Corona-Krise zeigt Systemrelevante Berufe - schlecht angesehen und bezahlt

Die Corona-Krise zeigt, wie ein Riss durch die Berufswelt geht. Er betrifft neben Ansehen und Verdienst auch das Risiko. Berufstätige in besser bezahlten Jobs können oft ins Homeoffice ausweichen. Anders etwa Pflege- und Reinigungskräfte oder Supermarktmitarbeiter. Haben diese Menschen ein höheres Ansteckungsrisiko – und sollte der Stellenwert solcher sogenannten einfachen Berufe steigen?

Eine Pflegerin schiebt einen Mann in einem Rollstuhl. Beide tragen einen Mundschutz.
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Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die Menschen in den systemrelevanten Berufen in ihrer ersten Corona-Ansprache direkt angesprochen

Wer in diesen Tagen an einer Supermarktkasse sitzt oder Regale befüllt, der macht einen der schwersten Jobs, die es zur Zeit gibt. Danke, dass Sie da sind für Ihre Mitbürger und buchstäblich den Laden am Laufen halten.

Bundeskanzlerin Angela Merkel
Ein Pfleger hält Hand einer Seniorin 3 min
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MDR AKTUELL Do 02.04.2020 11:52Uhr 03:10 min

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Systemrelevante Berufe schlechter angesehen

So wohltuend der persönliche Dank der Regierungschefin ist - die gesellschaftliche Realität jenseits von Corona sieht anders aus. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat das gesellschaftliche Ansehen von systemrelevanten Berufen untersucht.

Das gesellschaftliche Ansehen vieler systemrelevanter Berufe, also Krankenpfleger, Altenpfleger, Reinigungskräfte, Sicherheit, aber auch Verkäufer im Supermarkt ist relativ gering.

Marcel Fratzscher, DIW-Direktor

Eine Supermarktmitarbeiterin räumt ein Kühlregal ein
Das Ansehen von Supermarktmitarbeitern ist in Deutschland relativ gering (Archiv). Bildrechte: imago/snapshot

Geringes Ansehen führt zu schlechter Bezahlung

Dieses geringe Ansehen hat vielfältige Ursachen. Es sind im Alltag als selbstverständlich hingenommene Serviceleistungen. Und es sind häufig Berufe, für die keine höhere Bildung nötig ist. Mit dem geringen Ansehen einher geht eine schlechte Bezahlung.

Der durchschnittliche Bruttostundenlohn in systemrelevanten Berufen liegt bei 17,50 Euro, bei allen anderen Berufsgruppen liegt er bei über 20 Euro pro Stunde.

Marcel Fratzscher, DIW-Direktor

Die DIW-Studie zeigt, dass 90 Prozent der Beschäftigten in systemrelevanten Berufen unterdurchschnittlich verdienen. In der Altenpflege liegt der Stundendurchschnitt sogar deutlich unter 15 Euro. Supermarktverkaufskräfte haben häufig nur knapp über 9, 35 Euro Mindestlohn.

Tatsächlicher Stundenlohn bei vielen systemrelevanten Berufen noch geringer Bei der Zahl 17,50 Euro als Durchschnittseinkommen in systemrelevanten Berufen ist es wichtig zu berücksichtigen, dass hier auch die Gehälter u.a. der (ebenfalls systemrelevanten) Ärzte einfließen – deutlich über 30 Euro/Stunde. Das heißt, die Masse der Beschäftigten verdient noch deutlich weniger.

Höhere Infektionszahlen bei Pflegekräften in Italien und Spanien

Dazu kommt in der aktuellen Situation eine erhöhte Ansteckungsgefahr.

Wenn Sie Kassiererin im Supermarkt sind und Hunderte von Menschen gehen jeden Tag an Ihnen vorbei - auch mit neuen Vorrichtungen wie Plexiglas zwischen Kunden und Kassiererin, ist das Risiko natürlich immer noch relativ hoch.

Marcel Fratzscher

Zahlen über Ansteckungen bei Verkäuferinnen, Reinigungskräften oder Sicherheitspersonal gibt es noch nicht. Dagegen sind im Krankenpflegebereich erste Infektionszahlen aus Italien und Spanien bekannt. In Italien betreffen über neun Prozent der Corona-Fälle medizinisches Personal - insgesamt über 6.000. In Spanien sind es sogar 15 Prozent der Erkrankten. In Deutschland vermeldete das Robert Koch-Institut (Stand 1.4.2020) mindestens 2.300 Covid-19-Fälle bei Krankenhausmitarbeitern - nur aus den Kliniken des Landes. Allein das wären schon drei Prozent der Infizierten.

Ein Arzt arbeitet auf der Covid-19-Intensivstation des San Matteo Krankenhauses, auf der ein Patient stationiert ist.
In Italien haben sich über neun Prozent des medizinischen Personals mit dem neuen Corona-Virus infiziert (Archiv). Bildrechte: dpa

Zum Vergleich: Im EU-Durchschnitt arbeiten zwischen ein und zwei Prozent der Gesamtbevölkerung im Krankenpflegebereich. Auch die Krankenpflegerinnen und Krankenpfleger in Deutschland tragen dieses erhöhte Ansteckungsrisiko - und gehören trotzdem zu den Berufen mit unterdurchschnittlicher Bezahlung. Die Corona-Krise sollte Anlass sein, das zu korrigieren, sagt Marcel Fratzscher.

Dass uns bewusst wird, was uns als Gesellschaft wichtig ist, was wir brauchen und auch mehr wertschätzen sollten in unserem tagtäglichen Leben, und dazu gehören Menschen, die in systemrelevanten Berufen tätig sind.

Marcel Fratzscher

Arbeitsminister Heil: Müssen für bessere Bezahlung sorgen

Dass das Problem in der Politik angekommen ist, zeigen aktuelle Aussagen von Bundesarbeitsminister Hubertus Heil:

Wir sehen gerade in dieser Zeit, dass die Leistungsträger nicht immer die sind mit Anzug und Krawatte, sondern die im Kittel, die in der Altenpflege, vor allen Dingen auch in der Krankenpflege arbeiten und die sich um die Schwächsten kümmern. Und das sind die Kassiererinnen, über die so viel gesprochen wird, die brauchen tatsächlich mehr als Applaus und Merci-Schokolade, die brauchen einfach bessere Bezahlung, dafür müssen wir sorgen.

Hubertus Heil, Bundesarbeitsminister

Es könnte eine der positiven Folgen von Corona sein, dass die Menschen, die uns in der aktuellen Lage den Alltag sichern, selbst ein Stück mehr Sicherheit bekommen, mit besserem Lohn und weniger prekären Arbeitsverhältnissen.