und ende mit den Reisebewegungen der Fans. Eines ist dabei aber schon jetzt klar: die Weltmeisterschaft in Katar wird so viele Emissionen verursachen, wie keine andere WM zuvor.

Was bedeutet Klimaneutralität? Klimaneutralität bedeutet, dass alle anfallenden Emissionen durch Ausgleichsprojekte vollständig kompensiert werden. Ein Konzentrationsanstieg von Treibhausgasen in der Atmosphäre findet damit bei klimaneutralen Prozessen nicht statt.

Reisebewegungen als Hauptemissionsquelle

In einem Vorabbericht ermittelt die Schweizer Firma South Pole im Auftrag der Fifa, dass das Turnier etwa 3,6 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent emittieren wird. Damit wird die WM in Katar rund 60 Prozent mehr Emissionen verursachen als die vorrausgegangene Weltmeisterschaft in Russland. Das liegt auch an den offensichtlichen Schwächen, die das Emirat als Austragungsort bietet.

Katar war und ist weltweit nicht gerade als große Fußballnation bekannt. Deswegen ist es nur logisch, dass die für die Austragung eines solchen Turniers notwendige sportliche Infrastruktur nach der Vergabe im Jahr 2010 komplett fehlte. Das wiederum macht die WM in Katar gleichzeitig auch zum teuersten Turnier aller Zeiten. Bis zu 220 Milliarden US-Dollar hat sich das Land die Weltmeisterschaft kosten lassen. Da ist mehr als das Vierzehnfache der bisher teuersten WM in Brasilien 2014, die rund 15 Milliarden Dollar gekostet hat. Sieben der acht WM-Stadien mussten extra für das Turnier gebaut werden. Laut Fifa wird alleine der Bau der Infrastruktur für ein Fünftel der Gesamtemissionen der WM verantwortlich sein. Der größte Teil soll jedoch auf Reisebewegungen der Zuschauer und Mannschaften fallen. Über die Dauer der Weltmeisterschaft rechnet Katar mit über einer Millionen Besucher, in der Hochphase der Gruppenphase werden bis zu 200.000 Zuschauer am Tag zu den Spielen erwartet.

Kleines Land, kurze Wege

Auch wenn Katar eine ganze Reihe an Nachteilen mit sich bringt, die die Austragung einer klimaneutralen WM erschweren dürften, so bietet das Emirat zumindest einen Vorteil. "Das Land ist sehr klein. Inlandsflüge werden dadurch nicht nötig sein, um sich zwischen den Austragungsorten zu bewegen", sagt Ertl. So befinden sich alle Stadien im Umkreis von 50 Kilometer rund um die Hauptstadt Doha, die größte Distanz zwischen zwei Spielorten beträgt 75 Kilometer. Die Fortbewegung der Zuschauer innerhalb Katars soll deswegen hauptsächlich über öffentliche Verkehrsmittel geregelt werden.

Innenansicht des Terminals im Hamad-International-Airport in Doha, Katar
Bis zu 160 Flüge werden am Tag Zuschauer in das Land bringen. Bildrechte: IMAGO / Friedrich Stark

Nachhaltigkeitsstrategie basiert auf zwei Pfeilern

Was genau tut Katar eigentlich, um sein Versprechen der Klimaneutralität einzuhalten? Mit Blick auf die Nachhaltigkeitsstrategie der Organisatoren lassen sich zwei Säulen identifizieren. "Zunächst einmal sollen die anfallenden Emissionen so gering wie möglich gehalten werden. Das was schließlich unvermeidbar ist, soll durch CO2-Zertifikate ausgeglichen werden", sagt Ertl. Zur Reduktion der Emissionen wurden die Stadien energieeffizient und ressourcenschonend gebaut sowie Grünflächen im ganzen Land angelegt.

Innenansicht der U-Bahnstation Msheireb in Doha
Die Metro in Doha wurde in Vorbereitung auf das Turnier umfangreich ausgebaut. Bildrechte: IMAGO/Frank Sorge

500.000 Quadratmeter Rasen, 5.000 Bäume und 80 Sträucher wurden in den vergangenen Jahren neu angepflanzt. Um klimaschonendes Reisen während der WM zu ermöglichen, hat Katar in den vergangenen Jahren an der Infrastruktur des öffentlichen Nahverkehrs gearbeitet. "Die Metro in Doha wurde ausgebaut und für die Verkehrsflotte wurden neue Elektrobusse angeschafft", sagt Veronika Ertl. Einen großen Teil der für die WM benötigten Energie möchte Katar durch Solarenergie gewinnen. Beitragen soll hierzu auch ein erst vor wenigen Wochen eröffneter Solarpark im Westen Dohas. Die Anlage mit einer Produktionskapazität von 800 Megawatt zählt zu den größten ihrer Art im Nahen Osten.

Was passiert mit den Stadien nach der WM?

Kaum ein anderes WM-Projekt steht wohl symbolischer für Katars Nachhaltigkeitspläne als das Stadion 974 im Hauptstadtbezirk Ras Abu Aboud. Das vollständig recycelbare Stadion mit einer Kapazität von 40.000 Plätzen besteht aus 974 Schiffscontainern. Die 974 steht dabei symbolisch für die Auslandsvorwahl von Katar. Nach der WM soll es abgebaut werden und an anderer Stelle auf dem Globus wiederaufgebaut werden. Unklar bleibt bislang allerdings, wer das Stadion aufgrund der hohen Betriebskosten überhaupt haben will. Das wiederum wirft die Frage auf, was mit den anderen Spielstätten nach dem Ende des Turniers passiert. "Eine große Fußball-Fankultur, wie es in anderen Ländern der Fall ist, gibt es in Katar nicht wirklich. Es ist unwahrscheinlich, dass alle Stadien nach der WM in voller Kapazität gebraucht werden", meint Ertl. Viele der Stadien sollen deshalb nach der WM teilweise zurückgebaut und umfunktioniert werden.

Willkommensschild vor dem Stadion 974 am 26. März 2022 in Doha, Katar.
Das Stadion 974 besteht aus Schiffscontainern. Nach der WM soll es vollständig abgebaut werden. Bildrechte: IMAGO/Igor Kralj/PIXSELL

Zahlen der Fifa in der Kritik

Aber wie realistisch sind die Klima-Versprechungen Katars und der Fifa wirklich? In der Vergangenheit kamen daran immer wieder Zweifel auf. Bereits im vergangenen Mai veröffentlichte die NGO Carbon Market Watch (CMW) mit Sitz in Brüssel einen Bericht, in dem die von der Fifa vorgelegten Zahlen zum CO2-Ausstoß stark kritisiert wurden. "Wir denken, dass der CO2-Ausstoß in dem Bericht erheblich unterschätzt wurde", meint Gil Durfrasne, Ökonom und Hauptautor des Berichts. Der Hauptgrund für diese Unterschätzung fiele dabei auf die Kalkulation zum Bau der Stadien. Die Fifa rechnet bei einem Stadionneubau mit einer Betriebsdauer von 60 Jahren. Dufrasne kritisiert, dass der Bericht der Fifa die Gesamtemissionen, die durch den Stadienbau verursacht wurden, anteilig auf die Dauer der WM runterbricht.

Problematisch sei dies, da es sich um Infrastruktur handele, die ohne das Turnier nicht existieren würde. Die wahren Emissionen für den Bau seien deshalb um bis zu achtmal höher. "Ausgehend von dieser einen Fehlkalkulation würde sich der gesamte Fußabdruck der WM schon auf gut fünf Millionen Tonnen CO2 belaufen. Mit unserer Schätzung sind wir auf der konservativen Seite." Andere Schätzungen belaufen sich inzwischen auf rund zehn Millionen Tonnen CO2. Ähnliche Kritik äußert auch der Ökonom Prof. Dr. Axel Faix. "Es wird argumentiert, dass die Stadien auch nach der WM weitergenutzt werden. Hierauf wird der größte Teil der baubedingten Emissionen abgeschrieben. Sie ignorieren den Umstand, dass die Ursache für die Emissionen der Bau der Stadien ist. Der Bericht ist an dieser Stelle zudem bezüglich der Einzelheiten der Verrechnung nicht transparent." Faix bemängelt zudem, dass der Bericht bewusst nicht alle Effekte beachte, die der WM zuzuschreiben seien. Hierzu zählen beispielsweise Pendlerströme.

Gesamtansicht des Lusail-Stadions
Die beim Bau der Stadien verursachten Emissionen könnten laut Carbon Market Watch um bis zu achtmal höher sein. Hier das Lusail Stadion während des Baus. Bildrechte: imago images/Xinhua

Ausgleich durch CO2-Credits fraglich

Ebenso fraglich bleibt der Ausgleich der anfallenden Emissionen durch den Kauf von CO2-Credits. Für jede verursachte Tonne CO2 möchte Katar einen Credit kaufen, um diese auszugleichen, um so letztlich das Versprechen der Klimaneutralität zu halten. Bislang wurde jedoch nur ein Bruchteil der hierfür benötigten 3,6 Millionen Zertifikate erworben. Die gekauften Credits sollen dabei Kompensationsprojekte finanzieren. Zur Zertifizierung solcher Projekte wurde das Global Carbon Council (GCC) gegründet. "Anstatt die Credits von etablierten Organisationen zu kaufen, hat sich die Fifa dazu entschieden, gemeinsam mit Katar einen eigenen CO2-Markt-Standard zu schaffen", kritisiert Dufrasne. Die Bewertung der Qualität der Projekte obliegt damit den Organisatoren selbst.

Veronika Ertl von der Konrad-Adenauer Stiftung
Veronika Ertl leitet das "Regionalprogramm Energiesicherheit und Klimawandel Naher Osten und Nordafrika" der Konrad-Adenauer Stiftung. Bildrechte: Konrad-Adenauer Stiftung

Dem internationalen CO2-Markt fehlt es insgesamt an Regulation. Dies berge auch Gefahren, wie Veronika Ertl weiß: "Es besteht schon das Risiko, dass nicht alle Projekte, die mittels CO2-Zertifikaten finanziert werden, einem besonders hohen Standard entsprechen." 585 Projekte haben inzwischen eine solche Zertifizierung beim GCC beantragt, sechs davon wurden bislang genehmigt. Darunter ein Wasserkraftwerk in der Türkei und ein Windpark in Serbien. Ob diese Projekte letztlich wirklich eine Neutralisierung der durch die WM anfallenden Emissionen bewirken können, sei laut Dufrasne jedoch fraglich. "Der Grund dafür liegt darin, dass diese Projekte auch ohne die Finanzierung aus Katar stattgefunden hätten. Der Kauf dieser Credits hat keine Auswirkungen auf die Existenz der Projekte." Das Versprechen der Klimaneutralität sei deshalb als Greenwashing zu bewerten. Diese Einschätzung teilt auch Faix. "Wir erleben ein gewaltiges Greenwashing. Katar unternimmt gerade in den letzten Monaten extreme Anstrengungen, um den Vorwürfen der Weltöffentlichkeit etwas entgegenzusetzen."

Was ist Greenwashing? Beim Greenwashing handelt es sich um PR-Strategien, die das Ziel verfolgen, einem Unternehmen oder Staat ein umweltfreundliches Image zu verleihen, ohne dass dies durch dessen Handlungsweisen ausreichend begründet wäre. Der Begriff ist damit negativ konnotiert.

Wie lassen sich Mega-Events grün gestalten?

Mit Blick auf die enorme Größe von Veranstaltungen wie der Fußball-Weltmeisterschaft stellt sich die Frage, ob sich derartige Turniere überhaupt nachhaltig gestalten lassen. Sven Daniel Wolfe ist Politgeograph am Institut für Geographie und Nachhaltigkeit der Universität Lausanne und forscht unter anderem zu Mega-Events. Er war Teil eines Forscherteams, dass die Entwicklung der Nachhaltigkeit der Olympischen Spiele zwischen 1992 und 2020 untersuchte.

Die Studie kam zu dem Schluss, dass die Nachhaltigkeit insgesamt als mittelmäßig zu bewerten ist und im Zeitverlauf immer weiter abgenommen hat. Für Turniere wie die Fußball-Weltmeisterschaft vermutet er eine ähnliche Entwicklung. Der Grund dafür liege in der Ausrichtung dieser Veranstaltungen. "Die Profitorientierung schafft Anreize, diese Wettbewerbe immer größer zu gestalten. Je größer diese Events werden, desto zerstörerischer werden sie für die Umwelt, die Wirtschaft und die Gesellschaft."

Olympische Ringe stehen im Olympiapark in Muenchen-davor tummeln sich Wildgaense
Die Nachhaltigkeit der Olympischen Spiele nahm im Zeitverlauf immer weiter ab. Bildrechte: IMAGO / Sven Simon

Eine zukünftige nachhaltige Gestaltung solcher Sport-Events hält er daher für unrealistisch. "Damit solche Veranstaltungen nachhaltig werden können, müssen sie erstmal kleiner werden und das geht ganz klar gegen ihre Hauptfunktion: Geld zu machen." Axel Faix sieht dies ähnlich. Die Fußball-Weltmeisterschaft sei in den vergangenen Jahren immer größer geworden, auch auf Kosten der Nachhaltigkeit. Wollen Organisatoren das Thema Nachhaltigkeit ernst nehmen, führe an einer Verkleinerung solcher Veranstaltungen in Zukunft kein Weg vorbei. Der Ökonom hofft und erwartet daher auch, dass das Thema Nachhaltigkeit bei der Vergabe von Sport-Events in Zukunft eine größere Rolle spielt. "Die Organisatoren solcher Turniere werden nicht daran vorbeikommen, Nachhaltigkeitsstandards zu einem der Vergabekriterien solcher Events zu machen."

Ob die kommende WM in Katar das ambitionierte Ziel der Klimaneutralität wirklich erreichen kann, bleibt somit mehr als fraglich. Eine endgültige Einschätzung lässt sich ohnehin erst nach dem Turnier treffen. Veronika Ertl hofft dennoch, dass das Turnier auch positives hinterlässt. "Ich würde hoffen, dass man aus der WM in Katar einige Lehren ziehen kann mit Blick auf die Frage, wie sich solche Großveranstaltungen klimaneutral organisieren lassen. Das wäre ein positiver Schritt."

Volker Beck 6 min
Bildrechte: imago/Metodi Popow