Das Altpapier am 02. Juli 2020 Seeadler üben keine Medienkritik

Die Kanzlerin sagt nun auch noch etwas zur berühmten "Müll"-Kolumne – nur, wie! Null Eskalationspotenzial! In einer Arte-Naturdoku wechselt ein Vogel auf erstaunliche Art seine Gestalt, was die FAZ ihr als Trickserei auslegt. Die Netflix-Soap "Dark" geht in die finale Staffel – und die ARD-Mysterosophy-Serie "Sturm der Liebe" in die 3398. Folge. Ein Altpapier von Klaus Raab.

Teasergrafik Altpapier vom 02. Juli 2020: Porträt Autor Klaus Raab
Bildrechte: MDR / MEDIEN360G

Der heißeste Rezensionsgegenstand von allen

Die deutsche Netflix-Serie "Dark", die nun mit der dritten Staffel zu Ende geht, ist derzeit für Rezensentinnen und Rezensenten der heißeste Serienscheiß von allen. Handelt es sich doch um eine Serie, in der "große Worte wie 'Quantenverschränkung' fallen, Gedankenexperimente wie 'Schrödingers Katze' nachgestellt werden und der Dualismus des menschlichen Verstandes hinterfragt wird" (Süddeutsche), und die "genug Raum für Ambivalenzen" (FAZ) bietet.

Zeitparadoxale Verschränkungen, "an deren Ende beziehungsweise Anfang jede/r Vater oder Tochter seiner eigenen Großeltern ist" (Übermedien/Abo) sorgen darüber hinaus für gute Laune. Übermedien baggert sogar noch eine Ebene drauf und montiert Christian Drostens Kopf auf den Körper des Protagonisten. Und die Fans mögen’s obendrein: "Das US-Portal IMDb listete die deutsche Produktion im vergangenen Jahr auf Platz eins der beliebtesten Serien (basierend auf der Anzahl der Nutzer-Suchanfragen)" (Berliner Zeitung).

Die Kanzlerin äußert sich auch noch zur taz-Kolumne

Möglicherweise erklärt "Dark" am Ende sogar das rätselhafte Phänomen namens Sommerloch? Handelt es sich um eine Zeit, handelt es sich um einen Ort, handelt es sich um einen Zustand? Wir wissen es auch nicht. Wir wissen nur: Es gibt eigentlich gar kein solches Loch, außer an manchen Tagen in manchen Teilen mancher Zeitung und mancher MDR-Medienkolumne.

An diesem Donnerstag zumindest könnte man es hier und da ansatzweise tatsächlich entdecken, das Sommerloch. Die Wahnsinnsgeschichte, auf die alle Medienjournalistinnen und -journalisten gleichermaßen abgehen, oder wenigstens den großen unnützen Aufreger, den am Ende wieder keiner ausgelöst haben will, gibt es an diesem Morgen jedenfalls nicht. Selbst die "Müll"-Kolumne der taz scheint mittlerweile halbwegs durch zu sein. Die Kanzlerin hat als bislang Letzte noch angefragterdings ihren Senf drübergestrichen, wie etwa Tagesspiegel und faz.net melden. Aber wie sie das macht! Null Eskalationspotenzial!

"Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) habe sich einerseits hinter die Polizei gestellt, sagte sie bei der Regierungsbefragung am Mittwoch im Bundestag in Berlin. Andererseits habe er den Artikel zum Anlass genommen, um mit dem Presserat und der 'taz'-Redaktion darüber zu sprechen. Dies sei genau der richtige Weg", heißt es da.

Und man könnte zwar nach wie vor wunderbar in aller Sachlichkeit darüber streiten, ob Seehofers Weg der richtige gewesen ist (SELBSTVERSTÄNDLICH WAR ER DAS NICHT!!!). Aber die Luft scheint nun erstmal raus.

Über Tricksereien in einem Naturfilm

Was also tun? Andere Themen müssen her. Und die FAZ-Medienseite (€) hat eines: Tier- und Naturfilme, konkret die Arte-Dokumentation "Die Moldau – Der goldene Fluss". Was entdeckt Autor Kai Spanke nämlich darin? Hopsa: Tricksereien. Ein junger Seeadler, der einen Hecht aus dem Wasser fischt, verwandele sich "plötzlich, das Gefieder verrät es, in ein adultes Exemplar", schreibt er. Und wer mag, kann sich in der Mediathek selbst anschauen, was die FAZ meint (Minute 20).

"Nun fällt der Hecht in Zeitlupe zu Boden, wo ein tatsächlich junger Seeadler kurz landet, um sich sofort wieder zu entfernen. Nach dem Schnitt fängt die Kamera ein abermals erwachsenes Tier ein, das sich langsam davonmacht. Da fragt sich: Hat wirklich ein Adler den Fisch fallen gelassen oder ein Mitglied des Filmteams? Wie viel Zeit verging zwischen den einzelnen Teilen der Sequenz? Ist sie überhaupt an der Moldau gedreht worden?"

Gute Fragen. Aber es ist ganz gut für Arte, dass sich der Hecht und der Seeadler, der in diesem Film als Naivling und Anfänger wegkommt, nicht mit hunderttausenden Followern in der Hinterhand wehren werden. Sie sind bislang jedenfalls nicht als Medienkritiker aufgefallen, wie, sagen wir mal, der Virologe Christian Drosten.

Christian Drosten und die Kritik am verkürzenden Paraphrasieren

Drostens Medienkritik (mit der und deren Anlässen wir uns an dieser Stelle doch auch schon ein, zwei, drei oder x Mal beschäftigt haben) widmet sich noch einmal Samira El-Ouassil in einer ihrer Kolumnen, der oben schon verlinkten Medienkolumne bei Übermedien.

"Vergangenen Mittwoch retweetete der Virologe fast minütlich Medienkritik und Zustimmung" zu "seiner Kritik an einem 'Spiegel'-Vorspann, in welchem ein Zitat von ihm verkürzt und dadurch verfälschend wiedergegeben wurde. Einen Inhalt aus Drostens NDR-Podcast hatte das Magazin in folgendem Satz zusammengefasst: 'In zwei Monaten werden wir ein Problem haben.'"

Doch Drostens Satz ging eigentlich noch weiter, mit einem Nebensatz, der "der Aussage eine andere Dimension verleiht: 'In zwei Monaten, denke ich, werden wir ein Problem haben, wenn wir nicht jetzt wieder alle Alarmsensoren anschalten.'"

Hier, schreibt El-Ouassil, "offenbart sich eine interessante philosophische Frage des journalistischen Handwerks: Ab wann ist das Paraphrasieren und Zusammenziehen einer Aussage verfälschend? Anhand dieser Grundsatzfrage wird die eigentliche kommunikative Unvereinbarkeit deutlich: Wie bekommt man die beiden Methoden – wissenschaftliches Erklären und nachrichtliches Einordnen – so zusammen, dass sie der Wirklichkeit und Wahrheit gegenüber loyal bleiben und dennoch ihre beiden unterschiedlichen Kommunikationsaufträge erfüllen?"

Auch das sind gute Fragen. Die nicht so leicht zu beantworten sind – schon weil die Einschränkung, die Drosten in seinem Nebensatz leistete, im von ihm kritisierten Vorspann durchaus wiedergegeben wurde. Nur eben nicht als wörtliches Zitat.

Man kann es, ganz allgemein, auch so sagen: Medien können einen zweifellos wahnsinnig machen mit ihrer Verkürzungs-, bisweilen aber auch quasi alternativlosen Vereinfachungslogik. Nur kann Medienkritik komplizierter sein, als man glauben möchte.

Alles über die 3398. Folge der Soap "Sturm der Liebe"

Vielleicht ist das auch der Grund, warum das eine oder andere Mitglied der einen oder anderen Redaktion unter Medienjournalismus eher Fernsehservice versteht?

Was zum Beispiel auf RND.de, den Seiten des Redaktionsnetzwerks Deutschland, unter dem "Medien & TV"-Reiter zu finden ist, ist bemerkenswert. Wir hätten da aktuell etwa:

In "Sturm der Liebe" etwa ist demnach zu sehen, wie Lucy Paul zu Hilfe kommt, der sich beim Wettrennen mit Bela den Fuß verknackst hat. Zwischen Lucy und Paul kommt es alsbald, wie es kommen muss: Es kommt "zu einem nahen Moment". Franzi derweil ist, mutmaßlich in einem anderen Handlungsstrang, "entsetzt: Ihre Cidre-Firma ist mit Bestechungsgeld finanziert worden!"

Die beliebte monatliche Streaming-Vorschau

Die Königsdisziplin der Programmankündigung freilich ist immer noch die monatliche Vorschau auf neue Streaming-Staffeln. Der Tagesspiegel widmete sich ihr am Wochenende, die Süddeutsche Zeitung tat es, Quotenmeter tut es, RND.de ebenfalls, und Zeit Online wird schon auch noch liefern.

Womit wir wieder am Anfang dieser Kolumne wären, bei der dritten Staffel der Netflix-Serie "Dark". Und womit bewiesen wäre, dass der Satz stimmt, der darin immer wieder wiederholt wird: "Der Anfang ist das Ende und das Ende ist der Anfang."


Altpapierkorb (Erdogan und die sozialen Medien, Birk Meinhardts Journalismusbuch, Anne Wills Interview, Googles neue "Nachrichteninitiative", Medienkonsumnews, Gernot Endemann)

+++ Der türkische Präsident hat eine strengere Regulierung sozialer Medien angekündigt (u.a. spiegel.de)

+++ Birk Meinhardt, "zweifacher Egon-Erwin-Kisch-Preisträger, ein einstiges Aushängeschild der Süddeutschen Zeitung", hat ein Buch geschrieben ("Wie ich meine Zeitung verlor. Ein Jahrebuch"), über "das, was derzeit falsch läuft im Journalismus und warum gerade Medien, die doch beanspruchen, Mittler der Wirklichkeit zu sein, zu oft 'Weglasser' und Ausblender derselben sind und deshalb fatalerweise 'selber einen gehörigen Beitrag leisten zur Radikalisierung, die sich vor unseren Augen vollzieht'". Der Bayerische Rundfunk hat mit Meinhardt gesprochen: "Vielleicht, sagt einem der Autor am Telefon, weil unser 'Denkgebäude' zu festgefügt, das Weltbild zementiert und nicht mehr irritierbar sei. Weil bereits das Bemühen um Differenzierung 'als Verharmlosung abqualifiziert' werde. Weil 'Haltung' heute alles sei und mehr gelte als Hinhören, vorschnelle Reflexe sorgsame Recherchen infrage stellten."

+++ Google bzw. der Konzern dahinter, "der längst mehr ist als die De-facto-Monopolsuchmaschine für Deutschland, hat eine neue 'Nachrichteninitiative' angekündigt", schreibt die taz.

+++ Das Medium Magazin hat Anne Will interviewt: "Ich sehe mich nicht in einem Kampf mit einer Partei, das ist Aufgabe der Parteien untereinander." 

+++ Ein paar News zum Thema Medienkonsum: "'Tagesspiegel' führt Bezahlangebot Plus ein" (Meedia), "Sky wird günstiger und monatlich kündbar" (DWDL), "Teleshopping erlebt seit dem Beginn der Corona-Pandemie einen Boom" (Horizont).

+++ Gernot Endemann, bekannt etwa aus der "Sesamstraße" ist gestorben (u.a. zeit.de)

Neues Altpapier gibt es am Freitag.

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