Hirnforschung Hängen zusammen: harte Erziehung, Angst und kleinere Gehirne

Wer als Kind Misshandlungen erleben musste, trägt daran ein Leben lang. "Ich hatte eine schwere Kindheit" ist dann keine Ausrede, sondern im Gehirn messbar. Auch angsteinflößende Erziehungsmethoden wie Anschreien oder Schütteln können dafür sorgen, dass sich einzelne Areale anders entwickeln, sogar kleiner sind, als bei Kindern, die in einem liebevollen und friedfertigen Umfeld aufwachsen. Das konnten Wissenschaftler aus Kanada jetzt nachweisen.

Wenn Kinder immer wieder den Wutausbrüchen ihrer Eltern ausgesetzt sind, geschlagen oder angeschrien werden, beeinflusst das die Entwicklung ihrer Hirnstrukturen. Zu diesem Ergebnis kommt die Neuropsychologin Sabrina Suffren von der Université de Montréal in Zusammenarbeit mit dem CHU Sainte Research Center und Forschenden der Stanford University. Dazu nutzte sie Daten von Kindern, die seit ihrer Geburt an der Klinik CHU Sainte-Justine überwacht wurden. Jährlich wurden die Erziehungspraktiken der Eltern und das Angstniveau ihrer Sprösslinge dokumentiert, bis die Kinder neun Jahre alt waren. Später, als sie zwischen 12 und 16 Jahren alt waren, untersuchten Suffren und ihr Team die jungen Probeanden im MRT (Magnetresonanztomographen).

Harte Erziehungsmethoden hinterlassen die gleichen Spuren wie schwere Misshandlungen

Eine Studie aus dem Jahr 2019 zeigte bereits, dass Kinder, die angsteinflößenden Erziehungsmethoden ausgesetzt waren, später anders mit konkreter Angst und Angstzuständen allgemein umgehen. Die Funktionalität ihres Hirns verändert sich also. Die neuen Untersuchungen von Suffren und Kollegen konnten auch Folgen für die Anatomie zweier Hirnareale nachweisen: der präfrontale Kortex und die Amygdala waren bei Kindern impulsiver Eltern kleiner als bei anderen.

Beide spielen eine Schlüsselrolle bei der Kontrolle von Emotionen und sie sind beteiligt, wenn Angstzustände und Depressionen auftreten. Dieses Phänomen ist bereits aus früheren Studien bekannt, in denen Menschen untersucht wurden, die in ihrer Kindheit schwer misshandelt wurden. Dass bereits rigide Erziehungsmethoden die gleichen Folgen nach sich ziehen kann, ist neu. Zum ersten Mal wurden Zusammenhänge zwischen harten Erziehungspraktiken, Angstzuständen von Kindern und der Anatomie ihres Gehirns untersucht.

Hirnscan-Aufnahmen
Präfrontaler Kortex (links) und Amygdala (rechts) sind bei Kindern, die harten Erziehungsmethoden ausgesetzt waren, kleiner als bei anderen. Diese Areale kontrollieren emotionale Impulse und sind beteiligt, wenn es um Angstzustände und Depressionen geht. Bildrechte: Sabrina Suffren / Université Montreal

Normal für viele Eltern – folgenschwer für ihre Kinder

Im Gegensatz zu Kindesmisshandlungen gelten die hier untersuchten harten Erziehungsmethoden in Kanada und weltweit durchaus als normal und sogar als sozial verträglich, so die Einschätzung Suffrens. Deshalb sei es wichtig, dass Eltern und Gesellschaft verstehen, welche Folgen z. B. häufiges Anschreien, Drohungen und Schütteln für die soziale, emotionale und neuronale Entwicklung eines Kindes haben kann.

Die Studie "Die präfrontale Kortex- und Amygdala-Anatomie bei Jugendlichen mit anhaltenden harten Erziehungspraktiken und subklinischen Angstsymptomen im Laufe der Zeit während der Kindheit", von Sabrina Suffren et al., wurde am 22. März 2021 von Development and Psychology veröffentlicht.

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