Das Altpapier am 20. Januar 2020 Wie verschlankt man die ARD?

Fragt sich Tom Buhrow im Interview. Kann ein Vorstandsmitglied des FC Bayern München ZDF-Experte bei den Spielen der Konkurrenz sein? Und Mediengroßmeister Murdoch darf sich mit dem inoffiziellen Titel “Der gefährlichste Mann der Welt“ schmücken. Ein Altpapier von Klaus Raab.

Teasergrafik Altpapier vom 20. Januar 2020: Tom Buhrow verschlankt die ARD
Bildrechte: Panthermedia/IMAGO / Collage: MEDIEN360G

Zu Meghan und Harry (Altpapier vom Freitag) ist noch längst nicht alles gesagt. Zum Beispiel das hier aus der SZ noch nicht: “Mehrere Medienhäuser werden derzeit von dem Paar verklagt. Eine faire Berichterstattung fördert dieser Konflikt nicht.“ Aber wir müssen uns hier halt leider auch noch um all die anderen wichtigen Themen kümmern. Kommen wir also zum Fußball.

Das ZDF hat am Freitagabend das Rückrundenauftaktspiel zwischen Schalke 04 und Borussia Mönchengladbach übertragen. Als Experte dabei war der seit vielen Jahren als Senderexperte arbeitende Oliver Kahn. Dummerweise hat sich in seinem Berufsleben im Januar allerdings eine Kleinigkeit verschoben: Er gehört nun dem Vorstand des FC Bayern München an. Und nun ist halt die Frage: Ist jemand, der seine Karriere in der Führung eines Bundesligavereins fortsetzt, so wahnsinnig gut geeignet, die Spiele anderer Bundesligavereine als Experte einzuschätzen?

Als im August bekannt wurde, dass Kahn in den Vorstand des FC Bayern einziehen würde, teilte das ZDF mit, dass Kahn zumindest bei der Europameisterschaft 2020 noch als Senderexperte auftreten würde. Aber: “Bei Spielen des FC Bayern München setzt ihn das ZDF nicht mehr ein.“

Nun, am Freitagabend spielten allerdings zwei direkte Konkurrenten des FC Bayern München gegeneinander. In der Tabelle stand Bayern vor dem Spiel auf Platz 3, die Gegner vom Freitag – Mönchengladbach und Schalke – auf den Plätzen 2 und 5. Und Kahns Verein hat Schalke 04 gerade den Torwart weggelockt. Ist sowas nicht auch irgendwie ein indirektes Spiel des FC Bayern München? Wir würden da zumindest gerne nochmal den Videobeweis sehen.

Bei Twitter gab es ein paar Diskussionen über die Personalie Kahn; stern.de oder die rotenburger-rundschau.de sind darauf eingegangen; die mopo.de auch, wobei deren Diagnose “Shitstorm“ etwas dick aufgetragen ist: Es gab halt ein paar Tweets, auf die das ZDF auch reagiert hat. Die Frage ist nur die nach möglichen Befangenheitssituationen – und warum sich das ZDF ohne Not darauf einlässt.

Wo hört Sportjournalismus auf, wo fängt Sportpräsentation an? Irgendwann wird sich bei einem Stunt mit doppelt in der Pflicht stehenden Experten, einem Spagat, den auch die ARD schon (verschärft) im Repertoire hatte (Altpapier), wohl noch mal jemand die Bänder reißen. Und das wäre ungesund, zumal zumindest die ARD ja schon anderweitig mit ihrem Körper beschäftigt ist.

Verschlankungsversuche

“Verschlanken ist schwierig“ – so fasst turi2.de das Interview zusammen, das Laura Hertreiter und Hans Hoff für die Süddeutsche Zeitung (€) mit WDR-Intendant Tom Buhrow geführt haben. Und das stimmt. Er scheint wirklich alles zu versuchen: “Während er spricht, läuft Tom Buhrow eine beachtliche Strecke im Büro auf und ab“, heißt es im Vorspann. Aber Schluss mit den Witzen, es geht natürlich um die Verschlankung der ARD – da wird eine Ananasdiät nicht helfen:

“Die Frage zu beantworten, wie man sich so verschlankt, dass man noch schlagkräftiger wird, ist keine leichte. Man kann nicht einfach mit dem Rasenmäher über alles gehen“, sagt Buhrow. Er glaube, sagt er, gebraucht werde “eine Mischung aus Sparmaßnahmen, mit denen wir weder die Anstalten zu sehr belasten, noch die ARD aushöhlen“. Man könne etwa “überlegen, ob man die Präsenz mit kleinerem Besteck macht“ und die Zahl von WDR-Landesstudios verringert. Die populäre, aber unter dem Strich nur auf leichte Empörung zielende Frage nach seinem eigenen Gehalt verkneift sich die SZ.

Worum geht es im großen Buhrow-Gespräch? Nun, wofür gibt es idiotische Aufreger, wenn man dann nicht wenigstens hinterherfegt? Man macht sich also erst einmal an eine Aufarbeitung der “Umweltsau“-Debatte: Wenn das, was ein neuer ARD-Vorsitzender sagt und tut, schon mal das Zeug hat, Kneipengespräch zu sein…

Auf mittlere Sicht relevanter dürfte aber sein, was Buhrow als ARD-Vorsitzender konkret plant. Allzu viel lässt er sich nicht entlocken; im Zweifel kann er “noch keine Details nennen“ oder müsse man etwas “in der ARD jetzt besprechen“, und so weiter. Was er sagt, ist:

  • “Ich sehe ein Paket von drei Herausforderungen: Die Finanzierung sichern, egal wie hoch oder niedrig sie ist. Die ARD so fokussieren, dass wir gestärkt daraus hervorgehen. Und wir müssen uns in der Bevölkerung neu verankern.“

  • “(D)ie regionale Präsenz“ sei “das große Plus der ARD. Zeitungen ziehen sich aus wirtschaftlichen Gründen immer mehr zurück. Andere Sendeanstalten sind großflächig unterwegs.“

  • Und: “Eines meiner großen Anliegen ist es, die vertiefende Information zu stärken. Im Digitalen und auch im linearen Programm. Für die meisten Menschen ist die Tagesschau ein Anker der Glaubwürdigkeit. Und in diesen Zeiten ist der Hunger nach Fakten groß. Ich werbe dafür, dass wir unser stärkstes Pfund noch mehr ausspielen.“ Zwei kritische Fragen später ergänzt er noch den leicht verräterischen Information-ist-eine-Frage-der-Definition-Stunt: “Im Vorabend zeigt das Erste Serien und Quizsendungen, die ja zum Teil auch Informationscharakter haben – das wird gerne ignoriert.“

“Der gefährlichste Mann der Welt“

Damit aber nun zu den Menschen, die ihren “Hunger nach Fakten“ gerade nicht mit der “Tagesschau“ stillen. Auf deren Medien wird gerade mal wieder geguckt, was nie schadet. Das hat zum einen damit zu tun, dass in Deutschland ein neues Medium seine Betaphase gestartet hat: TRT Deutsch der türkischen Rundfunkgesellschaft TRT, dessen Anfangsberichterstattung den Einordnern von Übermedien und Tagesspiegel noch Fragezeichen ins Gesicht treibt, aber eben auch begründete Skepsis:

“Vieles deutet darauf hin, dass sich damit neben den russischen Seiten RT Deutsch und Sputnik ein weiterer Propagandakanal eines autoritär regierten Staates in Deutschland etabliert“, schreibt Übermedien. “TRT Deutsch ist der jüngste Ableger der öffentlich-rechtlichen Rundfunkgesellschaft der Türkei. Dort stehen die TRT-Sender aufgrund ihrer Nähe zur Erdoğan-Regierung immer wieder in der Kritik. Wie parteiisch TRT ist, zeigte vor allem die Wahlkampfberichterstattung der Radio- und Fernsehsender in den vergangenen Jahren immer wieder.“

Zum anderen hat das mit den Bränden in Australien zu tun hat, die auch Rupert Murdochs  längst bekanntes, aber in Deutschland keineswegs dauerbeobachtetes vor allem australisch-britisch-amerikanisches Imperium auf den Radar rücken:

“'Seit Langem haben die Murdoch-Medien einen starken Einfluss auf die politische Debatte in Australien‘, sagt Caroline Fisher, Professorin am Forschungszentrum für News und Medien der Universität Canberra. Es sei charakteristisch für diese Medien, dem Klimawandel mit Skepsis zu begegnen, sagt Fisher. Leugnern der menschengemachten Krise gäben sie Raum, Kommentatoren spielten das Thema regelmäßig herunter.“

Schrieb vergangene Woche die SZ. Christian Stöcker legt nun beim Spiegel online nach: “Murdoch ist derzeit der gefährlichste Mann der Welt.“


Altpapierkorb (Leistungsschutzrecht, AfD-Demo und die Folgen, IVW-Zahlen, TikTok-Chef, Journalismus in Tansania)

+++ Den Leistungsschutzrechtentwurf des Justizministeriums unterzieht unter anderem Zeit Online einer kritischen Begutachtung.

+++ Mit der Demonstration, zu der aus Anlass des Oma-Videos des WDR der baden-württembergische AfD-Landtagsabgeordnete Stefan Räpple eingeladen hatte – vor dem SWR –, beschäftigt sich die FAZ. Unter anderem geht es um die Frage, ob Vertreter des SWR wegen Nötigung, Bedrohung oder Beleidigung den Gang vors Gericht suchen sollten. “Von uns befragte, namhafte Strafrechtsexperten sehen die Wortwahl von Herrn Mandic nicht mehr durch die Meinungsfreiheit gedeckt, möglicherweise ist die Grenze zu einer strafbaren Handlung überschritten worden“, wird der SWR-Justiziar zitiert.

+++ Es ist wieder IVW-Zahlen-Zeit. “Die Farbe Rot dominiert“, schreibt Horizont. Und Meedia begibt sich ebenfalls, wie immer, in die Analyse.

+++TikTok-Chef Alex Zhu gibt dem Spiegel ein Interview (€), das ich interessant finde. (Transparenzhinweis: Ich arbeite frei für den Spiegel online.) Stark zur Reaktion lädt die Antwort auf die Frage “Wäre Greta Thunberg auf TikTok willkommen?“ ein. Sie lautet: “Wer?“ Auch übermorgen noch haltbar – weil man sie gegebenenfalls auch in Zukunft zitieren kann – ist die Stelle, in der er auf Spionagevorwürfe, die Kritik der Reichweiteneinschränkung für Videos, die von Homosexuellen und Behinderten veröffentlicht wurden, und den Vorwurf der Zensur chinakritischer In­hal­te eingeht: “Wir haben Fehler gemacht, keine Frage. Wir waren nicht gut genug darin, uns an Kulturen anzupassen, und zum Teil schlicht zu unerfahren. (…) Aber ich kann die Sorgen nachvollziehen. Wir werden daher schon bald alle Videos aus dem europäischen Markt nicht mehr von China aus überprüfen.“

+++ In Tansania sitzt der Journalist Erick Kabendera in Haft – was “beispielhaft für die zunehmende Unterdrückung der Presse“ sei, schreibt die taz (siehe zuletzt dieses Altpapier). Über die Verbindung von Rapmusikern, die zum Teil ihre eigenen Medien und Sender betreiben, mit der Politik schreibt derweil Georg Milz in der Musikzeitschrift Riddim (nicht online): Einerseits kamen mit Präsident Magufulis “radikalem Führungsstil“ auch schon Rapper in Konflikt, etwa wenn Songs indiziert wurden. Andererseits preisen sie Magufuli als “Übervater“. Was sollen Journalisten wie Kabendera ausrichten, wenn die größeren Multiplikatoren so schräge Dinge abziehen?

Neues Altpapier kommt am Dienstag.

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