MDR KLIMA-UPDATE | 5. August 2022 Helfen uns Horrorszenarien in der Klimadiskussion weiter?

Porträt der beiden Autoren Inka Zimmermann und Clemens Haug
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Wie sehr muss die Gefahr durch den Klimawandel betont werden, damit sein Katastrophen-Potenzial ernst genommen wird? Oder führen Horrorszenarien umgekehrt zum News-Fatigue, also dazu, dass Menschen gar nicht mehr zuhören?

Freiheitsstatue von New York versinkt in den Fluten
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Liebe Lesende,

diesen Newsletter hier haben wir im Tandem verfasst und das hat mit unserem zentralen Thema zu tun: Wie stellen Sie sich die Apokalypse vor? Sehen Sie einen gigantischen Meteoriten, wie im Netflix-Epos „Don’t Look Up“? Oder wild gewordene Tiere, wie in Alfred Hitchcocks Klassiker „Die Vögel“? Oder ganz klassisch die vier unheilvollen apokalyptischen Reiter aus der Bibel, die Pest und Tod bringen?

Viele Klimaexpertinnen und Experten glauben ja, dass die Erwärmung des Weltklimas das Potenzial hat, die Menschheit auf einem globalen Level ernsthaft in Schwierigkeiten zu bringen und die Welt, wie wir sie heute kennen, scheitern zu lassen. Staaten könnten zusammenbrechen und unsere Demokratie bald der Vergangenheit angehören, wenn mehrere Milliarden zu uns fliehen wollen, weil der Klimawandel das Leben in ihren Heimatländern wie Indien, Pakistan, Zentralafrika oder dem Norden Südamerikas unmöglich macht.

Aber helfen uns solche Horrorszenarien dabei weiter, die Welt zu retten? Wir wollen das einmal von der Pro- und von der Kontra-Seite beleuchten im Thema der Woche. Ganz passend dazu vielleicht schon mal die…

[#] Zahl der Woche

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– in Worten: Zwei Milliarden – so viele Menschen würden im Jahr 2070 in extrem heißen Gebieten der Erde leben, wenn sich das Weltklima um drei Grad oder mehr erwärmt. In diesen Gegenden – darunter Indien, Pakistan, Zentralafrika oder Teile von Südamerika – könnten die durchschnittlichen Jahrestemperaturen auf 29 Grad Celsius und mehr steigen. Ständige Hitzewellen und Dürren würden viele dieser Menschen in die Flucht schlagen. Dann könnten wir uns in Europa auf ankommende Fluchtbewegungen einstellen, gegen die 2015 nur wie ein mildes Vorspiel wirkt, warnt der Journalist und Autor Friedemann Karig im sehr hörenswerten Deutschlandfunk Radio Feature "Der Prepper in mir - Ein Selbstversuch pünktlich zum Weltuntergang". Was das für die Stabilität von Staaten und besonders die verwundbaren Demokratien bedeutet, dürfen Sie sich an dieser Stelle selbst ausmalen.

Weltkarte in der der Norden von Südamerika, die mitte von Afrika, Arabien, Indien und Pakistan sowie ein breiter Streifen in Südostasien rot gestrichelt ist.
Bei einer gesamten Klimaerwärmung von drei Grad C und mehr könnten in den rot gestrichelten Gebieten ab 2070 Jahresdurchschnittstemperaturen von über 29 Grad Celsius herrschen. Betroffen wären Megametropolen wie Mexiko-Stadt, Lagos, Islamabad, Mumbai, Jakarta, Manila und viele mehr. Bildrechte: MDR WISSEN

Was meinen Sie? Schreiben Sie uns Ihre Antwort an klima@mdr.de.

Wie sprechen über die Klimakrise?

Inka Zimmermann: Horrorszenarien bringen uns nicht weiter

Dass die Welt eines Tages untergehen könnte, beschäftigt die Menschheit schon lange. Und ich gestehe: Ich finde solche Szenarien höchst unterhaltsam. Am liebsten genieße ich den Weltuntergang auf einer Kinoleinwand, mit Popcorn im Schoß, gegen den Stress! Was aber, wenn die Apokalypse nach zwei Stunden Kinofilm nicht vorbei ist? Ein Forscherteam appelliert aktuell im renommierten Journal PNAS an die Wissenschaft: Der Klimawandel könnte für uns eine echte Apokalypse werden, aus der es – einmal in Gang gesetzt – kein Entkommen mehr gibt.

Das klingt krass! Und natürlich verbreitet sich diese Schreckensmeldung schnell. Wenn es einen Weltuntergang gibt, müssen wir unsere Leserinnen und Leser ja informieren. Oder? Ich finde, solche Schreckensmeldungen sind mit Vorsicht zu genießen. Denn auch wenn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sich natürlich mit Worst-Case-Szenarien auseinandersetzen müssen, stellt sich doch die Frage, wie sehr sie uns helfen, wenn es darum geht, das Klima zu retten.

Und das fängt schon mit dem Wort an: Wer etwas als „Apokalypse“ betitelt, beschwört damit ein Bild herauf. Die Apokalypse ist ja traditionell ein schicksalhafter Weltuntergang, der einfach so über uns hereinbricht – ohne, dass wir etwas dagegen unternehmen können. Und das ist beim Klimawandel nicht so. Noch können wir sehr viel unternehmen, um zu verhindern, dass unser Planet kollabiert.

Hiobsbotschaften werden uns dabei allerdings kaum helfen, denn sie lösen hauptsächlich Angst aus, man spricht von "climate anxiety". Solche Ängste können uns lähmen, weil wir uns überfordert fühlen. Wir haben nicht mehr das Gefühl, etwas gegen den Klimawandel unternehmen zu können und geben vielleicht auf. Dabei ist gerade so ein Gefühl von Selbstwirksamkeit sehr wichtig, um dranzubleiben.

Und auch wir Journalisten und Journalistinnen müssen dabei eine Sache im Blick behalten: Was wir berichten, löst etwas in den Menschen aus. Wenn wir ständig neue Horror-Nachrichten bringen, die am Ende vielleicht gar nicht eintreten, kann das zu einer News-Fatigue führen. Prof. Michael Brügemann beschäftigt sich mit Klima- und Wissenskommunikation und sagt dazu: "Mit der russischen Invasion in der Ukraine und der andauernden COVID-Pandemie, plus diversen ökologischen Krisen, sind die Menschen überfordert und wenden sich bereits zum Teil von den Nachrichtenmedien ab." Salopp gesagt: Die Welt ist gerade schon schlimm genug – wenn wir jetzt noch mehr Schreckensmeldungen bringen, hält das ja keiner mehr aus.

Was wir eigentlich brauchen, ist eine konstruktive Debatte – nicht Horrorszenarien, sondern Lösungsszenarien. Es gibt zwar viele "tipping points", also Punkte, an denen sich der Klimawandel selbst beschleunigt, beispielsweise beim Schmelzen der Permafrostböden – aber keinen "point of no return". Und es tut sich ja durchaus etwas: Vor wenigen Jahren hätte man sich noch fragen können, wie ernst die politisch Verantwortlichen den Klimawandel überhaupt nehmen – mittlerweile haben sich Staaten mit mehr als 90 Prozent der globalen Emissionen ein Netto-Null-Ziel gesetzt. Da sollten wir gerade jetzt dranbleiben – und, ganz wichtig: einen Zahn zulegen. 

Clemens Haug: Der Horror ist noch nicht überall angekommen

Sie, liebe Lesende, haben diesen Klima-Newsletter abonniert. Daher vermute ich, Sie gehören zu denjenigen, denen klar ist, dass es eine Klima-Erwärmung gibt und dass wir unser Leben verändern müssen, wenn wir überleben wollen.

Wenn ich mir allerdings Kommentare unter unseren Online-Artikeln durchlese, wenn ich in meinem Sportstudio wütende Geländewagenfahrer erst über Ökosteuern schimpfen und später vom regelmäßigen Flugurlaub in den Süden schwärmen höre, und vor allem wenn die FDP weiter um Bestandsgarantien für Verbrennungsmotoren kämpft, dann gewinne ich den Eindruck: Nicht alle Menschen sind da soweit wie Sie, liebe Lesende.

Und auch wenn es für Sie und mich richtig sein mag, dass die wichtigste Frage nicht ist, ob wir die Lösung der Klimakrise angehen wollen, sondern nur noch wie, so gibt es doch viele Menschen, denen vielleicht nochmal deutlicher gesagt werden muss, was hier eigentlich auf dem Spiel steht: Dass beispielsweise die Staatenwelt, wie wir sie heute kennen, in den kommenden 20 Jahren kippen könnte unter den Lasten der hereinbrechenden ökologischen Katastrophe. Dass es nicht um ein bisschen Schwitzen im Sommer und das Ende von Skisport im Winter geht, sondern dass wir mit vielen Millionen Flüchtenden rechnen müssen, wenn schon in den späten 2030ern einige heute schon warme Weltgegenden zunehmend unbewohnbar werden. Und dass die Rutsche in die Katastrophe nach unten hin nicht flacher, sondern steiler wird, sprich: dass die katastrophalen Effekte der Klimaerwärmung schneller und heftiger kommen und sich immer weniger abmildern lassen werden.

Wir brauchen also eine kommunikative Doppelstrategie. Dem einen Teil, von dem meine Kollegin Inka spricht, sollten wir sagen, dass eine Veränderung unseres Lebenswandels keine Katastrophe ist. Dass Klimaneutralität vielleicht sogar Spaß machen kann wie eine Radfahrt zur Arbeit an der frischen Luft durch verkehrsberuhigte Straßen – statt in der brummenden Blechkiste im Stau zu stehen. Dass Urlaub auch in nahen, mit dem Zug erreichbaren Zielen erholsam, aufregend oder abwechslungsreich sein kann, und zwar ganz ohne stundenlanges Warten an Check-in-Schaltern oder dem bangen Hoffen darauf, dass das Gepäck doch irgendwie mitgekommen ist.

Dem verbrennungsbesessenen Teil der Menschheit aber müssen wir klarmachen, dass eine brennende Hölle auf Erden nah ist, wenn wir weiter fossile Energien verfeuern. Dass sie noch in ihrem Leben stattfinden wird und dass sie sich bald wünschen werden, früher klimaneutral geworden zu sein.

🗓 Klimatermine

SONNABEND, 6. AUGUST, 14 UHR, LEIPZIG

Unter dem Titel "Klicken fürs Klima – Wie können wir digital nachhaltig sein?" lädt der Verein Konzeptwerk Neue Ökonomie zu einer Ausstellung ins Zeitgeschichtliche Forum. Abgewogen werden der steigende Energieverbrauch durch die immer weiter vorangetriebene Digitalisierung von Alltagsfunktionen und Haushaltsgeräten auf der einen Seite und die Potenziale, inwieweit Vernetzung zum Energiesparen beitragen kann. Der Eintritt ist frei.

MONTAG, 8. AUGUST, 15 UHR, ERFURT

Regionale Stromnetze in Thüringen sind Thema der Veranstaltung "Die Energiewende und unser Energiesystem – Das Thüringer Verteilnetz von Morgen". Im Klima-Pavillon Erfurt können Bürgerinnen und Bürger ins Gespräch kommen mit Experten über die Veränderungen, die im Thüringer Stromverteilnetz anstehen.

DONNERSTAG, 11. AUGUST, 17 UHR, HALLE

Im Sommerkino auf dem Schiff für Bürgerforschung "Make Science" in Halle: "Checker Tobi und das Geheimnis unseres Planeten" dreht sich um die Erde und den Klimawandel.

FREITAG, 12. AUGUST, 19 UHR, DRESDEN

Die Gruppe "Letzte Generation" lädt zu einem Vortrag "über die Klimakatastrophe, die Verleugnung der Realität und die Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen". Stadtteilhaus Äußere Neustadt.

📰 Klimaforschung und Menschheit

MEERE KÖNNEN WAHRSCHEINLICH DEUTLICH MEHR CO2 AUFNEHMEN ALS BISLANG ANGENOMMEN

Eine möglicherweise gute Nachricht haben Forscher des Helmholtz-Zentrums Hereon und des GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel: Phytoplankton, also winzige, mitunter einzellige Pflanzenorganismen, die im Meer und von Photosynthese leben, verhalten sich wohl anders als bislang angenommen. Die Mikroorganismen können neueren Beobachtungen zufolge aktiv zwischen flachen und tiefen Wasserschichten hin und her wandern. Das bedeutet, sie können in der Tiefe Nährstoffe wie CO2 aufnehmen und sich in den oberen Wasserschichten mit Licht für Photosynthese bestrahlen lassen. Sollte sich diese Vermutung empirisch bestätigen, wäre der Lebensraum von Phytoplankton deutlich größer als bislang angenommen. Dann würde mehr Phytoplankton in den Meeren leben, dessen Fähigkeit zur Aufnahme von CO2 aus der Luft damit größer und auch stabiler bei wärmeren Temperaturen wäre. Plankton könnte also hilfreich sein beim Abbau der durch Menschen hervorgerufenen CO2-Überschüsse in der Atmosphäre.

ANPASSUNG AN KLIMAEXTREMEREIGNISSE FUNKTIONIERT NUR BEDINGT

Verbessern Behörden nach Flut- oder Dürreereignissen ihr Risikomanagement, kann das bei folgenden Fluten oder Dürren helfen, die katastrophalen Auswirkungen zu mindern. Das funktioniert jedoch nur so lange, wie sich die Extremereignisse im erwarteten Rahmen bewegen. Fallen sie hingegen unerwartet stark aus, hat das verbesserte Risikomanagement keinen Einfluss mehr auf die Größe der Schäden. Das ist die gemischte Bilanz einer neuen Studie des Deutschen Geoforschungszentrums (GFZ) Potsdam. Die Forscher verglichen jeweils Paare von Katastrophen wie die Überschwemmungen in Barcelona in den Jahren 1995 und 2018 sowie entlang der Donau in Deutschland und Österreich in den Jahren 2002 und 2013. In beiden Fällen war die jeweils zweite Flut zwar gefährlicher als die erste, bewegte sich aber noch in dem Rahmen, den das verbesserte Risikomanagement abgedeckt hatte. In weiteren 10 Ereignispaaren allerdings konnte das verbesserte Risikomanagement nicht abwenden, dass die Schäden beim späteren, stärkeren Ereignis wuchsen.

MEHR ALS DIE HÄLFTE ALLER KAUM BEKANNTEN SPEZIES VOM AUSSTERBEN BEDROHT

Mit Hilfe eines selbstlernenden Algorithmus haben Jan Borgelt und seine Kollegen der Universität Trondheim in Norwegen berechnet, wie viele der 7.699 Spezies vom Aussterben bedroht sind, für die es eigentlich zu wenig Daten gibt, um das Aussterberisiko abzuschätzen. Demnach könnten etwa 56 Prozent dieser Arten gefährdet sein, wobei das Risiko je nach Gattung noch höher ausfiel. So sind von den betrachteten Amphibien etwa 86 Prozent bedroht, bei den Insekten sind es 62 Prozent und bei den Säugetieren 61 Prozent. Grundlage dieser Einschätzung sind Faktoren, die der von Borgelt und Team trainierte Algorithmus bei solchen Spezies identifizierte, für die das Risiko des Aussterbens bekannt ist. Einflüsse können die jeweilige Weltgegend, das Ökosystem, Menschen in der jeweiligen Region sowie andere Faktoren wie invasiver Arten sein.

TIPPING POINTS IM AMAZONAS REGENWALD WERDEN BALD ERREICHT

Südwestliche und südöstliche Regionen des Amazonas werden in den kommenden Jahrzehnten von Dominoeffekten getroffen, die zu einer Vertrocknung des Regenwalds und schließlich zur Umwandlung in Steppe führen könnten. Das ist das Ergebnis einer Netzwerk-Analyse von Forschenden des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung. Die Studie wurde im renommierten Journal PNAS veröffentlicht. Demnach haben die Rodung vieler Waldflächen und das wärmer werdende Weltklima dafür gesorgt, dass einige der Wasserkreisläufe unterbrochen wurden, die den Regenwald am Leben erhalten. Dort könnten ab 2050 regelmäßig wiederkehrende Dürren die neue Normalität zu werden. "Trotzdem: Es ist noch nicht alles verloren", sagt Ricarda Winkelmann, Mitautorin der Studie und Leiterin der Kippelementforschung am Potsdam-Institut. "Unsere Simulationen zeigen keine endlose Verschlimmerung. Das liegt daran, dass ein großer Teil des Waldes noch relativ stabil ist." Weil er für das Weltklima eine entscheidende Rolle spiele, gelte es, diese Teile des Waldes vor der Abholzung zu schützen und die Treibhausgasemissionen zu mindern.

📻 Klima im MDR

👋 Zum Schluss

Wir müssen gestehen - so ganz zu Ende haben wir die Frage unseres heutigen Newsletters noch nicht diskutiert. Es ist doch irgendwie bizarr, dass die Menschheit seit Beginn ihrer Existenz Angst vor dem Weltuntergang hat - und jetzt, wo seriöse Wissenschaftler auf Basis ihrer sorgfältig erhobenen Ergebnisse sagen, dass es wirklich eine realistische Chance gibt, dass dieser Weltuntergang nun wirklich stattfindet - da wollen es viele irgendwie nicht wahrhaben.

Oder ist es genau umgekehrt? Haben wir wie ein ängstlicher Autofahrer den Baum angestarrt, auf den wir auf keinen Fall aufprallen wollen - und haben deshalb so gut auf den Stamm gezielt, gegen den wir nun fahren?

Falls Sie eigene Gedanken zum Thema Klima-Apokalypse haben, schreiben Sie sie uns gerne an klima@mdr.de!

Herzlichst

Ihre Inka Zimmermann und ihr Clemens Haug