Covergrafik Waldbrände
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MDR KLIMA-UPDATE | 7. Juli 2023 Kanadas brennende Wälder und heiße Ozeane

Ausgabe #96 vom Freitag, 7. Juli 2023

11. Juli 2023, 11:04 Uhr

Der Klimawandel führt jeden Sommer zu neuen Umweltkatastrophen. Dieses Jahr brennen die Wälder in Kanada stärker als je zuvor, während die Temperatur der Meere auf neue Rekordwerte steigt.

Autorenfoto von Clemens Haug
Bildrechte: Tobias Thiergen/MDR

Hallo zusammen, 

eigentlich wollte ich diesen Newsletter direkt mit Morgen- und Abendröte beginnen. Damit wäre ich direkt auf die eine der beiden aktuellen vom Klimawandel verursachten Umweltkatastrophen zu gekommen: Die Waldbrände in Kanada, die sowohl flächenmäßig als auch in Bezug auf freigesetzten Abgasen wie CO2 und Ruß die heftigsten, jemals registrierten Feuer des waldreichen Landes sind. (Die zweite Katastrophe sind die extrem warmen Ozeane).

Aber jetzt möchte ich vorweg doch nochmal etwas Ärger und Enttäuschung über die Debatte um die Reform des Gebäudeenergiegesetzes (vulgo: Heizungsgesetz) loswerden. Ohne jetzt mit dem Finger auf die vielen Verantwortlichen zu zeigen, die gemeinsam dafür gesorgt haben, dass aus der Reform so eine Hängepartie geworden ist, muss ich doch nochmal eine Frage loswerden:

Hab nur ich den Eindruck, dass wirklich viele Politikerinnen und Politiker nicht ein einer echten Transformation in Richtung Klimaneutralität interessiert sind?

Natürlich muss man über Details einer solchen Reform debattieren und Lösungen finden für die vielen Schwierigkeiten, die eine so gewaltige Aufgabe wie eine Heizungs- oder Wärmewende mit sich bringt. Und klar, manchmal braucht es dafür halt mehr Zeit.

Aber warum höre ich so wenig Bekenntnisse zum eigentlichen Ziel: Eine wirksame Reduktion der Klimaemissionen im Gebäudesektor, der seit Jahren keine nennenswerten Fortschritte in diese Richtung gemacht hat?

Es wäre doch ein Leichtes zu sagen: Wir haben Schwierigkeiten mit dem jetzigen Vorschlag, aber das Ziel finden wir wirklich gut und deshalb arbeiten wir ernsthaft konstruktiv zusammen. Stattdessen scheint mir, dass mancher den Streit ausbeutet, um Zweifel an der Kompetenz des politischen Gegners zu säen und Vorteile bei der nächsten Wahl zu erlangen. Warum scheinen mir nur so wenige Akteure an einer Rettung unserer Zukunft interessiert, während wieder einmal Wälder heftiger und ausgedehnter brennen als je zuvor und täglich neue Temperaturrekorde in den Meeren und der Luft erreicht werden?


#️⃣ Zahl der Woche:

17,17

... Grad Celsius betrug die globale Durchschnittstemperatur laut dem Climate Reanalyzer der University of Maine am Dienstag und am Mittwoch. Die beiden Tage toppten damit den erst am Montag neu aufgestellten globalen Temperaturrekord von 17,01 Grad Celsius. Und wie es aussieht, könnte auch diese Marke demnächst wieder übertroffen werden. Auf unserem Planeten ist es heiß wie nie.

Interessanterweise erreicht die Erde auf ihrer Bahn um die Sonne gerade ihren sonnenfernsten Punkt, das sogenannte Aphel. Fast 152,1 Millionen Kilometer ist unser Zentralgestirn entfernt, das damit keine Erklärung für die extremen Temperaturen liefert. Stattdessen dürften die extrem warmen Meere eine zentrale Rolle spielen. Zu deren Erwärmung trägt aktuell Verschiedenes bei: Die CO2-Emissionen aber wohl auch die verbesserte Luftqualität, wie Lars Fischer in Spektrum der Wissenschaft erklärt.

Globale Durchschnittstemperatur am 5. Juli laut Climate-Renanalyzer.
Bildrechte: Screenshot Climatereanalyzer

Globale Überhitzung: Umweltkatastrophen im Sommer 2023

Dürresommer, Ahrtalflut, Waldbrände in Schweden und jetzt in Kanada: Seit bald einer Dekade bringt jeder Sommer neue Umweltkatastrophen. Die durch den rasch steigenden CO2-Anteil in der Atmosphäre ausgelöste globale Erwärmung dürfte wohl eine zentrale Ursache sein. Doch damit enden die Gemeinsamkeiten, denn jede neue Katastrophe hat ihren ganz eigenen Verlauf, begünstigende Umstände und Schrecken für die Betroffenen.

Die Waldbrände in Kanada beispielsweise haben ungewöhnlich früh im Jahr begonnen. Schon im Mai loderten die ersten Feuer in den riesigen Wäldern des flächenmäßig zweitgrößten Landes der Erde. Inzwischen gibt es (Stand 5. Juli) 648 aktive Brandherde, davon sind 339 außer Kontrolle. Insgesamt 88.000 Quadratkilometer sind betroffen, mehr als die doppelte Fläche der Niederlande.

Die Intensität der Brände war laut dem europäischen Umweltbeobachtungsdienst Copernicus in den ersten drei Wochen des Juni stärker als der Durchschnitt der Jahre 2002 bis 2022. Geschätzte 100 Megatonnen CO2 wurden durch die Feuer allein im Juni freigesetzt, weit mehr, als je zuvor gemessen wurde.

Tägliche Gesamtstrahlungsleistung von Bränden im Mai-Juni (links), geschätzte Gesamtkohlenstoffemissionen von Waldbränden im Juni (bis zum 26. Juni für 2023) (links) und Gesamtkohlenstoffemissionen von Waldbränden für Kanada (rechts).
Tägliche Gesamtstrahlungsleistung von Bränden im Mai-Juni (links), geschätzte Gesamtkohlenstoffemissionen von Waldbränden im Juni (bis zum 26. Juni für 2023) (links) und Gesamtkohlenstoffemissionen von Waldbränden für Kanada (rechts). Bildrechte: CAMS/Copernicus

Vor allem in der Provinz Québec sind die Brände so heftig, dass die enormen Rauchsäulen kleine Rußpartikel in sehr hohe Luftschichten befördert haben. Anfang Juni drifteten diese Rauchwolken nach Süden und hüllten die Metropolen New York und Philadelphia in Smog. Über 75 Millionen Menschen waren von Smog-Alarm betroffen. Am 25. Juni war das kanadische Montreal die Stadt mit der am stärksten belasteten Luft weltweit. Die 1,8 Millionen Einwohner atmeten laut dem Ranking des Schweizer Technologie Unternehmens IQAir mehr Smog ein als die Bewohner des südafrikanischen Johannesburg und oder des indonesischen Jakarta.

Smog nach Waldbränden in Montreal
Bildrechte: IMAGO/ZUMA Press

Rauch der Waldbrände hat auch Europa erreicht

Ende des Monats ist eine große Rauchwolke nach Osten über den Atlantik abgezogen. In den tieferen Atmosphärenschichten ist der Feinstaub auf das Meer abgesunken. Allerdings hat ein Teil der Abgase auch die hohen Schichten unserer planetaren Gashülle erreicht. Und dort haben Forschende des Leibniz-Instituts für Troposphärenforschung (TROPOS) Rußpartikel über Leipzig ausgemacht.

Möglicherweise haben Sie überraschend rote Sonnenauf- oder -untergänge bemerkt? Der Effekt hat mit dem Rauch zu tun, der Teile des kurzwelligen, blauen Lichts verschluckt Deshalb erscheinen Himmelskörper wie die Sonne oder der Mond besonders rot, wenn sie sich nur knapp über dem Horizont befinden und der Weg des Lichts durch die Luft deshalb besonders weit ist. (Falls Sie Fotos besonders roter Sonnenscheiben oder Vollmonde gemacht haben, schicken Sie uns gerne eine Mail.)

Dass die Feuer in Kanada so heftig ausfallen, liegt zum einen wohl an blockierten Wetterlagen, die zu extremer Trockenheit geführt haben: Wie bei uns fiel auch im Osten Kanadas im Mai nur ein Bruchsteil der sonst üblichen Regenfälle. Auch im Westen des Staats war der Monat der wärmste und trockenste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen.

Für die Zukunft glauben Experten, dass sich die Bewirtschaftung der kanadischen Wälder grundsätzlich ändern muss. Statt Monokulturen bedarf es wieder stärker gemischter Forste. Außerdem wären einzelne Barrieren hilfreich, wie präventiv abgebrannte Flächen, die die zusammenhängenden Gebiete begrenzen, in denen sich ein Feuer ausbreiten kann. Doch dafür brauche es finanzielle Förderung, argumentiert der Feuerökologie Robert Gray in der Süddeutschen Zeitung.

Ob die Feuer Kanada zum Umdenken veranlassen, bleibt aber abzuwarten. Das Land gibt sich zwar ambitioniert in Bezug auf die Klimaziele. Doch zugleich finanzieren kanadische Banken mehr Investitionen in Erdgas und Öl als je zuvor, unter anderem auch, um Europas gestiegene Nachfrage nach LNG zu decken, dass nun in großen Mengen per Schiff über den Atlantik exportiert wird.

Ozeane: Rekordtemperturen im Juni

Und damit direkt zur zweiten Katastrophe: Den extrem warmen Ozeanen. Laut Copernicus lagen die durchschnittlichen Oberflächentemperaturen im Nord-Ost-Atlantik im Juni zeitweise über 1,5 Grad Celsius über dem langjährigen Durchschnitt. Das ist weit oberhalb der bisherigen Rekordjahre, selbst der extrem warmen El Niño-Periode um 2016.

Grafik, die Temperaturverlaufskurven zeigt.
Bildrechte: Copernicus

Aktuell versuchen Experten vor allem die Folgen für das europäische Wetter abzuschätzen. Erwartet wird eine Fortsetzung der Hitzewellen und Gewitterfronten. Absehbar ist aber auch, dass es Folgen für Fische und andere Meeresbewohner geben wird. Die extreme Wärme führt dazu, dass das Wasser weniger Sauerstoff aufnehmen kann. Dadurch wächst die Gefahr sogenannter Dead Zones, also Blasen von sauerstofffreiem Wasser, in dem Fische ersticken. Im bereits sehr warmen Golf von Mexiko seien bereits tausende tote Fische angeschwemmt worden, berichtet Telepolis. Auch in der Ostsee sind solche Blasen in diesem Sommer eine reale Gefahr.

Grafik der Erde, die Temperaturabweichungen im Atlantik zeigen.
Bildrechte: Copernicus

🗓 Klima-Termine

Freitag, 7. Juli – Leipzig

Das Bündnis "Leipzig fürs Klima" informiert über Balkonsolaranlagen und Fördermöglichkeiten, ab 18 Uhr im "Real-Labor", am Brühl 48. Mehr Infos hier

Bis Sonnabend, 8. Juli – Halle

Noch bis zum Sonnabend findet auf dem Bürgerforschungsschiff "Make Science" das PrimaKlima-Camp für Jugendliche statt. Diesjähriges Motto: “Vor uns die Sintflut…” Infos hier

Freitag, 14. Juli – Apolda

Das Blaue Kreuz Apolda lädt zum Vortrag "Kleine Gase, Große Wirkung - Der Klimawandel Teil 2". Beginn ist um 17.30 Uhr, mehr Details hier

Dienstag, 18. Juli – Sachsen, Online

In einer Onlineveranstaltung informiert die Sächsische Energieagentur Vertreterinnen und Vertreter interessierter sächsicher Kommunen über das kommunale Energiemanagement. Mehr dazu hier


📰 Klimaforschung und Menschheit

OECD: Treibhausgasemission der Landwirtschaft steigen weiter

Die durch die Landwirtschaft verursachten Treibhausgasemissionen werden laut der Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) weiter zunehmen. Wie aus dem gemeinsam mit der Welternährungsorganisation FAO am Donnerstag veröffentlichten Landwirtschaftsausblick hervorgeht, wird der Ausstoß von klimaschädlichen Gasen im Agrarsektor in den nächsten zehn Jahren voraussichtlich weltweit um 7,6 Prozent steigen. Mit einem Anteil von 80 Prozent ist die Viehhaltung dem Bericht zufolge für den Großteil der klimaschädlichen Emissionen in der Landwirtschaft verantwortlich. Zugleich nehme die Kohlendioxid-Intensität der Agrarwirtschaft insgesamt ab. So sei der Anstieg der Emissionen geringer als das erwartete Wachstum der Agrarproduktion um 12,8 Prozent. Die Autorinnen und Autoren betonten, dass landwirtschaftliche Produktionssysteme an den Klimawandel angepasst werden müssten. Dazu gehöre etwa die "großflächige und umfassende Einführung" CO2-neutraler Technologien. (epd)

Deutsche Umwelthilfe will LNG-Pipeline vor Rügen stoppen

Vor den abschließenden Beratungen zum LNG-Beschleunigungsgesetz im Parlament hat die Deutsche Umwelthilfe (DUH) ihre grundsätzliche Kritik an dem geplanten Projekt auf Rügen erneuert und will den Bau der dortigen Anbindungspipeline stoppen. Gegen eine kürzlich bekannt gegebene Planänderung für die Ostsee-Anbindungsleitung des geplanten Flüssigerdgas-Terminals habe die DUH Einwendung beim zuständigen Bergamt Stralsund eingelegt, teilte die Organisation am Donnerstag mit. Demnach will der zuständige Netzbetreiber Gascade die Pipeline in vier getrennte Abschnitte aufspalten, "um die verursachten Umweltauswirkungen vermeintlich gering erscheinen zu lassen". Damit jedoch setze sich die "Schönmalerei eines überflüssigen fossilen Großprojektes fort", erklärte die DUH. In der Gesamtbetrachtung werde klar, dass das LNG-Terminal mitsamt der Pipeline eine "Katastrophe für besonders schützenswerte Meeresgebiete, den Erhalt der Artenvielfalt und unser Klima" wäre. (AFP)

Mindestens 15 Tote bei extremen Regenfällen in China

Bei sintflutartigen Regenfällen im Südwesten Chinas sind mindestens 15 Menschen ums Leben gekommen. Vier weitere Menschen würden nach den heftigen Regenfällen in der 31-Millionen-Einwohner-Stadt Chongqing vermisst, erklärten die Behörden am Mittwoch. Es war eines der bislang schlimmsten Unwetter in China in diesem Jahr. Die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua meldete, durch die starken Regenfälle seien Überschwemmungen und Erdrutsche ausgelöst worden. Demnach wurde das "Leben von mehr als 130.000 Menschen in 19 Bezirken und Landkreisen beeinträchtigt". Die Behörden hatten am Dienstag für weite Teile Zentral- und Südwestchinas eine Warnung vor durch Regen ausgelöste Katastrophen ausgegeben. (AFP) 


📻 Klima in MDR und ARD

🥕 Zum Schluss

Wie viel Schaden der politische Streit über konkreten Klimaschutz auch in den Köpfen anrichtet, zeigt diese neue Studie. Denn viele Deutsche sind für die Energiewende, unterschätzen aber, wie groß die Zustimmung bei den anderen ist. Das "Soziale Nachhaltigkeitsbarometer 2023" zeigt: Über 59 Prozent der Befragten waren damit einverstanden, wenn bei ihnen vor Ort neue Windräder gebaut würden. Aber zugleich nahmen sie an, dass nur 32,5 Prozent der anderen Menschen dem Bau von solchen Anlagen im eigenen Wohnumfeld zustimmt. Die Wahrnehmung scheint also verzerrt: Windräder werden in Wirklichkeit viel positiver bewertet, als man gemeinhin glaubt. An der jährlich wiederholten, repräsentativen Befragung nehmen mehr als 6.500 Personen aus ganz Deutschland teil.

Andererseits: Danach gefragt, wovon denn abhängt, ob man ein Windrad befürwortet oder nicht, meinen 48 Prozent, wichtigster Faktor wäre, dass man es nicht sieht. Eine finanzielle Beteiligung der Bürger an der Windkraft beeinflusst die Zustimmung dagegen nur bei 31,9 Prozent.

Ich selbst habe mehrere Jahre neben Windrädern gelebt und kann Ihnen sagen: Mit der Zeit sieht man die Anlagen gar nicht mehr. Ich habe das, was Kritiker immer die "Verspargelung der Landschaft" nennen, als nicht so schlimm in Erinnerung – und wäre daher sehr dafür, auch in meiner jetzigen Heimat Sachsen mehr Flächen für die Windkraft bereitzustellen. Vielleicht neben Landstraßen und Autobahnen, dafür wären laut der Untersuchung immerhin 79 Prozent der Befragten zu haben.

Ein schönes Wochenende wünscht
Clemens Haug


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Schreiben Sie uns an klima@mdr.de.

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