Archäologie Das Rätsel um den wahren Ort der Varusschlacht

In der Varusschlacht erlitten die Römer eine schwere Niederlage gegen die Germanen. Aber wo genau war das Schlachtfeld? Inzwischen verdichten sich die Hinweise auf die Fundregion Kalkriese im Teutoburger Wald. Doch hier gab es fünf Jahre später Germanien-Expeditionen der Römer, sodass Reste wie Zeltheringe, Sandalenteile oder Waffensplitter nicht unbedingt der Schlacht zugeordnet werden müssen. Neue Analysemethoden sollen jetzt verraten, zu welcher römischen Legion welches Fundstück gehört.

Das Hermannsdenkmal im Teutoburger Wald 4 min
Bildrechte: IMAGO / Hans Blossey

Man fröstelt auf dem Flurstück in Kalkriese, wenn man weiß, dass hier, nahe dem Teutoburger Wald, vereinigte Germanenstämme unter der Führung des Cheruskers Arminius im Jahr 9 n.Chr. drei Legionen des römischen Statthalters Varus niedermetzelten. In nur vier Tagen vernichteten sie den bis zu 20 Kilometer langen Zug der römischen Streitmacht plus der Gallierreiter, die die Hilfstruppen bildeten. "Wir haben es hier mit einem Schlachtfeld von mehr als 30 Quadratkilometern zu tun, das sich hier am Hang des Berges, des Wiehengebirges bis zum großen Moor erstreckt", sagt Dr. Susanne Wilbers-Rost, Archäologin im Museum und Park Kalkriese. Das sei eine riesige Entfernung.    

Otto Albert Koch (1866-1920), 1909 die Schlacht am Teutoburger Wald oder die Schlacht am Varus 9 n. Chr
Darstellung der Varusschlacht (Otto Albert Koch, 1909) Bildrechte: imago/United Archives International

Die Römer feuerten aus Katapulten Steingeschosse in die Reihen der Germanen. Das etwa 70 Zentimeter lange Gladius – das Legionärs-Kurzschwert – hieb so brutal Gliedmaßen ab, dass das Feld übersät war mit abgetrennten Händen, Armen, Füßen und Köpfen. Zugleich wurden unzählige Pfeile verschossen, die Pila, Lanzen geworfen und vieles mehr. Am Ende der Kämpfe lagen am Oberesch etwa 20.000 Männer tot auf dem Feld.

Erst Schlachtfeld, dann Schrottplatz

Doch wenn auch die Schlacht als solche nicht angezweifelt wird, so gibt es immer noch Diskussionen darüber, wo genau sie stattfand. War sie exakt hier in Kalkriese? Oder weiter im Weserbergland? Denn sechs, sieben Jahre später kam der Römer Germanicus mit Legionen, die die Schmach der verlorenen Schlacht tilgen sollten. Von wem sind also die Fundstücke, die die Archäologen in Kalkriese fanden und immer noch finden?

Wir haben eine Wallanlage entdeckt, die die Germanen als Hinterhalt errichtet haben, wegbegleitend, um die Römer immer wieder angreifen zu können. (...) Wir haben auf dem Oberesch etwa 5.000 römische Artefakte, einzelne Münzen, viele Bruchstücke von Militaria, die uns zeigen, dass hier etwas passiert ist.

Dr. Susanne Wilbers-Rost vom Museum Varusschlacht im Osnabrücker Land
Stelen mit Wallverlauf, Varusschlacht Museum und Park Kalkriese
Stelen mit Wallverlauf: Das antike Schlachtfeld im Varusschlacht Museum und Park Kalkriese Bildrechte: imago/imagebroker

Seit etlichen Jahren sucht Susanne Wilbers-Rost nach klaren Beweisen für Kalkriese als Ort der Varusschlacht. Dabei gibt es ein Hauptproblem: Wie untersucht man ein antikes Schlachtfeld von einer solchen Größe? Susanne Wilbers-Rost und ihr Mann Dr. Achim Rost von der Universität Osnabrück haben deshalb die Disziplin "Schlachtfeldarchäologie" in die Forschung eingeführt. "Auf Schlachtfeldern spielen vielmehr als auf anderen Fundplätzen die Plünderungsprozesse eine erhebliche Rolle", erläutert Prähistoriker Rost.

Das wissen wir auch aus den antiken Quellen, dass die Germanen extrem daran interessiert waren, die metallreiche römische Ausrüstung einzusammeln und in extremer Form zu plündern.

Dr. Achim Rost, Universität Osnabrück

Im Normalfall sei es so, dass sich der Sieger nach der Schlacht also den Besitz, die Reichtümer und die Ausrüstung des unterlegenen Gegners aneignet. "Ein Schlachtfeld geht in bestimmten Abschnitten seiner Entwicklung fast kontinuierlich über in den Zustand eines Schrottplatzes", erläutert Rost.

Zu wem genau gehören die Funde?

Römische Münzen
Bei den Ausgrabungen sind auch zahlreiche römische Münzen gefunden worden. Bildrechte: imago/imagebroker/Varusschlacht im Osnabrücker Land - Museum und Park Kalkriese

Die römischen Legionäre hatten eine ganze Menge Ausrüstung dabei: 15 Kilogramm wogen allein die zwei römischen Wurfspeere, dazu der Helm mit Nacken- und Wangenschutz, das Kettenhemd, die Tunika – also das Unterkleid aus Wolle –, dann der Gladius, der Schwertgürtel mit Kampfschwert, der Dolchgürtel, die mit etwa 90 Eisennägeln versehenen Sandalen, und zuletzt das Scutum, das mit Eisen beschlagene Kampfschild. An dieser Ausrüstung setzt seit einiger Zeit ein weiteres großes Forschungsprojekt in Kalkriese an, an dem der Archäologe Salvatore Ortisi beteiligt ist, Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität in München und Leiter der Wissenschaftsabteilung am Museum und Park Kalkriese.

Er erklärt, dass die Ausrüstungsteile, die in Kalkriese gefunden worden sind, Aufschluss darüber geben soll, woher die Legion stammte. Das will er mithilfe des "metallurgischen Fingerabdrucks" machen.

Sie müssen es sich so vorstellen: Jede Legion wird irgendwann einmal neu ausgerüstet mit der entsprechenden Standardbewaffnung. Sie hat also Schilde, Helme, Schwerter, Panzer, und ähnliches.

Prof. Dr. Salvatore Ortisi, Ludwig-Maximilians-Universität

Mit neuesten Analyseverfahren lässt sich herausfinden, aus welcher italienischen Region diese Fundstücke stammen. 

Eiserne Gesichtsmaske eines römischen Reiterhelms
Ausrüstungsteile wie solche eisernen Gesichtsmasken der römischen Reiterhelme sollen verraten, wem sie gehörten. Bildrechte: imago/imagebroker/Varusschlacht im Osnabrücker Land - Museum und Park Kalkriese

Andere Truppenteile – andere Ausrüstung

Allerdings, erläutert Ortisi weiter: "Die Legionen an sich, das ist die schwere Infanterie. Das ist der Kern der römischen Armee, die sind verhältnismäßig gleich ausgerüstet." Zu dieser Ausrüstung gehörten ein Helm, ein Schild, das Pilum, der Wurfspeer, das Schwert und ein Dolch. "Das ist vergleichsweise einheitlich", sagt Ortisi.

Es gibt allerdings wirklich Unterschiede zwischen der römischen Legionärsausrüstung und der römischer Hilfstruppen. Das ist dann die leichte Infanterie. Die Reiterei gehört zu großen Teilen dazu.

Prof. Dr. Salvatore Ortisi, Ludwig-Maximilians-Universität
Das Hermannsdenkmal im Teutoburger Wald
Das Hermannsdenkmal im Teutoburger Wald soll an den Cheruskerfürsten Arminius erinnern, der die Germanen anführte. Bildrechte: IMAGO / Hans Blossey

Dazu kommen die Hilfstruppen der keltischen Gallier, die als ausgezeichnete Reiter bekannt waren. Dementsprechend seien nun die Reste der Ausrüstung, die man auf dem Schlachtfeld wiederfinde, sehr unterschiedlich. Dennoch: Die Geschichte umschreiben dürften diese Funde in Kalkriese nicht, sagt Ortisi. Denn der grobe Rahmen – also der Untergang des Imperium Romanum – stehe für alle Zeiten fest. Allerdings könnten die Erkenntnisse ein Bild von einzelnen Ereignissen wie der Varusschlacht liefern, über die die große Geschichtsschreibung bisher schweige.

Also wir können, wenn alles gut geht, die Ereignisse in Kalkriese, am Oberesch rekonstruieren.

Prof. Dr. Salvatore Ortisi, Ludwig-Maximilians-Universität
Archaeologie 5 min
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