Eisbären live - beim virtuellen Besuch in der Arktis Zwei Dresdnerinnen machen aus dem Unterricht ein Abenteuer

Eine Klassenfahrt in die Arktis oder die Tropen, ohne die Schule zu verlassen. Zwei Gründerinnen aus Dresden wollen das möglich machen. Sie wollen Schülerinnen und Schüler in Zukunft per Augmented Reality auf die andere Seite der Erde reisen lassen. Klingt nach Unterricht, der Spaß machen kann. Aber was machen die Lehrerinnen und Lehrer in der Zwischenzeit?

Bild eines Eisbären auf einem Tablet auf den tatsächlichen dahinerliegenden Raum projiziert. 3 min
Bildrechte: MDR WISSEN, Robin Hartmann

Franziska Weser und Anna Kirchberg kennen das Problem selbst noch ganz gut. In der Schule werden Formeln, Daten, Fakten gelehrt, aber der praktische Nutzen erschließt sich den Schülern nicht immer. Die beiden Schulfreundinnen aus Dresden entwickelten Ende 2019 in Leipzig ein Projekt, mit dem Wissen den Schülern praktischer vermittelt werden soll. Sie nennen es "Heartucate" - ein Kunstwort, das Herz (Heart) und Bildung (Education) vereint, plus ar für Augemented Reality.

Wo brauche ich das Wissen überhaupt?

"Ich weiß nicht, wie es anderen Leuten sonst so geht, aber für mich war es immer schwer nachzuvollziehen, warum benutze ich denn zum Beispiel eine E-Formel. Für mich ist damit gar keine Anwendung verknüpft", sagt Franziska Weser. "Mit Heartucate können wir ein Szenario bauen, wo die Kinder verstehen: 'Ah, in so einem Kontext würde man jetzt die Formel benutzen!'" Dabei nutzen sie ihre eigenen Erfahrungen aus der Schulzeit, kommen aber auf ihre Expertise aus dem Studium zurück. Franziska Weser hat Medienpädagogik und Medienpsychologie studiert, Anna Kirchberg wechselte auf die andere Seite des Unterrichtsraumes und studierte Lehramt. Mittlerweile arbeitet sie an einer Grundschule in Berlin und sieht die Lernprobleme auch bei ihren eigenen Schülerinnen und Schülern.

Was ich in meinem Schulalltag sehe, ist, dass die Kinder gesundheitliche und mentale Probleme haben, weil sie großem Leistungsdruck ausgesetzt sind. Viele Kinder verknüpfen daher Lernen mit etwas Negativem. Dadurch geht leider auch oft die natürliche Neugier verloren, die man als Kind einmal hatte.

Anna Kirchberg, Lehrerin und Heartucate-Gründerin

Noch steckt Heartucate in den Kinderschuhen, es existiert aktuell nur eine Demo. Doch in ungefähr drei Jahren sollen die ersten Multiplayer-Schnitzeljagd-Welten im Unterricht eingesetzt werden.

So funktioniert das virtuelle Erlebnis-Lernen

Ein Eisbär mit Infobox in einer Schneelandschaft
In der virtuellen Welt sollen Kinder spielerisch Lernen. Bildrechte: Heartucate

Jedes Kind soll mit einem eigenen Tablet ausgestattet werden und in Kleingruppen erkunden sie gemeinsam im Klassenzimmer eine fremde Welt. Die Arktis, die Tropen oder die Vergangenheit, die Reiseziele werden von den Lehrerinnen und Lehrern ausgesucht. Jedes Tablet reagiert auf die Bewegungen der Kinder und so können sie zum Beispiel Tiere aus allen Perspektiven untersuchen. Dazu orientieren sich die Gründerinnen an den Schullehrplänen: "Die geben vor, welche Kompetenzen die Kinder erreicht haben sollen. Zum Beispiel sollen Kinder in Berlin am Ende der sechsten Klasse etwas über ein Tier in seiner natürlichen Umgebung wissen. Es ist aber nicht vorgegeben, welches Tier in welcher Umgebung. Also kann es auch der Eisbär in der Arktis sein."

Ein neuer Lehransatz

Der Name Heartucate beschreibt dabei die Art des Lernens, die die beiden Frauen in die Schule bringen wollen. Ihrer Meinung nach bieten die Schulen zu wenig Raum, in dem die Kinder einmal etwas außerhalb ihres normalen Alltags erleben können.

Herzensbildung ist kein Schulfach. Das versuchen wir ein wenig zu etablieren, dass man sich begegnet, etwas Neues über sich erfährt und in reflexive Prozesse kommt.

Franziska Weser - Medienpädagogin Heartucate Gründerin

Deshalb ist es auch wichtig bei Heartucate, dass nicht jedes Kind alleine die Lernwelt spielt. "Zum Beispiel kann es mal eine Aufgabe sein herauszufinden, wie ein Stromkreislauf aufgebaut ist. Dann findet ein Kind den Plan und muss ihn den anderen beschreiben", stellt sich Weser die Zusammenarbeit vor. Außerdem soll das Projekt eine Möglichkeit bieten, dass sich die Schülerinnen und Schüler ausprobieren, ohne Dinge falsch machen zu können. 

Eine Frau hält ein Tablet mit Schneewelt.
Mit dem Tablet bewegen sich die Schüler gleichzeitig im Klassenzimmer und der Arktis. Bildrechte: MDR Wissen / Robin Hartmann

Auch technisch soll Heartucate noch weiter entwickelt werden. Wenn es nach dem Wunsch von Franziska Weser geht, sind Tablets nur eine Zwischenstufe. "In Zukunft wollen wir Augmented Reality Brillen verwenden. Dann haben die Kinder die Hände frei und können noch besser mit der Umgebung interagieren und die Aufgaben lösen." Dazu arbeiten sie mit Entwicklern und Programmierern zusammen, die die technische Umsetzung übernehmen.

Keine Schule ohne Lehrer

Auch wenn die Kinder alleine die Welten erkunden, Lehrerinnen und Lehrer bleiben dennoch ein wichtiger Teil im Schulalltag. So können sie sich bei den Abenteuern dazu schalten, falls eine Gruppe nicht weiter kommt, oder den Schwierigkeitsgrad erhöhen, wenn die Aufgaben die Kinder nicht genug fordern.

Zwei Frauen neben einem Bildschirm.
Die zwei Dresdnerinnen wollen mit Heartucate den Unterricht transformieren. Bildrechte: MDR Sachsenspiegel / Thomas Schneider

Da die Lernabenteuer nicht linear aufgebaut sind, kann jede Spielgruppe ein anderes Ende erleben. So sammeln die Kinder eigene Erfahrungen, die am Ende der Unterrichtsstunde zusammen ausgewertet werden sollen. Gemeinsam wird darüber gesprochen, warum sich Kinder für oder gegen Alternativen entschieden haben, sagt Franziska Weser: "Die Lehrer übernehmen das Moderieren dieser Erfahrungen, was glaube ich eine sehr wichtige Rolle ist, die zurzeit zu wenig vorkommt, die aber gerade als pädagogische Fachkraft eigentlich die Hauptaufgabe sein sollte."

Der nächste Schritt für die beiden Frauen ist die Gründung einer eigenen Firma. Anfang nächsten Jahres wollen sie Heartucate eine professionelle Struktur geben, um ihr Projekt weiter voranzutreiben. Gefördert werden sie unter anderem aus der Elektronikbranche und auch das 5G Lab Germany der TU Dresden unterstützt das Projekt.