Teasergrafik Altpapier vom 5. Februar 2020: Ein Blick von der Downing Street 10. Am Eingang steht rechts und links jeweils ein Verbotsschild: "No Camera" und "No Press".
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Das Altpapier am 5. Februar 2020 Sind Boris Johnsons Leute "Kontrollfreaks", oder klingt das zu niedlich?

05. Februar 2020, 12:00 Uhr

Julian Reichelt verkauft eine uralte Talkshow-Idee als neu. Außerdem: die Solidarität britischer Journalisten; Undercover-Recherchen zum Desinformations-Geschäft der Klimaleugner-Szene. Ein Altpapier von René Martens.

Als sich am Montag britische Journalisten aufmachten, um einem "Lobby Briefing" in der Downing Street beizuwohnen, war kaum abzusehen, dass einem der Beteiligten zu der Veranstaltung später die Schlagzeile "I’ve spent 40 years reporting from Westminster. I’ve never seen anything like this before" einfallen würde.

Catrin Kahlweit erläutert in der SZ die Hintergründe:

"Weil nur ein Teil der anwesenden Journalisten zu einem Briefing mit dem britischen Chef der in 'Taskforce Europe' umbenannten Brexit-Verhandlungsgruppe vorgelassen werden sollte, verließen nach einem handfesten Streit mit dem Kommunikationschef der Regierung, Lee Cain, alle Reporter die Regierungszentrale."

Also auch "die Kolleg*Innen regierungstreuer Medien wie Daily Mail und Daily Telegraph", wie Daniel Zylbersztajn für die taz hervorhebt. Er spricht von einem "Akt der Solidarität und des Protests".

Kahlweit schreibt weiter:

"Der Fall erinnerte britische Journalisten stark an den eskalierenden Streit zwischen US-Medien und dem Weißen Haus. Als etwa die Trump-Administration dem CNN-Reporter Jim Acosta die Akkreditierung entzog, rief dieser Kollegen zur Solidarisierung auf - mit geringem Erfolg. Mittlerweile veranstaltet das Weiße Haus gar keine Briefings mehr."

Eine historische Einordnung liefert im oben schon erwähnten Independent-Artikel Andrew Grice, einer der Verbannten:

"I have attended – and been excluded from – many selective briefings over the years by party political aides now known as 'spads' (short for special advisers). But I cannot recall such a meeting being held by a politically neutral civil servant, as Monday’s was going to be – David Frost, Boris Johnson’s Europe adviser, who will lead the negotiations. So this was different."

Gaby Hinsliff kommentiert für den Guardian:

"Control freakery isn’t exactly unprecedented in British politics (…), even if the Johnson administration is taking it to newly aggressive extremes – it’s what happens when a government with a whomping majority starts wondering just what it could do with it. Right now, Downing Street is pushing the boundaries, just to see what happens. It would be a grave mistake not to push back, hard."

Das ist einerseits natürlich der richtige Tonfall. Die Formulierung "control freakery" klingt mir aber ein bisschen zu niedlich, jedenfalls angesichts der Gefahr, die von Johnson und seinen Leuten ausgeht - ziemlich gut skizziert übrigens von John Le Carré in einem SZ-Interview aus dem vergangenen Herbst, wie ich finde.

Soll eine deutsche "Influencerin" zu einer rechtsradikalen Greta gemacht werden?

Wie das Desinformations-Geschäft der Klimaleugner-Szene funktioniert (das auch im ganz klassischen Sinne ein Geschäft ist) und warum dieses Milieu medial so stark präsent ist - das wissen wir seit Dienstag wesentlich besser als vorher. Recherchiert haben in dieser Angelegenheit Kolleginnen und Kollegen von Correctiv und das ZDF-Magazin Frontal 21. Dabei geht es, wie es in dem gestern ausgestrahlten ZDF-Film heißt, unter anderem um das

"Heartland-Institut, eine der einflussreichsten Denkfabriken aus den USA, die den menschgemachten Klimawandel leugnet. (Sie) will jetzt auch in Deutschland Influencer und Netzwerke aufbauen, um die deutsche Politik zu beeinflussen."

Katarina Huth und Jean Peters haben sich im Rahmen der Recherchen als Gesandte einer fiktiven PR-Agentur ausgegeben, und gefoppt haben sie damit Heartlands "Chefstrategen" James Taylor, von dem man unter anderem erfährt, "wie er eine junge Youtuberin aus Deutschland zum Star der Szene aufbauen will". Dem amerikanischen Denkfabrikanten schwebt offenbar eine Art rechtsradikale Greta vor:

"Die junge Influencerin soll neue Gruppen erschließen. Eine Aussteigerin aus dem Mainstream, mit der sich möglichst viele identifizieren sollen. Laut eines Facebook-Posts des Landesverbandes Rheinland-Pfalz der 'Junge Alternative' ist sie Mitglied in der AfD-Jugendorganisation. Die AfD und ihre Mitglieder verbreiten ihre Clips. Der Kampf gegen den Klimaschutz braucht ein besseres Image, weg von alten weißen Männern zur jungen Generation. Die Youtuberin soll das neue Gesicht sein. Die Influencerin ist Taylors Medienstrategie für die Massen."

Naomi Seibt heißt die "Influencerin" übrigens - sie wird in dem Correctiv-Beitrag nicht namentlich erwähnt, in dem Film von "Frontal 21" aber sehr wohl.

Als Julian Reichelt einmal eine 50 Jahre alte Idee hatte

Die laut Julian Reichelt "erste Talkshow, in der ganz normale Menschen der Politik sagen, was sie WIRKLICH bewegt" und die dieser selbst moderiert bzw. "moderiert" (Steffen Grimberg) - mit ihr befassen sich noch viele Kolleginnen und Kollegen (siehe auch kurz das Altpapier von Dienstag).

Wie es sich für ein Format gehört, mit dem Reichelt was zu tun hat, stimmt natürlich nicht einmal die Selbstbeschreibung, wie der Bildblog darlegt:

"Ein Talk-Format, in dem 'ganz normale Menschen der Politik sagen, was sie WIRKLICH bewegt', ist nun wahrlich keine Erfindung, die auf die 'Bild'-Redaktion zurückgeht. Im deutschen Fernsehen gibt es davon bereits etliche, teilweise seit fast einem halben Jahrhundert."

Die aktuelle Folge der im letzteren Fall gemeinten, 49 Jahre alten Sendung läuft passenderweise heute Abend im BR Fernsehen. "Jetzt red i" heißt sie.

Der bereits erwähnte Steffen Grimberg schreibt in der taz:

"Reichelt fragt die üblichen Bild-Aufreger-Themen ab. "Coronavirus – sind wir sicher?", es geht um Armut in der Rente, innere Sicherheit, böse Migrant*innen und das Klima (…) aber das "Volk" zieht nicht mit bei den leicht durchschaubaren Absichten. Zwar gehen einige aus dem wohltuend akademikerfern zusammengesetzten Haufen zunächst auf Reichelts Fragen-Stakkato ein und schwurbeln an der Politoberfläche mit. Doch sobald es um die eigene Lebenswirklichkeit geht, ist Schluss mit dem Schlimm-Schlimm."

Jürn Kruse (Übermedien) sieht es ähnlich:

"Thema für Thema arbeitet Reichelt ab, verzweifelt auf der Suche nach dem Abzug, der doch endlich die gewünschte Empörung auslösen möge. Doch selbst der Themenkomplex Falschparken-Freitagsgebet-Clankriminalität will nicht so richtig zünden."

Dax Werner wartet in der "Meditation und Markt"-Kolumne für die Titanic mit einem hübsch vergifteten Schluss auf:

"Dass die Youtube-Version von 'Hier spricht das Volk' nur 24 Stunden nach Upload schon sagenhafte 3739 Aufrufe verzeichnet, freut sicher nicht nur den neuen Springer-Investor KKR, sondern ist ein Hoffnungsschimmer für uns alle: Vielleicht ist das Genre Talkshow doch noch nicht an sein Ende gekommen."

Schon 4.609 Aufrufe waren es auf dem YouTube-Kanal von Bild übrigens heute Morgen um 9 Uhr.

Dass Danijel Majic von der "Hessenschau" gerade "klar aussprechen" musste, dass "Redakteure & Reporter der @BILD nicht denselben Beruf (haben) wie ich. Ich bin nämlich Journalist" - das wiederum hat mit der neuen Talkshow gar nichts zu tun, sondern, und nun blenden wir zum Volksverpetzer rüber, mit den "Halb- und Unwahrheiten", die Bild-Leute (und Troglodyten von Burda), über "einen einzelnen Twitter-Nutzer" verbreiten haben". Es geht um einen Aus-dem-ICE-Tweet von Mario Sixtus zum Thema mitfahrende Soldaten bzw. "einen ziemlich harmlosen Tweet" (Volksverpetzer), "dessen Aussage (…) ersetzt (wurde) durch Unwahrheiten, Behauptungen und Spin" (Sixtus selbst), um mindestens en passant auch noch das ZDF anzukacken, für das der ICE-Fahrer gelegentlich frei tätig ist.

Literaturskandal verzweifelt gesucht!

Eine ganz andere an Springers Werkbänken gefertigte Scheindebatte greift die Literaturkritikerin Marie Schmidt für die SZ-Medienseite auf. Es geht um einen Roman aus dem Suhrkamp-Verlag, der, wie dieser mitteilt, "noch nicht ganz fertig und auch noch nicht lektoriert" ist und im Frühjahr 2021 erscheinen soll, obwohl er für das Herbstprogramm 2020 vorgesehen war. Dass der Veröffentlichungstermin eines Buchs verschoben wird, ist normalerweise kaum der Rede wert.

Weil der noch nicht fertig lektorierte Roman aber von Uwe Tellkamp stammt, dem "kubitschekoiden Wortschmied" (Altpapier) bzw. "am rechten Rand des Meinungsspektrums gründelnden Intellektuellen" (wie Schmidt ihn nennt), wolle "insbesondere das Feuilleton der Zeitung Die Welt nicht mehr ablassen", von dem "Verdacht, (…) Suhrkamp wolle den aber nicht bringen. Womöglich wegen politischer Inopportunität. Erzählt man sich so. Nur belegen lässt es sich nicht".

Mit der Verdachtsberichterstattung ging es am letzten Januar-Wochenende los. Zeit-Redakteur Stefan Schirmer twitterte dazu:

"Die #WamS erfindet ein neues #Feuilleton-Genre: den vorempfundenen #Literaturskandal. Es geht um den neuen Roman von Uwe #Tellkamp. Text: unbekannt. Der Autor: spricht angeblich nicht. Lage bei #Suhrkamp: Genaues weiß man nicht. Trotzdem: Aufmacher, eine ganze Seite. Geraune!"

Ähnlich äußerte sich vor einigen Tagen der Tagesspiegel:

"Von einer 'Tellkamp-Debatte' sprechen die Springer-Zeitungen Welt und Welt am Sonntag schon und fragen schön effekthascherisch: 'Droht ein Literaturskandal?'"

Wäre der "vorempfundene" (Schirmer) Skandal nicht auch eine Option über das Feuilleton hinaus? Nur für den Fall, dass mal irgendwann ein Mangel an Skandalen herrschen sollte …


Altpapierkorb (Hitliste der "Tagesthemen"-Moderatoren; Deutsche-Welle-Intendant will Sender nicht extern prüfen lassen; Jubiläum des weltweit langlebigsten Punk- und Hardcore-Fanzines; Influencerinnen als Konkurrentinnen für Modezeitschriften)

+++ Die Medienkorrespondenz präsentiert wieder ihr "geliebtes Ritual", nämlich die Hitliste der "Tagesthemen"-Kommentatorinnen und -Kommentatoren. "Im vorigen Jahr gab es bei den Kommentierenden prozentual den höchsten Frauenanteil überhaupt, das heißt, es sprachen so viel Frauen 'Tagesthemen'-Kommentare wie noch nie. Der bisherige Höchstwert resultierte aus dem 2018 mit 43,8 Prozent." 2019 lag er nun bei 45,1 Prozent. Isabel Schayani, die beste "Tagesthemen"-Kommentatorin, durfte indes nur einmal ran.

+++ Der Haupttext auf der FAZ-Medienseite: ein für 55 Cent bei Blendle zu habendes Michael-Hanfeld-Interview mit Peter Limbourg, dem Intendanten der Deutschen Welle. Der äußert sich hier zu Vorwürfen, dass im Sender Machtmissbrauch unterschiedlicher Art verbreitet sei (siehe dazu ein Altpapier aus dem Januar und einen taz-Text vom vergangenen Wochenende). "Dass wir beim Thema Diversity besser werden müssen und bei Unstimmigkeiten schneller werden wollen", räumt Limbourg ein. Gegen eine von Kritikern geforderte externe Prüfung des Senders wehrt er sich aber. Hanfeld trifft Limbourg zu langen Gesprächen - das hat bei der FAZ übrigens Tradition (siehe 2014, 2016 und 2018)

+++ Vier Personen, "die im Frühjahr 2019 persönliche Daten von sich in einer Facebook-Gruppe gefunden haben, die zuvor nicht öffentlich einsehbar waren", haben "nach Angaben des Opferverbandes für Betroffene rechter Gewalt, Lobbi, Anzeige erstattet" (NDR 1 Radio MV). Ermittelt wird gegen einen in jener Facebok-Gruppe teilweise aktiven rechtsradikalen Polizisten aus Greifswald, der "in mehreren Fällen versucht haben soll, ohne dienstlichen Grund an personenbezogene Daten zu gelangen" (dpa/Golem).

+++ Die Google-Mutter Alphabet hat erstmals "konkrete Zahlen" zur Geschäftsentwicklung von YouTube vorgelegt (dpa/Horizont), und das TechNews-Portal The Information greift aus diesem Konzernbericht das frappante Detail heraus, dass YouTube 2019 mehr Werbegelder eingenommen hat als ABC, NBC und Fox zusammen.

+++ Das in Bremen erscheinende Trust, das älteste Punk- und Hardcore-Fanzine weltweit, feiert seine 200. Ausgabe. Bei "Buten un binnen", dem Regionalmagazin von Radio Bremen, erklärt Trust-Gründer Dolf Hermannstädter, er könne von der Zeitschrift "ganz knapp leben", weil "er wenig konsumiert".

+++ pop-zeitschrift.de schließlich "geht der Frage nach", inwiefern Influencerinnen Konkurrentinnen für Modezeitschriften sind bzw. "was die Accounts von Influencerinnen womöglich attraktiver macht als die Instagram-Profile von Zeitschriften".

Neues Altpapier gibt es wieder am Donnerstag.

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