Flammen umgeben technische Medienabspielgeräte wie Fernseher, Radios, Tablets
Bildrechte: pixarbay / panthermedia / MEDIEN360G

Das Altpapier am 10. September 2019 Videos erwärmen das Klima

Und Backöfen über sogenannte Smart Speaker zu steuern, ist keineswegs klug. Warum wird inzwischen überall über Energieverbrauch und den ökologischen Fußabdruck geredet, nur bei Medienabspiel-Geräten kaum? In Berlin ist gerade wieder Funkausstellung ... Ein Altpapier von Christian Bartels.

Flammen umgeben technische Medienabspielgeräte wie Fernseher, Radios, Tablets
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Immer im ersten September-Drittel ist janz Balin auf der IFA. Gut, das war übertrieben, aber viele Menschen gehen doch zur Funkausstellung, und das nicht allein der duften Ereignisse wegen.

Es werden ja sogar medial wichtige Fragen dort verhandelt. So war Montag "Digitag", und die im Vorfeld (Tagesspiegel-Interview) geschickt geschürte Erwartung von Digitalradio-Aficionados wie Deutschlandradio-Intendant Stefan Raue, dass für den digitalen Radiostandard DAB+ nun aber wirklich der Knoten geplatzt sein müsste, hat sich erfüllt, zumal aus dem Blickwinkel der Aficionados.

Während unser MDR sich in seiner Pressemitteilung noch vergleichsweise zurückhält ("große Genugtuung", "... nimmt die Verbreitung von Digitalradios deutlich Fahrt auf"), hauen die Medienanstalten in ihrer ("Die Radiozukunft ist digital", "Radio goes digital"), die mit frisch ersonnenen Fachbegriffen wie "Netto-Digitalisierungsquote" argumentiert, schon kräftiger auf die Pauke. "Rekordzuwachs" und "Nase vorn" heißt's gar in der dpa-Meldung (digitalfernsehen.de). Und "digitale Audioangebote gehen durch die Decke", jubelt das Werber-Medium horizont.net. Das ist zwar nun wirklich übertrieben – allerdings werden da auch alle übers Internet übertragenen Audio-Inhalte, also Webradio und Musikstreaming, einbezogen. Genau das tun Digitalradio-Aficionados nicht.

Denn bis auf weiteres konkurrieren drei Radioübertragungs-Methoden miteinander: das digitale DAB+, das ebenfalls digitale Internet und die analoge Ultrakurzwelle. DAB+ ist "politisch gewollt", formuliert es vau.net, der Privatsender-Verband mit dem gewöhnungsbedürftigen Namen. So doll gewollt, dass die Politik sehr energische Schritte zu seiner tatsächlichen Durchsetzung unternahm, war er allerdings nie. Und Niedersachsens Groko will DAB+ seit Juni (Altpapier) gar nicht mehr. Das macht die Frage, welcher Standard sich eines Tages durchsetzen wird, spannend und die Aficionados immer ostentativ optimistisch.

Die eine Crux formuliert Michael Hanfeld in einem differenzierten Überblick auf der FAZ-Medienseite (€) so:

"Die Privatsender fürchten mit gutem Grund, dass die öffentlich-rechtlichen Anstalten die Lage nutzen, um die Kräfteverhältnisse auf dem Radiomarkt zu verschieben. Sechshundert Millionen Euro bekämen die ARD-Sender aus dem Rundfunkbeitrag, um den Umstieg bis 2025 zu bewältigen, vor allem den teuren Simulcast-Betrieb, bei dem Sender in der Zeit des Übergangs sowohl auf UKW als auch auf DAB+ zu empfangen sind."

Und ob dieser Übergang tatsächlich bis 2015 klappt, ist völlig ungewiss. Schließlich stehen in den deutschen Haushalten 127,7 Millionen UKW-Radios, die keineswegs häufig kaputtgehen. Die andere Crux könnte darin bestehen, dass, während alte Radio-Platzhirsche über die Kosten streiten, junge Menschen sich längst daran gewöhnt haben, alles, was sie hören, über Internetgeräte wie Smartphones zu hören, und überhaupt keine Radiogeräte mehr brauchen.

"Dieses Video wärmt das Klima: Sieh es dir an!"

Ansonsten wird auf der IFA auch "eine Menge Firlefanz" präsentiert, meint zumindest der WDR-Blog Digitalistan und hat da z.B. im Auge: einen

"Backofen, der mit Alexa verbunden war. 'Alexa: Sage Backofentür auf!', sollte man sagen, damit der Ofen die Türe aufschwingt. Von zehn Versuchen hat es zwei Mal geklappt. Und Zuklappen oder etwas anderes geht nicht per Sprachbefehl. Welch eine Erleichterung, oder?"

Der gemeinsame Nenner der ausgestellten Geräte besteht darin, dass sie Strom verbrauchen, und das nicht zu knapp. Für Medien-Abspielgeräte gilt das besonders. "Der ökologische Fußabdruck der elektronischen Medien wird immer tiefer", schreibt der Tagesspiegel. Autor Paul Gäbler hat viele Zahlen zusammengetragen, vom "berühmt berüchtigten Standby-Modus", in dem immer größere und meist unabschaltbare Fernsehgeräte sich befinden, wenn auf ihnen gerade nichts angeguckt wird ("ist weltweit für ein Prozent der CO2 Emissionen verantwortlich"), bis zu den Geräten, die klassischen Fernsehern den Rang ablaufen:

"Ein Prozent des gesamten, weltweiten Stromverbrauches entfällt vollständig auf das Anschauen von Videos. Dabei ist es gerade die jüngere Generationen, die am meisten Netflix, Youtube und andere Onlineformate konsumiert und somit den deutlichsten ökologischen Fußabdruck hinterlässt."

Da hat der Tsp. nicht nur die gestern hier erwähnte Studie "ARD/ZDF-Massenkommunikation Trends" zur Onlinevideo-Nutzung im Blick, sondern auch die Studie "Climate crisis: the unsustainable use of online video: Our new report on the environmental impact of ICT" einer französischen Denkfabrik. Die heißt "The Shift Project" und ist – paradox oder gerade nicht? – auch auf Youtube vertreten. Sogar einen grammatikalisch nicht ganz stimmigen, aber gut verständlichen deutschen Titel trägt ihr Onlinevideo bei Abrufen aus Deutschland:  "Dieses Video wärmt das Klima: Sieh es dir an!". "Beim Betrachten dieses Videos wurden 8,7 Gramm CO2 freigesetzt", erfährt man nach zweieinhalb Minuten. So gesehen, ist es nicht paradox: Wo, wenn nicht auf Youtube könnte der Rat, "digitalen Überkonsum" einzuschränken, sinnvoll sein?

"Smart"? "Intelligent"?

Rasch nochmals zurück zur Radiostandard-Frage. In der oben schon verlinkten dpa-Meldung wird auch MDR-Betriebsdirektor Ulrich Liebenow zitiert, und zwar mit der Aussage, dass das digitale DAB+ "nur zehn Prozent der UKW-Sendeleistung benötige und 'mit dem geringen Strombedarf viel ökologischer als UKW'" sei. Wobei diese schöne Ersparnis solange theoretisch bleibt, wie alle Sender ihre Programme umso energieintensiver sowohl analog über UKW als auch digital senden.

Nun nochmals zum oben verlinkten Digitalistan-Beitrag, in dem sich Jörg Schieb besonders über den gerade gern benutzten Werbebegriff "Künstliche Intelligenz" ärgert:

"KI erhöht den Energiebedarf (alle Geräte müssen ständig online sein und funken), steigert die Abhängigkeit (was ist bei Stromausfall, wenn die Internetverbindung ausfällt) und ist alles andere als ausgereift."

Und wenn sog. Künstliche Intelligenz mal intelligent ist, dann keineswegs immer im Sinne ihrer Nutzer, also der Käufer der entsprechenden Geräte. Findet sogar der keineswegs industriekritische Privatsenderverband. Nochmals vau.net:

"Der Großteil der Nutzer ist sehr zufrieden mit seinem Smart Speaker. Gleichzeitig geben drei Viertel der Nutzer an, dass ihr Smart Speaker nicht immer das spielt, was sie sich gewünscht haben. Wenn der Smart Speaker ungewünschte Audio-Inhalte abspielt, fragt allerdings nur jeder Zweite nach Alternativen."

Dass solch ein Streaming von Audio-Inhalten in jedem Fall mehr Energie verbraucht als über Antennen gesendetes Radio, ist übrigens das relativ beste Argument für DAB+.

Fazit: Die Lage ist beim Radio besonders verfahren. Merkwürdig fällt auf, dass im Sommer 2019 immer und überall über den Stromverbrauch geredet wird, sogar auf der gerade unter viel größerem Medienecho anlaufenden Frankfurter Automesse  – bloß bei den immer omnipräsenteren Mediengeräten kaum. Das Altpapier ist ja keine Ratgeber-Kolumne. Zwei Ratschläge passen hier vielleicht doch: Erstens sollten Medienmenschen das bei Gerätebezeichnungen immer werblich gemeinte und zumindest manchmal gezielt verdummende Präfix "Smart" sparsam einsetzen. Zweitens gehört es zur Allgemeinbildung, Radiogeräte einzuschalten (und Backofentüren eigenhändig zu öffnen, auch). Wer das beherrscht, sollte diese Aufgabe eher nicht Amazon oder anderen Datenkraken übertragen.

Monopol- und Souveränitäts-Probleme

"Die große Zerschlagung der großen Tech-Firmen hat endlich begonnen": So übersetzt zumindest netzpolitik.org eine Schlagzeile des Guardian (mit kontextsensitiv ausgewähltem Mark-Zuckerberg-Foto). Jedenfalls hat "eine breite Koalition von demokratisch wie republikanisch regierten Staaten von New York bis Texas" konkrete Untersuchungen aufgenommen, ob Konzerne wie Google und Facebook strukturell den Wettbewerb verletzen. Die instruktive internationale Medienschau, die Alexander Fanta dazu zusammengestellt hat, schließt in Europa mit der Rekordstrafe, die die vorige EU-Kommission gegen Google "wegen unfairer Bevorzugung der eigenen Suchmaschine im Android-Betriebssystem" verhängte.

Ausgehend von Deutschland von "neuen Ideen gegen die Macht von Google" berichtet das FAZ-Wirtschaftsressort (Blendle; frei online als Agenturmeldung). Sie stammen von einer bislang wenig in Erscheinung getretenen "Kommission Wettbewerbsrecht 4.0". Könnte also sein, dass die wachsende Macht plattformkapitalistischer Konzerne irgendwann global (und durch US-amerikanische Generalanwälte sicher eher als durch Wirtschaftsminister Altmaier) eingeschränkt wird.

Ja, es könnte sogar "das Problem der fehlenden digitalen Souveränität Europas" gelöst werden – zumindest schlägt der vom US-amerikanischen Boykott stark betroffene Huawei-Konzern den Europäern die gemeinsame Entwicklung eines neuen Handybetriebssystems vor. Und tatsächlich zählt die Dominanz von Googles Android ja zu den allergrößten Monopol-Problemen. Die Frage, ob Kooperation mit einem ziemlich staatlichen chinesischen Konzern sinnvoll und realistisch wäre, würde nun wirklich zu weit führen; eine geopolitische Kolumne ist das Altpapier ja auch nicht. Wichtig an dieser Stelle: Huawei-Topmanager Richard Yu war auch auf der IFA (und brauchte laut SZ "beim Interview in Berlin nur ein paar Minuten, um zu zeigen, wie angespannt die Nerven wegen der US-Vorwürfe bei Huawei längst sind").

Die IFA auf ein Volksfest zu reduzieren, auf dem Bratwurst-gesättigte Berliner mit Autogrammen von ARD-Stars in der Tasche Backofentüren via Sprachsteuerung zu öffnen versuchen, wäre also ein bisschen ungerecht.

Altpapierkorb (Reichelt im Interview, Böhmermanns Ego, ARD zerknirscht, Sturz vom "Games of Thrones"-Thron?)

+++ "Eine Verkürzung des Namens hätte aus unserer Sicht in diesem Fall keinerlei schützenden Effekt gehabt. Im Gegenteil: Das hätte die Spekulationen darüber, um wen handelt es sich denn da, warum wird denn über den jetzt abgekürzt berichtet, wird da vielleicht etwas verborgen, massivst befeuert": Das sagt Bild-Zeitungs-Oberchef Julian Reichelt im kontrovers geführten "@mediasres"-Interview mit Brigitte Baetz zur Berichterstattung über Christoph Metzelder (Altpapier). Viele Positionen zum Thema, u.a. von einem Medienethik-Professor und DJV-Pressesprecher Hendrik Zörner, trug die Augsburger Allgemeine zusammen. +++ Dass beim Springer-Medium "eine Verkleinerung der Redaktion um bis zu 20 Prozent diskutiert" werde, wusste Funke-Kolumnist Kai-Hinrich Renner zu berichten.

+++ Nachtrag zum AP gestern und ohnehin wichtig: Das ZDF "darf nicht Böhmermanns Ego-Shooter sein"! "Es muss dem ZDF-Fernsehmoderator und der somit öffentlichen Figur Böhmermann dringend und wenigstens abgeraten werden, sein Ego mittels SPD auszubauen (wenn das überhaupt noch möglich ist)", forderte Joachim Huber im Tagesspiegel.

+++ Nicht nicht mal 48 Stunden nach dem knapp vorzeitigen, daher aber umso unglücklicheren Abbruch der Übertragung eines spannenden Handballspiels am Samstag, gestern um 15.32 Uhr, hatte die ARD bereits eine offizielle Erklärung am Start. +++ "Dass es wohl weniger technische als menschliche Probleme waren", liest dwdl.de aus so den dürren wie zerknirschten Zeilen heraus und zeigt Verständnis ("Der geplante Werbeblock vor der 'Tagesschau' kann schon deshalb nicht einfach um einige Minuten verschoben werden, weil im öffentlich-rechtlichen Fernsehen Werbung nach 20 Uhr gar nicht erlaubt ist").

+++ Morgen ist Julia Ebner (siehe Altpapier gestern) in Köln und wurde bereits vom Stadtanzeiger (€) interviewt.

+++ Um die französische Semi-Supermediathek namens Salto (Altpapier) geht es auf der SZ-Medienseite. +++ Sowie um ein neues "Health-Style-Magazin für intelligente Ernährung" der Funke-Mediengruppe. +++ Außerdem berichtet Kathrin Hollmer über "Play", morgen abend im ARD-Programm "und bereits in der Mediathek".

+++ Wohingegen Kerstin Holm auf der FAZ-Medienseite "die erste russische Netflix-Serie "Better Than Us" bespricht ("... hat Tempo, Rhythmus, sogar Action, verzichtet freilich selbst in Mordszenen auf einen blutigen Naturalismus").

+++ Es "rauscht ... im amerikanischen Blätterwald", und "der leuchtende Stern am Himmel anspruchsvoller Fernsehmacher und Zuschauer", also "der unangefochtene Anführer einer idealistischen Minderheit, die Fernsehen nicht nur als genormte Massenunterhaltung ansieht", könnte bald schlechteres Programm senden müssen als bislang. So wortgewaltig berichtet Franz Everschor (Medienkorrespondenz) über die Lage von HBO als Teil des neuen weltgrößten Medienkonzerns AT&T: "Noch thronen sie auf 'Games of Thrones', das Auszeichnungen en masse abräumte, und leugnen alle die Gefahr, dass auch sie einmal in den Orkus der Massenunterhaltung stürzen könnten wie die meisten Überlebenden ihrer Branche."

Neues Altpapier gibt's wieder am Mittwoch.

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Zuletzt aktualisiert: 10. September 2019, 11:47 Uhr