Messenger und Jugendsprache WhatsApp verändert den Schreibstil – aber anders, als wir denken

Jeder Jugendliche benutzt täglich WhatsApp oder einen anderen Messenger. Ein Forscher der Uni Halle hat jetzt untersucht, ob das Einfluss auf den Schreibstil hat – mit überraschenden Ergebnissen.

Berufsschülerinnen während der Pause spielen am Handy
Kein Leben ohne Messenger. 98 Prozent der Jugendlichen benutzen täglich einen. Bildrechte: IMAGO / Oliver Ring

Spielt die Rechtschreibung bei WhatsApp, Telegram oder anderen Messengern für Jugendliche überhaupt eine Rolle? Klar, sagt der Linguist Dr. Florian Busch von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU). "Schreibfehler können auch in WhatsApp als peinlich wahrgenommen werden. Darauf weisen sich die Jugendlichen mitunter gegenseitig hin und korrigieren einander. Ihnen ist wichtig, nicht ungebildet zu wirken." Busch hat den Schreibstil der Jugendlichen für seine Promotion untersucht. Das Ergebnis: Die Jugendlichen nehmen das Schreiben per Messenger als komplexer wahr als das Schreiben in der Schule.

Emoji statt Satz? Ein Mythos

Die vermeintlich einfachere Sprache der kurzen Nachrichten, so Buschs Untersuchungen, verzichte zwar auf Satzzeichen, oder Groß- und Kleinschreibung, aber: "Hier gibt es viel mehr Möglichkeiten und Nuancen, mit denen Bedeutung transportiert werden kann." Das mache es laut Busch deutlich schwieriger, immer den richtigen Ton zu treffen. Auch die Aussage, dass ganze Sätze durch Emojis ersetzt werden würden, sei ein Mythos. Sie nehmen zwar eine wichtige Rolle ein, weil sie die Kommunikation ergänzen, aber sie dominieren sie nicht und ersetzen sie auch nicht. "Enge Freunde verzichten mitunter ganz auf den Einsatz von Emojis weil sie nicht nötig sind, um einander richtig zu verstehen. In weniger engen Beziehungen werden sie verwendet, um die Bedeutung einer Nachricht zu illustrieren", sagt Busch.

Enge Freunde verzichten mitunter ganz auf den Einsatz von Emojis.

Dr. Fabian Busch, Linguist, MLU

Das Schreiben in der Schule wird dagegen als eher eindimensional wahrgenommen, so Busch, und in diesem Sinne als einfacher, "weil es mit der Standardsprache nur ein Regelwerk gibt, an dem sie sich orientieren müssen".

Tausende Textnachrichten ausgewertet

Linguist Busch hat im Rahmen seiner Promotion die schriftliche Kommunikation von Jugendlichen im Netz und in der Schule untersucht. Dazu befragte er rund 200 Schülerinnen und Schüler nach ihrem Mediennutzungsverhalten, analysierte mehr als 19.000 Textnachrichten aus WhatsApp sowie knapp 80 Schulaufsätze. Außerdem führte er laut Angaben der Uni umfangreiche Interviews zu den Fragen, wie Jugendliche in der Schule und in der Freizeit schreiben und wann und warum sie welche sprachlichen Mittel einsetzen.

Alle nutzen WhatsApp, Telegram und Co.

Mit seiner Untersuchung trifft Busch mitten in die typische Mediennutzung junger Menschen. WhatsApp ist die beliebteste SocialMedia App Deutschlands. Mit 68 Prozent täglicher Nutzung ist WhatsApp auch der verbreitetste Messenger-Dienst über alle Altersgruppen, so die ARD-ZDF-Onlinestudie für 2020. Bei den 14- bis 29-Jährigen nutzen 98 Prozent täglich WhatsApp oder einen anderen Messenger-Dienst. Busch: "Häufig beginnt und endet ihr Tag mit dem Blick auf das Smartphone – und damit auch mit den Messengerdiensten."

Link zum Buch

Florian Busch: Digitale Schreibregister. Kontexte, Formen und metapragmatische Reflexionen. Berlin 2021, 618 S., 119,95 Euro, ISBN: 978-3110728743

gp

Junge Frau liegt auf dem Sofa vor einem Laptop 5 min
Bildrechte: imago images/Westend61

2 Kommentare

Critica vor 8 Wochen

Gesprochen wird aber auch nicht mehr richtig. Meinem alten Deutschlehrer würden "die Haare zu Berge stehen..."

Volker S. vor 9 Wochen

" ABER ANDERS, ALS WIR DENKEN" - na, wo ist hier der Fehler?