Covid-19 Neue Studien zu Long Covid: 65 Millionen Betroffene weltweit – verschiedene Ursachen

Drei aktuelle Studien widmen sich dem nach wie vor großen Rätsel anhaltender Symptome nach Ende einer akuten Infektion mit dem Coronavirus. Offenbar können verschiedene Abläufe zu Long Covid führen.

Ein junger Mann greift sich mit beiden Händen an die Schläfen
Anhaltende Kopfschmerzen können ein Symptom von Long Covid sein. Bildrechte: Colourbox.de

Weltweit könnte es mindestens 65 Millionen Menschen geben, die an Long Covid erkrankt sind. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue, im Fachmagazin "nature reviews microbiology" veröffentlichte Überblicksarbeit von US-Forscherinnen. Sie schätzen, dass etwa zehn Prozent der weltweit bislang offiziell gezählten 651 Millionen Corona-Infizierten langanhaltende Symptome entwickeln. Dazu können chronische Abgeschlagenheit (Fatigue), Kopf- und Gliederschmerzen gehören.

Impfung reduziert Long Covid Symptome auch im Nachhinein

Bei den im Krankenhaus behandelten, schwer Erkrankten liege die Rate mit 50 bis 70 Prozent noch deutlich höher. Bei den Geimpften sei sie mit zehn bis 12 Prozent am niedrigsten. Damit schätzt die Arbeit die Quote deutlich höher ein, als vorangegangene Studien aus einzelnen Ländern wie Großbritannien. Dort erkrankten seit Beginn der Omikron-Variante nur noch 4,4 Prozent der Corona-Patienten auch an Long Covid, so britische Statistiker. Allerdings war die Impfkampagne dort mit hochwirksamen Impfstoffen sehr früh sehr erfolgreich. Das gilt nicht für alle Weltregionen.

Dass Geimpfte ein niedrigeres Risiko auf Long Covid haben, zeigt auch eine neue Studie im Fachmagazin JAMA Network Open. Dort wurden Coronaverläufe bei mehr als 1.800 Angehörigen des US-Militärs beobachtet. Über zwei Drittel davon waren zum Zeitpunkt ihrer ersten Infektion ungeimpft. Knapp 40 Prozent hatten Symptome, die länger als 28 Tage anhielten. Unter den Ungeimpften war dieser Anteil deutlich größer. Allerdings konnte eine Impfung nach der Infektion die Wahrscheinlichkeit senken, nach sechs Monaten immer noch Symptome zu haben.

Ausschüttung von Immun-Stoffen könnte ein Teil der Symptome erklären

Beide Studien machen deutlich, dass viele der zugrunde liegenden Mechanismen bei Long Covid nach wie vor unklar sind. Auf diesem Feld arbeiten Wissenschaftler um Christoph Schultheiß an der Universitätsmedizin in Halle. Sie erforschen den Zusammenhang zwischen Long Covid und bestimmten Immunfaktoren, also Wirkstoffen, die von Abwehrzellen wie Makrophagen und Monozyten ausgeschüttet werden.

Bei Long Covid Patienten gibt es offenbar anhaltende Störungen bei der Ausschüttung dieser Stoffe. Die Zellen schütten dann zu viele Immunfaktoren aus, die für anhaltende Entzündungen sorgen. Forscher hatten vermutet, dass das Virus für diese Fehlreaktion verantwortlich sein könnte. So könnte es dem Immunsystem nicht gelingen, die Viren vollständig aus dem Blut zu beseitigen, woraufhin Reste des Virus weiterhin die Ausschüttung der Immunfaktoren stimulieren.

Unterschiedliche Mechanismen führen zu Long Covid – einige Therapien gibt es schon

Die jetzt im Fachmagazin "Journal of Medical Virology" veröffentlichte Studie zeigt jedoch, dass zwischen Virusresten im Blut und der fehlerhaften Ausschüttung von Abwehrstoffen kein Zusammenhang besteht und zudem die Symptome der betroffenen Long Covid Patienten sehr unterschiedlich sind.

Schultheiß und Kollegen glauben, dass es offenbar viele verschiedene molekulare Mechanismen gibt, die weiter erforscht werden müssen. "Wir konnten mehrere Immunfaktoren im Blut identifizieren und deren Rolle bei Long Covid nochmals unterstreichen. Für einige dieser Faktoren existieren bereits therapeutische Möglichkeiten, um der Deregulierung entgegenzuwirken", sagt Mascha Binder, Leiterin der Forschungsgruppe.

(ens)

Wissen

 Das Forschungsteam (v.l.): M. Sc. Stefanie Linnhoff, Studienleiterin Magdalena Mischke und Prof. Dr. phil. Tino Zähle, Arbeitsgruppenleiter der Abteilung für Neuropsychologie an der Universitätsklinik für Neurologie der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg.
Das Forschungsteam (v.l.): M. Sc. Stefanie Linnhoff, Studienleiterin Magdalena Mischke und Prof. Dr. phil. Tino Zähle, Arbeitsgruppenleiter der Abteilung für Neuropsychologie an der Universitätsklinik für Neurologie der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Bildrechte: Sarah Kossmann/UMMD

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 13. Januar 2023 | 11:35 Uhr