Podcast Meine Challenge Eine Woche Flüssignahrung: Satt werden nur mit Pulver?

Flüssignahrung soll ganze Mahlzeiten ersetzen, alle wichtigen Nähr- und Mineralstoffe bieten und so einen Lifestyle ermöglichen, der einem das manchmal lästige Nachdenken über das nächste Essen erspart. Reporterin Daniela Schmidt testet die Flüssignahrung eine Woche lang und will herausfinden, für wen Flüssignahrung sinnvoll ist und für wen nicht.

Eine junge Frau sitzt mit einer Trinkflasche am Tisch und blickt abwägend in die Kamera
Reporterin Daniela Schmidt mit ihrer Nahrung für eine Woche. Bildrechte: MDR

Essen ist bekanntlich mehr als die reine Nahrungsaufnahme und so wirkt auch der Erstkontakt mit der Flüssignahrung Mana für MDR Wissen-Reporterin Daniela Schmidt gewöhnungsbedürftig: "Riecht nach so künstlicher Erdbeere und sieht aus wie rosa farbenes klumpiges Pulver."

Das Pulver wird mit Wasser vermengt und soll dann eine komplette Mahlzeit abdecken: "Die Flüssigkeit sieht aus wie Erdbeermilch, schmeckt aber leider nicht so; sondern nach Wasser mit einem ganz dünnen künstlichen Erdbeergeschmack. Das soll ich jetzt eine Woche lang trinken?" Wir lassen das Produkt von Sibylle Adam einschätzen, sie ist Professorin für Ernährungswissenschaften an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg:

Eine Frau im Anzug und lockigen, blonden Haaren schaut lächelnd in die Kamera
Ernährungswissenschaftlerin Sibylle Adam Bildrechte: MDR

Das Produkt ist typisch für diese Art von Flüssignahrungen. Im Prinzip ist es mehr oder weniger identisch mit den gängigen Multivitaminpräparaten. Man hat viele Vitamine und die wichtigsten Mineralstoffe.

Prof. Sibylle Adam, Ernährungswissenschaftlerin

Ausgewogene Ernährung ist anders

Dem ersten Eindruck der Expertin zufolge ist es unbedenklich, ein paar Tage lang diese Flüssignahrung zu trinken – von B wie Ballaststoffen bis Z wie Zink seien alle wichtigen Nährstoffe enthalten. Ein Blick auf die Makronährstoffe – also Fette, Kohlenhydrate und Eiweiße – zeigt aber einen besonderen Schwerpunkt der Flüssignahrung : "Wir haben 28 Prozent Fettanteil, 13 Prozent Kohlenhydrate und 40 Prozent Eiweiß. Das ist eher das, was wir unter Low Carb-Ernährung verstehen würden, aber nicht das, was die Deutsche Gesellschaft für Ernährung für eine ausgewogene Energiezufuhr bisher empfiehlt."

Eine ausgewogene Ernährung sieht deutlich höhere Kohlenhydratanteile vor. Bei einer Low Carb-Ernährung fehlen dem Körper die einfach zu verarbeitenden Kohlenhydrate und er wird "gezwungen", seine eigenen Fettreserven als Energielieferant zu nutzen.

Ich freue mich auf mein Lieblingsessen

Gewichtsverlust zeigt sich bei Reporterin Daniela Schmidt nicht. Nach ein paar Tagen hat sie sich mehr oder weniger an die täglichen flüssigen Mahlzeiten gewöhnt: "Ich freue mich jetzt schon auf mein Lieblingsessen, aber ansonsten: Ich hab kaum Hunger. Es ist eine Ernährung, die ihren Zweck erfüllt, nicht mehr und nicht weniger."

Die Freude an der Flüssignahrung ist ihr allerdings abhanden gekommen. Die Ernährungswissenschaftlerin Sibylle Adam rät davon ab, über einen längeren Zeitraum ausschließlich Flüssignahrung zu sich zu nehmen: "Auf Dauer fehlen wichtige Spurenelemente wie Mangan oder Kupfer, die vor allem in natürlichen Lebensmitteln wie Getreide, Obst, Gemüse, Milch, Fisch und Fleisch enthalten sind."

Im Bild eine Packung, daneben eine Schale mit rotem Pulver und ein Glas mit rotem Getränk
Einfach in der Zubereitung, dafür geschmacksarm: Das Urteil unserer Reporterin über Flüssignahrung fällt gespalten aus. Bildrechte: MDR

Ricardo Ferrer Riveiro, Geschäftsführer von Mana für die deutschsprachige Region, versichert im Gespräch mit MDR Wissen, dass Spurenelemente im Produkt enthalten seien. Es gebe allerdings keine Kennzeichnungspflicht für solche Nährstoffe, daher seien sie nicht auf der Inhaltsliste verzeichnet. Außerdem lasse das Unternehmen sein Pulver wissenschaftlich auf die Verträglichkeit testen.

Es fehlen "sekundäre Pflanzenstoffe"

Die Ernährungswissenschaftlerin Sibylle Adam sieht aber eine weitere Schwierigkeit mit der reinen Flüssignahrungs-Diät: Obst, Gemüse und Nüsse, sprich natürliche Lebensmittel, enthalten im Gegensatz zu hoch verarbeiteten Produkten so genannte "sekundäre Pflanzenstoffe": Sie heißen Flavonoide, Phenolsäuren oder Sulfide und zählen nicht zu den essentiellen Nährstoffen. Ihnen werden aber gesundheitsfördernde Wirkungen zugeschrieben – Senkung des Blutdrucks, Erweiterung der Blutgefäße und allgemein ein verringertes Risiko für bestimmte Krebsarten und Herz-Kreislauferkrankungen.

Diese Stoffe erhält unser Organismus bei einer Ernährung, die auf frischem Obst, Gemüse und Getreideprodukten basiert. Wissenschaftlich ist bislang allerdings noch nicht erwiesen, ob sich diese sekundären Pflanzenstoffe allein oder nur im Zusammenspiel mit anderen Nährstoffen positiv auswirken.

Außerdem kann unser Körper einige Nährstoffe in hochverarbeiteten Lebensmitteln nur teilweise verdauen, erklärt Adam: "Wir wissen beispielsweise, dass Thiamin (Vitamin B1, Anm. d. Red.) in großen Mengen sozusagen durchrauscht, weil das gar nicht im Darm genutzt werden kann. Und solche Effekte müsste man sich auch noch mal angucken, wenn man so hoch konzentrierte Lösungen verwendet. Den Effekt habe ich bei natürlichen Lebensmitteln eben nicht, weil dort ja üblicherweise Vitamine, Mineralstoffe in der natürlichen Form vorliegen."

Langzeiteffekte unbekannt

Die Effekte einer lang anhaltenden ausschließlichen Flüssignahrungs-Diät auf den menschlichen Organismus sind ebenfalls unbekannt. Das Thema sei kaum erforscht: "Man kennt die Effekte einfach noch nicht und müsste eigentlich dazu forschen. Da wir aber noch keine Effekte kennen, bekommen wir Langzeitstudien nicht bei Ethikkommissionen durch, weil es berechtigte Kritiker gibt, die nach den Langzeiteffekten fragen. Da beißt sich die Katze quasi in den Schwanz." Ricardo Riveiro vom Unternehmen Mana erklärt dazu, dass die Firma eigene Langzeitstudien anstrebe.

Zwei junge Frauen sitzen gemeinsam in der Kantine. Die Frau links hat ein Nudelgericht vor sich, die Frau rechts eine Flasche mit Flüssignahrung
Während die Kolleginnen und Kollegen herzhaft zu Mittag speisen, bleibt Reporterin Daniela Schmidt nur der Griff zur Flasche. Bildrechte: MDR

Nach einer Woche Flüssignahrung hat Reporterin Daniela Schmidt etwa ein Kilo abgenommen und im Grunde genommen keine negativen Effekte verspürt. Das gemeinsame Essen mit Freunden hat sie vermisst und so manche ihrer festen Lieblingsspeisen. Auch der fade Geschmack hat sie nicht überzeugt. Sie glaubt, dass sich die Flüssignahrung vor allem als Ergänzung eignet: etwa wenn sie Nachtschichten hat und dann die Flüssignahrung trinkt statt auf Fast Food zurückzugreifen. Außerdem sind Flüssignahrungsprodukte in der Regel vegan und könnten Personen helfen, die diesen Ernährungsstil befolgen oder befolgen wollen.

Flüssignahrung bei Essstörungen

Wissenschaftlerin Sibylle Adam sieht Flüssignahrung vor allem im Spitzensport als sinnvollen Ersatz – die Produkte können dabei helfen, kurzfristig viel Energie aufzunehmen. Darüber hinaus findet Flüssignahrung Anwendung im klinischen Bereich: Patientinnen und Patienten mit Schluckbeschwerden oder Essstörungen werden mit flüssigem Essen behandelt.

Der Mediziner Stefan Ehrlich leitet das Zentrum für Essstörungen am Uniklinkum Dresden und behandelt Anorexie-Patientinnen: "Wir nutzen Flüssignahrung im Zentrum für Essstörungen, und zwar vor allem für schwerst erkrankte Patientinnen mit Magersucht, die viele Kilo unter dem lebensnotwendigen Gewicht liegen und die Schwierigkeiten haben, überhaupt zu essen und normale Nahrung zu essen. Und dann kann das ein Einstieg sein, um sich einer normalen Ernährung wieder zu nähern. Da gibt es medizinisch zugelassene Produkte, die üblicherweise in Krankenhäusern verwendet werden."

Der Mediziner Stefan Ehrlich steht vor einem Magnet-Resonanztomografen an der Uni Dresden
Neurowissenschaftler Stefan Ehrlich behandelt Anorexie-Patientinnen Bildrechte: MDR

Flüssignahrung helfe dabei, die Patientinnen wieder an normales Essen heranzuführen und gewöhne auch den Magen wieder an größere Mengen Nahrung. Ziel dieser Therapie sei aber die feste und ausgewogene Nahrung, sagt der Mediziner: "Der Grund ist aber vor allem ein psychologischer, weil wir ja wollen dass die Patienten gesund werden. Und ich denke, die meisten Menschen würden zustimmen, dass eine Ernährung von Flüssignahrung nichts Normales und Gesundes ist."

mh

Zuletzt aktualisiert: 14. Februar 2020, 16:14 Uhr

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