Das Altpapier am 20. Februar 2020 Gewollte und ungewollte blinde Flecken

Welche Nachrichten durch Themen-Tunnelblick und Rudeljournalismus zu kurz kommen: Ein Ranking aus sieben Themen. Sicherlich nicht vergessen wird die Berichterstattung über das Corona-Virus. Journalist:innen in China wird es aber zunehmend schwer gemacht, darüber zu berichten. Und wie viel Ableismus steckt eigentlich in der Medienbranche, woran liegt das und wie wäre solche Diskriminierung vermeindbar? Ein Altpapier von Nora Frerichmann.

Teasergrafik Altpapier vom 20. Februar 2020: Eine Hand zeigt auf eine Meldung in einer Zeitung. Man erkennt den Inhalt der Nachrichten nicht. Neben der Zeitung liegt eine Lupe.
Bildrechte: MDR / Panthermedia | Collage: MEDIEN360G

Themen-Tunnelblick und Rudeljournalismus

Über blinde Flecken in der journalistischen Berichterstattung wird seit dem Aufstieg der sozialen Netzwerke vermehrt diskutiert. Teilweise passiert das mit politischem Kalkül (Warum wird die Herkunft eines Täters verschwiegen? Warum berichtet ihr nicht über diese und jene Straftat?), teilweise aus Besorgnis, teilweise auch selbstkritisch.

Dass manche Nachrichten nicht den Raum bekommen, der ihrer Relevanz eigentlich zustehen würde, passiert ständig. Wobei Relevanz natürlich auch kein allgemeingültiges Kriterium ist. Ein Thema, das aktuell nicht in Vergessenheit gerät, ist das Virus COVID19, aber:

"Obwohl das Thema der Infektionskrankheiten gerade wegen des Corona-Virus gerade in aller Munde ist, ist der Öffentlichkeit nicht bekannt, dass es in Deutschland keine entsprechende Facharztausbildung gibt. In vielen anderen Ländern ist eine solche Ausbildung längst Standard. Auch Experten meinen, dass Deutschland hier hinterherhinkt."

So begründen die Initiative Nachrichtenaufklärung (INA) und die Nachrichtenredaktion des Deutschlandfunks die Auswahl der "Vergessenen Nachricht" 2020 und des entsprechenden Rankings, das sie gestern gemeinsam vorstellten. Neben der Infektologie stehen auch die Problematisierung einer fehlenden europäische Strategie gegen Armut und einer fehlenden Tierethik in der Lebensmittelindustrie, durch Brauchtum manifestierter Sexismus, private Sicherheitsdienste, die als Polizeiersatz auftreten, Verbrechensvorhersage durch problematische Datenanalyse (Predictive Policing) und die unsichtbare internationale Ausbeutung von Hauspersonal.

Dass diese und andere Nachrichten untergehen, liegt wohl an einem Zusammenspiel aus Rudeljournalismus und Themen-Tunnelblick durch fehlende Diversität und zu wenig Fachleuten in Redaktionen, Arbeitsverdichtung und knappen Ressourcen - auch wenn manch eine:r in sozialen Netzwerken es sich gern einfach macht und "Zensur" schreit oder zum x-ten Mal das Bild der Kanzlerin bemüht, die Journalist:innen die Nachrichtenagenda diktiere.

Die quantitative Schieflage zwischen Realität, Wahrnehmung und Medienberichterstattung illustriert diese Datenanalyse des Oxforder Global Change Data Lab von Todesursachen, Google-Suchanfragen und Berichten in den USA sehr eindrücklich.

China: US-Journalist ausgewiesen...

Aber blicken wir mal in die schon angesprochene Region, die im Moment nachrichtlich alles andere als vergessen wird: In China werden wegen der Berichterstattung über das Corona-Virus drei Journalisten des Wall Street Journals ausgewiesen, wie die Zeitung selbst berichtet. Beim Österreichischen Standard ordnet Peking-Korrespondent Philipp Matheis den Vorgang als "in seiner Heftigkeit einmalig" ein:

"Zwar war es in der Vergangenheit immer wieder mal zum Entzug von Akkreditierungen gekommen; dass es drei Korrespondenten auf einmal trifft, aber ist neu. Als Grund nannte Peking eine Kolumne, welche den Titel 'The Sick Man of Asia' trug – Inhalt war Pekings Umgang mit der COVID19-Krise. Der Sprecher des Außenministeriums, Geng Shuang, bezeichnete die Kolumne als 'rassistisch'."

Das ist nicht von der Hand zu weisen, wenn man auf die Kolonialzeit blickt. Matheis erklärt weiter:

"Im ausgehenden 19. und angehenden 20. Jahrhundert, wurde das Kaiserreich immer wieder als 'Dongya Bingfu', als 'kranker Mann Asiens' bezeichnet. In dieser Zeit wurde Peking mehrfach von kolonialen Mächten zur Unterzeichnung demütigender Verträge gezwungen. Von der kommunistischen Führung in Peking wird diese Epoche der Geschichte immer wieder als 'traumatisch' bezeichnet. Die Partei zieht auch einen Teil ihrer Legitimation daraus, das koloniale Joch vollends abgeschüttelt zu haben."

Das Ding ist allerdings, dass laut WSJ keiner der drei nun ausgewiesenen Journalisten an dem Kommentar beteiligt war:

"This opinion piece was published independently from the WSJ newsroom and none of the journalists being expelled had any involvement with it",

heißt es in der Zeitung. taz-Korrespondent Fabian Kretschmer vermutet:

"Der Rausschmiss der Journalisten erfolgte fast zeitgleich mit einer Entscheidung des US-Außenministeriums vom Dienstag, wonach chinesische Staatsmedien in den Vereinigten Staaten künftig als 'ausländische Delegationen' gewertet werden und damit unter strengerer Überwachung stehen sollen. Die Büros von Zeitungen wie China Daily in den USA sollen fortan sämtliche personelle Änderungen sowie Besitzverhältnisse offenlegen."

Er schreibt aber auch über Gängeleien und erschwerten Recherche-Bedingungen, von denen deutsche Journalist:innen in Peking berichten:

"Dazu gehört auch, dass ein freier Zugang zum Internet nur mit einer VPN-Software möglich ist, welche nur unregelmäßig funktioniert. Auf dem chinesischen Festland sind außerdem kritische Medien wie die New York Times, aber auch die Online-Plattformen vieler deutscher Zeitungen gesperrt, ebenso wie Twitter, Google oder Wikipedia."

Wie diese VPN-Dienste in China nun verstärkt blockiert werden, berichtet u.a. die Financial Times.

… und Bürgerjournalisten verschwunden

Aber auch gegen eigene Staatsbürger geht die chinesische Regierung mit Härte vor, vor allem wenn sie über die roten Linien hinaus tänzeln, die das Bild vermitteln sollen, man habe was den Virus angeht alles im Griff. Die ARD-Korrespondentin Peking, Tamara Anthony, vermutete gestern im Medienmagazin "Zapp", dass die Bürgerjournalisten Chen Qiushi und Fang Bin von der Polizei eingesackt und in Quarantäre gebracht wurden, obwohl sie keine Anzeichen für das Virus zeigten. Die Korrespondentin sagte im Beitrag:

"Jetzt ist sein Handy einfach ausgestellt und Freunde sagen, dass er offenbar von der Polizei abgeholt wurde. Und das gleiche für den anderen Bürgerjournalist, der auch gleichzeitig Jurist ist. Die sind dann einfach gar nicht mehr zu erreichen."

Die Sorgen scheinen nicht unbegründet zu sein. Beide Männer teilten vorher im Netz Videos aus Kliniken, die ein geradezu ein Paralleluniversum zu dem zeigen, was die chinesische Staatsmacht mit ihren eigenen Bildern zu zeichnen versucht. Statt lächelnder, glücklicher Menschen, die wie wandelnde Daumen-Hoch-Emojis wirken und von einer Heerschar an Ärzt:innen betreut werden, zeigen die Handy-Videos beider Männer überfüllte Krankenhäuser, kranke und sterbende Menschen auf den Fluren und teilweise Leichensäcke.

"Ich habe Angst. Vor mir ist die Krankheit, hinter mir ist die Macht von Chinas Justiz und Verwaltung",

sagte Chen Qiushi in einem seiner letzten Videos. Der Regierung wären blinde Flecken an dieser Stelle wohl sehr recht. Dass die öffentliche Wahrnehmung von China kein Pflänzchen ist, das nach Belieben wuchern darf, sondern stattdessen rigide zurechtgestutzt und in deutlich vorgegebene Bahnen gelenkt wird, ist eigentlich nichts Neues. In Deutschland und "im Westen" ist dieser Zustand aber vor allem seit dem vergangenen Jahr mit der Berichterstattung über die Menschenrechtsverletzungen an den Uiguren, Stichwort #ChinaCables, die Diskussion um gelöschte und gedrosselte Inhalte bei TikTok und Chinas Einmischung in die Berichterstattung zu den Protesten in Hongkong und nun eben mit den Problemen rund um die COVID19-Berichterstattung deutlich präsenter geworden.


Altpapierkorb (KEF-Empfehlung für Rundfunkbeitrag, NetzDG 2.0, Ableismus in Medienbranche)

+++ Die KEF (Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten) gibt heute ihre offizielle Empfehlung für die Höhe des Rundfunkbeitrags ab 2021 ab (siehe Altpapier von Montag) und veröffentlicht ihren 22. Bericht. Dass die Abgabe zu 2021 auf 18,36 Euro steigen wird, gilt als wahrscheinlich. Um Konkreteres zu entscheiden, müssen aber alle Bundesländer handlungsfähig sein, was bei dem "quirligen Personalgefummel der Union" in Thüringen (Altpapier gestern) tendenziell noch etwas dauern könnte. Damit hätte die AfD nicht nur vollendetes politisches Chaos gestiftet, sondern "würde nebenbei auch den von ihr heftig bekämpften öffentlich-rechtlichen Rundfunk empfindlich treffen", schreibt Michael Hanfeld bei FAZ.net. Um den Beitrag geht es auch in der taz-Kolumne "Flimmern und Rauschen" von MDR-Kollege Steffen Grimberg.

+++ Das NetzDG 2.0 macht sich auf den Weg: Der Bundestag muss nun über die gestern vom Kabinett beschlossenen Neuerungen des Gesetzes entscheiden. Damit sollen u.a. die Meldepflichten von Hass- und Hetz-Postings verschärft und die Hash-Werte von Passwörtern an Ermittlungsbehörden herausgegeben werden können (Tagesschau). Was daran problematisch werden könnte und ob die Umsetzung überhaupt wie geplant klappen kann, beleuchten Heise.de und das WDR-Blog Digitalistan.

+++ Der HR hat ein Video aus seiner Mediathek genommen, nachdem eine Protagonistin sich über ableistische Diskriminierung beschwerte: "Dieses Video kann Spuren von Ableismus enthalten und kann als Beispiel für Medienbild einer behinderten Person genommen werden. Fun facts: Ich habe kein MS, leide nicht und bin keine Kämpferin - aber mein Dekolleté sitzt!", twitterte Eliza Gawin über den HR-Beitrag. Unabhängig davon kritisiert die Journalistin und Leidmedien-Referentin Judyta Smykowski in der taz die immer gleichen Phrasen, die im Zusammenhang mit behinderten Menschen verwendet werden: "Sie handeln von Menschen, die an einer Behinderung 'leiden' oder es 'trotz der Behinderung' geschafft haben, dies oder jenes zu tun. Behinderte Menschen werden dargestellt als Inspiration für die Nichtbehinderten – denn schließlich hat 'der Behinderte' es ja auch geschafft. Es ist eine defizitorientierte Sichtweise, in der ständig 'Was kann dieser Mensch (noch)?' gefragt wird. Anstatt: 'Was braucht er oder sie, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen?'" Um solchen Klischees entgegenzuwirken, brauche es u.a. eine vielfältigere Besetzung von Redaktionen.

+++ Wie sich der türkische Auslandssender TRT Deutsch in Berlin entwickelt, berichtet Michael Meyer bei "@mediasres".

+++ Eine Recherche der Washington Post ergibt, dass Google Ländergrenzen unterschiedlich anzeigt, je nachdem wer die Karten abruft: "while maps are meant to bring order to the world, the Silicon Valley firm’s decision-making on maps is often shrouded in secrecy, even to some of those who work to shape its digital atlases every day. It is influenced not just by history and local laws, but also the shifting whims of diplomats, policymakers and its own executives, say people familiar with the matter, who asked not to be identified because they weren’t authorized to discuss internal processes." Im Hinterkopf behalten darf man dabei, dass die Post dem Amazon-Gründer und gewissermaßen auch Google-Konkurrenten Jeff Bezos gehört.

+++ "Filmemachen ist ein dreckiges Geschäft", schreibt Vivian Timmler bei der Süddeutschen. Ein von Vertreter der Film- und Fernsehwirtschaft unterzeichnetes Papier, mit dem sie sich zu mehr Umweltschutz verpflichten wollen, sei "bisher allerdings bloß eine allgemein gehaltene Absichtserklärung." Um die Produktionen umweltverträglicher zu machen, müsse auch die Förderstruktur verändert werden.

+++ Die neue Berliner Tatort-Kommissarin wird Corinna Harfouch, berichten u.a. die Süddeutsche, und die Berliner Morgenpost.

Neues Altpapier gibt es am Freitag.

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