Das Altpapier am 1. Oktober 2020 US-Fernsehdebatte: Trump besiegt Nachrichtenmedien

Nachrichtenmedien beschreiben das Geschehen und berichten über Inhalte. Donald Trump bekommen sie so nicht zu greifen. Die Berichterstattung über das TV-Duell zeigt das wieder einmal sehr deutlich. Ein Altpapier von Ralf Heimann.

Teasergrafik Altpapier vom 01. Oktober 2020: Porträt Autor Ralf Heimann
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Die Strategie der Diskurszerstörung

Vier Jahre nach der letzten US-Wahl scheitern Medien weiterhin zuverlässig daran, einfach über das zu berichten, was Donald Trump da eigentlich macht. Schon im Teaser der Ankündigung dieser sogenannten Debatte hieß es beim Deutschlandfunk:

"Er wird seinen Herausforderer vermutlich hart angreifen und persönlich attackieren – Joe Biden hingegen auf Themen setzen."

Genau so ist es dann auch gekommen. Nur, dass Joe Biden keine Gelegenheit hatte, auf Themen zu setzen, denn das ist ja der Sinn der persönlichen Angriffe, und das ist auch Grund dafür, dass der Versuch nur scheitern kann, so eine Debatte mit den klassischen Mitteln des Nachrichtenjournalismus zu bearbeiten. Es ist, als würde hier über einen Boxkampf berichtet, in dem einer der beiden Kämpfer mit einem Messer hantiert, und die Kommentatoren urteilen: "Die beiden liefern sich hier einen schmutzigen Kampf."

Ein schönes Beispiel für das Elend ist eine dpa-Meldung, die am Mittwochabend um 21.38 Uhr erschien (hier bei Nordbayern.de). Die Überschrift der Originalmeldung lautet: "Trump erklärt sich zum Sieger der TV-Debatte." Irgendwo weiter unten im Text steht, dass er sich auf sechs Umfragen beziehe, die er aber nicht weiter benenne. Über Biden sagt er: "Ich denke, dass er schwach war." Die Agentur beschreibt zwar die Debatte  ("von Chaos und persönlichen Angriffen bestimmt") und auch Trumps rüdes Verhalten. Er sei Biden immer wieder ins Wort gefallen und habe ihn nicht ausreden lassen, heißt es in der Meldung. Aber die Agentur-Deskription kann das eigentliche Geschehen so nicht erfassen, denn das findet auf einer anderen Ebene statt. Die Annahme einer Agenturmeldung in dieser Form ist, hier finde eine argumentative Auseinandersetzung statt, aber das ist überhaupt nicht der Fall.

Leonhard Dobusch schreibt in einem Beitrag für das Online-Magazin der österreichischen Denkfabrik Momentum-Institut:

"Donald Trump greift im TV-Wahlkampf zur Strategie der Diskurszerstörung. Statt sich einer inhaltlichen Debatte zu stellen, unterbrach Trump Biden kontinuierlich, setzte auf persönliche Angriffe und Falschbehauptungen."

Dazu gibt er einige Beispiel für die hilflose mediale Rezeption des Ganzen in der österreichen Presse. Zum Beispiel:

"Der Standard: 'Viel Durcheinander, wenige Fakten in TV-Duell Trump gegen Biden'"

Oder:

"OE24: "Anschuldigungen und Beleidigungen: Totales Chaos bei TV-Debatte zwischen Trump und Biden"

Was genau passiert hier? Dobusch:

"Durchgehend wird in den Überschriften der Eindruck erweckt, als hätten sich hier zwei Politiker zu gleichen Anteilen einen heftigen Schlagabtausch geliefert."

Und das bedeutet:

"Ein Debatte, die Trump inhaltlich kaum hätte gewinnen können, endet so quasi mit einem Unentschieden."

Das kennen wir alles schon aus den vorherigen Folgen dieser Serie. Dobusch verweist auf die Kolumne von Natascha Strobel, in der sie diese Strategie in unterschiedlichen Zusammenhängen immer wieder beschreibt. Und das machte gestern auch Marina Weisband in einer Diskussion bei Twitter (sic!) – als Antwort auf den Einwand, Biden habe kohärent argumentiert, "das sollte reichen". Marina Weisband:

"Kohärenz ist nicht, was Trumps Wähler wollen. Er hat die Debatte zerstört. Das wird als Kraft ausgelegt. Darum geht es."

Der Politikwissenschaftler Nils Gerster ergänzte das um ein Zitat des Neofaschisten Götz Kubitschek, das auch Trumps Selbstbeschreibung seiner eigenen Strategie sein könnte:  

"Unser Ziel ist nicht die Beteiligung am Diskurs, sondern sein Ende als Konsensform, nicht ein Mitreden, sondern eine andere Sprache, nicht der Stehplatz im Salon, sondern die Beendigung der Party."

Die Theorie der Dominanz

Nachrichtenmedien behandeln dieses Störfeuer in der Regel weiterhin, als wäre es in der Debatte nur eine Nebenerscheinung, die nicht ganz unerwähnt bleiben soll, von der man sich aber auch nicht weiter ablenken lassen möchte, denn eigentlich soll es ja – jedenfalls nach dem eigenen medialen Selbstverständnis – um Inhalte gehen. Nachrichtenmedien befinden sich in einer schwierigen Situation, denn benennen sie das Muster, geraten sie in den Verdacht, Partei zu ergreifen; es ist schließlich eine Deutung. In diesem Verdacht stehen sie aber ohnehin, schon aufgrund ihrer Präferenz für eine demokratische Auseinandersetzung. Bemühen sie sich nun darum, sich vom Debatten-Crashing nicht beirren zu lassen, werden sie selbst zum Instrument. Oder wie Leonhard Dobusch schreibt:

"(…) wer über diese Zerstörung berichtet, als wäre das eine normale demokratische Debatte und dabei auch nicht den Zerstörer benennt, macht sich damit zu dessen Komplizen."

Es ist eine schwierige Situation, denn die Ebenen, auf denen diese Auseinandersetzung stattfindet, lassen sich mit einer Nachrichtenmeldung nicht erklären. Da ist zum Beispiel das Framing, das Nachrichtenmedien unkommentiert transportieren, weil sie eben nicht kommentieren. Nehmen wir noch einmal die Agenturmeldung von oben und führen uns vor Augen, worin die Auseinandersetzung eigentlich besteht:

"Die Theorie lautete, dass sich die amerikanischen Wähler nach Dominanz sehnen, ganz gleich, wie kriegerisch oder offensiv sie sind."

Nach Frums Meinung ist dieser Plan nicht aufgegangen, aber mit dieser Vorstellung im Hinterkopf lässt sich die Auseinandersetzung auf eine andere Weise betrachten. Indem Trump in den Nachrichten platzieren kann, dass er sich zum Sieger erklärt, indem Medien Trumps Einschätzung über Biden ("Ich denke, er war schwach") transportieren, lassen sie sich missbrauchen. Sie werden zum Wahlkampfhelfer, obwohl sie nach ihren eigenen Maßstäben alles richtig gemacht haben. Das Problem liegt schon in der immer wieder diskutierten Annahme, mithilfe der Nachrichtensprache ließe sich die Wirklichkeit auch nur halbwegs objektiv abbilden.

Flucht auf die Metaebene

Aber das ist nur eine Facette: Hinzu kommen die ständigen Unterbrechungen, das Inswortfallen, die persönlichen Angriffe. Das alles mag Trump nicht kompetent, eloquent oder gar intelligent erscheinen lassen, aber wenn die Annahme stimmt, dass die Menschen ihn wählen, weil er dominant wirkt, und weil er sich eben nicht auf die vielen aus Worthülsen bestehenden und als verlogen empfundenen Politik-Debatten einlässt, dann reicht schon diese ostentative Anti-Haltung aus, um Menschen zu überzeugen. Ob er selbst immer die Wahrheit sagt, geschenkt.

Das wäre ein dritter Punkt, den der Publizist Michael Seemann vor zwei Wochen in einem Twitter-Thread erläutert hat, nachdem die Vorabmeldungen zu Bob Woodwards Enthüllungsbuch erschienen waren (Altpapier). Und dieser Punkt macht deutlich, warum es eigentlich völlig absurd ist, darüber zu berichten, was Trump sagt, denn der Inhalt selbst ist nahezu bedeutungslos (Spoiler: dazu sofort auch gleich ein aktuelles Beispiel aus der Debatte).

Seemann schreibt (sic!):

"einer der fehler, im umgang mit trump, scheint mir, ihn wie ein lügner zu behandeln. dabei wurde eigentlich schon von anfang an richtig festgestellt, dass er in wirklichkeit ein bullshitter ist (harry frankfurt). dem bullshitter ist die wahrheit egal, er plappert einfach daher."

Aus diesem Grund führt die Entlarvung in Trumps Fall  – das ist meine Ergänzung – anders als bei anderen Politikern auch nicht dazu, dass er sich korrigieren oder die Falschheiten nicht länger verbreiten würde. Hier geht es nicht um die korrekte Darstellung von Inhalten, sondern zum einen um das Einbrennen von Botschaften durch ihre ständige Wiederholung – und darum, Fakten beliebig werden zu lassen. Das erreicht Trump dadurch, dass er nach einer kritischen Äußerung einfach das Gegenteil behauptet und damit so viel Verwirrung stiftet, dass jede Gewissheit verschwimmt, es kann alles irgendwie richtig sein. Die Meinung muss sich an einem Gefühl festhalten. Aber wie geht man damit nun um? Seemann schreibt (sic!):

"die einzige möglichkeit ist die flucht auf die metaebene. analyse von rhetorik, emotionalität, konstruktion von mythen und narrativen (…) in der metaanalyse kann man dann wenigsten drüber sprechen, wo er mit seinen worten hin will, was er bezweckt. aber die semantik kann man schlicht in die tonne treten. darüber zu reden ist schlicht sinnlos und wir machen uns nur lächerlich."

Nach der aktuellen Fernsehkeilerei vom Dienstag blieb inhaltlich kaum etwas hängen (jedenfalls bei mir). Im Grunde nur Trumps Weigerung, sich von der White-Supremacy-Ideologie zu distanzieren. Die Nachrichtenagentur AP hat sich hier wieder bereitwillig in Trumps Dienste gestellt. Sie meldet am Donnerstagmorgen um 5.49 Uhr:

"Trump will rechte Gruppe doch nicht kennen"

Was lässt sich also sagen? Ganz sicher eines: So kommen wir nicht weiter.

Ganz hoffnungslos ist die Sache aber nicht. Leonhard Dobusch führt in Beitrag eine Überschrift aus der New York Times dafür an, dass es durchaus auch anders geht. Sie lautet (Dobuschs Übersetzung):

"Mit Unterbrechen, Lügen und Spott in der Debatte mit Biden zertrampelte Trump den Anstand"

Und das ist nicht das einzige Beispiel, das zeigt: Es geht auch anders, als die Agenturen vormachen. Der Guardian zeigt eine andere Variante. Die Überschrift dort lautet:

"Trumps Weigerung, die Vorherrschaft der Weissen zu verurteilen, passt in das Muster extremistischer Rhetorik"

Die Frage, wer die Fernsehdebatte gewonnen hat, lässt sich am Ende schon deshalb nicht beantworten, weil beide Kontrahenten in unterschiedlichen Disziplinen gegeneinander angetreten sind. Was sich aber sicher sagen lässt: In der Auseinandersetzung zwischen Trump und den Medien war es für Trump ein ziemlich klarer Sieg nach Punkten.


Altpapierkorb (Gedächtnisprotokoll, Tagesschausprecher, Audi-Prozess, Presseförderung, Tucker Carlson)

+++ Der Medienanwalt Thorsten Feldmann klärt für Übermedien auf, wieso in Thilo Mischkes hier in den vergangenen Tagen mehrfach erwähnter Doku "Rechts. Deutsch. Radikal" (zuletzt hier) das Wort "Gedächtnisprotokoll" eingeblendet wurde. Spoiler, Sie ahnen es: Das Gespräch mitzuschneiden, wäre illegal gewesen. Und falls Sie jetzt denken: Aber dann kann die Interviewerin ja alles Mögliche behaupten, und später steht Aussage gegen Aussage – dagegen hat die Redaktion sich offenbar abgesichert, indem sie in dem Restaurant, in dem das Gespräch, um das es hier geht, stattfand, am Nebentisch Redakteure platziert hat, die alles mithörten.

+++ Christian Meier hat für die Welt mit Julia-Niharika Sen und Constantin Schreiber gesprochen, die neu in der Tagesschau-Redaktion sind und bald öfter in der 20-Uhr-Hauptsendung zu sehen sein werden. In den diplomatischen Jan-Hofer-Modus haben sie offenbar sehr schnell gefunden. Auf die Frage, ob man Menschen ernst nehmen muss, die behaupten, der öffentlich-rechtliche Rundfunk werde von der Regierung gesteuert, sagt Julia-Niharika Sen: "Wir versuchen, so professionell und ausgewogen wie möglich zu berichten." Und ganz nebenbei erfährt man auch noch, dass die freiberuflichen Sprecher der Tagesschau pro 20-Uhr-Ausgabe 259,85 Euro verdienen.

+++ 280 Journalisten wollten über den Prozess gegen Ex-Audi-Vorstandschef Rupert Stadler berichten. 18 dürfen dabei sein, zehn im Gerichtssaal, acht in einem Raum nebenan. Das berichtet unter anderem die dpa, hier zu lesen beim Standard. In den Nebenraum wird danach aber auch nur der Ton übertragen. Warum es auf diese Weise nicht möglich ist, einer größeren Zahl an Berichterstattern den Zugang zu ermöglichen, ist nicht bekannt. DJV-Chef Frank Überall kritisiert völlig zu Recht: "Dass Gerichte nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhandeln dürfen, ist für uns Journalisten ein hohles Recht, so lange nur wenige Presseplätze zur Verfügung stehen." Wenn die Gerichte diese Praxis nicht änderten, dann müsse der Gesetzgeber da etwas nachhelfen, sagt Überall.

+++ Presseförderung I: Der Burda-Chef, Qualitätsjournalismus-Aktivist und Experte für kognitive Dissonanzen Philipp Welte, gleichzeitig auch Vizechef des Zeitschriftenverleger-Verbands VDZ, hat bei einer Verbands-Vertriebskonferenz klargestellt, dass ein neutraler Qualitätsmaßstab bei der Vergabe einer Presseförderung ("Grundsätzlich sei man gegen Subventionen"), für ihn die Auflage sei. Das berichtet Ulrike Simon für Horizont. Tagesspiegel-Herausgeber Sebastian Turner schreibt bei Twitter: "Lieber Philipp Welte, (…) Dann bekäme #Bild mehr als #faz #sz #handelsblatt und @tagesspiegel zusammen und die #ADAC Motorwelt mehr als ganz Burda inkl. Rätselhefte". Problem: Weil es Twitter nicht auf Papier gibt, kennt Welte es möglicherweise gar nicht. Interessant sind die fünf Punkte von Spiegel-Produktchef Stefan Ottlitz zu Abo-Modellen, von Ulrike Simon in ihrem Beitrag ebenfalls zusammengestellt. Da geht es zum Beispiel um die magische Zehn-Euro-Grenze, die Menschen bei der Abo-Entscheidung angeblich unbewusst im Kopf haben. Ottlitz: "Titel wie der Spiegel seien nicht dasselbe wie Netflix. Deshalb sei es Unsinn, an der Zehn-Euro-Schwelle festzuhalten und ‚Internetpreise‘ einzuführen. Besser sei, von Anfang an auf einen hohen Preis zu setzen und danach flexible bis individuelle Rabatte anzubieten."

+++ Presseförderung II: Roland Feicht hat für die Friedrich-Ebert-Stiftung mit dem SPD-Abgeordenten Martin Rabanus gesprochen, der laut über ein "Spotify für Journalismus" nachgedacht hatten (das einem verlässlich nur die Meinungsbeiträge vorschlägt, die zu denen passen, die einem gefallen haben?). Um diese Idee ging es schon im Juli im Altpapier und auch Anfang September in einem Interview mit Ulrike Simon. Wer das gelesen hat, erfährt im aktuellen Interview nicht viel Neues. Wer es nicht kennt, erfährt zum Beispiel, warum die Bundesregierung eine reine Vertriebsförderung plötzlich doch nicht mehr so super findet:"Mit kleinen Korrekturen hier und da Versuch des Durchlavieren durch den nötigen Strukturwandel wird es letztendlich ein bleiben, der für nicht wenige Verlagshäuser immense Schwierigkeiten mit sich bringen kann." Wie es zu dem überraschenden Sinneswandel in der Bundesregierung kam, erfahren wir leider nicht.

+++ Gerichtlich festgestellt: Fox-News-Moderatur Tucker Carlson muss niemand ernst nehnen, deswegen kann er nicht wegen Beleidung belagt werden, meldet unter an anderem die SZ auf ihrer Medienseite.

Neues Altpapier gibt es am Freitag.

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