Als Brücken-Energie wegen Ukraine-Krieg Kontroverse Diskussion: Ist ein Weiterbetrieb von Atomkraftwerken sicher und sinnvoll?

Die Bundesregierung schließt einen Weiterbetrieb der drei letzten AKW in Deutschland nicht mehr aus – damit Energieprobleme im Winter verringert werden können. Laut Experten wäre das technisch möglich und relativ sicher. Das Einsparpotential sei jedoch gering, gegen hohe Preise nütze der Weiterbetrieb nichts.

Das Kernkraftwerk Isar
Das Kernkraftwerk Isar in Bayern. Wie die anderen beiden verbliebenen AKW in Deutschland wird es Ende 2022 abgeschaltet - oder doch nicht? Bildrechte: IMAGO / Sven Simon

Bisher war das von Robert Habeck (Grüne) geführte Bundeswirtschaftsministerium gegen eine Laufzeitverlängerung der drei verbliebenen deutschen Kernkraftwerke, die alle zum Jahresende 2022 abgeschaltet werden sollen. Doch nun bröckelt bei den Grünen der Widerstand gegen die Verlängerung – einschließlich beim Bundeswirtschaftsminister. Der TÜV hält sogar eine Wiederinbetriebnahme der stillgelegten Atomkraftwerke Brokdorf, Grohnde und Gundremmingen C sicherheitstechnisch für machbar, wie Geschäftsführer Jochen Bühler gegenüber der "Bild"-Zeitung äußerte. Was sagen Wissenschaftler zu diesem kontroversen Thema?

Auch europäischer Kontext sollte mitbedacht werden

Eine der Möglichkeiten der Verlängerung ist dabei der sogenannte Streckbetrieb, bei dem die in den Anlagen verfügbaren Brennelemente länger genutzt werden. Dies sei laut Prof. Manfred Fischedick vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie technisch überhaupt kein Problem, aber letztlich könnte man die AKW so nur ein paar Monate länger laufen lassen und die Anlagen könnten vorher auch nur weniger stark ausgelastet werden. Das insgesamt zu erreichende Einsparpotential bei einem Streckbetrieb liege bei rund einem Prozent des deutschen Erdgasbedarfs, erklärt der Experte.

Letztlich sei die Frage der Laufzeitverlängerung aber nicht nur eine technische: "Sie ist auch nicht nur abhängig von der Frage, ob genügend Betriebspersonal zur Verfügung steht und Anpassungen der gesetzlichen Rahmenbedingungen kurzfristig möglich sowie Haftungsfragen zu klären sind. Sondern die Frage erfordert auch eine politische Güterabwägung, insbesondere im europäischen Kontext." Denn in den Niederlanden wird aktuell die Frage diskutiert, ob eine Steigerung der Erdgasförderung rund um Groningen in Anbetracht von Erdbebengefahren dennoch möglich sei. Genauso gewissenhaft müsse eine Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken in Deutschland geprüft werden, meint Prof. Fischedick.

Zwischen "Salamitaktik" und "Gamechanger"-Diskussion

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Kemferts Klima-Podcast 29 min
Bildrechte: MDR / Oliver Betke

Sein Kollege Prof. Christian Rehtanz von der TU Dortmund betont, dass Sparen zwar im gesamten Energiebereich notwendig sei: "Nachdem die bisher politisch gesetzte Gasbrücke für die Energiewende nicht mehr gegeben ist, kann nun der Weiterbetrieb der Kernkraftwerke zur Versorgungssicherheit, CO2-Neutralität und so weiter beitragen." Dabei sollte die maximale Laufzeit sicher über die Krise leiten und bis zum Erschließen anderer Energiequellen reichen – wie zum Beispiel einem weltweiten grünen Wasserstoffmarkt, der aber noch ein paar Jahre dauern wird.

Laut Prof. Dr. Sascha Gentes, der am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) arbeitet, sprächen sogar aktuell alle sachlichen Argumente für eine zeitlich befristete Laufzeitverlängerung. Der Wissenschaftler hält den "Luxus", die drei Kernkraftwerke, die allen Sicherheitsstandards entsprechen, ohne Not abzuschalten, für "unverantwortlich". Das Stammpersonal sei noch da und auch die nötigen Brennelemente könne man noch besorgen. "Laufzeitverlängerung für ein Jahr befristet!", fordert Prof. Gentes. Sein Kollege Prof. Bruno Burger vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) in Freiburg hätte zudem eine "Salami-Taktik" bei der Abschaltung der AKW für sinnvoller gehalten – also pro Jahr nur ein Kernkraftwerk abzuschalten statt drei auf einmal.

Anderer Meinung ist dagegen Prof. Andreas Löschel, für den zu viel Aufmerksamkeit auf die Diskussion über die Kernenergie verwendet werde. Für den Forscher von der Ruhr-Universität Bochum wäre eine massive Senkung der Gasnachfrage deutlich wichtiger, ein Weiterbetrieb der AKW hält er nicht für einen "Game-Changer". Und auch bei den Problemen mit hohem Strompreisen könnte die Atomkraft kaum helfen, da einzelne Preisspitzen, wie sie derzeit auftreten, besser durch flexible Gas- und Kohlekraftwerke kompensiert werden könnten.

Einen großen Preisrückgang darf man sich durch eine Laufzeitverlängerung also nicht versprechen. Außerdem rettet uns die Atomkraft nicht vorm Frieren.

Prof. Andreas Löschel, Ruhr-Universität Bochum

Viele Gaskraftwerke produzieren neben Strom außerdem auch Wärme, so Löschel weiter. "Die Kernkraftwerke tun das nicht. Wir könnten durch sie höchstens das Gas einsparen, das sonst für die Stromproduktion verbraucht wird. Viel wäre das wahrscheinlich aber nicht."

Atom ist eine Gespensterdebatte

Energie-Expertin Prof. Claudia Kemfert ist gegen einen "Streckbetrieb" für die deutschen Atomkraftwerke. Im Klima-Podcast von MDR AKTUELL sagte sie, "der Streckbetrieb nützt uns nichts, weil wir nicht mehr Strom produzieren." Wenn es wirklich darum ginge, mehr Gas einzusparen, müsse man mehr Strom produzieren, so wie man das jetzt bei der Kohle mache. Außerdem stünden Aufwand und Ertrag in keinem Verhältnis, weil das Atomgesetz geändert werden müsse. "Die Betriebsgenehmigungen sind erloschen. Auch im Streckbetrieb müssen wir Prüfungen vornehmen. Und diese betriebsbedingten Prüfungen sind 13 Jahre nicht erfolgt. Sie sind auch 2019 deswegen nicht gemacht worden, weil die Anlagen Ende des Jahres vom Netz gehen", sagte Kemfert. Grundsätzlich sieht Kemfert im Atom-Streit "eine politische Gespensterdebatte". Seit 20 Jahren seien es immer diese Debatten über vergangene Techniken, die uns dann am Ende aufhielten und uns nicht weiterbrächten. Es laufe eine orchestrierte Kampagne pro Atom, die nicht totzukriegen sei. Stattdessen sei auffällig, dass keiner über erneuerbare Energien rede.

cdi/smc

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