Das Altpapier am 10. Januar 2020 Mehr Wumms für Diversität

Die Aussichten auf das Medienjahr sind heiter bis wolkig. Diversität darf 2020 im TV präsenter werden. Social-Media-Kompetenzen werden im Nachrichtenjournalismus zu selten als Grundkompetenz angesehen, zeigt die #Umweltsau-Diskussion. Ein Altpapier von Nora Frerichmann.

Teasergrafik Altpapier vom 10. Januar 2020: Wetterkarte von Deutschland mit den Symbolen für Wind, Wolken, Frost und "heiter bis wolkig".
Bildrechte: MDR/Panthermedia / Collage: MEDIEN360G

Wir befinden uns noch immer in einer medialen Großwetterlage, in der es zu schauerhaften Jahresrückblicken und -voraussagen kommen kann. Dementsprechend veröffentlichte das Oxforder Reuters Institute for the Study of Journalism nun seinen Trend Report 2020.

Im Gegensatz zu den Voraussagen einzelner Medienmenschen, die das Harvardsche Nieman Lab zum Ende eines Jahres zusammenträgt (siehe Altpapier und Altpapier), bereitet das Reuters Institute die Hoffnungen und Befürchtungen der Branche statistisch und grafisch auf. Im Vergleich zu 2019 fällt der Blick auf 2020 etwas positiver aus:

"73 Prozent der Befragten gaben an, dass sie 'zuversichtlich' oder 'sehr zuversichtlich' hinsichtlich der Aussichten ihrer Organisationen seien, was angesichts redaktioneller und wirtschaftlicher Unsicherheit überraschen mag",

schreibt Thomas Borböhmer bei Meedia. Die Studienautor:innen sehen das als "optimism amongst many publishers that reader revenue and diversification strategies are starting to pay off."

Das ist aber nur ein Teil der Einschätzung der 233 befragten Medienmacher:innen und Medienmanager:innen aus 32 Ländern. Blickt man weg von der Unternehmensebene und auf den Journalismus, sind noch 46 Prozent optimistisch. Als ein Grund dafür wird der wachsende wirtschaftliche oder politischen Druck auf Journalisten in vielen Ländern genannt. Und das war noch vor der Umweltsau...

Der Optimismus was leser:innenfinanzierten Journalismus angeht, ist allerdings leicht gesunken: Für 2020 erwarten 50 Prozent, dass das die wichtigste Finanzierungsquelle sein wird (2019: 52 Prozent). 35 Prozent sehen eine Finanzierung durch Werbung als ebenso wichtig an (2019: 27 Prozent) und 14 Prozent setzen allein auf Werbeeinnahmen. Als Sorgenkinder gelten die altbekannten Bereiche:

"Local news provision is a key concern, alongside fears about declining trust and attacks on journalism by politicians."

In dem Bericht zu stöbern lohnt sich. Eine Rolle spielt u.a. auch die Beziehung von Medienhäusern und großen Plattformen, ebenso wie der anhaltende Podcast-Boom und Diversität.

Diversi – was?

Speaking of which: In einem Rückblick auf das Fernsehjahr kritisieren Heike Hupertz und Fritz Wolf bei epd Medien (bisher leider nicht online) fehlenden Wumms, was eine konsequente Umsetzung von Diversität in TV-Produktionen. Umsetzen könne man das

"etwa mit der Methode 'Neropa', einem Besetzungstool, das größere Vielfalt in Filmen unterstützen kann. Von Heinz, die damit für 'Für immer und dich' gearbeitet hat, zeigte große, kleine, alte, junge, dicke und dünnere Menschen vieler Hautfarben auch in den kleinsten Statistenrollen. Die Vielfalt in diesem Film fiel positiv auf."

Diversität fiel in diesem Tatort besonders auf, weil sie eben noch lange keine Selbstverständlichkeit ist. Das liegt wohl nicht daran, dass es in der Schauspieler:innen-Branche keine Vielfalt gibt, sondern vor allem an den Menschen hinter den Kameras.

Das Tool Neropa wurde von der Schauspielerin Belinde Ruth Stieve entwickelt, die in ihren 40ern feststellt, dass Rollenangebote für Film und Fernsehen in dem Alter für Frauen zurückgehen. Das belegt u.a. auch eine von der Malisa-Stiftung initiierte Studie der Universität Rostock (2017): Ab 40 stellen Frauen in deutschen TV-Produktionen nur ein Drittel der Gezeigten, ab 50 Jahren schrumpft der Anteil weiter auf ein Viertel und ab 60 auf ein Fünftel.

Auf ihrem Blog nimmt Stieve die "Tatorte" aus dem vergangenen Jahr im "6-Gewerke-Check" auf die Beteiligung von Frauen in den Bereichen Regie, Drehbuch, Kamera, Ton, Schnitt und Musik in den Blick. Außer unter den Cutter:innen (mit knapp 70 Prozent überdurchschnittlich viele Frauen) sieht es dabei eher wenig divers aus:

"Wie mittlerweile recht bekannt sein dürfte liegt der Frauenanteil unter den Absolvierenden der Filmhochschulen für das Fach Regie bei 44 %, der Regisseurinnenanteil für die 2019er TATORTe hingegen ist davon allerdings noch weit entfernt, er erreichte noch nicht einmal die niedrig gesetzte Degeto-Marke von 20 %",

schreibt Stieve. In den Bereichen Regie, Buch und Kamera krebsen die Werte im Bereich zwischen zehn und 20 Prozent herum, die Komponistinnen nehmen im Bereich Musik einen Anteil von weniger als fünf Prozent ein und unter den Tonmeistern war keine einzige Frau vertreten (der Absolvent:innen-Anteil liegt allerdings laut Blog bei elf Prozent). Nur in zweien der sechs Gewerke sei 2019 ein Frauenanteil über dem Mittelwert der acht vorangegangenen Jahre erreicht worden. Und bei all dem wurden Menschen, die sich keiner der binären Geschlechtszuschrebungen zugehörig fühlen noch nicht mal erwähnt.

Der Wumms der Umweltsau

Zum Schluss müssen wir doch nochmal auf das Thema Umweltsau zu sprechen kommen. Bei "Cosmo Tech" (WDR) sprachen Dennis Horn und Jörg Schieb diese Woche mit der Spiegel-Journalistin Eva Horn über die Entstehung von Empörungsdynamiken und die Beteiligung rechter Troll-Accounts.

"Tatsächlich glaube ich, dass das Hauptproblem dann Leute sind, die den Spin dann mitgehen und die nicht erkennen, wo das möglicherweise herkommt. Wumms erhält das Ganze erst dadurch", sagt sie (etwa ab Min. 00:19:30).

Das Problem an der Sache ist, dass die auch in Redaktionen sitzen. In einem Altpapier aus der vergangenen Woche war das bereits abgeklungen: Die nicht nur aber vor schon auffällig dominant von Accounts aus rechten Spektren orchestrierte Empörung über das Trallafiti-Lied, über dessen Inhalt sich bei der ersten Ausstrahlung im November niemand öffentlich beschwerte (soweit ich das mitbekommen habe), wurde zwischen Weihnachten und Silvester von Journalist:innen aufgegriffen und behandelt, als habe sie eine breite gesellschaftliche Basis.

Nachrichtenarme Periode und Urlaubszeit hin oder her: Das stellt sich doch die Frage, ob Redaktionen ihre Redakteur:innen was Medienkompetenz bzw. Social-Media-Kompetenz angeht genug fortbilden? Die Fähigkeit, Twitterdiskussionen und -diskutanten einzuschätzen oder Hashtags zu analysieren wird im journalistischen Alltag noch zu oft als nette Zusatzfähigkeit angesehen, obwohl sie mittlerweile zu einer elementaren Kompetenz für die Nachrichtenauswahl und -einschätzung geworden ist.

Ich will damit nicht sagen, dass niemand über die Diskussion hätte berichten sollen. Der Fall zeigt aber deutlich (vor allem, wenn man sich im Nachhinein Newsticker zu dem Thema ansieht, wie hier beim Merkur), dass es in dem Bereich Nachholbedarf gibt. Denn die Aufgabe von Journalismus besteht eben nicht darin, einfach nur Themen aus sozialen Medien auf ihre Seiten oder in ihre Sendungen zu ziehen, sondern auch darin, einzuordnen, zu differenzieren, zu erklären...


Altpapierkorb (Laschet zur Umweltsau, Entscheidung über Mitteldeutsche Zeitung, Radio Lizenz an Bauunternehmer?)

+++ Was die Staatskanzlei NRW zur Diskussion um das Umweltsau-Video und die Rolle von Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) sagt, der berichten die Westdeutsche Zeitung und der Tagesspiegel (via dpa).

+++ DuMonts Entscheidung über die Zukunft der Mitteldeutschen Zeitung könnte am Mittwoch verkündet werden, schreibt Timo Niemeier bei dwdl.de.

+++ Im Fall der Afghanistan Papiere (Funke Mediengruppe) zeichne sich ein Urteil ab, schreibt Christian Rath bei der taz: "Ein Erfolg für die Pressefreiheit liegt dabei in der Luft."

+++ Hört sich erstmal nach mäßig spannendem Medien-Schwarzbrot an: Die B&R Klassik-Union GmbH bewirbt sich bei der Thüringer Landesmedienanstalt (TLM) um eine Radio-Lizenz. Boris Rosenkranz hat für Übermedien recherchiert, wer dahinter steht: Der Bauunternehmer Hartmut Issmer, der bei Demonstrationen gern mal über "Lügenpresse" und "schwarz-rot-grüne Volksverräter" spreche und Funk und Fernsehen "zu 100 % gleichgeschaltet" ansehe. "Ganz so sicher, dass Issmer den Zuschlag bekommt, ist es allerdings nicht. Die TLM will erst mal prüfen, ob die Bewerbungen formell korrekt sind, um dann die Interessenten zu sogenannten Verständigungsgesprächen einzuladen", schreibt Rosenkranz.

+++ In der Schweizer Republik schreibt Adrienne Fichter über 2020 als "Schicksalsjahr" der Tech-Politik: "Entweder setzt sich die chinesische Tech-Diktatur, Donald Trumps Tech-Nationalismus oder die europäische Tech-Demokratie durch."

+++ Im Interview mit der Süddeutschen kritisiert ARD-Sportjournalist Hajo Seppelt, dass es lange zu viel Fantum und zu wenige kritische Recherchen in der Sportberichterstattung. Die Betonung müsse auf dem Journalismus, nicht auf dem Sport liegen: "Der Sport ist ein spannendes Feld der Berichterstattung mit viel Hintergrund, der allerdings oft nicht aufgehellt worden ist."

+++ Lutz Marmor hat heute seinen letzten Arbeitstag als NDR-Intendant. Zwei rückblickende Interviews gibt es bei epd Medien und bei dwdl.de.

+++ In den USA geht im April eine neue Plattform zum Streamen von Video-Happen an den Start. Quibi (quick bites) soll sie heißen und sehr kurze Videos bereitstellen, berichtet der Kölner Stadtanzeiger.

Neues Altpapier gibt‘s wieder am Montag.

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