Das Altpapier am 16. Oktober 2020 Geleaktes Hack

Die New York Post hat eine zweifelhafte Recherche über Joe Biden veröffentlicht. Die Folge waren Falschmeldungen und Missverständnisse. Der Schaden ist entstanden. Wenn Medien auf eine bestimmte Weise berichten, können sie das Ausmaß immerhin begrenzen. Ein Altpapier von Ralf Heimann.

Teasergrafik Altpapier vom 16. Oktober 2020: Porträt Autor Ralf Heimann
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Hack oder Zufall?

Die New York Post hat am Mittwoch eine Geschichte veröffentlicht, die den demokratischen Präsidentschaftskandidaten Joe Biden belasten soll. Schon die Umstände klingen, als hätte sich irgendwer die Story unter dem Einfluss von sehr viel Whiskey ausgedacht. Ein Computerschrauber soll auf dem Rechner eines Kunden Fotos und E-Mails gefunden haben, die zufälligerweise genau den Inhalt haben, den Donald Trump im vergangenen Jahren gern vom ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selensky bekommen hätte.

Eine der belastenden E-Mails, die im Text als Beweis zitiert werden, klingt wie eine ausgedachte Amazon-Rezensionen:

"Lieber Hunter, danke, dass Du mich nach DC eingeladen und mir die Gelegenheit gegeben hast, Deinen Vater zu treffen und etwas Zeit miteinander zu verbringen. Es ist wirklich eine Ehre und ein Vergnügen"

Der Besitzer des Computerladens, in dem der Rechner gelandet sein soll – so geht jedenfalls die Story –, soll eine Kopie der Festplatte angefertigt und diese Trumps Anwalt Rudy Giuliani übergeben haben. Unter anderem die Frankfurter Rundschau berichtet über die Tonbandaufnahme eines Gesprächs mit dem Ladenbesitzer, der sich laut der Zeitung in Widersprüche verwickelt. 

Das nur zur Ausgangslage. Das bedeutet nicht, dass die komplette Berichterstattung falsch sein muss. Aber es sind aus sehr vielen Gründen Zweifel angebracht. Diese Zweifel wecken den Verdacht, dass es sich um eine sogenannte Hack-and-Leak-Attacke handelt. Das bedeutet genau das, wonach es klingt:

"Jemand verschafft sich nicht autorisierten Zugang zu brisanten Dokumenten und sorgt für deren Veröffentlichung“,

schreibt Patrick Beuth in einer Analyse für den Spiegel. Und in einem solchen Fall besteht die Gefahr, dass die Inhalte vor der Veröffentlichung manipuliert werden. Im vorliegenden Fall ist nicht nur die Herkunft der Daten zweifelhaft, es gibt auch "Ungereimtheiten in den Bilddateien“.

Twitter und Facebook haben die Reichweite des Artikels begrenzt. Und damit sind wir schon wieder mittendrin, unter anderem beim Thema False Balance von gestern (Altpapier), denn die Argumentation auf der konservativen Seite läuft nun in der folgenden Weise: Aha, über Trumps geleakte Steuerakten berichten, das geht. Aber über Vorwürfe gegen Biden, das geht nicht.

Das muss man nun alles ein wenig entwirren, denn vergleichbar sind die Fälle nicht. Ernsthafte Hinweise darauf, dass Trumps Steuerunterlagen, die der New York Times vorliegen, gefälscht sein könnten, sind nicht bekannt. Aber die Zweifel am Wahrheitsgehalt waren im Falle von Twitter nicht mal der Grund für die Intervention.

Lehrstück in Sachen Framing

Im Falle der Vorwürfe gegen Biden begründete Twitter die Beschränkung zunächst damit, dass der Artikel der New York Post private Daten wie E-Mail-Adressen und Telefonnummern enthalte. Später folgte die Erklärung, dass die Verbreitung gegen die Richtlinien des Unternehmens (Hacked Materials Policy) verstoße (sehr gute Zusammenfassung im Social-Media-Watchblog-Briefing (€) heute),

Es ging hier im Falle von Twitter also – noch einmal – nicht um den Wahrheitsgehalt, wie AFP es meldete, und was sich danach im Netz verbreitete. Anna Schneider aus dem Berliner Büro der NZZ schrieb bei Twitter etwa:

"Es ist nach wie vor nicht möglich, den Biden-kritischen Text der @nypost zu teilen (…). Twitter entscheidet über den Wahrheitsgehalt – schwierig, to say the least.“

Und hier muss man sich die Mechanik dahinter anschauen. Johannes Klingebiel kommentiert bei Twitter:

"Schönes Lehrstück in Sachen Framing. Das Problem ist nicht der Wahrheitsgehalt, sondern die Tatsache dass die Journalistin hinter dem Text es einfach nicht für nötig hielt Telefonnummer, etc. zu schwärzen und die Materialien direkt verlinkt.“

So verschwimmt wieder alles, und es passt plötzlich ganz wunderbar zum Narrativ, hier werde die Meinungsfreiheit beschnitten, um eine bestimmte politische Richtung zu bevorzugen.

Patrick Beuth zieht in seinem Text eine Parallele zum Wahlkampf 2016, als es um Hillary Clintons E-Mails ging. Damals sei die Berichterstattung "ganz im Sinne der Täter“ gelaufen:

"Was öffentlich und zum Nachteil der Demokraten diskutiert wurde, war der Inhalt der geleakten E-Mails, nicht die Motivation der Hacker.“

Und das wiederholt sich nun in etwas anderer Weise. Die Motivation, die hinter der Veröffentlichung stehen könnte, wird im Artikel der New York Post nicht thematisiert. Der eigentliche Grund scheint klar: Die Veröffentlichung soll Biden schaden. Die Wirkweise kennen wir bereits. Die Absicht muss nicht unbedingt sein, das Publikum von einer bestimmten Version einer Geschichte zu überzeugen. Zunächst geht es darum, Zweifel zu säen.

Dieses Ziel ist schon dann erreicht, wenn darüber diskutiert wird, ob Facebook oder Twitter die Berichterstattung aus einer bestimmten politischen Richtung unterdrücken. In diesem Fall hat Twitter durch seine Kommunikation zu diesem falschen Eindruck beigetragen. Twitter-Chef Jack Dorsey schreibt in einem Tweet

"Unsere Kommunikation rund um unser Handeln auf dem @nypost-Artikel war nicht so toll. Und das Blockieren der URL-Freigabe über Tweet oder DM ohne Kontext, warum wir blockieren: inakzeptabel.“

Simon Hurtz und Martin Fehrensen urteilen im Social-Media-Watchblog-Briefing (€).

"Facebook und Twitter haben nicht alles richtig gemacht. (…) Trotzdem wären solche Reaktionen vor einem Jahr kaum denkbar gewesen. Die Plattformen nehmen die Bedrohung ernst und versuchen zumindest, Desinformation zu verhindern und die US-Wahl abzusichern.“

Die Angst der Öffentlichkeit

Patrick Beuth, Guido Mingels und Roland Nelles beschäftigen sich in einem Text für den Spiegel sehr ausführlich damit, wie Plattformen versuchen, gegen Falschinformationen vorzugehen.

Der ehemalige Facebook-Investor Roger McNamee stellt darin in Frage, dass das im Falle von Facebook überhaupt im Interesse des Unternehmens liegt:

"Es gebe für Zuckerberg schlicht keinen ökonomischen Anreiz, sein Businessmodell zu ändern, meint McNamee. Die Idee der Selbstregulierung ist gescheitert. Facebook kann und will sich nicht selber reparieren.“

Auf der anderen Seite stehen die Bemühungen der Plattformen, sich gegen Manipulation zu wehren. Der Spiegel schreibt:

"Facebook hat nach eigenen Angaben 120.000 Beiträge von März bis September entfernt, weil sie als Wahlwerbung eingeschätzt wurden.“

Twitter schränkt seine Retweet-Funktion ab Dienstag ein. Dann wird man Tweets nur noch mit Kommentar verbreiten können, wie ausführlich bei t3n nachzulesen ist, in Kurzform im Social-Media-Watchblog-Briefing, das auch einen Überblick über all das gibt, was Twitter sonst noch zur Einschränkung von Desinformationen plant, nämlich:

"Unter anderem verbietet es Twitter, sich zum Sieger zu erklären, bevor das endgültige Ergebnis feststeht (was fast zwangsläufig darauf hinauslaufen dürfte, dass ein Trump-Tweet gelöscht wird), führt zusätzliche Warnungen und Erklärungen ein, schraubt an seinem Algorithmus, entfernt 'Liked by'-Empfehlungen von Menschen, denen man nicht folgt, und erklärt Trending-Topics künftig besser.

Facebook hat soeben angekündigt, Holocaust-Leugnung nicht mehr zuzulassen. Vor und nach der Wahl nimmt das Unternehmen keine politischen Anzeigen entgegen. Der Spiegel schreibt:

"Facebook will zudem Beiträge, in denen die Legitimität der Wahl in Zweifel gezogen wird oder in denen sich ein Kandidat vorzeitig zum Sieger erklärt, mit einem Warnhinweis versehen. Falschinformationen zum Wahlablauf sollen entfernt und die Weiterleitungsfunktion im Facebook Messenger eingeschränkt werden.“

Es ist zudem nicht unwahrscheinlich, dass sich Fälle mit einer ähnlichen Mechanik wieder Hunter-Biden-Story in den kommenden Wochen wiederholen werden. Patrick Beuth verweist auf ein Szenario, das Forscher der Universität Harvard und der American University Washington entworfen haben. Es geht um einen fiktiven Bericht in einer fiktiven Zeitung über einen Hackerangriff auf die Wahlkommission. Am Ende versichern das Heimatministerium und das FBI: Die Wahlen können ordnungsgemäß durchgeführt werden.

Die Wirkung hätte allerdings schon eingesetzt. Beuth zitiert in seinem Text Facebooks Cybersicherheitschef Nathaniel Gleicher, der sagt, der Angriff selbst müsse gar nicht erfolgreich sein.

"Eine Möglichkeit sei, dass die Täter gar nicht versuchen, den Wahlausgang zu beeinflussen, sondern bloß, es so aussehen zu lassen, als ob sie das getan hätten. Sie versuchen, mit der Angst der Öffentlichkeit zu spielen, dass sie tatsächlich so viel Macht haben.’“

Wörtlich sagt Gleicher:

"Sobald die Behauptung, es habe so einen Hack gegeben, in der Welt ist, wird es sehr schwer, das zu widerlegen.“

Wie sollten Medien mit so einem Fall umgehen? Nathaniel Gleicher: 

"Die Presse und die Öffentlichkeit sollten also, wenn sie entsprechende Behauptungen sehen, nicht davon ausgehen, dass die Quelle gute Absichten hat. Jemand will, dass wir diese Dinge glauben.“

Wichtig ist also die Metaebene und damit die Frage: Welche Interessen könnten mit einer Veröffentlichung bedient werden. Patrick Beuth zitiert einen Fünf-Punkte-Plan von Washington-Post-Chefredakteur Marty Baron:

"Unsere Storys sollten an prominenter Stelle erklären, was wir über den Kontext der Informationen wissen, einschließlich ihres Ursprungs und den Beweggründen der Informanten sowie der Frage, ob es sich um einen Versuch handeln könnte, von einem anderen Thema abzulenken.“

Und damit zum…


Altpapierkorb (Urheberrechtsreform, Gniffke vs. Kubicki, Caruana Galizia, Superspreader Facebook, Fox News)

+++ Im vergangenen Jahr hatte die Bundesregierung angekündigt, die Urheberrechtsreform ohne die sogenannten Uploadfilter umzusetzen. Schon damals hatten die meisten Fachleute gesagt: Das wird doch eh nichts. Und genau so scheint es jetzt auch zu kommen. Seit dieser Woche liegt der Referentenentwurf des Justizministeriums vor. Simon Hurtz schreibt für die Süddeutsche Zeitung: "Der Referentenentwurf lässt den meisten Plattformen kaum eine andere Wahl, als Upload-Filter einzusetzen. Ausgenommen wären etwa Wikipedia, junge Start-ups und Unternehmen, die weniger als eine Million Euro pro Jahr umsetzen.“ Aber auch sonst gibt es viel Kritik an dem Entwurf, unter anderem von ARD, ZDF und dem Verband Vaunet, von den Zeitungs- und Zeitschriftenverlegern und einer Allianz von Institutionen und Verbänden aus verschiedenen Branchen. Hier die kurze dpa-Zusammenfassung beim Magazin W&V, sehr verständlich und ausführlich steht das alles – ich muss noch mal drauf hinweisen –  im Social-Media-Watchblog-Briefing. Die Zusammenfassung von Simon Hurtz in der SZ: "Das Justizministerium kann die Richtlinie gar nicht so umsetzen, dass alle glücklich sind.

+++ Jochen Bittner hat für die Zeit ein Streitgespräch (€) zwischen SWR-Intendant Kai Gniffke und Bundestagsvizepräsident Wolfang Kubicki (FDP) moderiert, in dem es im Wesentlichen um die Frage geht, ob der öffentlich-rechtliche Rundfunk leicht Schlagseite nach links hat – ob also konservative Positionen in den Meinungsbeiträgen und der Berichterstattung generell seltener zu finden sind. Wolfgang Kubicki hat diesen Eindruck, Gniffke teilt ihn nicht, gibt aber doch an einigen Stellen zu, dass der Eindruck vielleicht irgendwie schon stimmen könnte. "Ich weiß auch, dass wir bestimmte Haltungen in unserer Belegschaft vielleicht nicht abbilden“, sagt er. Und: "Wir sehen durchaus, dass wir noch stärker ein divergierendes Meinungsbild abgeben müssen.“ Und dann irgendwann: "Noch mal: Ich kann mir solche Leute nicht backen.“ Gniffke beantwortet auch die Frage, warum der SPD-Mitglied ist: "Die Gniffkes sind seit dem Kaiserreich Sozialdemokraten.

+++ Genau drei Jahre ist es her, dass die maltesische Journalistin Daphne Caruana Galizia ermordet wurde. Iris Rohmann erinnert in einem Beitrag für das Deutschlandfunk-Medienmagazin @mediasres daran, dass die Hintergründe der Tat weiter nicht aufgeklärt sind. Andreas Spinrath und Lena Kampf beschäftigen sich damit ebenfalls in einem Beitrag für tagesschau.de.

+++ Facebook ist offenbar nach Meinung von Journalisten aus allen möglichen Ländern der größte Multiplikator von Desinformation und Falschmeldungen. So steht es in einer neuen Studie über die Steffen Grimberg in seiner taz-Kolumne schreibt. Er schreibt allerdings auch: "(…)über ein Drittel der Journalist*innen sagt gleichzeitig, sie seien mehr denn je auf Facebook und andere soziale Netzwerke angewiesen, um überhaupt an ihr Publikum heranzukommen.“ Für die Studie haben die Wissenschaftler mit 4.000 Journalisten aus 125 Ländern gesprochen. Wenn Facebook die Plattform sein sollte, die von den Journalisten am häufigsten genutzt wird, könnte bei ihrem Urteil auch die Verfügbarkeitsheuristik eine Rolle spielen.

+++ Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen beschäftigt sich in einem Beitrag für die Zeit ("Wut schlägt Wahrheit“) mit der Frage, wie es passieren konnte, dass die Wahrheit in der politischen Debatte in den USA keine gemeinsame Referenz mehr ist. Großen Einfluss darauf hatte der Sender Fox News, dessen Geschichte Pörksen nachzeichnet. Sie begann bizarrerweise mit der Ankündigung der Gründer Rupert Murdoch und Roger Ailes, man wolle "die verloren gegangene Objektivität im Journalismus wiederherstellen“. Pörksen: "Prägend für den Sender ist die schrittweise Demontage des klassischen Journalismus mit seinem Bemühen um Faktiztität und Fairness, Proportionalität und Relevanz. Man zieht Spektakelthemen hoch und berichtet in steter Routine von verkommenen Liberalen und brandgefährlichen Linken.

Haben Sie ein schönes Wochenende. Neues Altpapier gibt es am Montag.

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