Straßenbahn vor dem Leipziger Hauptbahnhof zu DDR-Zeiten.
Tatra-Straßenbahnen vor dem Leipziger Hauptbahnhof in den 1970er-Jahren. Bildrechte: imago/imagebroker

Vor 50 Jahren erstmals im Einsatz Tatra-Straßenbahnen in Leipzig

In fast allen sozialistischen Ländern kamen die mittlerweile legendären Tatra-Straßenbahnen aus der ČSSR zum Einsatz. Auch in der DDR. In Leipzig verkehrte am 14. Februar 1969 erstmals eine Tatra-Straßenbahn im Liniendienst. Die Tatra-Bahnen waren aus dem Stadtbild gar nicht mehr wegzudenken. Und fahren bis zum heutigen Tag.

Straßenbahn vor dem Leipziger Hauptbahnhof zu DDR-Zeiten.
Tatra-Straßenbahnen vor dem Leipziger Hauptbahnhof in den 1970er-Jahren. Bildrechte: imago/imagebroker

Thomas Kleine war Straßenbahnfahrer in Leipzig. Auch im Herbst 1989 steuerte er seine Tatra-Straßenbahn durch die Messestadt. Am 2. Oktober erhielt er vom Fahrdienstleiter einen Tipp für den Fall, dass er in eine Demo hineingerät. "Da muss man doch nicht stehenbleiben. Da klingelt man und fährt weiter. Die Leute springen schon beiseite. Und wenn mal doch einer nicht springt, dann hat er Pech gehabt, er braucht ja nicht zu demonstrieren." Doch Thomas Kleine stoppte und machte die Türen auf, damit die Fahrgäste aussteigen konnten. Haltestelle Montagsdemo, gewissermaßen. Thomas Kleine blieb mit seiner Straßenbahn inmitten der Demonstranten stehen, so dass sich auf dem Ring schnell die Straßenbahnen stauten.

Thomas Kleine 1 min
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Tatra-Straßenbahnen gehörten zum Stadtbild

Die Tatra-Straßenbahnen gehörten damals zum Stadtbild Leipzigs. Sie waren daraus gar nicht wegzudenken. Genauso wie in anderen Städten der DDR spielten sie auch in Leipzig die entscheidende Rolle im öffentlichen Personennahverkehr. Tatra-Straßenbahnen verkehrten eigentlich auf fast allen Linien der Messestadt.

Eine Tatra-Straßenbahn fährt auf einer verschneiten Straße in Charkiw
Auch in vielen Städten der UdSSR verkehrten Tatra-Straßenbahnen. Die meisten der als robust geltenden Bahnen sind nach wie vor im Einsatz - wie hier 2016 eine T3 im verschneiten Charkiw, der nach Kiew zweitgrößten Stadt der Ukraine.
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Tatra-Straßenbahnen für die DDR

1968 wurden die ersten Tatra-Straßenbahnen aus der ČSSR in die DDR geliefert - nach Dresden, Halle, Magdeburg, Leipzig und Karl-Marx-Stadt. Es waren sowohl Tatras vom Typ T3 als auch vom beinahe baugleichen Typ T4D, die lediglich 30 Zentimeter schmaler waren. Diese schmaleren Bahnen hatten die meisten DDR-Verkehrsbetriebe geordert, weil ihnen die T3 schlicht zu breit waren. Anschließend wurden die Tatra-Straßenbahnen wochenlang erprobt und für den Einsatz in den jeweiligen Städten vorbereitet. Im Lauf der Jahre kamen in 14 Städten der DDR Straßenbahnen aus dem sozialistischen Bruderland zum Einsatz.

Tatra-Jubiläen in Chemnitz und Magdeburg Auch in Chemnitz und Magdeburg werden in diesem Frühjahr Tatra-Jubiläen gefeiert. Im damaligen Karl-Marx-Stadt verkehrte die erste Tatra-Straßenbahn am 25. Februar 1969 auf der Linie 51. In Magdeburg wurde die erste Tatra-Straßenbahn am 20. April 1969 im Liniendienst eingesetzt. Die Begeisterung der Magdebuger über die neuen Straßenbahnen soll riesig gewesen sein. 1978 besaßen die Magdeburger Verkehrsbetriebe einen lupenreinen Tatra-Wagenpark. Das war einmalig in der DDR. Im Januar 2013 endete die Ära der Tatra-Bahnen in Magdeburg, in Chemnitz wird in diesem Jahr die letzte Tatra-Straßenbahn im Liniendienst unterwegs sein.

"Dubčeks Rache"

Straßenbahn mit Trabbi zu Wendezeiten.
Tatra-Straßenbahnen in Leipzig. Bildrechte: imago/Heiko Feddersen

Es war der 14. Februar 1969, als erstmals eine Tatra-Straßenbahn im Liniendienst durch Leipzig fuhr. Es handelte sich um einen Triebwagen ohne Anhänger. Zwei Wochen später, Ende Februar 1969, kam die erste Straßenbahn mit Anhänger in der Messestadt zum Einsatz. Bei aller Freude über die neuen leistungsstarken Bahnen aus der tschechoslowakischen Hauptstadt Prag - die Tatras waren sogenannte Hochflurwagen. Die Fahrgäste mussten in ihre neue Straßenbahn drei Stufen hinaufsteigen, insgesamt immerhin 90 Zentimeter. Für ältere Fahrgäste durchaus beschwerlich. Als Sitze dienten schmale Plastikschalen. Die "Tatras" galten als störanfällig. Ständig kamen Monteure aus Prag zu Reparaturarbeiten angereist. "Dubčeks Rache" sollen die Leipziger die neuen Straßenbahnen damals getauft haben. Dennoch: Insgesamt orderten die Leipziger Verkehrsbetriebe (LVB) zwischen 1969 und 1986 insgesamt 598 Triebwagen und 273 Anhänger. In Leipzig verkehrten damit so viele Tatra-Straßenbahnen wie in keiner anderen Stadt der DDR. Allerdings gab es zu den Tatra-Straßenbahnen auch keine Alternative.

Straßenbahnen aus Prag für die sozialistischen Staaten

Tatra-Straßenbahn in Dresden
Tatra-Straßenbahn in Dresden. Bildrechte: IMAGO

Im Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW), dem Wirtschaftsbündnis der sozialistischen Staaten, galt das Prinzip der Arbeitsteilung und Spezialisierung, um Parallelproduktionen zu verhindern. Ungarn etwa lieferte seine "Ikarus"-Busse in sämtliche RGW-Staaten, die UdSSR war für die Produktion großer Diesellokomotiven, Flugzeuge und Traktoren verantwortlich, die DDR fertigte Fischverarbeitungsschiffe, Werkzeugmaschinen und Computer, Rumänien Diesellokomotiven. Und die ČSSR ihrerseits war für die Produktion von Straßenbahnen verantwortlich. Den anderen RGW-Staaten war die Produktion von Straßenbahnen mehr oder weniger untersagt. Und so ruckelten die Tatra-Bahnen ab Mitte der 1960er-Jahre durch die Städte der Sowjetunion, Rumäniens, Jugoslawiens, Ungarns, der ČSSR und der DDR.

Meistproduzierte Straßenbahn der Welt

Straßenbahn
Tatra-Straßenbahn in Prag. Bildrechte: dpa

Die Tatra-Straßenbahn vom Typ T3 gilt mittlerweile als die meistproduzierte weltweit. Die T3 wurden im Auftrag des RGW ab 1960 von zwei Prager Fabriken entwickelt und hergestellt: von Tatra Smichow und ČKD Praha. Insgesamt stellten die Firmen von 1962 bis 1997 insgesamt 14.000 Stück her und exportierten sie in die Länder des Ostens. Tatra-Straßenbahnen, teils modifiziert und weiterentwickelt, verkehrten und verkehren in Zagreb ebenso wie in Riga, Moskau, Sarajevo, Brno oder Budapest. Und natürlich fahren sie noch immer durch die Straßen Prags. Die T3 hat in vielen Ländern längst Kultstatus erreicht.

Auslaufmodell

Der Demonstrationszug am 10.10.1989 durch die Leipziger Innenstadt.
Vor lauter Demonstranten fast nicht mehr zu erkennen: Eine Tatra-Straßenbahn (am rechten oberen Bildrand) am 10. Oktober 1989 vor dem Leipziger Hauptbahnhof. Bildrechte: dpa

Die Straßenbahnen aus Prag drehten auch nach dem Ende der DDR ihre Runden durch Leipzig. Von 1991 an wurden sie freilich teils aufwendig modernisiert, teils aber auch verschrottet oder verkauft, etwa in die koreanische Hauptstadt Pjöngjang, nach Bulgarien und Rumänien. Nur noch bis 2020 sollen die guten alten Tatra-Straßenbahnen im Linienverkehr in Leipzig unterwegs sein. Danach wird es sie nur noch im Museum oder auf alten Fotos geben: Tatra-Straßenbahnen vor dem Hauptbahnhof, vor dem Neuen Rathaus oder inmitten Tausender Montagsdemonstranten auf dem Leipziger Ring im Herbst 1989.

(Quellen: Das Wunder von Leipzig, MDR 2009; Nedad Memic, Die populärste Tram der Welt, 22.11.2016, derstandard.at; 50 Jahre Tatra-Straßenbahn, www.industriekultur-leipzig.de; Rolf-Roland Scholze, Die Leipziger Straßenbahnen in den 60er und 70er-Jahren, Sutton Verlag 2010; www.strassenbahnen-online.de/tatra/t4)

(SL)

Über dieses Thema berichtete der MDR im TV in "Umschau" 12.07.2016 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. Februar 2019, 17:33 Uhr

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