MDR KLIMA-UPDATE | 25. März 2022 Wir fahren gern Auto – egal, was es uns kostet

Autofahrerinnen und Autofahrer ärgern sich seit Wochen über hohe Spritpreise. Die Bundesregierung will nun gegensteuern. Gegen den CO2-Ausstoß der Verbrenner wird das nur wenig helfen. Allerdings haben dagegen auch die hohen Spritpreise nicht geholfen, wie eine Studie nahelegt.

Auf einer Autobahn staut sich der Verkehr.
Bildrechte: IMAGO / Arnulf Hettrich

Liebe Abonnentinnen und Abonnenten,

in meinem ersten Newsletter zum Klima-Geschehen will ich Sie gedanklich mit auf Reisen nehmen: Von A nach B, also von zu Hause zur Arbeit und zurück oder zu einem schönen Wochenendausflug an den See und wieder nach Hause.

Diese Woche geht es um Wege. Jeder von uns legt sie zurück, egal ob zu Fuß zum Supermarkt, mit dem Rad zur besten Freundin oder mit der Familie im Auto zu den Großeltern.

Jeden Tag treffen wir Entscheidungen, wie wir unsere Ziele erreichen wollen. Viele tun dies mit dem Auto. Was für eben diese vielen zur Selbstverständlichkeit zählt, wird in diesen Tagen viel diskutiert. Autofahren ist schädlich fürs Klima, das ist klar, die Auswirkungen davon merken wir aber nicht direkt beim Fahren, meist erst verspätet, dafür aber umso stärker.

In der Antarktis zum Beispiel, wenn es auf einmal deutlich wärmer ist, als in den vergangenen Jahren.

Klimazahl der Woche: Rekord-Temperatur -17,7 Grad in der Antarktis

-17,7 Grad haben Forschende in den vergangenen Tagen im Osten der Antarktis gemessen. Wirkt auf dem ersten Blick so, als wäre alles okay, Eisflächen mit Minusgraden halt. Dass das allerdings nicht normal zu sein scheint, merkt man, wenn man die Werte aus den Vorjahren zum Vergleich heranzieht. Experten zufolge ist es in der Region eigentlich mehr als 30 Grad kälter. Normal sind im März eigentlich - 53 Grad berichtet die Washington Post.

In der Antarktis geht derzeit der Sommer zu Ende. Eigentlich müssten die Temperaturen nun deutlich fallen. Ob dieses einzelne Phänomen nun auf den Klimawandel zurückzuführen ist, können die Experten derzeit noch nicht sagen. Die Anzahl und die Intensität der Hitzewellen in der Antarktis seien aber deutliche Anzeichen für die Erderwärmung.

Die Lage bleibt also ernst, es bleibt weiterhin eine Aufgabe, etwas gegen den CO2-Ausstoß zu tun, um den Klimawandel zu bremsen. Eine politische Aufgabe, über die bereits mein Kollege Clemens Haug in der vergangenen Woche berichtete, aber auch eine persönliche Aufgabe für uns selbst.

Was machen wir mit unseren Autos?

Eine Möglichkeit bleibt, darüber nachzudenken, wie wir unsere Wege zurücklegen wollen. Zu Fuß, in öffentlichen Verkehrsmitteln oder mit dem Auto – und was für ein Auto eigentlich. Wer denkt, die Entscheidung, weniger oder sparsamer mit dem Auto zu fahren, müsste anhand der derzeit noch hohen Spritpreise sonderlich leichtfallen, wird überrascht sein, wenn er sich die Daten der Verkehrsdatenanbieter Inrix und TomTom anschaut. Wie die Deutsche Presse-Agentur berichtet, haben die erhöhten Kraftstoffpreise nicht zu einem veränderten Verhalten der Autofahrerinnen und Autofahrer geführt.

Wie wirkt sich die Geschwindigkeit auf den Verbrauch aus? Vor allem auf der Autobahn kann sich die Geschwindigkeit des Fahrzeuges stark auf einen Kraftstoffverbrauch auswirken. Nach Angaben des Umweltbundesamtes verbraucht ein Fahrzeug mit 90 km/h auf der gleichen Strecke 23 Prozent weniger Sprit als mit einer Geschwindigkeit von 110 km/h.

Eine fiktive Mischung aus Auto, Flug- und Wasserfahrzeug. Schruft: Wie bleiben wir mobil? 45 min
Wie bleiben wir mobil? Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk
45 min

Ist ein Stadtverkehr ohne private Pkw vorstellbar? Wie würden die Straßen von Leipzig und Dresden ohne Autos aussehen? Ein Film über Stadtverkehr und Zukunftsvisionen.

So 14.10.2018 22:15Uhr 44:42 min

https://www.mdr.de/wissen/videos/dokus/video-wie-bleiben-wir-mobil100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Inrix-Sprecher Bob Pishue sagte: “Unsere Geschwindigkeitsanalyse mehrerer Autobahnabschnitte in Deutschland lässt derzeit keine Veränderung der Fahrgewohnheiten aufgrund des Kraftstoffpreises erkennen“. Also trotz gestiegener Kraftstoffpreise fahren die Autofahrerinnen und Autofahrer so schnell, wie bereits vor dem starken Preisanstieg. Wie stark die Preise in den vergangenen Monaten gestiegen sind, geht aus Statistiken des ADAC hervor:

Demnach sind die Preise von Benzin und Diesel deutlich gestiegen. Allein von Mitte Februar bis Mitte März hat es in Sachsen-Anhalt einen Preissprung von 64 Cent pro Liter Diesel und 44 Cent pro Liter Benzin gegeben. Diesen will die Bundesregierung nun mit Gegenmaßnahmen abfangen.

Eine vorherige Auswertung von MDR WISSEN zeigte allerdings bereits, dass sich äußere Faktoren in der Vergangenheit kaum auf Autofahrten ausgewirkt haben. Während es zu Beginn der Pandemie einen kleinen Rückgang von Autofahrten insgesamt gab, relativierte sich der Effekt binnen weniger Monate. Unter der Pandemie hat der öffentliche Personennahverkehr deutlich stärker gelitten.

Die Daten zeigen klar, viele Menschen hängen an ihren Autos. Eine Pandemie lässt sie nicht weniger fahren, hohe Spritpreise auch nicht langsamer. Aber was kann unternommen werden, um Autofahren unattraktiver oder klimaschonender zu gestalten?

Preise ändern Verhalten nur bei extremen Kosten

Kurzfristige Preisänderungen an den Tankstellen führen nicht zu verändertem Fahrverhalten. Langfristig könnte der Preis aber dennoch ein Instrument werden, berichtet der Spiegel. Einer Studie vom Berliner Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change verdeutlicht, dass der CO2-Preis eine Möglichkeit ist, das Verhalten zu verändern. Demnach würden Menschen 0,7 Prozent weniger Benzin und 0,9 Prozent weniger Diesel beziehen, wenn der Preis um ein Prozent steigen würde. Dieser Effekt der Preiselastizität gehe aber nur dann auf, wenn die Preise langfristig steigen würden und die Menschen dann auf sparsamere Autos umsteigen oder auf alternative Antriebe wie Autos mit Elektromotoren.

Dieser Übergang von: Preise steigen an und die Menschen reagieren, indem sie weniger Sprit konsumieren, funktioniert auch nur, wenn der CO2-Preis bei 350 Euro je Tonne liegen würde. Derzeit liegt er bei 30 Euro je Tonne.

Es wird nicht helfen, auf einen hohen CO2-Preis zu hoffen, der viele Menschen, die auch auf ihr Auto angewiesen sind, so stark trifft, dass noch stärkere finanzielle Entschädigungen notwendig sind, als sie auch jetzt schon aufgrund hoher Spritpreise beschlossen wurden. Es braucht Alternativen – und vor allem Forschung.

Fördern von besseren Alternativen

Zum Beispiel in Ingolstadt wird derzeit erforscht, wie Autos mit Methanol betrieben werden können. Die Technik setzt darauf, dass in der Brennstoffzelle Methanol genutzt wird, der im Fahrzeug zu Wasserstoff umgewandelt wurde. Die Methode wäre deutlich klimafreundlicher als das Verbrennen von Benzin und Diesel.

Ein klimaneutral angetriebener Sportwagen. 25 min
Ein klimaneutral angetriebener Sportwagen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ein weiterer Punkt, den Individualverkehr, auf den viele Menschen offenbar nicht verzichten können, klimafreundlicher zu machen, ist umweltfreundliche Autos, die bereits verfügbar sind, mehr zu fördern. Derzeit gibt es eine Förderung für Elektro-Autos, die in ihrem Umfang mit einem Bonus von bis zu 9.000 Euro allerdings nur noch bis zum Jahresende geht. Wer will, dass mehr Elektroautos auf den Straßen fahren, muss auch konkurrenzfähige Preise anbieten. Elektroautos sind mit einer verringerten Prämie, die später auch noch wegfallen soll, einfach unattraktiver in der Anschaffung als der Kauf eines Benziner- oder Diesel-Autos.

Wer jetzt sagt: “Aber die sind doch langfristig deutlich günstiger durch die Betriebskosten“, dem will auch gesagt sein, dass die aktuelle Entwicklung am Strommarkt derzeit kein vertrauenserweckendes Gefühl hinterlässt. Reihenweise erhöhen alle Anbieter von Auto-Stromladekarten ihre Preise. Diese Woche haben die Leipziger Stadtwerke ebenfalls ihre Preiserhöhung angekündigt. An den Autobahnen dürfen uninformierte Kundinnen und Kunden auch gern mal 79 Cent für eine Kilowattstunde Strom zahlen. Das macht bei einem Verbrauch von 20 kWh auf 100 km 15,80 Euro. Das ist genauso teuer, wie einen Verbrennermotor mit einem Verbrauch von 7l/100km bei 2,25 Euro/Liter zu betanken – nur dass er nicht die hohen Anschaffung

Langfristig wird es eine politische Lösung brauchen, die einen klaren Weg vorgibt und den Menschen auch Orientierung bietet. Soll Autofahren einfach an sich teurer werden, damit mehr Menschen auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen? Wenn ja, was ist dann aber in ländlichen Regionen, in denen Menschen auf das Auto angewiesen sind? Sollen die entschädigt werden oder ein besseres ÖPNV-Netz bekommen? Das sind zentrale Fragen, die für viele Menschen nicht geklärt sind. Schwankende Preise und politische Diskussionen führen eben nicht dazu, dass sich Menschen in die Tram setzen und aufs Auto verzichten, sie führen dazu, dass Menschen sich genauso fortbewegen, wie sie es in den vergangenen Jahren gemacht haben – denn das scheint den Menschen ein bisschen Stabilität zu geben, in einer Zeit, in der einem alles andere so fragil vorkommt.

Forschung kompakt

Klimaforschung in Sibirien muss unterbrochen werden

Das Alfred-Wegener-Institut muss aufgrund des Ukraine Kriegs zahlreiche Projekte zur Erforschung des Klimawandels einstellen. In Sibirien beispielsweise untersuchten deutsche Forscher das Auftauen von Permafrostböden. Hier kann der notwendige Austausch von Messgeräten nun nicht stattfinden.

Tropische Wälder senken globale Durchschnittstemperatur um 1 Grad

Das Band der tropischen Regenwälder entlang des Äquators trägt mehr zur Stabilisierung des Weltklimas bei, als Forschende bislang angenommen haben. Die Tropenwälder senken die weltweite Durchschnittstemperatur demnach um rund 1 Grad Celsius.

Wälder 2: Ursprüngliche Mischwälder bringen mehr Umweltvorteile als Monokulturen 

Urwälder tragen mehr zur Speicherung von CO2 und Wasser bei und verhindern Bodenerosion effektiver, als Monokultur-Aufforstungen. Das zeigt eine Auswertung von insgesamt 264 Studien aus 53 Ländern, die jetzt im Magazin Science erschienen ist.

Termine und Hörtipps

Landwirtschaft

Was kann lokale und solidarische Landwirtschaft in Krisenzeiten leisten gegen den Klimawandel und für die Ernährungssicherheit?
Diskussionsabend der kooperativen Agrargenossenschaft KoLa im Pöge-Haus in der Hedwigstraße 20 in Leipzig.
Dienstag, 29.3.2022, 18 Uhr.

Bauwirtschaft

Deutschlandfunk Kultur:

Bausektor und Klimaziele - Warum wir jetzt keinen Mist bauen dürfen: Die Bauwirtschaft ist eine Schlüsselindustrie und gleichzeitig einer der Hauptproduzenten von Abfall und CO2. Nun will die Ampel-Regierung einerseits Klima- und Nachhaltigkeitsziele verfolgen, andererseits noch mehr bauen. Wie passt das zusammen?

Zum Schluss: Ein Wochenende ohne Auto

Das Wetter lädt auf jeden Fall vielerorts dazu ein, den ein oder anderen Weg mal ohne Auto zu bestreiten. Wie wäre es denn damit, die Fahrräder mal wieder fit zu machen, für die erste große Tour in diesem Frühling. Oder vielleicht waren sie auch schon ausgiebig unterwegs. Wie auch immer Sie das Wochenende verbringen, ich wünsche Ihnen eine entspannte und schöne Zeit.

Ach und übrigens, wer gleich von der Frühlings- in die Sommerstimmung übergehen will: In Halle hat diese Woche das erste Freibad geöffnet und startet die neue Badesaison.

Viele Grüße
Marvin Kalies

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