Teasergrafik Altpapier vom 17. Juli 2019: Zwei Sessel mit Wahrsager-Kugel in der Mitte.
Bildrechte: MEDIEN360G / panthermedia

Das Altpapier am 17. Juli 2019 Was können die Talkshows dafür, dass sie so vorhersehbar sind?

Sie begleiten doch bloß die Regierungspolitik. Allerdings wirkt sich der Überdruss inzwischen auf die Einschaltquoten aus. Außerdem (breaking!): Eine Drittes-Programm-Quizshow soll eingestellt werden. Und in der Türkei wird ein symbolstarkes Gerichtsurteil gegen einen Reporter erwartet. Ein Altpapier von Christian Bartels.

Teasergrafik Altpapier vom 17. Juli 2019: Zwei Sessel mit Wahrsager-Kugel in der Mitte.
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Für Abo-Zeitungen, die nachts gedruckt und frühmorgens ausgetragen werden müssen, war es denkbar doof. Das lineare Fernsehen dagegen hätte es sich prickelnder nicht wünschen können: erst Ursula von der Leyens Herzschlag-Abstimmungssieg, besonders über die deutschen Abgeordneten, zur klassischen besten Sendezeit direkt vor "Tagesschau" und "Brennpunkt". Und zur zweiten Primetime (oder würden Fernsehfüchse "Second Prime" sagen?) dann noch die faustdicke, von keinem der zahlreichen Spatzen des Hauptstadtjournalismus zuvor von irgendeinem Dach gepfiffene Überraschung, dass die Vorsitzende der noch relativ größten Volkspartei neue Verteidigungsministerin wird.

Vielleicht beleben diese neuen Konstellationen ja ein in großer Breite notleidendes Fernseh-Genre: Die politischen Talkshows gingen mit der Plasberg-Sendung am Montag in ihre kleine Sommerpause, und dazu liegt eine ziemlich gute Analyse vor.

Junge, Restle, "der AfD keinen Raum"

Wobei sie zunächst einen kleinen Exkurs nötig macht. Bebildert ist der Tagesspiegel-Artikel mit dem AfD-Politiker Uwe Junge, bekannt besonders aus einer der jüngsten "hart aber fair"-Shows (Altpapier). "Höhepunkt? Tiefpunkt?..", fängt die Bildunterschrift darunter an.

Offenbar konnte Junge sich mit der gelassenen Interpretation, dass er nicht der "ausgemachte Brandstifter" ist, den Talkshows bräuchten, um die AfD so richtig entlarven zu können, nicht abfinden, und zündelte auf Twitter deutlicher als in Plasbergs Show, nachdem Georg Restle per "Tagesthemen"-Kommentar gefordert hatte, "der AfD keinen Raum, keine Bühne, keine Stimme geben". "Talkshow-Redaktionen sollten künftig darüber nachdenken, ob sie solchen Feinden der Meinungsfreiheit noch eine Bühne geben", unterstützt nun, nachdem er die weiteren, üblichen Eskalationen geschildert hat ("Ein Tweet widerlicher als der andere"), Hendrik Zörner im Blog der Journalistengewerkschaft DJV diese Position.

Hm. Gewerkschaften können sich aussuchen, wen sie aufnehmen. Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk sind alle Mitglied, weshalb auch allen nicht verbotenen großen Oppositionsparteien Raum gegeben werden muss, würde ich weiterhin sagen. Oder, wie es der keineswegs immer zustimmungspflichtige Jakob Augstein (im Interview mit Liane Bednarz) formuliert: "Ich bin Journalist, es ist mein Beruf, mit allen möglichen Leuten zu sprechen. Ich muss mit Rechten reden, wenn ich verstehen möchte, warum sie bei einem Teil der Wähler so gut ankommen." (Bloß darüber, ob hinter so einem knackig kurzen "Rechte" nicht immer noch Raum für ein "-radikale", "-extremisten" oder halt "-populisten" sein müsste, ließe sich streiten. Wenigstens, um die Grund- und Menschenrechte nicht zu diskriminieren, die ja auch "Rechte" heißen ...).

Allerdings: Niemand verpflichtet die Öffentlich-Rechtlichen, immerzu dieselben alten Formen der Auseinandersetzung zu wählen, die im Lauf der vielen Jahre, wenn "die Regelsendungen zur Dauerschleife geronnen sind", alle Seiten für sich analysieren können. Andere Formen könnten die Fronten und die Schärfe der Auseinandersetzung jenseits der Fernsehstudios vermutlich besser sichtbar machen. Womit wir wieder bei der guten Talkshow-Analyse des Tagesspiegel sind.

Die Talkshows als stehende Tümpel betrachtet

Joachim Huber steigt natürlich mit den Einschaltquoten ein. Die sind bei allen Polit-Talkshows im Schnitt um mehrere Hunderttausend Zuschauer gesunken, so wie die GfK sie misst. Dieser "Abschwung ... reflektiert zunächst die politische Wirklichkeit in Deutschland". Aufregungsanlässe wie die langwierige Bundesregierungs-Bildung 2017, den Aufstieg der AfD zur größten unter mehr Oppositionsparteien als bisher üblich und so weiter gab es in der Saison 2018/19 nicht. Was für die "scheinbar osmotische Abhängigkeit des Polittalks von der Politik" spricht, so Huber. Heißt: Das öffentlich-rechtliche Talkshow-Fernsehen pflegt halt zu begleiten, was die Bundesregierung so tut bzw. ihre prominenten Vertreter sagen, und befragt dazu dann auch die Opposition im Bundestag: niemanden so oft wie die sympathischen Grünen-Chefs, die anderen aber auch. Was können die Talkshows dafür, wenn es nicht aufregend genug zugeht, dass ihnen wieder mehr Menschen zugucken?

Huber weiß natürlich, was sie dafür können. "Das Talk-Biotop wirkt wie ein stehendes Gewässer, über das ein immergrauer Himmel gespannt ist", schreibt er, und hätte auch Ideen, was sich ohne viel Aufwand daran ändern ließe, zum Beispiel "Eins-zu-eins-Gespräche" statt "immer vier, fünf Menschen im Halbrund". Lesen Sie selbst (selber Link wie oben).

An dieser Stelle (im ARD-Verbund) auch noch wichtig: Im oben auszugsweise zitierten Satz steht "Abschwung für den Polittalk im Ersten Deutschen Fernsehen". Heißt: Im GfK-Vergleich verzeichnet Maybrit Illners ZDF-Show einen geringeren Quotenrückgang als all die ARD-Polittalksendungen (wobei die viertelpolitische Alles-Mögliche-Talkshow "Markus Lanz" im Tagesspiegel nicht vorkommt). Das macht die Entscheidung der ARD, ihr Hauptprogramm "Das Erste" ab Herbst mit noch mehr Getalke in den üblichen Schläuchen zu bereichern, umso, äh, sportlicher.

Programm-Reform (oder -Revolution?) beim Hessischen Rundfunk

Programmoptimierungs-Anstrengungen laufen immerzu überall, aktuell beim Hessischen Rundfunk im Radio (Altpapier gestern). Der da erwähnte, kämpferische Jochen-Hierber-Artikel aus der FAZ steht inzwischen frei online. Der epd hat die geplante "deutliche Reduzierung der Wortinhalte beim Radioprogramm HR2-Kultur" bestätigt bekommen.

Von einer umfassenderen, nicht allein das Radio betreffenden "Digital-First-Strategie" desselben HR berichtet dwdl.de:

"Was zunächst mal wie die üblichen Sonntagsreden seit vielen Jahren klingt ... gewinnt dadurch an Wucht, dass man beim HR auch klar benennt, dass es dazu nötig ist, Althergebrachtes wirklich über Bord zu werfen",

schreibt Uwe Mantel. Tatsächlich liegen aus der HR-Chefetage unter Intendant Manfred Krupp außer Sprechblasen à la Mark Zuckerberg ("noch stärker an den Bedürfnissen der Nutzerinnen und Nutzer orientieren ...") auch bemerkenswert unverblümte Äußerungen vor (Fernsehdirektorin Gabriele Holzner: "Wenn ich die Älteren im Blick habe, sammle ich in aller Regel die Jüngeren nicht ein, umgekehrt geht das dagegen schon"). Und außer Einsparungen beim "kulturellen Wort" im Radio sollen zur Reform auch im ARD-Verbund bemerkenswerte Schritte im Fernsehen gehören, etwa die Einstellung einer Drittes-Programm-Quizshow (des "hessenquiz") zum Jahresende! Überdies wolle der Hessische Rundfunk

"mit anderen ARD-Häusern über mögliche Kooperationen reden. Der HR bringt hier eine 'Zusammenschaltung von Sendestrecken' zu Randzeiten ins Gespräch. Tatsächlich stellt sich ja schon lange die Frage, ob jedes Dritte ein 24-Stunden-Programm mit Inhalten, die über weite Strecken gar nicht regional sind, bestreiten und dieses deutschlandweit verbreiten muss."

Bzw. erzeugen ganz besonders die in immer mindestens einem Dritten laufenden Wiederholungen jüngerer "Tatort"-Folgen oder Degeto-Filme (neben den notorischen Quizshows mit preiswertem Regionalbezug ...) ohne Not den Eindruck, öffentlich-rechtliches Fernsehen sei so austausch- wie verwechselbar. Insofern darf man auf die Ideen des HR gespannt sein.

Weiterhin finster: die Türkei

Harter Schnitt. Schauplatz Türkei. Dass der Strafprozess gegen Deniz Yücel zunächst weitergeht, also noch weiter, klingt erst mal gleichgültig. Er wurde wieder vertagt, weil Aussagen, die Deniz Yücel vor dem Amtsgericht Berlin-Tiergarten machte, noch nicht ordnungsgemäß in der Türkei eingetroffen sind. Zum Glück hat das Erdogan-Regime eben keinen Zugriff auf Yücel, und späte Gerechtigkeit, wie sie vielleicht dabei herauskäme, ist ja sowieso keine (wie der epd Yücel zitiert).

Doch geht am heutigen Mittwoch ("10 Uhr Ortszeit / 9 Uhr MESZ") auch der fast dreijährige Prozess gegen Erol Önderoglu vermutlich mit der Urteilsverkündung zuende. Und dieses Verfahren ist besonders symbolstark, schließlich ist Önderoglu der offizielle Vertreter der Reporter ohne Grenzen in der Türkei. Dazu hat Deutschlandfunks "@mediasres" mit Anne Renzenbrink eine deutsche ROG-Referentin befragt, die vom "unverminderten Druck, den Justiz und regierungsnahe Stellen in der Türkei auf Medienschaffende ausüben", spricht. Und Aufmacher der FAZ-Medienseite (45 Cent bei Blendle) ist heute ein neuer "Brief aus Istanbul" von Bülent Mumay (den das kürzlich erschienene Dossier der regimenahen Seta-Stiftung ausführlich erwähnte, vgl. tagesschau.de). "Sie werden in den Bus gezerrt und sind weg", heißt er, kreist um die sehr unterschiedlichen Rollen, die die Gülen-Bewegung spielte und spielt, und endet so:

"... Oder Musa Kart, der zahllose Karikaturen über Gülens Infiltrierung der Armee gezeichnet hatte – er sitzt jetzt in einer Gefängniszelle. Der Politiker dagegen, der sagte: 'Ich habe Gülen gegeben, was er verlangt hat', regiert die Türkei, seit mittlerweile siebzehn Jahren."


Altpapierkorb (Umgang mit AfD-Bildmaterial. Fernsehkabel-Monopolist Vodafone? Sky "unter  Druck"? Keine Zeitung mehr zum Kaffee)

+++ "Sorgen bereitet dem DJV Thüringen", also dem Landesverband der oben erwähnten Journalistengewerkschaft, "wie Redaktionen im Nachgang mit dem Filmverbot umgegangen sind", das die AfD bei ihrem "Kyffhäusertreffen" verhängte. "Dass eine demokratisch gewählte Partei die Instrumente der Demokratie, in dem Fall die Pressefreiheit, aktiv einschränkt, ist an sich schon kritikwürdig", und statt selbst gefilmten Bildmaterials dann solches der AfD zu verwenden und es bloß "unauffällig mit 'Quelle: Der Flügel'" zu kennzeichnen, ist es ebenfalls.

+++ Was noch die alte EU-Kommission, und zwar in Gestalt von Margrethe Vestager, in Kürze verkünden dürfte, ist schlecht für die deutsche Medienlandschaft, meint die Medienkorrespondenz (und meinte auch ich hier Ende 2018): Sie dürfte das Vodafone-Unitymedia-Geschäft, also die milliardenschwere Monopolisierung des deutschen Fernsehkabelmarktes, durchwinken. Offenbar sei es dem Konzern, womöglich auch dank des Vodafone Deutschland-Aufsichtsratmitglieds  Roland Koch (CDU), gelungen, "die von der Konkurrenz aufgeworfenen wettbewerbsrechtlichen Probleme kleinzureden".

+++Zum "Digital Services Act", der von der künftigen Kommission zu erwarten ist (Altpapier gestern), liegt jetzt auch eine SPON-Einschätzung vor.

+++ Auf der FAZ-Medienseite sieht Jörg Seewald "den Abosender Sky" bzw. dessen deutsche Dependance "zunehmend unter Druck" durch mehr Konkurrenz, immer teurere Fußballrechte und womöglich weniger Kunden. Der nicht mehr aus Unterföhring, sondern aus London bzw. vom neuen Eigentümer Comcast aus den USA gelenkte Sender baut hierzulande "weniger als zwanzig Stellen" oder auch "unter hundert" Stellen ab. +++ Außerdem gab's eine staatsanwaltschaftliche Durchsuchung bei Öko-Test, die nichts mit der gleichnamigen Zeitschrift zu tun habe, aber wohl mit Geschäften unter dem Dach der DDVG, also dem SPD-eigenen Medienunternehmen.

+++ Dass Sportrechte und -sender zu besitzen, sich weiterhin auszahlt, demonstriert gerade der US-amerikanische Medienkonzern Sinclair (Süddeutsche).

+++ "Wie Google mit kritischen Mitarbeiter*innen wie [Meredith] Whittaker und [Claire] Stapleton umgeht, ist entscheidend, weil es eine Botschaft sendet: Wer als Whistleblower die Strukturen und Entscheidungen des Konzerns kritisiert und auf ihre Veränderung hinwirkt, muss damit rechnen, abgestraft zu werden. Damit schadet der Konzern nicht nur seinem öffentlichen Image. Er untergräbt sich selbst ..." (Chris Köver bei netzpolitik.org).

+++ Falls jemand noch ausführlich mehr über Rundfunk-"Beitrag und Auftrag" lesen wollen sollte, wäre da meine (sogar zweiteilige) aktuelle evangelisch.de-Medienkolumne ...

+++ "Letztlich legen bald mehr Leute Vinylplatten auf und verzücken sich am Knistern der Schallplatten, als dass sie mit Zeitungen rascheln – selbst in der Heimatmetropole der 'New York Times'", schreibt Dirk Schümer in Springers Welt gelassen (KKR im Hinterkopf?), darüber, dass die Globalisierungsagenten von Starbucks in den USA keine Zeitungen mehr anbieten.

Neues Altpapier gibt's wieder am Donnerstag.

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