Das Altpapier am 17. Februar 2020 Es rockt in der Brandung

Wie hält es die Berliner Zeitung mit Russlands und Chinas Staatsmedien? Wird die Bild-Zeitung zur Stiftung (und in der ARD eine neue ProgrammchefIn gesucht)? Die "ARD rockt", lobt die FAZ. Kritik, dass sie wieder framet, gibt es ebenfalls. Die komplizierte Lage der beinahe monopolistischen deutschen Kabelfernsehnetze zeigt, wie verkorkst die Medienpolitik ist. Und in Großbritannien gerät das Ur-Vorbild sämtlicher öffentlich-rechtlicher Sender in Gefahr. Ein Altpapier von Christian Bartels.

Teasergrafik Altpapier vom 17. Februar 2020: Ein Fels in der Brandung. Auf dem Fels steht ARD.
Bildrechte: MDR / Panthermedia / Collage: MEDIEN360G

Streit um die Berliner Zeitung – jetzt auch inhaltlich

Das Medium Horizont richtet sich insbesondere an Werber. Vielleicht auch daher ist es selten scharf kritisch, sondern berichtet eher, was "Starkreative" so sagten, oder welche "Markenaktionen am Valentinstag" denn liefen. Umso mehr springen Überschriften wie "Jetzt auch mit Staatspropaganda direkt aus dem Kreml" ins Auge.

Da geht es um die Berliner Zeitung – die kleiner Lokalzeitung aus der Hauptstadt, die ihrer Herausgeber und weiterer Personalien wegen seit Monaten ein kleiner Dauerbrenner in den Medienmedien ist. Ulrike Simon kritisiert, dass die Berliner die staatliche russische Nachrichtenagentur TASS neuerdings "als normale Quelle behandelt, gleichwertig mit dpa und Reuters". Das heiße in der Praxis, dass Online-Artikel der BLZ als Quellenbasis Zeilen wie "BLZ/Reuters/dpa/TASS" oder "BLZ/Reuters/dpa-AFX/Xinhua" nennen, wie Simon mit Screenshots und Links belegte.

BLZ-Herausgeber Michael Maier gab Horizont die mindestens leicht gereizt klingende Auskunft "Wir vertreten die Auffassung, dass es unseren Lesern zumutbar ist, eine möglichst große Vielfalt von Quellen präsentiert zu bekommen". Bisschen weniger gereizt klingt, was er später Springers Welt mitteilte:

"Hier geht es nicht darum, ob der Journalist die russische Regierung nett findet oder nicht, sondern ob er verlässlich erfährt, welche Position die russische oder die chinesische Regierung offiziell zu einem Thema vertritt."

Maier wollte offenkundig lieber über ein "einzigartiges", "selbst entwickeltes Softwaretool" sprechen ("Aus rund 800 Nachrichtenquellen würden Informationen zusammengestellt, die Lesern 'ein umfassendes Bild' lieferten"). Die Welt ist eher noch an der dahinter stehenden Berlin-Wiener Firma interessiert, die Maier selbst mit gegründet hat.

Schlimm? Nicht so? Die üblichen Diskussionen zogen sich schnell durch Twitter, exemplarisch referiert etwas von Stefan Winterbauer bei meedia.de, und dass die üblichen Diskussionen beim Einschätzen wenig helfen, ist ja auch längst üblich. Beim Blick auf die BLZ-Webseite konnte unter diesem Aspekt am Wochenende etwa die Schlagzeile "Russland setzt auf militärischen Sieg in Syrien", wiederum unter der (in deutschen Medien selten verwandten) Spitzmarke "Geopolitik", auffallen. Die Überschrift zitiert allerdings, was Russlands Außenminister Lawrow "laut der Nachrichtenagentur AP", also der nichtstaatlichen US-amerikanischen, bei der Münchener Sicherheits-Konferenz sagte. Etwas, das der stellvertretende Außenminister sagte, wird weiter unten zitiert via TASS, die allerdings nur im Fließtext genannt wird und nicht mehr als Agentur-Quelle...

Es wird kein Weg vorbei daran führen, Artikel im Einzelfall zu beobachten, ob offizielle Narrative autokratischer Regierungen Einzug in den Nachrichtenstrom halten – und parallel etwa dekoder.org im Blick zu behalten, das die trotz aller Schwierigkeiten und Unterdrückung weiter bestehende Vielfalt der russischen Medienlandschaft übersetzt und zum umfassenden Bild sowieso unbedingt dazu gehört. Und dass Medien sich und ihre Berichte gegenseitig kritisch beobachten und gegebenenfalls darüber streiten, sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein.

Wird die Bild-Zeitung zur Stiftung??

In die Berliner, die aus allen überregionalen Blickwinkeln ja lange verschwunden war, muss sowieso wieder öfter geschaut werden, auch in der Mediennische. Da dreht Neuzugang Kai-Hinrich Renner hochtourig das Nachrichtenkarussell, tagesaktuell mit einer womöglich geplanten Aufspaltung des inzwischen bekanntlich fast zur Hälfte von den US-amerikanischen Finanzinvestoren KKR besessenen Springer-Konzerns:

"Ein Bereich soll die Zeitungen 'Bild' und 'Welt' betreffen, der andere die Wachstumssparte mit den digitalen Rubrikenmärkten."

Renner zitiert sensibel "eine mit dem Konzernumbau vertraute Person, die wegen der Sensibilität der Materie nicht namentlich genannt werden möchte". Ihr zufolge sollten die beiden publizistischen Objekte zu einer Stiftung werden, "die mit KKR nichts zu tun hat", außer dass die Stiftung bei den renditeträchtigen, nicht-publizistischen Objekten zum minoritären Partner der Finanzinvestoren werde. Hopsala, wird die Bild-Zeitung eine Stiftung?

"Die ARD rockt" – und framet?

Erst Ende voriger Woche hatte Renner im (Altpapierkorb erwähnten) Bericht über die holterdipolter beschlossene "Tagesthemen"-Verlängerung unter ebenfalls raffiniert raunender Berufung auf "manch ARD-Hierarch"-en das Signal zur Nachfolger-Suche für ARD-Programmdirektor Volker Herres gegeben (natürlich nicht ohne Namen zu nennen und dabei sowohl standortpolitische als auch mittelbar verwandtschaftlich parteipolitische Zusammenhänge einfließen zu lassen ...).

Vermutlich hatte er da etwas Wasser in den Wein geschüttet, dass die ARD sich eigentlich endlich einmal guter Presse erfreuen konnte. So selbstverständlich es ist,  dass unser Steffen Grimberg sich auf Tagesspiegel-Anfrage über die "Tagesthemen" freut, weil "vielleicht dann auch mal der Osten vor"-kommt (und Zustimmung ostdeutscher Landtage zur anstehenden Rundfunkbeitrags-Erhöhung ein Anlass der ARD-Entscheidung gewesen sein dürfte...). Aber das Micha-Hanfeld-Lob "Die ARD rockt" mitten auf der FAZ-Medienseite unterm FAZ-Fraktur-"F", das überraschte schon.

Wer nun wiederum weiteres, völlig anderes Wasser in den Wein gießt, ist die aktuelle Medienkorrespondenz [und für die ich auch arbeite]. In der aktuellen Ausgabe formuliert Volker Nünning seinen "Eindruck (...), dass die Senderchefs bei ihrer Informationspolitik in den Framing-Modus übergegangen sind, um die Politik wie auch die öffentliche Debatte in ihrem Sinne zu beeinflussen" in Form eines neun DIN-A-4-Seiten (zzgl. vier Seiten mit Tabellen) umfassenden Artikels. Aktueller Anlass ist ebenfalls die Rundfunkbeitrags-Erhöhung, deren nächste Etappe in der Vorstellung des neuesten, 22. KEF-Berichts am Donnerstag bestehe. Eine aktuelle Umschau dazu bietet Madsacks RND.

In Nünnigs Neunseiter geht sehr detailliert vieles, das hier nicht alles referiert werden können, zumal der Artikel noch gar nicht frei online steht. Ein Aspekt verdient Beachtung auch, weil das Thema gerade jetzt wieder (oder noch einmal) aktuell wird: das Kabelfernseh-Netz. Über die Verbreitung ihrer Sender darin hatten die öffentlich-rechtlichen Anstalten zwischen 2012 und 2018 mit den großen deutschen Kabelnetzbetreibern Vodafone und Unitymedia gestritten und prozessiert. Nünning schreibt nun:

"Die Vertragsabschlüsse, die die ARD mit den beiden Kabelunternehmen geschlossen hat, moniert die KEF im Übrigen; sie bezweifelt die 'Effizienz der Verhandlungen der ARD mit den Kabelnetzbetreibern', heißt es in dem der MK vorliegenden Entwurf des 22. KEF-­Berichts. Und weiter: Die Kosten für die Kabelverbreitung der ARD-­Programme würden sich von 2017 bis 2024 auf 288,1 Mio Euro belaufen, darin enthalten seien auch 'beträchtliche Nachzahlungen für die Jahre ab 2013'. Der Anteil der Kabelverbreitungskosten der ARD an ihren gesamten Programmverbreitungskosten (also inklusive Satellit, Terrestrik und Internet) beläuft sich demnach auf 17,1 Prozent. Beim ZDF läge der Anteil der Kabeleinspeisekosten im selben Zeitraum bei 6,1 Prozent, beim Deutschlandradio seien es 5,8 Prozent – beide Werte liegen also signifikant niedriger als bei der ARD."

Was die Sache noch brisanter macht: dass sich von den "beiden Kabelunternehmen" ja im Singular sprechen lässt, seit die EU-Kommission 2019 Vodafones Unitymedia-Kauf durchgewunken hat. Seither "verfügt Vodafone in Deutschland beim Kabelfernsehen über ein De-facto-Monopol (...) und hat jetzt insgesamt über 14 Mio Kabelkunden, was einen Marktanteil von 80 Prozent bedeutet", wie wiederum die Medienkorrespondenz, nun auch online, meldet. Anlass: Gegen die EU-Kommissions-Entscheidung kommt nun ein EU-Verfahren in Gang, da es drei unterschiedliche Beschwerden deutscher Wettbewerber dagegen gab: Vodafones Haupt-Rivale, die Deutsche Telekom, sieht im Fernsehkabelmarkt ein Monopol, während kleinere Firmen eher ein zementiertes Duopol von Vodafone und Telekom als Problem sehen.

Andererseits allerdings lässt Vodafone derzeit sämtliche Unitymedia-Schilder in Fußgängerzonen und -Logos von Werbebriefen verschwinden, also ersetzt sie durch das eigene. Und wird, weil es dabei offiziell nicht um altes Kabelfernsehen geht, sondern um mehr schnelles Internet, sogar von amtierenden Politikern freundlich unterstützt: "Der auch für Digitales zuständige Innenminister Thomas Strobl (CDU) sprach von einem 'großen Wurf' für Baden-Württemberg", heißt's in der dpa-Meldung; von einem mit Hessens Ministerpräsident Bouffier gefeierten "Letter of Intent" ist im FAZ-Artikel (55 Cent bei Blendle) die Rede. Was natürlich Fakten schafft, die an kaum einer Stelle mehr umkehrbar sein dürften.

Das hochkomplexe Thema zeigt exemplarisch, wie verkorkst die Medienpolitik und das Medienkartellrecht in Deutschland und Europa sind: Einerseits mussten ARD, ZDF und Deutschlandradio nach Gerichtsurteilen mit den großen Kabelfirmen getrennt verhandeln, um nicht selbst kartellrechtswidriger Absprachen bezichtigt werden zu können; da könnte die ARD schlecht verhandelt haben, wie die Medienkorrespondenz suggeriert. Andererseits gibt es eigentlich gesetzlich "Must Carry"-Regeln, die Kabelfirmen als Betreiber wichtiger Infrastruktur verpflichten, wichtige Programme zu verbreiten (wobei diese Regeln der Verhandlungen wegen gar nicht ausgetestet wurden...). Dritterseits konnten "die beiden" Kabelfirmen, die sich eigentlich Wettbewerb liefern sollten, ihre Fusion unter Umgehung sämtlicher deutscher Instanzen bei der EU-Kommission durchsetzen. Dass nicht einmal transparent gemacht wird, wieviel Geld aus Rundfunkbeitrags-Einnahmen an diesen Quasimonopolisten fließt, ist alles andere als eine sinnvolle Lösung. Allerdings wird das in Öffentlichkeit und Politik kaum beachtet, weil über dieselben Fernseh-Kabelnetze ja auch Internet kommt und jegliche Erfolgs-Ankündigung zu mehr schnellem Internet sämtliche Bedenken überwiegt.


Altpapierkorb (BBC in Gefahr!?, Youtube-Geburtstag, Einschalt- und Abrufquoten, "erster deutscher Netflix-Spielfilm", "Urfeuer des Rundfunks", neue Leser!, "Liebe verjährt nicht")

+++ Meanwhile in Großbritannien gerät das Ur-Vorbild sämtlicher existierender öffentlicher und öffentlich-rechtlicher Sender, wenn nicht der Inbegriff medialer Felsen in der Brandung, in Gefahr. Aktuelle britische Berichte darüber, was Premierminister Johnson mit der die BBC anzustellen plant, fasst Gina Thomas im FAZ-Feuilleton unter der Überschrift "Droht das Ende der BBC?" zusammen. +++ Vgl. auch die zitierte Sunday Times oder den Guardian.

+++ An einem anderen Pol der globalen Medienlandschaft wurde gerade 15. Geburtstag begangen. Im WDR-Blog Digitalistan, der sich durch eine online-unübliche Distanz zu Datenkraken auszeichnet, würdigt Jörg Schieb, wie Youtube "Technologie vorangebracht" hat: "Die Menschen schauen mehr YouTube als sonst irgendwas. YouTube gehört seit 2006 zum Google-Konzern und ist nicht nur ein wichtiges Medium und Archiv geworden, sondern hat die Medienlandschaft auch verändert. Alles kann von allen gesehen werden – egal wer es macht. Lassen wir mal die vielen Urheberrechtsverstöße beiseite, die YouTube begeht und/oder verursacht. Unabhängig davon lässt sich sagen, dass YouTube eine Menge verändert hat. So gab es zum Beispiel auf YouTube HD-Videos zu sehen, lange bevor es HD-Fernsehen gab. Dasselbe mit 4K-Auflösung. Oder 360-Grad-Videos ..."

+++ Im Tagesspiegel wägt Joachim Huber anhand von "Bad Banks 2" Einschaltquoten und "Abrufquoten" ab. Klar, in dieselben Wagschalen passen sie kaum: "Das Internet frisst das Fernsehen, ist eine Schlussfolgerung. Eine andere, dass die Sender immer genauer überlegen müssen, was tatsächlich noch ins Programm eingefügt werden muss. So gesehen: Kommt 'Bad Banks 3', braucht es keine lineare Ausstrahlung mehr."

+++ Huber lobt übrigens ausdrücklich "das Extraordinäre, das in dieser Produktion nach den Drehbüchern von Oliver Kienle steckt". Derselbe Autorenname fällt auch in Jens Müllers taz-Besprechung des "ersten deutschen Netflix-Spielfilms". Wie die Überschrift "Wow, Netflix kann auch schlecht!" schon andeutet: "Isi und Ossi" gefällt Müller nicht.

+++ "Erstaunlich", aber vor allem "missglückt" nennt Thomas Gehringer im Tagesspiegel den heutigen Beitrag zur ARD-Reihe "Die Story" mit der Unterzeile "Kann die Klimafrage das Land spalten?". Offenbar kommen da in den Medien ungewohnte Meinungen vor...

+++ Am Funkerberg in Königs Wusterhausen hat einst "das Urfeuer des Rundfunks gelodert", und manchmal lodert es noch, ließ sich Deutschlandfunks "@mediasres" von "Radio-Enthusiast" Rainer Suckow, der dort den im Dezember anstehenden 100. Geburtstag des Radios vorbereitet, erzählen.

+++ "Die Leute lesen weltweit insgesamt wieder mehr. Die Bereitschaft, für Bücher in allen Formaten Geld auszugeben, wächst. In Amerika, China und Indien sehen wir zum Beispiel eine sehr starke Entwicklung bei Kinder- und Jugendbüchern – entgegen dem Eindruck, dass die jungen Leute ihre Zeit ausschließlich mit Smartphones und Computerspielen verbringen. Das ist definitiv nicht der Fall", sagte Bertelsmann-Chef Thomas Rabe im FAS-Interview (€). Bloß Zeitschriften (oder die, die Bertelsmanns Gruner+Jahr noch herausgibt) profitieren offenbar nicht sehr davon, deutet Rabes Satz "Die Monetarisierung ist mit Zeitschriften im digitalen Zeitalter schwieriger als im Buch-, Musik- und TV-Geschäft, aber nicht unmöglich" an.

+++ Und gäbe es ein glücklicheres Ende als die schöne Geschichte, dass ARD und ZDF den Auftrag zur Schmonzetten-Grundversorgung so ernst nehmen, dass sie im März zwei unterschiedliche, selbstproduzierte neue Spielfilme mit dem identischen Titel "Liebe verjährt nicht" programmiert haben? Das hatte als erstes wohl digitalfernsehen.de entdeckt, etwas detaillierter meldete es dwdl.de.

Neues Altpapier gibt's wieder am Dienstag.

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