Eine Frau hält ihren Sohn im Arm.
Ankunft aus der Ukraine im Frühling 2022 (Archivbld): Zwei Jahre später sind die Hoffnungen vieler Geflüchteter auf eine rasche Rückkehr in ihre Heimat oftmals geschwunden. Bildrechte: IMAGO / ZUMA Wire

Kriegsfolgen Studie: Bei Geflüchteten aus der Ukraine schwindet die Hoffnung auf Rückkehr

08. März 2024, 09:55 Uhr

Der lange Krieg hat viele Folgen: Die Hoffnung, nach Hause zurückkehren zu können, schwindet bei immer mehr Geflüchteten aus der Ukraine. Das zeigt eine bislang unveröffentlichte Studie des Zentrums für Internationalen Institutionenvergleich und Migrationsforschung am Ifo-Institut München. Demnach rechnet nur etwa ein Fünftel der in Deutschland lebenden Ukraine-Geflüchteten mit einer zeitnahen Rückkehr.

Bei immer mehr Geflüchteten aus der Ukraine schwindet die Hoffnung, wieder nach Hause zu können. Gerade einmal 21 Prozent der Geflüchteten gingen im vergangenen Sommer noch davon aus, in die Ukraine zurückkehren zu können. Hingegen gaben insgesamt 77 Prozent der Geflüchteten an, die nächsten zwei Jahre in Deutschland bleiben zu wollen. Zwei Prozent wollen in ein anderes Land ziehen.

Das sind die ersten Ergebnisse einer noch unveröffentlichten Studie des Zentrums für Internationalen Institutionenvergleich und Migrationsforschung am Ifo-Institut München. Dafür befragten die Forschenden Geflüchtete aus der Ukraine seit dem Beginn des Angriffskrieges in fünf Zeiträumen von Mai 2022 bis Januar 2024. Der fünfte Zeitraum wird aktuell noch ausgewertet. Die vorläufigen Ergebnisse liegen MDR WISSEN exklusiv vor. Befragt worden sind pro Zeitraum von über 900 bis über 2.000 Teilnehmer.

Je länger der Krieg, desto mehr Menschen bleiben

"Unsere Umfragen zeigen, dass die Hoffnungen auf eine Rückkehr in die Ukraine mit der Zeit abnehmen. Dies ist vor allem auf veränderte Erwartungen hinsichtlich der Dauer des Krieges und seiner Folgen zurückzuführen", erklärte Tetyana Panchenko, Fachreferentin für Migrationsforschung am Münchner Ifo-Institut im Gespräch mit MDR WISSEN. "Je länger der Krieg dauert, desto mehr Menschen werden sich in Deutschland niederlassen, hier Arbeit finden, eine Ausbildung absolvieren, ihre sozialen Kontakte ausbauen und nicht zurückkehren wollen."

Die Politikwissenschaftlerin und Soziologin Panchenko leitet das Projekt "Anpassungs- und Überlebensstrategien von Geflüchteten aus der Ukraine in Deutschland: Zwischen Arbeit und Sozialhilfe" in dessen Rahmen die Studie durchgeführt wird.

Dr. Tetyana Panchenko, Fachreferentin für Migrationsforschung am Münchner Ifo-Institut.
Bildrechte: Tetyana Panchenko

Unsere Umfragen zeigen, dass die Hoffnungen auf eine Rückkehr in die Ukraine mit der Zeit abnehmen.

Dr. Tetyana Panchenko Fachreferentin für Migrationsforschung am Münchner Ifo-Institut

Kurz nach Kriegsbeginn glaubte noch fast die Hälfte an eine Rückkehr

Im Vergleich: Noch während des ersten Zeitraums der Befragung kurz nach Kriegsbeginn von Mai bis Juni 2022 erklärten fast die Hälfte (46 Prozent) der Befragten, sie wollen auf alle Fälle in die Ukraine zurückkehren – mehr als doppelt so viele wie heute. Damals rechneten nur 52 Prozent der Befragten damit, in Deutschland zu bleiben. Die Einstellungen haben sich also gravierend verändert.

Laut Forscherin Panchenko machen viele Geflüchtete ihr Bleiben in Deutschland oder Zurückkehren langfristig von der weiteren Entwicklung der Ereignisse in der Ukraine abhängig. Insgesamt können sich demnach 29 Prozent der Geflüchteten vorstellen, in die Ukraine zurückzukehren, "wenn sie sich dort wieder sicher fühlen". Ein großer Prozentsatz der Befragten (28 Prozent) gab sich mit "Ich weiß noch nicht" unentschieden.

Größter Teil der Geflüchteten will definitiv nicht in die Ukraine zurück

Allerdings war für den größten Teil (39 Prozent) der befragten Geflüchteten klar, definitiv nicht in die Ukraine zurückzugehen und ein Leben außerhalb des Landes zu planen. "Nach zwei Jahren des Krieges will fast die Hälfte der Ukrainer nicht zurückkehren", erklärte Panchenko.

Lediglich drei Prozent hätten bei der Befragung im Sommer angegeben noch zurückkehren zu wollen. Seit Beginn des Angriffskrieges haben nach Angaben von Politikwissenschaftlerin Nataliya Pryhornytska vom Institut für Europäische Politik etwa 900.000 bis 1,1 Millionen Geflüchtete aus der Ukraine in Deutschland Schutz gefunden.

Nach zwei Jahren des Krieges will fast die Hälfte der Ukrainer nicht zurückkehren.

Dr. Tetyana Panchenko Fachreferentin für Migrationsforschung am Münchner Ifo-Institut

Viele Geflüchtete bereits zurück in der Ukraine

Wissenschaftlerin Panchenko, die selbst einst an der Universität in Charkiw in der Ostukraine arbeitete und seit 2022 am ifo Institut in München beschäftigt ist, weiß jedoch auch, dass viele Geflüchtete bereits in die Ukraine zurückgegangen sind. "Tatsächlich sind viele Geflüchtete bereits zurück. Die Teilnehmer meiner qualitativen Interviews: sagen oft, dass ein Drittel der Menschen, die sie kennen, zurückgekehrt ist", sagte Panchenko MDR WISSEN.

Eine Rückkehr sei in erster Linie mit der Familienzusammenführung verbunden. Es gebe jedoch auch andere Gründe: "Menschen haben keine Wohnung gefunden oder sind gezwungen, die Wohnung, in der sie zuvor gelebt haben, zu verlassen. Manchen fällt es auch schwer, sich zu integrieren, oder die Kinder haben Probleme in der Schule." Dabei müsse jedoch immer gesehen werden, "'dass die Gefahr im gesamten Gebiet der Ukraine bestehen bleibt". Erst wenn der Krieg ende, würden auch wieder mehr Menschen in ihre Heimat zurückgehen.

Viele Geflüchtete kamen aus der Mittelschicht

Grundsätzlich sind der Studie zufolge in den ersten zwei Jahren vor allem Ukrainerinnen und Ukrainer aus der Mittelschicht geflohen. Die meisten seien Frauen im Alter von 30 bis 49 Jahren mit Kindern gewesen. Das ändere sich jetzt. "Wir erleben einen Anstieg des Anteils von Männern sowie jungen, unverheirateten oder geschiedenen, kinderlosen Frauen", sagte Panchenko.

Ukrainische Männer versuchten in Deutschland zu ihren Familien zu gelangen, soweit es ihnen möglich ist und die Frauen mit den Kindern nicht in die Ukraine zurückkommen. Gleichzeitig gebe es anteilig weniger Familien mit Kindern.

Bei den Neuankömmlingen Kriegsopfer und sozial Schwache

Weiterhin seien der Forscherin zufolge bei den Neuankömmlingen mehr Kriegsopfer und sozial Schwache zu verzeichnen. "Wir erleben einen Anstieg der Zahl von Kriegsopfern sowie sozial schwacher Ukrainerinnen und Ukrainern. Das heißt, mit der Zeit gibt es mehr Arme, Arbeitslose und Menschen mit niedrigem Sozialstatus", erklärte Panchenko.

Unter Kriegsopfer subsumiere sie alle, die unter dem Krieg leiden, darunter auch diejenigen, die "ihre Arbeit, ihre Wohnung und ihre Gesundheit verloren haben".

Zur Studie:

Die Studie des Zentrums für Internationalen Institutionenvergleich und Migrationsforschung am Ifo-Institut München umfasst einen qualitativen und einen quantitativen Forschungsteil. Die Forschenden befragten Geflüchtete einerseits in 17 Tiefeninterviews, in denen sie im persönlichen Gespräch die tieferen Einstellungen der Menschen erfassten. In dem quantitativen Teil der Studie befragten die Forschenden die Geflüchteten per Fragebogen in den sozialen Netzwerken in insgesamt fünf Zeiträumen (Mai bis Juni 2022, 936 Befragte; September bis Oktober 2022, 1.461 Befragte; Februar 2023, 1.393 Befragte; Juni bis Juli 2023, 1.567 Befragte sowie Dezember 2023 bis Januar 2042, 2.066 Befragte). Die Ergebnisse der Erhebung im fünften Zeitraum werden gerade noch ausgewertet. Danach soll die Studie komplett veröffentlicht werden.

Dr. Tetyana Panchenko

Dr. Tetyana Panchenko ist seit März 2022 Fachreferentin am ifo Zentrum für internationale Institutionenvergleich und Migrationsforschung, wo sie im Projekt "Anpassungs- und Überlebensstrategien von Geflüchteten aus der Ukraine in Deutschland: Zwischen Arbeit und Sozialhilfe" arbeitet. Vor allem ist sie für qualitativen Tiefeninterviews und der quantitativen Online-Umfrage mit geflüchteten Ukrainer*innen in Deutschland und deren Auswertung zuständig. Vor ihrer Beschäftigung am ifo Institut war sie als Dozentin des Instituts für Politikwissenschaft, V.N. Karazin Charkiw Nationale Universität in der Ukraine tätig. Sie hat in der Ukraine Soziologie studiert und in Politikwissenschaft promoviert. Seit 2019 erforscht sie im Bereich der internationalen Migration unter anderem Lebenswelten hochqualifizierter ukrainischer Arbeitsmigranten in Deutschland.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 02. März 2024 | 06:00 Uhr

25 Kommentare

MDR-Team vor 11 Wochen

@Niemann
Die AfD ist noch nicht verboten und kann daher weiter gewählt werden. Wo wurden denn Wähler als "Ratten und Schmeißfliegen" bezeichnet? Diskussionen sind weiter möglich, nur muss man eben damit rechnen, dass auf die eigenen Argumente auch Gegenargumente treffen.
LG, das MDR-WISSEN-Team

MDR-Team vor 11 Wochen

@Niemann
Bei der erwähnten Correctiv-Geschichte handelt es sich um eine umfangreiche Recherche. Wie kommen Sie darauf, dass dies "grob ersonnene Lügen" sein sollen?
LG, das MDR-WISSEN-Team

Niemann vor 11 Wochen

Wie soll eine breite Diskussion stattfinden wenn Kritik bis hin zu einer von Millionen demokratisch gewählten Partei, die AfD, verboten werden soll und Wähler als Ratten und Schmeißfliegen beschimpft werden wenn sie von grüner Meinungsmache abweichen? Jede Diskussion die nicht die grüne Ideologie bejubelt soll sogar per Gesetz verfolgt werden, und dazu werden viele Menschen hypermoralisch zu Demos gegen rechts (konservativ!) gedrängt um gegen demokratisches Verhalten zu demonstrieren. Wie also soll so ein demokratischer Konsens in der Gesellschaft erreicht werden, gewaltfrei, vorurteilsfrei, neutral und wo alle Stimmen gehört werden ohne Ausgrenzung und Diffamierung?

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