Science vs. Fiction Harley Quinn, der Joker und die Frage: Wie kann man toxische Beziehungen erkennen?

Am 5. August können wir Harley Quinn wieder auf der Kinoleinwand sehen. Denn dann startet der neue "The Suicide Squad". Ihren Ursprung im DC-Universum hat Harley als Freundin des Jokers. Die Beziehung der beiden wird häufig romantisiert. Wenn man genau hinguckt, ist sie allerdings geprägt von Machtspielen, Unterdrückung und Gewalt – also alles andere als gesund. Woran können wir das erkennen? Und was mache eine toxische Beziehung eigentlich aus?

Eine toxische Beziehung ist geprägt von emotionalem Missbrauch, emotionaler Abhängigkeit und manchmal sogar körperlicher Gewalt. Wobei der emotionale Missbrauch im Vordergrund steht. So beschreibt Psychotherapeutin Nesibe Özdemir eine toxische Beziehung.

Typische Anzeichen sind Herabsetzung, Erniedrigung und Beleidigung. Da fallen häufig Sätze wie 'du bist ja wieder zu blöd dafür' oder 'du kriegst ja gar nichts hin'.

Nesibe Özdemir, Psychotherapeutin

Und genau diese Anzeichen sehen wir auch bei Harley Quinn und dem Joker. Sei es bei Verfolgungsjagden gegen Batman oder zuhause. Sie verhält sich ihm gegenüber häufig unterwürfig und befolgt seine Anweisungen. Dabei ist sie immer darauf bedacht, ihn nicht zu sehr zu verärgern und klammert sich an jedes bisschen Zuneigung seinerseits, das sie bekommen kann.

Es beginnt mit "Spielchen"

Ihren ersten Auftritt hat Harley Quinn in der Batman-Zeichentrickserie aus den 1990ern. Als sie den Joker kennenlernt, ist sie eine junge Psychiaterin im Arkham Asylum – damals noch unter ihrem bürgerlichen Namen Harleen Quinzel. Der Joker ist ihr Patient. Schon in ihrer Kennenlernphase zeigen sich erste Machtspiele zwischen den beiden, als sie auf einmal die Plätze wechseln und Harley dann auf der Behandlungsliege liegt und der Joker ihr zuhört.

In der Zeichentrickserie entscheidet sie sich dann bewusst dazu, Harley Quinn zu werden und den Joker aus der Psychiatrie zu befreien. In neueren Comicversionen und auch im Film Suicide Squad von 2016 foltert der Joker sie und im letzten Schritt fällt sie in den gleichen Chemikalien-Cocktail, der auch schon den Joker zum Joker gemacht hat. Psychologisch ein großer Unterschied, erklärt Psychotherapeutin Nesibe Özdemir:

"In der einen Version ist sie das passive Opfer, das dem Joker unterliegt. Und in der anderen ist sie die selbstbewusste und eigenverantwortliche Person, die auch selbst dysfunktionale Verhaltensweisen hat, für die sie aber selbst verantwortlich ist."

Psychotherapeutin Nesibe Özdemir
Psychotherapeutin Nesibe Özdemir Bildrechte: Maurice Demandt

Keine wissenschaftliche Bezeichnung

Der Begriff "toxische Beziehung" ist in den letzten Jahren sehr populär geworden und beschreibt eine Beziehung, die einem nicht guttut, Kraft raubt und das Leben regelrecht zur Hölle machen kann.

Es gibt allerdings keine wissenschaftliche Definition für "toxische Beziehung". Das bedeutet, dass die Therapeutin nicht wie zum Beispiel bei einer Depression im Diagnosekatalog nachschlagen und gucken kann, ob man bestimmte Kriterien erfüllt. Trotzdem können sich natürlich viele etwas unter dem Begriff vorstellen.

Eine Online-Dating-Plattform hat in diesem Jahr eine Befragung veröffentlicht. In der haben etwa ein Drittel der Teilnehmenden angegeben, dass sie schon mal in einer toxischen Beziehung waren und diese als energieraubend beschrieben. Das ist auch für Nesibe Özdemir ein Merkmal toxischer Beziehungen: "In einer toxischen Beziehung ist es ja so, dass die Bedürfnisse der einen Person stark im Vordergrund stehen. Und dann bin ich ja die ganze Zeit damit beschäftigt, die Bedürfnisse der Person zu erfüllen."

Das kennt Nesibe Özdemir auch aus ihrer Praxis. Dort behandelt sie beispielsweise eine Patientin, die ständig, bevor sie etwas für sich machen will – zum Sport gehen, rausgehen, sich mit Freunden treffen –, vorher ihren Partner um Erlaubnis bitten muss. Und in der Regel bekommt ihre Patientin die Erlaubnis nicht, bleibt dann zuhause und fühlt sich verpflichtet, sich um seine Bedürfnisse zu kümmern. Das sei natürlich stark energieraubend.

Von toxischer Beziehung zu narzisstischem Missbrauch

Der Joker übt aber nicht nur emotionale Gewalt aus. Die körperliche Gewalt gegen Harley Quinn geht sogar so weit, dass er sie in einer Szene kurzerhand aus dem Fenster wirft. Das sei laut Psychotherapeutin Nesibe Özdemir "ziemlich krass" und "schon ein Mordversuch". Physische Gewalt komme in toxischen Beziehungen auch vor, das Hauptaugenmerk liege aber auf emotionalem Missbrauch.

So wie ich das sehe, verhält sich der Joker narzisstisch.

Nesibe Özdemir, Psychotherapeutin

Und das wäre nicht untypisch, denn der Übergang von "toxischer Beziehung" zu "narzisstischem Missbrauch" ist schleichend. Narzissten beziehungsweise Narzisstinnen sind Personen, die stark auf sich selbst bezogen sind, die denken, sie seien die tollsten und die auch kritikresistent sind. Da ist dann schon diese Veranlagung da, dass sie wollen, dass sich in der Beziehung alles um sie dreht.

Allerdings steckt nicht hinter jeder toxischen Beziehung eine Narzisstin beziehungsweise ein Narzisst. Das Gemeine an emotionalem Missbrauch ist: Er zieht langsam, fast schon unbemerkt in die Beziehung ein. "Im Prinzip kann das jeden treffen", erklärt Nesibe Özdemir, "das Tückische ist ja, wenn man an eine narzisstische Persönlichkeit gerät, dass die dann sehr charmant sein können. Und da ist es dann schwer, den Missbrauch dahinter zu erkennen."

Auch wenn es im Prinzip jeden treffen kann, gibt es laut Nesibe Özdemir Menschen, die besonders anfällig für narzisstischen Missbrauch sind. Und das sind Menschen mit einem geringen Selbstwertgefühl. Menschen, die vielleicht schon im Elternhaus keine stabilen, funktionalen Beziehungen erlebt und früh traumatische Erfahrungen gemacht haben. Da kann so ein Missbrauch viel stärker wirken. Und zwar, weil man emotionale Gewalt gewohnt ist und es gar nicht so sehr als Problem wahrnimmt.

Psychische Manipulation

Ein bekanntes Phänomen in toxischen Beziehungen ist Gaslighting. So heißt eine gezielte Manipulationsstrategie, um das Opfer an der eigenen Wahrnehmung zweifeln zu lassen. Gaslighting äußert sich zum Beispiel in Sätzen wie "Wenn du nicht immer so trottelig wärst, dann müsste ich dich nicht anschreien". Wichtiger Punkt beim Gaslighting ist, dass Täter und Opfer sich vertrauen. Mehr noch. Dass das Opfer der Einschätzung des Täters mehr traut als der eigenen.

Der Begriff "Gaslighting" stammt aus dem Theaterstück "Gas Light" von 1938, das auch verfilmt worden ist. In dem Stück geht es um einen Mann, der seine Ehefrau gezielt manipuliert. Er behauptet zum Beispiel, er könne das Licht einer flackernden Gaslampe nicht sehen, was sie aber deutlich sieht. Sie zweifelt dann an ihrer Wahrnehmung. Seit dem wird "Gaslighting" als Begriff für diese Art von Manipulation verwendet.

Ziel beim Gaslighting es, das Selbstwertgefühl der Opfer weiter zu zerstören und sie damit in eine emotionale Abhängigkeit zu treiben. Wenn ich nämlich glaube, dass ich selbst Schuld bin am Verhalten meines Partners, dann glaube ich auch, dass ich das kontrollieren und verändern kann. Also wenn er immer wütend wird und ich dann denke, okay, ich bin schuld, ich hätte nicht so laut sein sollen, dann würde ich natürlich versuchen leiser zu sein, um es beim nächsten Mal nicht so weit kommen zu lassen. Das heißt, ich bekomme das falsche Gefühl von Kontrolle.

Wie kommt man aus einer toxischen Beziehung raus?

Aus der toxischen Beziehung herauszukommen, ist in jedem Fall sehr schwer. Die erste große Hürde ist, überhaupt zu erkennen, dass man missbraucht und manipuliert wird. Nesibe Özdemir rät dazu, sich die Situationen aufzuschreiben, so klein sie auch aussehen mögen. Denn wenn es auf Papier ist, dann sehe man eher, was da gerade schiefläuft. Und erkenne auch langfristig viel eher, dass da ein Missbrauch stattfindet.

Zusätzlich kann natürlich auch professionelle psychotherapeutische Hilfe sinnvoll sein. Denn durch den emotionalen Missbrauch in der toxischen Beziehung ist häufig die eigene Wahrnehmung etwas verzerrt. Und mit professioneller Hilfe kann man leichter ein klares Bild der Realität bekommen. Nesibe betont, dass es trotz allem schwer ist, aus einer toxischen Beziehung herauszukommen. Auf Grund der emotionalen und vielleicht auch finanziellen Abhängigkeit kann das manchmal Jahre dauern.

Rat und Hilfe

Beim Weißen Ring gibt es Hilfe per Onlineberatung, aber auch telefonisch und vor Ort. Mehr Infos finden Sie auf der Website des Weissen Ring.

Die Telefonseelsorge erreichen Sie rund um die Uhr, gebührenfrei unter 0800 111 011 1.

Hilfe und Beratung, vor allem bei häuslicher Gewalt, gibt es beim Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen unter 08000 116 016

Science-vs-Fiction Moderator Jack Pop und Psychotherapeutin Nesibe Özdemir
Science-vs-Fiction Moderator Jack Pop und Psychotherapeutin Nesibe Özdemir Bildrechte: Maurice Demandt

Info: Wenn Sie mehr zur toxischen Beziehung zwischen Harley Quinn und dem Joker wissen möchten oder warum Godzillas Hitzestrahl unser Weltuntergang wäre, schauen Sie doch mal auf unserem Youtube-Kanal "Science vs. Fiction" vorbei. Dort finden Sie auch die aktuelle Folge "Harley Quinn und der Joker: Das sagt eine Therapeutin" mit Psychotherapeutin Nesibe Özdemir.