Teasergrafik Altpapier vom 12. Juni 2019: Big Brother Award
Bildrechte: dpa / MEDIEN360G

Das Altpapier am 12. Juni 2019 Die Big Brother-Awards sind keine Sat.1-Show

Was für eine gute Nachricht: Mediensolidarität wirkt sogar da, wo es kaum jemand erwartete. Was für eine triste Nachricht: Die bekannteste Zeitung der Welt verzichtet auf eine der eingängigsten visuellen Mediengattungen. Außerdem: eine aufschlussreiche Negativpreis-Vergabe, ein einst wichtiger privater Fernsehsender im Wandel der Zeiten. Ein Altpapier von Christian Bartels.

Teasergrafik Altpapier vom 12. Juni 2019: Big Brother Award
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Gelegenheiten, mal mit einer uneingeschränkt positiven Meldung einzusteigen, müssen selbstverständlich genutzt werden. "Mediensolidarität", wie der Standard sie gegenüber Iwan Golunow konstatierte, wirkt. Überraschend schnell im Vergleich mit unzähligen vergleichbaren Fällen weltweit wurde der am Donnerstag verhaftete russische Journalisten nicht nur freigelassen, sondern es wurden sogar "alle Anschuldigungen gegen ihn ... mangels Beweisen fallengelassen". Dabei zählt Aufrechterhalten von Bedrohungspotenzial eigentlich ja zu den bewährten Einschüchterungsmitteln in autokratisch regierten Staaten.

Die schöne Geschichte mit den, außer was die Farbgebung des Personalpronomens angeht, identischen Schlagzeilen dreier von einander unabhängiger russischer Tageszeitungen griffen und greifen viele internationale Medien auf.

Klicken Sie zu "Ivan Golunov goes free" auf meduza.io, dem Portal, für das Golunow arbeitet. Dass "die Zeitungen innerhalb kurzer Zeit ausverkauft waren und nun auf Onlineportalen für mehrere hundert Euro angeboten werden", berichtet Silke Bigalke auf der SZ-Medienseite. Die Historizität dieser laufenden Ereignisse betont der Sankt Petersburger Korrespondent Maxim Kireev bei zeit.de ("Und selbst die notorischen Propagandistinnen des Kreml nutzen ihre Sendezeit plötzlich, um den Kollegen zu unterstützen. Dazu gehören die Moderatorin Olga Skabejewa, die einst Hajo Seppelt wegen seiner Recherchen zum Staatsdoping der Russlandfeindlichkeit bezichtigte, und Margarita Simonjan, die Chefin des berüchtigten Auslandssenders Russia Today"). Wenn soviel Solidarität wiederum Skepsis weckt und zur Folgerung "Wladimir Putin ist offensichtlich ein überraschender PR-Coup gelungen" führt (Pavel Lokshin, welt.de), ist das vermutlich auch kein Wunder. Jedenfalls hat "der Fall Golunow alles zum Kochen" gebracht, was in Russland so bisher nicht gekocht hatte, wie das bei Russland-Berichterstattung stets zu empfehlende Portal dekoder.org übersetzt.

Die Zukunft der Zeitungs-Karikaturen

Uneingeschränkt negative Meldungen aus der Welt der Medien gibt es natürlich auch.

"Karikaturen wirken, zumindest wenn sie nicht geglückt sind", hieß es im Mai 2018 hier, als die Süddeutsche Zeitung sich gerade von ihrem jahrzehntelangen Karikaturisten Dieter Hanitzsch getrennt hatte – "wegen einer als antisemitisch kritisierten Karikatur". Nun hat die internationale Ausgabe der bekanntesten Zeitung der Welt, der New York Times, sich nicht bloß von ihren beiden Karikaturisten, Patrick Chappatte and Heng Kim Song getrennt, sondern schlechthin die Mediengattung Karikatur aufgegeben. Und das mit Formulierungen ("very grateful for and proud of ..."), die vermutlich sogar der Presseabteilung des Funke-Verlags in solchem Zusammenhang zu dröhnend-doof geklungen hätten . Der Grund: wiederum eine als antisemitisch kritisierte Karikatur – die allerdings weder Chappatte noch Song gezeichnet hatten,sondern die als lizenziertes Bild aus Portugal in die NYT geraten war.

"That’s a lot of years of work undone by a single cartoon - not even mine - that should never have run in the best newspaper of the world", leitet Chappatte einen sehr lesenswerten Text dazu in seinem Internetauftritt chappatte.com ein (der auf der Startseite übrigens eine Menge guter tagesaktueller Karikaturen bietet, sowie hunderte im Archiv, darunter allerhand zum Thema Deutschland). Nicht überraschend, bricht der Schweizer eine Lanze für seine Kunstform ("If cartoons are a prime target it’s because of their nature and exposure: they are an encapsulated opinion, a visual shortcut with an unmatched capacity to touch the mind"). Dann äußert er die Befürchtung, dass es in diesem Fall nicht um Karikaturen geht, sondern "about journalism and opinion in general":

"... The New York Times was one of the last venues for international political cartooning - for a U.S. newspaper aiming to have a meaningful impact worldwide, it made sense. Cartoons can jump over borders. Who will show the emperor Erdogan that he has no clothes, when Turkish cartoonists can’t do it ? – one of them, our friend Musa Kart, is now in jail. Cartoonists from Venezuela, Nicaragua and Russia were forced into exile. Over the last years, some of the very best cartoonists in the U.S., like Nick Anderson and Rob Rogers, lost their positions because their publishers found their work too critical of Trump. Maybe we should start worrying. And pushing back. Political cartoons were born with democracy. And they are challenged when freedom is."

Mindestens hoch paradox angesichts des überall immerzu erkannten "Visual Turn" (also des Bedeutungsgewinns von Bildern gegenüber schriftlichen Texten) ist es in der Tat, wenn ausgerechnet die Zeitung mit dem größten grenzüberschreitenden Potenzial der Welt die einfachste und eingängste Form visueller Meinungsäußerung pauschal abschafft, statt durch sie möglichst viele Diskussionen anzuregen. Hoffentlich bekommt die NYT das in Form von Onlineabo-Kündigungen zu spüren.

"Was für eine triste Nachricht", kommentiert Rainer Stadler in der Neuen Zürcher Zeitung, die wie der Spiegel zu Chappattes Auftraggebern gehört. Die Süddeutsche, die Karikaturen ja nicht abgeschafft hat, sondern weiter täglich welche bringt, die halt bloß meist niemanden aufregen, hat zum Thema eine kleinere Online-Meldung.

Aufschlussreiche Negativpreis-Vergabe

Medienpreise bekommen im Regelfall Medien-Aufmerksamkeit, schon weil sie oft von und/ oder an Medien vergeben werden. Ein Preis, der im Regelfall wenig Aufmerksamkeit bekommt, wurde vergangene Woche wieder in Bielefeld vergeben. Außer bei netzpolitik.org und Digitalistan gab es kaum Berichte. Dabei verdienen die Big Brother Awards Beachtung.

Dieses Jahr vergab Digitalcourage e.V. welche unter anderem an eine Sprachanalyse-Software, die "Emotionsanalyse von Menschen, die eine Hotline anrufen", leisten kann, und an den hessischen Innenminister Peter Beuth (CDU). Der bekam einen für "Hessen-Data", den Kauf von Software der US-amerikanischen Firma Palantir, "die auch mit der CIA zusammenarbeitet" (und, ließe sich ergänzen: außer durch ihren Co-Gründer Peter Thiel auch durch einen Springer-Aufsichtsrat mit Deutschland verbunden ist). Es handelt sich also um einen Negativpreis. In der Kategorie "Verbraucherschutz" ging er an den oben erwähnten Internetauftritt zeit.de, und auch das verdient Beachtung.

Das beliebte Portal bekam ihn "für die Nutzung von Werbetrackern und Facebook Pixel. Dazu kommt  die Speicherung sensibler politischer Daten auf amerikanischen Google-Servern beim Projekt 'Deutschland spricht'". Allerdings verlinkt netzpolitik.org auch die Antwort im gelegentlich befüllten hauseigenen "Transparenzblog". Die Diskussionverläufe zwischen Digitalcourage e.V. und zeit.de-Chefredakteur Jochen Wegner spiegeln gut einige Pole, zwischen denen der deutsche Onlinejournalismus sich zurzeit bewegt. Und noch besser, freilich zeitaufwendiger, spiegelt sie auch das insgesamt 137-minütige Preisverleihungs-Video. Dort geht es (hierzu: ab 01:39) emotional her, wenn erst das, wie man wohl schreiben kann: Urgestein padeluun als Anti-Laudator auftritt und dann Wegner den Negativpreis mit paar Korrekturen an der scharfen Kritik beredt ("Es gibt edlere Finanzierungsmodelle als Werbung") annimmt. Seine performative Souveränität beim Umgang mit Kritik ist beste Giovanni-di-Lorenzo-Schule und könnte ihn für noch höhere Aufgaben empfehlen (die nicht unbedingt in einer Talkshow gemeinsam mit  Judith Rakers bestehen müssen). Padeluuns Rigorosität wiederum ("Digitalisierung first, Bedenken second", "Datenverbrecher von Facebook", "Geld und Seelen über den Teich zu werfen" ...) scheint gegenwärtig aus der Zeit gefallen. Was keineswegs unbedingt für die Gegenwart spricht ...

Sat.1 zwischen vorgestern und heute

War "Big Brother" nicht auch mal eine Sat.1-Show, oder bloß die "Promi"-Version? Jedenfalls taugt Sat.1, der früher nicht unbedeutende private Fernsehsender, als noch ein gutes Beispiel für Medien-Erscheinungen im dynamischen Wandel der Zeiten. Was die Zukunft angeht, so ist Sat.1 zumindest noch im Namen des Medienkonzerns enthalten, der am heutigen Mittwoch seine Hauptversammlung abhält. Im Vorfeld gab ProSiebenSat.1-Vorstandschef Max Conze Christian Meier von Springers Welt ein Interview, das zumindest schön zeigt,wie Conze tickt. Z.B., wenn er argumentiert:

"Mich stört aber die defätistische Behauptung, die deutsche Unterhaltungsbranche wäre am Ende und morgen wäre die Welt von Netflix beherrscht. Das ist Blödsinn. Allein ProSieben macht 33 Prozent mehr Eigenproduktionen als vor einem Jahr. Mehr digitale, weniger lineare Formate. Neulich haben wir Joko und Klaas 15 Minuten Zeit zur freien Verfügung gegeben, das haben 20 Prozent der deutschen Zuschauer gesehen. Die 14. Staffel von 'Germany’s Next Topmodel – by Heidi Klum' war die erfolgreichste Staffel seit 2011. Das Finale war auf allen Plattformen talk of nation."

Ob 15 Minuten ungewöhnliche "Risse in der Primetime" (Altpapier) oder 14 Staffeln ausgewalztes Mehr vom selben, es ist eben alles Programm. Künftige Inhalte des linearen Senders Sat.1 kommen im Gespräch natürlich nicht vor. Aber das Bundesverwaltungsgericht wird sich mit dem Sender, mit dem einst in Ludwigshafen die deutsche Privatfernsehgeschichte begann, befassen. Die Streitfrage, ob der damals bei der rheinland-pfälzischen Landeszentrale für Medien und Kommunikation lizenzierte Sender zur Neu-Lizenzierung zur Gemeinschafts-Landesmedienanstalt von Hamburg und Schleswig-Holstein wechseln durfte, hat also nach fast sieben Jahren die höchstrichterliche Ebene erklommen. Im Klage-Boot sitzen außer aus dem Rundfunkbeitrag finanzierten Medienwächtern auch privatwirtschaftliche Medienkonzerne, berichtet die Medienkorrespondenz:

"Dass die LMK vor das Bundesverwaltungsgericht zieht, darauf drängten dem Vernehmen nach auch Spiegel TV und der Burda-Konzern. Beide Unternehmen verbreiten bei Sat 1 Formate, die auf Sendeplätzen für unabhängige Drittanbieter ausgestrahlt werden. Einen Teil dieser Drittsendezeiten – die Sat 1 aufgrund einer Entscheidung der LMK bis zum Jahr 2022 ausstrahlen muss (und die der Sender in einem noch laufenden Gerichtsprozess anficht) – hat Alexander Kluges Produktionsfirma DCTP erhalten ..."

Wie das tief in der analogen Ära (in der selbst vorausschauendste Visionäre noch nicht hätten ahnen können, was für eine Rolle einmal so was wie Youtube spielen würde) aus Meinungsvielfalts-Gründen formulierte Drittsendezeiten-Gesetz heutzutage ausgelegt gehört, wird also irgendwann in Leipzig geklärt werden.

Ob das eine schlechte Nachricht ist, weil solange Kapazitäten der beteiligten Medienwächter für eine inhaltlich vorgestrige Sache gefesselt sind, oder aber eine gute (weil diese Fesselung verhindern dürfte, dass die Medienwächter die vorgestrigen Gesetze an anderen Stellen auf das Internet anzuwenden versuchen) – schwer zu sagen.

Altpapierkorb (Furcht und Glamour bei Dumont, CDU, "redaktionelle Gesellschaft", "Staatshumor"?)

+++ "Die Mitarbeiter der 'Mopo' befürchten, dass bei einem möglichen Verkauf der Zeitung die Printausgabe eingestellt wird und die 'Mopo' nur noch digital erscheint", sagte ein Vertreter der Gewerkschaft Verdi zu meedia.de. Da geht es um laufende Proteste bei der traditionsreichen Boulevardzeitung Hamburger Morgenpost. +++ Die, noch, zur Kölner Verlagsgruppe Dumont gehört – die am selben Abend, an dem die Big Brother-Awards vergeben wurde, ebenfalls Preise verlieh: den "DuMont Journalistenpreis", der sich "als Hommage an Kompetenz und Kreativität von Journalistinnen und Journalisten" (Kölner Stadtanzeiger) verstehe.

+++ Schadet auf einmal CDU-Mitgliedschaft Karrieren? Zumindest stehe der aktuelle Chef der (Nicht-Verdi-)Journalistengewerkschaft DJV, Frank Überall, wegen der seinen "unter Druck", will kress.de läuten gehört haben.

+++ Was es bald nicht mehr gibt: westline.de, "das Fußball-Magazin für Westfalen" im Internet. Es war "eben kein Hobby, sondern ein Medienunternehmen, das Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Autorinnen und Autoren bezahlen muss. Als rein werbefinanziertes Angebot reichten dafür die Erlöse zuletzt immer weniger aus".

+++ Erschütternd: was Mediapart, das ökonomisch funktionierende französische Onlinemagazin, über den Freitod des französischen Auslandsreporters Arnaud Dubus (auf Englisch) berichtete.

+++ "Neben Nicht-Journalisten will die" (von Cordt Schnibben geleitete) "Reporterfabrik auch Journalisten für eine redaktionelle Gesellschaft qualifizieren - was angesichts der manchmal reichlich unbedarften Berichterstattung über Rezos Video und andere Ereignisse aus der digitalen Welt dringend nötig scheint", meint Jana-Sophie Brüntjen in epd medien.

+++ Und falls wer einen so langen wie in alle Richtungen streitbaren Rant über deutsche Fernseh-Comedy lesen möchte: Bei heise.des Telepolis wäre Wolf Reisers "Hoch lebe der Staatshumor" zu haben.

Neues Altpapier gibt es wieder am Donnerstag!

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