Gehäuseschnecken 3 min
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Garten Tigerschnegel und Weinbergschnecken: Gut gegen Nacktschnecken?

28. Mai 2024, 16:13 Uhr

Was tun gegen Schnecken im Garten? Wer selbst Erdbeeren oder Salat heranzieht, kennt das Elend: Gestern noch zart und grün, heute alles kahlgefressen. Was hilft gegen Nacktschnecken?

In Eimern einsammeln, Bierfallen aufstellen und hoffen, dass sich hier alle Nacktschnecken gemeinsam dem Gersten-Trunk ergeben, Lockköder mit Haferflocken aufstellen, dem Nachbarn über den Zaun werfen, Sand streuen, Kaffeesatz verteilen, Schneckeneier suchen und einsammeln, Rindenmulch um die Beete verstreuen, oder Schafswolle oder Kalk:

Schnecken in einer Schneckenfalle
Die Bierfalle Bildrechte: IMAGO / blickwinkel

Das Internet ist voll von Tipps und Berichten, was gegen die gefräßigen Gartenbewohner helfen soll. Wissenschaftlich untersucht sind zwei Mythen über Arten, die der Nacktschnecke Arion vulgaris angeblich Einhalt gebieten. Zum einen Helix Pomatia, die Weinbergschnecke und eben Limax Maximus, der Tigerschnegel. Helfen sie tatsächlich das Nacktschnecken-Aufkommen zu regulieren?

Tatsächlich gibt es zwei Mythen über Arten, die der gefräßigen Nacktschnecke Arion vulgaris angeblich Einhalt gebieten. Zum einen Helix Pomatia, die Weinbergschnecke und eben Limax Maximus, der Tigerschnegel. Schnegel gehören zur Familie der Schnecken und es gibt viele verschiedene Arten. Die beiden größten sind Limax cinereoniger, der Schwarzschnegel, und Limax maximus, der Tigerschnegel.

Schnegel und Nacktschnecke: Unterscheidungsmerkmale

Zunächst: Wie unterscheiden sich Schnegel generell von anderen Schnecken ohne Haus?

Nacktschnecke Tigerschnegel
Tigerschnegel mit gut sichtbarem Atemloch Bildrechte: IMAGO / Oliver Willikonsky

"Schnegel sind generell deutlich schlanker gebaut. Ihre Schnäbel sind dünner, Schnegel haben einen schlanken Hals und einen Kiel", erklärt Schneckenexperte Robert Nordsieck, Mitglied der Deutschen Malakozoologischen Gesellschaft, im Gespräch mit MDR WISSEN und erklärt das Detail: "Das ist eine Kante am Schwanzende am Rücken."  Ihm zufolge ist dieser Kiel auch für Laien gut erkennbar. Und es gibt noch einen anderen klaren Hinweis darauf, dass man einen Tigerschnegel vor sich hat: "Das ist das Atemloch, das sich beim Schnegel im hinteren Teil des Mantelschildes befindet.

Schnecke legt Eier
Eine gemeine Wegschnecke mit Ei-Gelege und sichtbarem Luftloch am vorderen Mantelschild Bildrechte: IMAGO / Pond5 Images

Bei anderen Nacktschnecken befindet sich das Atemloch vorne, ist leicht sichtbar." Und würde man den Schnegel oder die Schnecke aufschneiden, fände man einen weiteren Unterschied, verrät der Experte: "Der Schnegel hat eine kleine, innere Schale, ähnlich wie in einem Kalmar oder einem Tintenfisch. Wegschnecken haben dagegen nur kleine Kalkhörnchen."

Fressen Tigerschnegel Nacktschnecken?

Tigerschnegel auf grünen Salatblatt sitzend.
Auch Tigerschnegel lassen sich offenbar bisweilen frischen Salat schmecken Bildrechte: IMAGO/imagebroker

Auch beim Fressverhalten gibt es Unterschiede zwischen Schnegel und anderen Nacktschnecken, erläutert Norbert Nordsieck: "Beide fressen vorwiegend Pilze, Flechten, zerfallendes Pflanzenmaterial, vor allen Dingen der Tigerschnegel. Und Tigerschnegel fressen auch Schneckeneier und junge Schnecken." Das klingt ja nicht schlecht für alle, in deren Garten Nacktschnecken den jungen Salat wegfressen. Leider gibt es aber nirgends exakte Zahlen, Fakten, oder Formeln, wie viele Tigerschnegel es bräuchte, um zum Beispiel in einem 200 qm Schrebergarten den Fraßschaden durch gemeine Nacktschnecken einzudämmen oder ihre Populationen zu verringern.

Im Test: Schnegel- und Nacktschnecken-WG

Dabei gibt es wissenschaftliche Ansätze, die das Zusammenleben verschiedener Schneckenarten untersuchen, welche Art sich dabei auf die andere auswirkt und in welcher Form.

Weinbergschnecke, Helix pomatia, kriecht auf einem Blatt
Bildrechte: imago images/blickwinkel

Zum Beispiel hat ein Forschungsteam in Wien untersucht, ob Helix Pomata, die Weinbergschnecke, die Populationsgröße von Arion Vulgaris, der gemeinen Wegschnecke, in einem gemeinsamen Lebensraum u.a. bei verschiedenen Feuchtigkeitsbedingungen beeinflusst. Die Auswertungen zeigten, dass sich nicht nachweisen lässt, dass Weinbergschnecken die Populationsgröße von Nacktschnecken beeinflussen oder verändern. Es wurde zwar beobachtet, dass Weinbergschnecken Arion Vulgaris-Eier vertilgen – allerdings nur 3 Stück von 200.

Im Test: Weinbergschnecken- und Nacktschnecken-WG

Die andere Art, von der es heißt, sie helfe gegen Wegschnecken im Garten, ist der Tigerschnegel Limax maximus.

Spanische Wegschnecke und Parasit
Gemeine Wegschnecke und Tigerschnegel: Konkurrenten und Feinde? Bildrechte: IMAGO / Pond5 Images

In einer Studie der Karlstad University in Schweden wurde untersucht, wie sich die Größe der Gelege verändert, wenn sich verschieden viele Arion Vulgaris-Exemplare Lebensraum teilen mussten und wenn zusätzlich auch Limax Maximus, der Tigerschnegel, in diesen Lebensraum eingesetzt wurde. Ergebnis dieser Arbeit: Die Schneckendichte an sich wirkte sich auf die Eigelege-Größe aus, sowohl wenn Arion Vulgaris nur unter ihresgleichen lebte als auch wenn Tigerschnegel mit ihnen lebten – und zwar so: Je mehr Schnecken im Lebensraum, desto weniger Eier. Nur wenn Tigerschnegel anwesend waren, wurden vereinzelt Bisspuren auf den Wegschnecken gefunden und verstreute Eier-Gelege von Arion Vulgaris. Daraus lässt sich dem Forschungsteam zufolge zwar auf räuberisches Verhalten der Tigerschnegel schließen, bzw. mögliche Konkurrenzverhalten um Rückzugs- und Eiablageplätze, aber nicht darauf, dass Tigerschnegel tatsächlich die Populationsdichte von Arion Vulgaris beeinflussen oder regulieren.

Regulieren Schnegel also doch das Nackt-Schnecken-Aufkommen?

Schneckenexperte Robert Nordsieck geht anhand seiner langjährigen Beobachtungen dagegen schon von einer Art Regulierung durch die Schnegel aus und rät: "Wer Tigerschnegel im Garten findet, sollte sie ruhig zulassen und keineswegs vernichten." Schnegel stören nicht und bestenfalls fressen sie das eine oder andere Ei anderer Schnecken.

Wo fühlen sich Tigerschnegel heimisch?

"Meines Erachtens nach sind Tigerschnegel ein Indikator dafür, dass der Garten naturbelassen ist" sagt Nordsieck und führt aus: "Tigerschnegel fühlen sich im Garten dann wohl, wenn sie Nahrung finden, ausreichend Rückzugsmöglichkeiten haben, und wenn es feucht genug ist."

Leopard slug Limax maximus mating, hanging from a rope of mucus.
Um Tigerschnegel bei der Paarung zu beobachten, muss man selbst nachtaktiv sein. Bildrechte: imago images/Nature Picture Library

Allerdings setzt der Schneckenexperte nach: "Problematischerweise gilt dies auch für andere Schneckenarten." Und wichtig für Tigerschnegel: Sie brauchen Bäume für die Paarung, weil sie sich bei ihrem Paarungs-Akt abseilen. Beobachten wird man das nur selten, denn die Schnegel paaren sich im Dunkeln in der Kühle der Nacht.

Links/Studien

Die Wiener Forschungsarbeit "Experimental indications of gardeners' anecdotes that snails interfere with invasive slugs" lesen Sie hier.
Universität Karlstad: Egg production in Arion vulgaris: density dependence in A. vulgaris and interspecific effects of Limax maximus

lfw

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 25. Mai 2024 | 12:00 Uhr

6 Kommentare

Tob vor 2 Tagen

Das ist so ein "such dir die Wahrheit selbst aus", wenn ihr selbst einen Artikel verlinkt, in dem das Gegenteil ausgesagt wird durch einen anderen 'Experten'. Da ist man genauso schlau, wie vorher.

MDR-Team vor 3 Wochen

Hallo augu,

Amphibien können durchaus zu den natürlichen Feinden der roten Nacktschnecke zählen.

Die Rolle dieser Tiere im natürlichen Gleichgewicht und ihre Bedeutung im Kampf gegen die Schneckenplage sollten definitiv berücksichtigt werden. Die Ökosysteme sind alle vernetzt es ist wichtig, ein umfassendes Verständnis davon zu haben, um effektive und nachhaltige Maßnahmen ergreifen zu können.

Mehr Informationen finden Sie auch unter dem Link unter dem Artikel. Der Rest ist vermutlich für einen anderen MDR Wissen Artikel in der Zukunft. :)

- Das MDR Wissen Team

augu vor 3 Wochen

bei der Diskussion übernatürliche Feinde der roten Nacktschnecke hätten im Artikel ja auch die Amphibien Kröten und Frösche erwähnt werden können. Sie helfen gegen die Schnecken offenbar nur, wenn diese noch sehr klein sind und auch die kleinen sind wohl keinesfalls die Lieblingsspeise der Kröten / Grasfrösche. Außerdem werden diese sehr dezimiert durch Iltis, Marder, Katzen und Waschbären, deren nächtliches Räubern man meistens nicht mitbekommt bzw. gar nicht glaubt, dass diese nachts im Garten herumstreifen würden.

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