Verhaltensforschung Orang-Utans: Nussknacker im Leipziger Zoo

Nüsse knacken klingt nach einer leichten Tätigkeit. Ist sie aber nicht. Es gehört zu einem der kompliziertesten Werkzeuggebräuche im Tierreich. Nur wenige Tiere kriegen das hin. Zum ersten Mal hat man nun Orang-Utans beim spontanen Nüsse knacken im Leipziger Zoo beobachtet.

Das Orang-Utan-Weibchen Padana im Leipziger Zoo nutzt auch noch einige Zeit nach Ende der Studie Holzhämmer, um Nüsse zu knacken.
Das Orang-Utan-Weibchen Padana im Leipziger Zoo nutzt das Werkzeug beim Knacken einer Nuss. Bildrechte: Claudio Tennie

Haben Sie Appetit auf eine Nuss? Vermutlich nehmen Sie dann einen Nussknacker in die Hand. Manchmal klappt es auch, wenn man eine Walnuss zwischen seinen Handballen knackt. Oder aber einen kleinen Holzhammer zur Hand nimmt. Man dürfte also meinen, dass das Nüsse knacken eine leichte Tätigkeit ist.

Im Tierreich – ja, auch wir sind eigentlich Tiere, aber lassen wir uns mal außen vor – ist der Gebrauch von Werkzeugen aber nicht selbstverständlich. Zumal das Knacken von Nüssen mittels Werkzeug zu den komplexeren Tätigkeiten gehört.

Bisher weiß man von Schimpansen, Makaken und Kapuzineraffen, dass sie die Kunst des Nüsse knackens beherrschen. Und wie sieht es mit anderen Menschenaffen aus? Genau mit dieser Frage hat sich ein Forschungsteam der Universität Tübingen an der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät für Ältere Urgeschichte und Quartärökologie auseinandergesetzt. 

Die Nussknacker unter den Affenarten

Diese vier Affenarten können Nüsse mit Werkzeugen knacken: Schimpansen, Makaken, Kapuzineraffen und Orang-Utans.

Schimpansen im Pongoland des Zoo Leipzig
Schimpansen im Pongoland des Zoo Leipzig. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Schimpansen im Pongoland des Zoo Leipzig
Schimpansen im Pongoland des Zoo Leipzig. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Makake
Ein Makake in der freien Wildbahn. Bildrechte: Willem Kruger /Comedy Wildlife Awards 2019
Kapuzieneraffe auf dem Plattenberg, an der Goldenen Route in Südafrika.
Kapuzieneraffe auf dem Plattenberg, an der Goldenen Route in Südafrika. Bildrechte: IMAGO
Orang-Männchen Toni und sein fünfjähriger Sohn Dalai lassen sich die frischen Blätter schmecken. Noch leben die fünf Suamtra-Menschenaffen im Dresdner Zoo sehr beengt. In ihrer Heimat leben sie im indonesischen Regenwald erhöht auf den Baumwipfeln. Im 2023 fertig gestellten Orang-Utan-Haus werden die Tiere ausgiebig klettern und hangeln können.
Orang-Männchen Toni und sein fünfjähriger Sohn Dalai lassen sich die frischen Blätter schmecken. Noch leben die insgesamt fünf Suamtra-Menschenaffen im Dresdner Zoo sehr beengt.
In ihrer Heimat im indonesischen Regenwald leben sie erhöht auf den Baumwipfeln. Im neuen Orang-Utan-Haus in Dresden werden die Tiere ab 2023 ausgiebig klettern und hangeln können.
Bildrechte: Heike Riedel
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Forschungsablauf

Um ihre Studie durchzuführen, haben sich die Forscher an den Leipziger Zoo gewandt. Dort haben sie vier Orang-Utans bei einem Experiment beobachtet. Die vier Menschenaffen erhielten neben harten Nüssen auch Astabschnitte, die als Hämmer eingesetzt werden könnten. Außerdem stellten die Forschenden einen Holzblock bereit, der als Amboss dienen konnte.

Das war's. Die Forscher zeigten den Affen nicht, was sie mit den Utensilien anfangen sollten. Sie beobachten die Orang-Utans nur. Drei der Orang-Utans versuchten, die harten Nüsse mit ihren Händen und Zähnen zu öffnen – was auch zielführend war, wie Dr. Claudio Tennie, einer der Wissenschaftler des Experiments, berichtet.

 Das Aufbeißen führte bei diesen drei Tieren auch wirklich zum Ziel.

Dr. Claudio Tennie, Biologe, Uni Tübingen

Der vierte und jüngere Orang-Utan (das Weibchen Padana) machte es anders: Er nutzte zunächst den Amboss als Hammer. Bei späteren Versuchen nutzte er dagegen den Astabschnitt als Holzhammer, den er spontan zum Nussknacken einsetzte.

Wir gehen davon aus, dass die hohe Beißkraft bei älteren Orang-Utans in Leipzig einer der Gründe war, warum sie intuitiv ihre Zähne zum Nussknacken benutzten.

Dr. Claudio Tennie, Biologe, Uni Tübingen

Das Orang-Utan-Weibchen Padana im Leipziger Zoo nutzt auch noch einige Zeit nach Ende der Studie Holzhämmer, um Nüsse zu knacken.
Auch einige Zeit nach der Studie nutzt das Orang-Utan-Weibchen Padana Holzhämmer, um Nüsse zu knacken. Bildrechte: Claudio Tennie

Ähnliche Ergebnisse auch aus Zürich

Im Zoo Zürich konnte Ähnliches bei einer Untersuchung für eine bisher unveröffentlichte Studie festgestellt werden. Dort hatte man acht Orang-Utans beobachtet, von denen drei spontan und ungeübt begannen, mit Holzhämmern Nüsse zu knacken. Vier von zwölf Orang-Utans waren insgesamt in der Lage, ein Werkzeug zum Knacken von Nüssen zu verwenden.

Die Studie aus Zürich liegt fast 40 Jahre zurück. Da hat sich aber gezeigt, dass die Tiere, die die Nüsse mit Hämmern knackten, nicht alle jung waren. Grundlegend zeigt sich aber immer wieder, dass jüngere Menschenaffen eine höhere Innovationskraft haben, um neue Methoden auszuprobieren.

Dr. Claudio Tennie, Biologe, Uni Tübingen

Warum die älteren Orang-Utans ihre Zähne benutzen und kein Werkzeug? Das können die Forscher nur vermuten. Ob die Ausprägung der Zahnbeschaffenheit bei jüngeren Tieren eine Rolle dabei spielt, wurde in dieser Studie nicht untersucht. Eines hat sich aber gezeigt:

Die Orang-Utans können selbst dieses komplexe Verhalten also rein durch individuelles Lernen entwickeln.

Dr. Claudio Tennie, Biologe, Uni Tübingen

Orang-Utans: Weiter entwickelt, als wir denken

Das ist neu, denn bisher hatten Wissenschaftler angenommen, dass dieses Verhalten nur kulturell weitergegeben werden könne. Die Affen hätten das Verhalten somit kopieren müssen und es nur dadurch erlernt. Das würde aber auch bedeuten, dass die Fertigkeit des Nussknackens mit Werkzeugen ohne kulturelle Weitergabe verloren gehen würde – bei Orang-Utans.

Nach Schimpansen sind unter den Menschenaffen die Orang-Utans diejenigen, von denen das zweitgrößte Repertoire an Werkzeuggebrauch bekannt ist. Beim Nüsse knacken wurden wildlebende Tiere bisher jedoch nicht beobachtet.

Dr. Claudio Tennie, Biologe, Uni Tübingen

Somit hat das Forschungsteam mit seiner Analyse gezeigt, dass manch ein Menschenaffe das Zeug zum geborenen Nussknacker hat.

Zur Studie

Die Studie wurde in der Fachzeitschrift American Journal of Primatology am 11. August 2021 veröffentlicht.