Eisheilige Trotz Hitze in diesem Jahr: Die Jahrhunderte alte Bauernregel funktioniert immer noch (oft)

Schon unsere Urahnen wussten, dass nach den ersten warmen Tagen oft eine starke Abkühlung im Mai kommt. Können diese "Eisheiligen" auch dem Klimawandel standhalten? Die Daten sagen: Ja. In letzter Zeit sogar sehr oft.

Gras mit Frost
Nachtfrost Mitte Mai: Das sind die Eisheiligen. Auch in Zeiten des Klimawandels haben die alten Bauernregeln dazu noch ihre Berechtigung - wenn auch nicht in diesem Jahr. Bildrechte: Laura Becker

"Vor Nachtfrost du nie sicher bist, bis Sophie vorüber ist."
Das ist nur eine der vielen inhaltlich ähnlichen Bauernregeln, die im Laufe früherer Jahrhunderte formuliert wurden. Sophie (nach der frühchristlichen Märtyrerin Sophia von Rom) bildet mit ihrem Gedenktag am 15. Mai den Abschluss der fünf Eisheiligen-Tage. Die vier Tage vorher sind ebenfalls nach Heiligen benannt: Mamertus, Pankratius, Servatius und Bonifatius. So weit zur christlichen Vorgeschichte dieser Tage.

Für die Bauern früher bedeutete dieser Zeitraum oft ein Dilemma. Wer schon vorher gesät oder gepflanzt hatte, konnte in jenen Maitagen oft von Nachtfrost überrascht werden, was die Pflanzen zerstören konnte. Wer lieber bis nach den Eisheiligen wartete, fuhr aber nur eine recht geringe Ernte ein.

Mutmaßlich liegen die Ursprünge der Bauernregeln in einer sehr kalten Periode des Mittelalters, der sogenannten "Kleinen Eiszeit". Da stellt sich natürlich die Frage, ob man die Eisheiligen auch heute noch oft antrifft, trotz der globalen Erwärmung. Wir tauchen dafür in Daten aus mehr als 100 Jahren ein, die der Deutsche Wetterdienst offen zur Verfügung stellt. Um möglichst weit in die Vergangenheit schauen zu können, haben wir die Wetterstation Potsdam ausgewählt. Sie hat seit 1893 ununterbrochen Daten geliefert.

Sind die Eisheiligen die kältesten Tage im Mai?

Wer glaubt, dass die Eisheiligen sehr oft die kältesten fünf zusammenhängenden Tage im Mai sind, irrt sich. Nur fünfmal in 129 Jahren waren sie das. Auch mit den Fünf-Tages-Zeiträumen "drum herum" lässt sich keine Mehrheit erzielen. Unangefochtene Spitzenreiter bei den kältesten fünf zusammenhängenden Tagen im Mai sind gleich die ersten, vom 1. bis zum 5., was ja alles andere als unlogisch ist.

Aber das spricht noch nicht gegen die Eisheiligen-Bauernregeln. Die besagen ja vor allem, dass es noch einmal eine starke Abkühlung gibt. Schauen wir deshalb, wie oft seit 1893 die fünf Eisheiligen-Tage kälter waren als die fünf Tage direkt davor, wie oft es also eine Abkühlung gab und wie stark diese im Durchschnitt war. Lesehilfe zum folgenden Diagramm: Je mehr rote Balken nach unten zeigen und je länger sie sind, umso mehr spricht das für die Eisheiligen.

Siehe da: Immerhin in 56 von 129 Jahren (43,4 Prozent) waren die Eisheiligen-Tage kälter als die fünf Tage davor, oft genug auch deutlich kälter. Wenn man bedenkt, dass es im Frühling eigentlich normalerweise (bzw. durchschnittlich) immer etwas wärmer wird, ist das schon ein beachtlicher Wert.
Und wenn man sich die Mühe macht und im Diagramm nur die Balken ab dem Jahr 2000 zählt, kommt man sogar zur Erkenntnis: In fast zwei Drittel aller 2000er-Jahre (14 von 22) war es an den Eisheiligen-Tagen kälter als an den fünf Tagen zuvor – zuletzt gab es 2020 einen recht heftigen Temperatursturz.

Durchschnittstemperaturen seit 1893

Sieht man dann vielleicht sogar im langjährigen Temperaturmittel seit 1893 einen Einbruch zum Eisheiligen-Termin? Nein, diese Kurven für sich allein sprechen eher gegen die Bauernregel. Die Temperaturen kletterten im Durchschnitt recht konstant Anfang bis Ende Mai.

Interessant wird es aber, wenn wir zwei Teilzeiträume dieser 129 Jahre miteinander vergleichen, nämlich die beiden längst möglichen genau einhundert Jahre auseinanderliegenden, also 1893 bis 1921 und 1993 bis 2021. Man stellt zweierlei fest: Erstens ist es im Mai heutzutage insgesamt deutlich wärmer als 100 Jahre zuvor. Und zweitens gab es in den vergangenen 29 Jahren einen ganz deutlichen Eisheiligen-Knick in den Temperaturkurven.
Mit anderen Worten: Die Eisheiligen kommen in der Moderne wieder häufiger vor als vor 100 Jahren.

Nachtfrost

Um allerdings die ursprüngliche Aussage der Eisheiligen-Bauernregeln zu überprüfen, in der es ja um (Nacht-)Frost geht, sollten wir in Zeiten des Klimawandels wohl besser das Flachland verlassen. Schauen wir deshalb nach Carlsfeld, einen kleinen Ort in Sachsen bei Eibenstock. Dort gibt es eine DWD-Wetterstation in 895 Metern Höhe. Und die hat in den 2000er-Jahren mehrfach ziemlich genau das aufgezeichnet, was die Jahrhunderte alten Bauernregeln sagen, zum Beispiel:
Vor Bonifaz kein Sommer, nach der Sophie kein Frost.

Natürlich gibt es auch andere Jahre, in denen die Eisheiligen mehr oder weniger ausfallen. Dennoch lässt sich in ganz Mitteldeutschland seit 1990 die Tendenz feststellen, dass die Eisheiligen recht häufig und recht pünktlich eintreffen, oft genug mit Nachtfrost, zumindest in Höhenlagen.

Wir vergleichen dafür die durchschnittlichen Tiefsttemperaturen fünf Zentimeter über dem Boden an drei verschiedenen DWD-Messstationsstandorten: dem schon angesprochenen Carlsfeld in Sachsen (895 Meter Höhe), Schierke in Sachsen-Anhalt (609 Meter) und Meiningen in Thüringen (450 Meter).

Ein typischer Mai der vergangenen 32 Jahre sieht also so aus: Erwärmung bis ungefähr zum 10. Mai, dann deutliche Abkühlung bis zum 15. Mai, dann wieder Erwärmung. Und genau das sagen die Eisheiligen-Bauernregeln, die also offenbar heute sogar wieder häufiger der Wahrheit entsprechen als zum Beispiel noch vor 100 Jahren.

In diesem Jahr hatten die Wettermodelle noch bis kurz zuvor auch einen Temperatursturz angekündigt. Doch der ist ausgeblieben. Bis Sonntag freundlich und warm, prognostiziert das MDR Wetter. Erst am Montag und Dienstag möglicherweise unbeständiger mit Schauern und einzelnen Gewittern. Die Landwirte (und alle Gärtnerinnen und Gärtner) würden aufatmen!

(rr)

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