Müllverwertung Dem Restmüll an den Kragen: Besseres Recycling aus Sachsen

Das Problem mit dem Müll: Er ist viel zu viel und er wird nicht weniger. Vor allem: Er lässt sich nicht einfach genug wiederverwerten. Eine Versuchsanlage in Freiberg will jetzt ins neue Recycling-Zeitalter starten.

Frontalaufnahme vier schwarzer Mülltonnen, eine leicht offen mit blauem Sack drinnen, stehen an einer Hauswand, darüber ein großes Bild mit einer einfach gemalten Blume. Linke Bildhälfte nur Wand mit einem kleinen Häufchen Schnee.
Blühenden Landschaften statt Restmülltonne: Besseres Recycling könnte das möglich machen Bildrechte: imago images/Shotshop

Was Briefumschläge mit Plastik-Sichtfensterchen betrifft, lässt sich bei mülltrennenden Menschen im Grunde in drei Arten unterscheiden: Solche, die die Umschläge einfach in den Papiermüll werfen, solche die sie in die gelbe Tonne werfen – und eben jene, die die Plastikfolie herausreißen und vom Papier getrennt entsorgen. Chapeau den Letzeren, Mülltrennung kann so einfach sein.

Nur sind nicht alle für die Entsorgung bestimmten Dinge so schlicht aufgebaut wie ein Umschlag mit Sichtfenster. Zum Beispiel Lebensmittelverpackungen. Dort werden häufig verschiedene Kunststoffe in einem Verbund verwendet und nicht einfach sortenreines Plastik. An solchen Verbindungen scheitern heutige Recycling-Technologien. Denken Sie mal an das leidliche Thema mit den Pappbechern für den Unterwegskaffee. Eine Viertelstunde Lebenszeit, aber die Plastikschicht in der Becherinnenwand bekommt keiner mehr ab. Außerdem denken heutige Anlagen ziemlich schwarz-weiß: Der eindeutig recyclingfähige Müll kommt ins Töpfchen, der Rest ins Kröpchen. So einfach ist es aber nicht, zum Beispiel dann nicht, wenn ein altes Handy im Müll liegt.

Der Materialverbund und die komplexe Welt der Wiederverwertung ist ein Problem, dem sich das Freiberger Helmholtz-Institut für Ressourcentechnologie angenommen hat. In dem Institut wird sozusagen die Zukunft des Abfalls erforscht. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler entwickeln Technologien, mit denen sich Stoffe trennen und recyceln lassen, aber auch, um sie eleganter zu sortieren als nach der Kröpchen-Töpfchen-Methode. So geht in Freiberg bald eine Versuchsanlage in Betrieb, die alles besser machen will. Die Anlage sieht aus wie ein Laufband im Supermarkt mit einem großen Kasten drum rum, in dem Sensoren verbaut sind. Das Ganze ist noch etwas kleiner als das, was später mal in Recycling-Centern stehen soll. (Dort wird dann ja wahrscheinlich auch mehr Müll zu verarbeiten sein als in Freiberg.) "Wir können damit die große Mehrheit der Inhaltsstoffe analysieren. Und das wollen wir in Echtzeit tun", erklärt Richard Gloaguen vom Helmholtz-Institut gegenüber MDR WISSEN.

Grafik einer Versuchs-Apparatur in Gestalt einer Maschine mit einem längeren Förderband in der Mitte. Helles Material, blaues Förderbandgestell, grauer Hintergrund.
Sieht aus wie eine große SB-Kasse: Der Versuchsapparat für besseres Recycling Bildrechte: HZDR

Damit das klappt, arbeitet die Apparatur mit einer Vielzahl von (derzeit noch sehr teuren) Sensoren. "Wir haben Sensoren, die die Form und Textur der Objekte charakterisieren und wir haben Sensoren, die mehr die Inhalte charakterisieren können", so Gloaguen. "Die werden alle kombiniert, so dass wir nahezu alle Objekte anhand ihrer Form und Zusammensetzung beschreiben können." Das funktioniert freilich nicht aus einem simplen Schaltkreis heraus. Die Maschine lernt selbstständig. Aufgrund dieses Deep Learning genannten Verfahrens kann die Anlage selbst Erfahrung sammeln. Ein Recyclingapparat mit künstlichem Gehirn also.

"Ich würde sagen, Anfang 2021 werden wir arbeitsfähig sein", schätzt Richard Gloaguen. Nach einem Jahr, so der Wissenschaftler, wird es erste Resultate geben. Und die werden dringend gebraucht: Zwischen 36 und 38 Millionen Tonnen jährlichen Haushaltsabfall haben die Deutschen in den vergangenen Jahren fabriziert. 2018 waren das pro Kopf 120 Kilo Biomüll, 146 Kilo wiederverwertbare Wertstoffe und 187 Kilo sonstiger Haus- und Sperrmüll. Dort wandert rein, was nicht zu trennen ist. Oder für dessen Trennung die Müllverursachenden schlichtweg zu faul waren. 13 Millionen Tonnen Hausmüll haben wir 2018 alle miteinander produziert. Wäre doch nicht schlecht, dort noch ein bisschen was herauszurecyclen, oder?

Eine kleine Hütte, die aus verschiedenen bunten Plastikmüllteilen (z.B. Flaschen und ein Netz) zusammengebaut wurde, an einem Strand. Im Hintergrund Wasser bis zum Horizont.
Letzte Recylingmöglichkeit, wenn die Wiederverwertung versagt hat. Bildrechte: imago images/Panthermedia

Damit das bestmöglich funktioniert, muss bei der Produktentwicklung aber schon daran gedacht werden, was passiert, wenn das Produkt das Ende seines meist kurzen Dienstlebens erreicht hat – Stichtwort Kunststoffverbindungen in Lebensmittelverpackungen: "Eine Reduzierung dieser Vielfalt auf bestenfalls nur noch einen Kunststoff ist deshalb ein Fall für die Forschung, weil es gilt, mit vereinfachtem Design die gleiche Frische und Haltbarkeit für Lebensmittel zu ermöglichen und zugleich das Gewicht der Verpackungen zu begrenzen", erklärt Marieluise Lang vom Kunststoff-Zentrum in Würzburg. Dort wird derzeit an einem Biokunststoff gearbeitet, der mit nur zwei Schichten auskommt. Ziel ist es, eine Verpackung aus nachwachsenden Rohstoffen zu entwickeln, die nicht nur recyclingfähig, sondern auch markttauglich ist. Erste Ergebnisse sind vielversprechend.

Abgesehen davon, dass es ohnehin die beste Idee ist, möglichst gar keinen Müll zu produzieren, gibt es bereits jetzt Materialien, die mit Sinn und Verstand für eine Produkt-Wiedergeburt hergestellt werden. Zum Beispiel Briefumschläge mit Sichtfensterchen aus transparentem Papier. Die können dann direkt in die blaue Tonne wandern. Jetzt müssten nur noch die ganzen Unternehmen davon erfahren.

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