Welternährungstag Klimafreundlich essen: Wie geht das?

Wir verzichten auf Fleisch, weil die Fleischproduktion ein Klimakiller ist. Stattdessen steigen wir um auf Quinoa aus Peru und Soja aus Brasiliens Regenwäldern. Finde den Fehler ... Nur: Geht das überhaupt, klimafreundlich essen? Und welche Kröten müssen wir dafür schlucken? Und schmecken die wirklich so schlecht?

Grillhähnchen
Mahlzeit! Wie essen wir so, dass wir der Erde nicht schaden? Bildrechte: IMAGO / Shotshop

"Lecker, Leiche! Mahlzeit, Mama!" Spricht der Jugendliche am Sonntagsmittagstisch, schaufelt sich Kartoffeln und Gemüse auf den Teller. Hat sich doch echt ein Hähnchen auf den Sonntagstisch verirrt, liebevoll geschmurgelt, appetitlich duftend. Das schert die Jugend wenig, ihr Blick auf den Teller ist grausam ehrlich und herrlich unbestechlich. Aber auch in der Kantine kommentieren Kollegen manchmal, "Oh, du isst noch Quälfleisch". In beiden Fällen sitzen zwei unsichtbare Gäste am Tisch: Frau Klimadebatte und Herr Umweltschutz. Die sind eigentlich immer da, wenn es ums Essen geht. Theoretisch wollen wir ja alle, dass alle genug zu essen haben und niemand will dafür absichtlich die Erde zerstören. Also steigen die, die es sich leisten können, munter um auf Bioprodukte, braten Fleischersatz-Schnitzel, trinken, wenn Milch, welche vom Biohof oder lernen den Geschmack von Hafer-, Soja-, Reis- oder Mandelmilch schätzen.

Biofleisch: Milchmädchenrechnung?

Schade nur, dass diese Rechnung gleich an mehreren Stellen nicht aufgeht. Das zeigt zum Beispiel eine Studie des Instituts für Energie- und Umweltforschung (Ifeu): Die Produktion von einem Kilogramm Vollmilch verursacht im Schnitt etwa 1,4 Kilogramm CO2 und bei der Bio-Variante dagegen 1,7 Kilogramm C02. Das hängt damit zusammen, dass in der biologischen Fleischerzeugung zwar auf Kunstdünger, Kraftfutter und gentechnisch erzeugtes Futter verzichtet wird; dadurch aber die Produktivität niedriger ist, und für die gleiche Menge Fleisch mehr Aufwand betrieben muss.

Und was ist mit Soja-, Reis- und Mandelmilch?

Hausrind leckt an Jacke eines Kindes.
Urlaub auf dem Bauernhof. Und dann ein schönes Steak ... Bildrechte: imago/blickwinkel

Zurück zur Milch. Ist es also Essig mit der vermeintlich sauberen Milch? Für Silke Oppermann ist das zu kurz gedacht. Die Expertin der Umweltorganisation WWF verweist auf größere Zusammenhänge: Mineralöldünger und Pestizide, die in der konventionellen Milchproduktion eine Rolle spielen, zerstören den Lebensraum Boden, mitsamt seinen ganzen Lebewesen und ihren aufeinander abgestimmten Kreisläufen und Funktionen. Und das hat Folgen: Sterben die Bodenlebewesen, geht auch die Speicherfähigkeit der Böden von CO2 und Kohlenstoff flöten, warnt Silke Oppermann. Böden seien der zweitgrößte Speicher von CO2 nach den Ozeanen. Und den sollten wir weniger mit Füßen treten, sondern besser auf ihn aufpassen.

Denn ohne fruchtbare Böden keine Nahrungsmittelproduktion, warnten erst diese Woche Forscher aus Leipzig, Halle und Sevilla. Sie hatten Böden auf allen Kontinenten untersucht und mit vorhandenen Schutzgebieten für Tiere und Pflanzen abgeglichen. Dabei zeigte sich: Regionen mit besonders wertvollen Böden fallen nicht in diese Schutzgebiete. Fazit der Forscher: Böden gehören unter Naturschutz, sonst beißen wir irgendwann ins Gras, weil nichts mehr gedeiht, in das wir beißen können.   

Was kommt auf die Schnitte?

Apropos beißen. Was klemmt zwischen Ihren Pausenbrot-Schnitten? Für alle, die vom Fleisch auf den Käse gekommen sind: Für die Produktion von einem Kilogramm Käse braucht es zwischen vier und 13 Liter Milch. Das macht pro Kilo Käse laut Ifeu-Studie etwa 5,7 Kilogramm CO2, oder mehr, ja nach Sorte. Und wieviel CO2 fällt bei der Fleischproduktion an? Für ein Kilogramm Hähnchen durchschnittlich 5,5 Kilogramm, ein Kilo Schweinefleisch bringt durchschnittlich 4,6 Kilogramm Klimagas auf die CO2-Waage, Rindfleisch 13,6 Kilogramm. Das liegt uns also besonders schwer im "CO2-Magen".

Prost, Mahlzeit! Wie essen wir denn nun klimafreundlich?

Puh, das will man spontan am besten erst mal runterspülen, am besten klimaneutral. Womit denn nun? "Von den gesamten Klimagasen, die unsere Ernährung verursacht, liegen Getränke auf Platz zwei, direkt nach Fleisch und noch vor Getreide- und Milchprodukten", sagt Ernährungswissenschaftler Malte Rubach. Der C02-Abdruck von Getränken ist ihm zufolge vergleichsweise klein. Leitungs- und Mineralwasser haben die geringsten Auswirkungen auf das Klima. Abgefüllte und zubereitete Getränken wie Kaffee und Tee verursachen dagegen einen CO2-Fußabdruck. Wie stellen diese Schlingel denn das nun wieder an? "Beim Tee ist der größte Verursachungspunkt zum Beispiel das Kochen von Wasser, nicht der Tee selbst, beim Kaffee ist es die Röstung", erklärt Rubach.

Es gibt Reis, Baby!

Pflanzliche Milch im Supermarkt
Pflanzliche Milch: Der Kaffeeweißheisheit letzter Schluss? Bildrechte: IMAGO / Norbert Schmidt

Oh je. Für alle, die ihren Nachmittagstee mit einem Schuss Milch trinken oder den Kaffee am Morgen: Was ist denn mit den pflanzlichen Milch-Varianten, für die sogar das Bundesumweltamt wirbt? Einer großangelegten Studie zufolge, die Sie hier lesen können, haben die pflanzlichen Produkte in allen relevanten Umweltaspekten gegenüber der Kuhmilch klar die Nase vorn. Aber auch hier gießt uns Silke Opermann Essig in den Kaffee: Der CO2-Abdruck von Reis ist hoch, der Mandel-Anbau ist dank Wasserknappheit und Dürre in Anbauländern wie Spanien und Kalifornien eher Problemkind denn ökologischer Sonnenschein. Das räumt auch Anne Klatt vom Umweltbundesamt in Dessau ein: Angesichts der Wasserknappheit in den Anbauregionen müsste man Kuhmilch der Soja- oder Mandelmilch vorziehen. Stopp! Hier spuckt uns prompt Ernährungswissenschaftler Malte Rubach in die Tasse: Diese Ersatzprodukte haben doch weniger Nährstoffe als Vollmilch, wodurch mehr Mandel-, Reis-, oder Sojamilch getrunken werden müsse, wodurch wiederum ... Sie wissen schon.

Das kann einem Blutdruck ordentlich in die Höhe treiben. Prima, da braucht man gar keinen Kaffee mehr, aber wenn dann doch, einfach ohne Reis-Milch. Man kann dabei ja ersatzweise den Helge-Schneider-Song summen: Es gibt Reis, Baby! Scherz beiseite. Was würden eigentlich Frau Klimadebatte und Herr Umweltschutz sagen, wenn sie in der Hitze des Tischgefechts zu Wort kämen und man ihnen einfach zuhören würde? Vermutlich etwas sehr Beruhigendes. "Wenn wir das, was wir haben, anders als bisher nutzen, kann die Erde durchaus zehn Milliarden Menschen ernähren". Das hat das Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung PIK ausgerechnet. Die gute Nachricht dabei: Kröten im wahrsten Sinne des Wortes müssen wir dafür nicht schlucken. Nur unseren Umgang mit Süßwasser, Dünger, Land und Ökosystemen komplett umstricken, landwirtschaftliche genutzte Flächen der Natur überlassen und unsere Essgewohnheiten ändern.

(mit Material von dpa)

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