Das Altpapier am 29. November 2019 Frisch aufgebrühte Zweifel

Die AfD zündet mal wieder ein Feuerwerk an kognitiven Reizen für die Diffamierung von Journalismus. Von Absichtserklärungen werden junge Journalist:innen nicht satt. Und ausgerechnet die CDU will uns die Digitalisierung beibringen. Ein Altpapier von Nora Frerichmann.

Teasergrafik Altpapier vom 29. November 2019: Eine Kaffeemaschine mit der Brühfunktion Zweifel
Bildrechte: MDR/MEDIEN360G / Panthermedia

Liebe Altpapier-Leser:innen,

Sie sind Journalist:in geworden, weil Ihnen umfassende Recherchen und der Kampf gegen Desinformation am Herzen liegen? Sie haben die Nase voll von Hetze, Beleidigungen und Provokationen durch die AfD? Sie wollen wieder in den Spiegel schauen können, ohne sich zu ärgern, dass Sie heute schon wieder über ein rechtspopulistisches Stöckchen gesprungen sind?

Eine Patentlösung können wir dafür leider nicht anbieten. Wobei, gut so, denn sonst würden wir uns den gleichen Simplifizierungsverlockungen hingeben, wie die AfD. Einige Vertreter der Partei haben mit ihrem kürzlich ins Netz geblasenen "Mainstream Aussteiger Programm" einen neuen Provokations-Coup gelandet. Auf einer eigens dafür eingerichteten Seite heißt es:

"LIEBE MITARBEITER DER MAINSTREAM-MEDIEN,

sind Sie Journalist geworden, weil ihnen die Wahrheit und die unabhängige Information der Bürger am Herzen liegen? (…) Wollen Sie wieder in den Spiegel schauen können, ohne dabei Georg Restle und Anja Reschke zu sehen?"

Nach Benennung dieser beiden konkreten Feindbildern wird dazu aufgefordert, die "schlimmsten Lügen und Manipulationen der Haltungsredaktionen" zu melden. Man wolle einen "Ausweg zurück zu unabhängiger Berichterstattung" bieten. Ja ne, is klar, die Partei steht schließlich wie ein Synonym für Unabhängigkeit. Das jüngste Beispiel dafür ist etwa beim Spiegel nachzulesen, eine Übersicht über verschiedene Eskapaden bei Correctiv.

Keine Manege für Diffamierung

Die Aktion reiht sich nahtlos ein in die Strategie der Abgrenzung und Diffamierung von kritischem Journalismus. Zuletzt u.a. durch Beleidigungen bei Fragen nach der Abwahl von Stephan Brandner aus dem Rechtsausschuss im Bundestag. Bei solchen Aktionen stellt sich immer wieder auf's Neue die Frage: Berichten oder nicht berichten? Den Provokationen Aufmerksamkeit schenken, oder nicht? In diesem Fall würde ich es als hilfreich ansehen, die Außen- und Innenwirkung solcher Aktionen genauer zu betrachten.

Provokation, das ist klar, führt zu Aufmerksamkeit und Reichweite. Damit bleibt die AfD natürlich präsent und zwar nicht irgendwie, sondern auf emotionale Weise, die deutlich stärker im Gedächtnis bleibt, als an sachliche Kritik. Ob nun positiv oder negativ – das ist erstmal egal. Der kognitive Effekt des Reizes bleibt groß.

Mit der regelmäßig platzierten Diffamierung von kritischem Journalismus grenzt sich die Partei den eigenen Anhängern gegenüber konsequent von einem "Mainstream" ab, gebärdet sich als starke, durchsetzungsfähige Kraft, präsentiert mit wenig Aufwand eine angebliche Lösung (Ausstiegsprogramm) für ein Problem (Journalist:innen lügen). Das Narrativ "Wir Rechtschaffenden gegen den Rest der Welt" wird weiter gefestigt, der Zusammenhalt nach innen gestärkt und der Graben nach außen mit weiteren Spatenstichen vertieft.

Dafür, dass die Aktion sich vor allem an eigene Anhänger und Menschen im Dunstkreis kruder Verschwörungstheorien richtet, spricht auch die breite Streuung in entsprechenden Blogs und Onlineportalen. Epoch Times, Philosophia Perennis, Compact, der Deutschland Kurier, PI News, Journalistenwatch und Konsorten berichten.

Nach außen macht sich die Partei mit solchen Aktionen zwar einerseits lächerlich. Aufmachung und Formulierungen des "Aussteiger"-Programms erinnern geradezu an Programme, die beim Ausstieg aus der rechtsextremistischen Szene helfen sollen. Durch die sehr konsequente Verfolgung ihrer Diffamierungsstrategie gegenüber der Presse wird der Funke des Zweifels an unabhängiger, sorgfältiger Recherche und Berichterstattung aber immer wieder auf's Neue frisch aufgebrüht. Und eine dauerhafte Präsenz sät Zweifel.

Für solche Zirkusnummern will aber nicht jeder seine Manege zur Verfügung stellen: Die Seite war zwar zwischenzeitlich mal down. Das Redaktionsnetzwerk Deutschland (bzw. dpa) berichtete gestern, der vorherige Hoster Jimdo habe die AfD-Aktion vom Server geschmissen.

Man sei "'der Meinung, dass Demokratie, Freiheit und Vielfalt gesellschaftliche Werte sind, die es zu schützen und zu verteidigen gilt', erklärte CEO Matthias Henze. Darunter falle auch die Pressefreiheit, welche ein besonders zu schützendes Gut sei. Inhalte, die diese Vielfalt bedrohen, hätten bei Jimdo keinen Platz - was auch in den Geschäftsbedingungen stehe, so Henze weiter."

Mittlerweile ist die Seite laut Whois.com bei Norplex Communications gehostet.

Absichtserklärungen machen nicht satt

Dabei ist es ja nicht so, dass es im Journalismus keine Probleme gäbe, z.B. auf finanzieller Ebene. Bei Twitter zieht ein Thread des Journalistenschülers Tobias Hausdorf (EJS) gerade seine Runden. Sein Jahrgang sei gerade in der Praxisphase: Praktika bei öffentlich-rechtlichen Radiowellen. Er habe mal rumgefragt

"wie viele ein Entgelt bekommen. Na? Any guesses? Joa, so 11 von 16 bekommen nichts. Also 0€ für drei Monate Praktikum. Von den 11 bekommen 3 nach einigen Wochen etwas, weil sie bei dann bei einem anderen Sender hospitieren. Und für alle von uns, für 16 von 16 Leuten ist das nicht das erste Praktikum. Bei mir ist es das achte."

Den Einstieg in den Journalismus muss man sich leisten können. Bei Twitter erzählen mittlerweile diverse Journalist:innen, wie der finanzielle Weg bei ihnen aussah:

"Ich konnte Journalist werden, weil ich als Jugendlicher fünf Jahre lang fast täglich Lokaltexte für zehn Cent/Zeile geschrieben habe und mir rund 10.000 Euro angespart hatte. Das Geld habe ich dann im unterbezahlten Volo komplett für Miete und verpflichtendes Auto verbrannt",

schreibt z.B. Buzzfed-News-Chefred Daniel Drepper. Altpapier-Kollege Ralf Heimann wurde im Volo von seinen Eltern mitfinanziert und Heike Hampl von der Freien Presse bestritt ihr Auskommen neben dem Studium mit drei Jobs. Same here.

Und wir wundern uns, dass Redaktionen noch immer nicht so divers sind, wie unsere Gesellschaft. An Absichtserklärungen mangelt es aktuell nicht. Liegt ja auch irgendwie im Trend, das mit der Diversität, ne? Der WDR rühmt sich z.B.: "Vielfalt gehört zu unserer DNA" und der MDR verkündete im Sommer stolz, eine "Charta der Vielfalt" unterschrieben zu haben. Von Absichtserklärungen kann nur leider kein:e Journo-Einsteiger:in die Miete bezahlen.

Die Digitalisierung der CDU

Und zum Schluss noch was zum Lachen: Ausgerechnet die CDU will der Republik die Digitalisierung erklären. Ja lol ey, würde nach einem Blick auf die Digital-Coups (Copyright, Reaktionen um "Zerstörung der CDU", ...) der Partei allein aus 2019 wahrscheinlich nicht nur Rezo dazu sagen. Zumindest mach die Partei das nicht allein, sondern arbeitet mit dem Unternehmen Masterplan zusammen, das vollmundig ankündigt, eine Art "Netflix fürs Lernen" werden zu wollen. Gemeinsam soll die Weiterbildungsplattform Milla geschaffen werden. Ein digitaler Kurs zum Thema "Digitalisierung" ist Anfang November in die Textphase gegangen und kann jetzt von Unions-Menschen genutzt werden.

Na gut, nach der ersten Erheiterung verdient die Lern-Plattform aber natürlich einen genaueren Blick. Überrascht die Partei vielleicht doch mit fundiertem Wissen? Hannah Beitzer zeigt sich bei der Süddeutschen eher wenig überzeugt von dem "Digital-Bootcamp":

"Da ist zum Beispiel die Milla-Lektion, die sich mit der Funktionsweise von Plattformen beschäftigt. Ein Ex-Manager des Fahrdiensts Uber preist dort deren Vorzüge an. Er erklärt, wie auf Amazon jeder zum Verleger werden könne - ohne, dass er oder sie vorher an einem 'Gatekeeper', einer Auslese, einem Verlag vorbeimüsse. Über seinen Erfolg entscheide allein das Feedback der anderen Nutzer. Der Mann schwärmt von der Effizienz und Reichweite der Ferienwohnungsplattform Airbnb und davon, wie in die Enzyklopädie Wikipedia nicht mehr extra dafür bezahlte Experten Wissensartikel schreiben, sondern die Crowd, die Masse, - die wiederum auch für die Qualitätssicherung zuständig sei. Kritik, Probleme? Kommen nicht vor. Ein Schweigen, das im Kopf der kritischen Zuschauerin laut nachdröhnt."

Problem an der Sache ist auch, dass viele Lektionen von CDU-Menschen präsentiert werden, statt von Wissenschaftler:innen oder Expert:innen. So spricht z.B. Philipp Amthor über Cybersicherheit und Antje Lezius über "Plattformen - Die Marktplätze des 21. Jahrhunderts". Ob es hier jetzt um Weiterbildung oder Darstellung der eigenen Politik geht, lässt sich dabei nicht trennen. Beitzer zufolge versucht die CDU mit Milla einen Spagat:

"die Probleme gerade ausreichend zu benennen, um nicht als weltfremd dazustehen - aber gleichzeitig nicht so deutlich, dass die grundsätzlich digitaleuphorische Stimmung verloren geht."


Altpapierkorb (NDR-Strafanzeige, Malta, 12 Thesen zu den ÖR, Correctiv vs. Tichys Einblick)

+++ Der NDR stellt Strafanzeige gegen die spanische Firma UC Global und deren Chef David Morales wegen des Verstoßes gegen datenschutz- und persönlichkeitsrechtliche Bestimmungen. Es geht um Überwachungsmaßnahmen von Julian Assange in der ecuadorianischen Botschaft in London: "Betroffen von der Überwachung innerhalb der Botschaft waren neben Ärzten und Anwälten von Assange offenbar auch deutsche Journalisten, die den Gründer von WikiLeaks besucht haben. Unter den mutmaßlich betroffenen Journalisten befinden sich auch drei Mitarbeiter des Norddeutschen Rundfunks."

+++ Nach den Rücktritten und einer Festnahme im Zusammenhang mit dem Mord an der maltesischen Journalistin Daphne Caruana Galizia (siehe Altpapier gestern und vorgestern) schickt die EU drei Beobachter:innen nach Malta. Die Absicht der Reise sei es nicht, sich in nationale Angelegenheiten einzumischen, der Druck auf Valletta müsse jedoch aufrechterhalten werden, damit die Wahrheit ans Licht komme, heißt es beim ORF. "Muscat habe diese Menschen die ganze Zeit geschützt und immer wieder verteidigt, kritisierte Manfred Weber, Fraktionschef der Europäischen Volkspartei (EVP). Das Europaparlament müsse dagegen gemeinsam die Stimme erheben." Laut taz wurden für den Mord an Galizia 450.000 Euro gezahlt.

+++ Zu den 12 Thesen der gestern im Altpapier schon erwähnten Studie von RTL und ProSiebenSat.1 zu den Aktivitäten der Öffentlich-Rechtlichen hat Leohnard Dobusch, ZDF-Fernsehratsmitglied, Wirtschaftswissenschaftler und Netzpolitik-Autor in diesem Thread 12 Gegenthesen aufgestellt. Er argumentiert u.a.: "Eine Beschränkung auf 'Schwerpunkte wie Bildung, Kultur und Information' würde eine Erfüllung des Auftrags erschweren und mittelfristig Legitimität des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gefährden." Und: "Der sparsame Einsatz von Rundfunkbeiträgen braucht vor allem eine demokratischere Rundfunkaufsicht, die nicht nur staats- sondern auch senderfern organisiert sein muss."

+++ Correctiv hat Erfolg im Verfahren gegen Tichys Einblick. "Der rechte Blogger hatte uns verklagt, weil er unsere #Faktencheck|s verbieten wollte, die seine Texte durchleuchteten. Das LG Mannheim hat uns nun Recht gegeben. Unsere Arbeit ist OK", hieß es gestern bei Twitter. Kommende Woche soll es mehr Details geben, wenn die Urteilsbegründung da ist.

+++ Nach Protesten von Funktionären der regierenden Serbischen Fortschrittlichen Partei (SNS) musste das regierungskritische Belgrader Magazin NIN sein Titelfoto entfernen nehmen und erscheint nun laut 'Standard' mit Blanko-Titel. Es geht vor allem um die Waffenindustrie und einen Interessenkonflikt im Innenministerium.

+++ Über Bestrebungen, die deutsche Sprache frei von Fremdwörtern zu halten und Veränderung abzuwehren, schreibt Katja Iken beim SpOn: "Die Fremdwörterjagd von einst ist heute passé - die Hetze gegen alles Fremde jedoch, das Schwadronieren vom Verlust der Identität ist zurück."

Neues Altpapier gibt's wieder am Montag.

Zuletzt aktualisiert: 29. November 2019, 12:49 Uhr

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