Corona Trotz Covid-19: 2020 keine Übersterblichkeit in Deutschland

Forschende der Universität Duisburg-Essen haben die Gesamtsterbezahlen von drei Ländern unter Einbeziehung demografischer Entwicklungen von 2016 bis 2020 analysiert. Es ging um die Frage: Gab es durch Corona eine Übersterblichkeit? Das Ergebnis: Für Deutschland konnte trotz 34.000 Covid-19-Todesfällen mit diesem Ansatz keine Übersterblichkeit festgestellt werden. Und das, obwohl die Todesfallzahlen insgesamt stiegen. Die Gründe dafür sind unterschiedlich.

An einem Grabkreuz hängt ein Mund-Nasen-Schutz. 3 min
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Um es gleich vorweg zu nehmen: Hier geht es nicht darum zu sagen, dass Covid-19 eine harmlose Krankheit ist. Das ist sie durchaus nicht. Allein 2020 gab es etwa 34.000 Todesfälle in Deutschland, die mit Covid-19 assoziiert wurden. Weltweit wurden bis jetzt 4,9 Millionen Corona-bedingte Todesfälle gezählt. Eine Übersterblichkeit auf Grund von Corona gab es 2020 in Deutschland aber nicht. Das hat eine neue Studie der Universität Duisburg-Essen ergeben.

Auch andere Studien zeigen Unterschiede

Bereits im August haben Forschende aus Deutschland und Israel in ihrer Studie gezeigt, dass die verfügbaren Daten aus 103 verschiedenen Ländern ein differenziertes Bild in Bezug auf die weltweite Übersterblichkeit durch Covid-19 zeichnen. Diese Studie konnte für Deutschland im Vergleich zu den Nachbarländern nur eine sehr geringe Übersterblichkeit feststellen.

Die Übersterblichkeit bezeichnet eine Sterberate, die im Vergleich zu einem Erwartungswert erhöht ist. Für die Jahre 2016 bis 2019 wurde ein Mittelwert aus allen Sterbefällen errechnet. Damit hat man einen Wert der zu erwartenden Sterbefälle des folgenden Jahres. Überschreitet die Zahl der tatsächlichen Sterbefälle die Zahl der zu erwartenden Sterbefälle, würde man von einer Übersterblichkeit sprechen. Wird die Zahl unterschritten, spricht man von einer Untersterblichkeit.

Laut statistischem Bundesamt starben 2020 insgesamt 985.620 Menschen. In den Jahren 2016 bis 2019 waren es im Schnitt 934.394 Menschen. Das bedeutet, 2020 sind insgesamt 51.226 Menschen mehr gestorben als in den Vorjahren. Das macht eigentlich eine Übersterblichkeit von rund 5,5 Prozent. Doch dieses Ergebnis sowie viele bisherige Studien lassen laut den Forschenden der Universität Duisburg-Essen demografische Entwicklungen völlig außer Acht. Dieser Ansatz ist für sie zu kurzgegriffen, sie entschieden sich daher für eine erweiterte Betrachtung.

Nettozahlen reichen nicht aus

Die Forschenden bezogen also demografische Veränderungen wie etwa die steigende Lebenserwartung der Menschen und die Alterung in diesem Zeitraum mit ein. So stieg zum Beispiel die Zahl der über 80-Jährigen in Deutschland in diesem Zeitraum um 20 Prozent an. "In Deutschland hatten wir 2016 4,8 Millionen über 80-Jährige, im Jahr 2020 5,8 Millionen, also eine Million über 80-Jährige mehr", erklärt Bernd Kowall den Effekt. Er arbeitet am Institut für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie am Universitätsklinikum Essen und wertete dort die Sterbedaten aus.

Und dann erwarten sie natürlich allein aufgrund dessen eine höhere Sterblichkeit, selbst wenn es keine Pandemie gegeben hätte. Und das müssen sie natürlich mit rausrechnen.

Dr. Bernd Kowall, Epidemiologe, Universitätsklinikum Essen

Das Ergebnis der Studie zeigt: In Schweden betrug die Übersterblichkeit im Jahr 2020 drei Prozent, in Spanien waren es 14,8 Prozent und in Deutschland gab es sogar eine leichte Untersterblichkeit von 2,4 Prozent. Schweden wurde in die Studie mit einbezogen, weil es mit seinem Sonderweg der Maßnahmen eine heftige Kontroverse ausgelöst hatte. Die Übersterblichkeit dort lag daran, so Kowall, "dass die Schweden zu Beginn der Pandemie es nicht geschafft hatten, die Alten und Pflegeheime hinreichend zu schützen". Spanien wurde mit einbezogen, weil es als eines der Länder mit der höchsten Sterblichkeit im Zusammenhang mit Covid-19 gilt.

Der Ansatz dieser Studie betrachtet Todesfälle jeglicher Ursache bei der Berechnung, seien es Unfalltote, Herzinfarkte oder eben Menschen, die mit oder an Covid-19 gestorben waren. So konnte das Problem umgangen werden, dass sich zum Beispiel in der Definition von Covid-19-Todesfällen in verschiedenen Ländern beträchtliche Unterschiede ergeben.

Mehr Tote aber keine Übersterblichkeit

Trotz 34.000 Corona-Todesfällen ist es also in Deutschland statistisch nicht zu einer Übersterblichkeit gekommen. Das kann laut er Studie verschiedene Gründe haben. So zum Beispiel gab es 2019/20 und 2020/21 zwei aufeinanderfolgende Winter, in denen es kaum Influenza-Tote gab. Auch die Zahl der Verkehrstoten ist im ersten Lockdown deutlich zurückgegangen, um 18 Prozent, so Kowall. Ebenso die Zahl der mit Herzinsuffizienz ins Krankenhaus eingelieferten Patienten. All das wirkt sich trotz vieler Covid-19-Opfer positiv auf die Gesamtsterblichkeit aus.

Die Unterschiede in der Übersterblichkeit zwischen den Ländern sind auf mehrere Faktoren zurückzuführen, aber eine endgültige Bewertung ist erst am Ende der Pandemie möglich. Und man solle die Analysen auf keinen Fall so lesen, dass SARS-Cov-2 harmlos sei, so der Epidemiologe gegenüber MDR WISSEN.

JeS/af

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63 Kommentare

der Gnatz vor 45 Wochen

Zwei Monate später: die Autoren haben sich von ihrer Ansicht distanziert. Sie seien entsetzt gewesen, wie ihre Zahlen "missinterpretiert" worden wären. Und überhaupt habe nur eine "rechts gerichtete" Abgeordnete die Studie benutzt. Es sei nur eine Schmierzettelnotiz gewesen. Wer hatte jetzt Recht, liebes mdr-Team?

Radyserb vor 47 Wochen

Durch Nachmeldungen(?) hat sich die Zahl der Krebstoten im Jahr 2020 in Deutschland auf 231.000 erhöht (Destatis). Besteht zwar immernoch ein Gap von 11.000 Toten zu den 242.000 erwarteten Toten, aber ein von dir angenommene weitgehende Personengleichheit von Coronatoten mit Krebstoten ist dadurch absolut unmöglich geworden.

MDR-Team vor 51 Wochen

Hallo @groot,
zunächst handelt es sich um das Veröffentlichen einer Studie.
Forschende der Universität Duisburg-Essen haben die Gesamtsterbezahlen von drei Ländern unter Einbeziehung demografischer Entwicklungen von 2016 bis 2020 analysiert.

Das Bundesamt wiederum hat „nur“ jeweils 12 Monate betrachtet und diese mit dem 12 Vormonats-Zeitraum verglichen. Das ist der feine Unterschied.

Liebe Grüße