Biodiversitätsforschung Leipzig, Halle, Jena Was passiert, wenn der Wald verschwindet?

Wenn Wald verschwindet, dann verschwinden auch Arten, Insektenarten, Vogelarten, Pflanzenarten, alle werden weniger. Ich denke diesen Satz würde jeder von uns so unterschreiben. Er stimmt aber nicht grundsätzlich. Das zeigt jetzt ein internationales Forscherteam unter Beteiligung des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung. Waldverlust heißt nicht automatisch Verlust der Vielfalt.

Wildblumen auf einer Wiese im Gebirge. 3 min
Bildrechte: Gergana Daskalova

Das Ergebnis der Studie lautet in einem kurzen Satz zusammengefasst: Es ist kompliziert. Die Natur ist kompliziert. Dabei - denkt man - könnte es doch so klar sein: Wald weg! Tiere und Pflanzen weg!

Es ist schon überraschend.

Dr. Shane Blowes

Das sagt Shane Blowes, vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Leipzig, Halle, Jena. Er war an der Studie beteiligt. „Was wir letztlich gefunden haben, ist dass der Verlust von Wäldern zu allen möglichen Veränderungen der biologischen Vielfalt führt. Also wir finden auf jeden Fall in manchen Regionen, dass der Waldverlust auch zum Verlust von Biodiversität führt. Aber manchmal werden Arten auch mehr, manchmal aber auch weniger. Außerdem variieren auch die Zahlen derjenigen, die zugewinnen und derjenigen, die weniger werden von Ort zu Ort."

Die Spezialisten sind die Verlierer

Welche Arten es genau sind, die zu den Gewinnern und den Verlieren zählen, kann Blowes anhand der Daten nicht sagen. Nur so viel: Gewinner sind wieder die, die sich anpassen können und mit jeder möglichen Umgebung zurechtkommen. Diejenigen, die es ganz speziell brauchen und ohnehin schon selten werden, leiden unter dem Verlust der Wälder.

Es ist nicht so, dass man einfach sagen kann: Waldverlust führt überall, wo es passiert, zum gleichen Effekt oder Ergebnis. Was die Studie zeigt ist, dass es zu allen möglichen komplizierten Veränderungen in der biologischen Vielfalt führt. Manche sehen wir erst zehn Jahre, nachdem der Wald an diesem Ort verschwunden ist.

Dr. Shane Blowes, Forschungsgruppe Biodiversitätssynthese

Tiere- und Pflanzenarten reagieren also nicht nur unterschiedlich, sie reagieren auch noch zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Bei kurzlebigen Gräsern und manchen Insekten sehen die Forscher ganz unmittelbar Veränderungen. Bei anderen mussten die Forscher warten, erzählt Blowes:

Zum Beispiel langlebige Tiere, wie Vögel oder Säugetiere. Da hat es sehr lange gedauert, bis wir die Reaktion gesehen haben, also eine Veränderung in der Menge der Spezies oder Populationsgrößen.

Dr. Shane Blowes

150 Jahre Untersuchungen

Um zu solchen Ergebnissen zu kommen, hatten die Wissenschaftler Unmengen an Daten ausgewertet: 6.000 Orte wurden untersucht in den letzten 150 Jahren. Bei Wäldern gucken Biodiversitätsforscher nämlich gerne genauer hin. Schließlich sind die quasi das Hauptspielfeld der Vielfalt an Land - eine Art Fünf Sterne Hotel der Natur. Hier gibt es alles für jeden.

Dr. Shane Blowes
Bildrechte: Shane Blowes/ Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv)

Der Wald bietet ganz unterschiedliche Wohnräume, dadurch entsteht viel Platz für viele unterschiedliche Lebewesen, die so nebeneinander leben können. Und diese ganz unterschiedlichen Habitate machen den Wald so wichtig.

Dr. Shane Blowes
Ein blauer Käfer auf einem Stein
Der gefährdete und europaweit geschützte Alpenbock braucht den Wald. Er kann nur in intakten Altbeständen überleben. Bildrechte: Gergana Daskalova

Schätzungsweise 80 Prozent der an Land lebenden Tier- und Pflanzenarten haben sich deshalb diesen komfortablen Ort zum Leben ausgesucht. Erforscht werden sie auch, um sie besser zu schützen. Die Studie soll aber auch zeigen, wie weit der Waldverlust voranschreitet. Auch dafür gibt es nicht nur eine Antwort:

Die Regionen, die dicht bevölkert sind, so wie etwa Europa, dort fand der Höhepunkt des Waldverlusts vor über hundert Jahren statt. In den Tropen dagegen sehen wir gerade laufende und zunehmende Waldverluste.

Dr. Shane Blowes

Blowes erzählt, dass der Verlust der Wälder in den Tropen gerade stärker voranschreitet als jemals zuvor. Es gibt aber auch Gebiete, in denen Wälder entstehen. Und egal, ob große oder kleine Veränderungen, alles wirkt sich aus, aber eben ganz unterschiedlich.

Studie zum Nachlesen

Die Studie ist unter dem Titel "Landscape-scale forest loss as a catalyst of population and biodiversity change" im Magazin Science erschienen.

6 Kommentare

Eulenspiegel vor 6 Wochen

Also ich denke da zum Beispiel an Heidelandschaften. Die sind ja auch zumindest zum Teil durch menschlichen Eingriff entstandenen. Nämlich durch die Überweidung durch Schafe.
Aber das Problem ist und bleibt der Mensch und sein Handeln. Für die Wissenschaft ist es jetzt rund ein halbes Jahrhundert klar das der Mensch da etwas verändert hat. Und die Folgen nennen wir Klimawandel. Und jetzt muss die Menschheit sich beeilen das aus dem Klimawandel keine Klimakatastrophe wird.

Eulenspiegel vor 6 Wochen

„Die Natur ist kompliziert. Dabei - denkt man - könnte es doch so klar sein: Wald weg! Tiere und Pflanzen weg! „
Ich denke das ist tröstlich das die Natur auch ohne Wald da sein kann. Die Betonung liegt auf kann. Denn wir müssen uns darauf einstellen das die Wälder in Europa weitgehend verschwinden werden.
Eine Klimaverschlechterung bedeutet das auf jeden Fall.
Ich denk die Welt wird in 30 Jahren völlig anders aussehen. Wollen wir hoffen das sie dann noch lebenswert ist.

MDR-Team vor 6 Wochen

@harzer, pauschale Behauptungen wie "Sie werden von den Jungen Leuten gewählt, die sich keinen Kopf über unseren Wald machen!" bringen uns in einer konstruktiven Diskussion nicht weiter. Auch, dass der Borkenkäfer nicht bekämpft wird, wenn er gefährlich wird, stimmt so nicht: https://www.mdr.de/mdr-thueringen/th-redakteur-borkenkaefer-bekaempfen-100.html