Das Altpapier am 15. Oktober 2020 False balance till we die

Wenn der MDR einen Märchenerzähler interviewt und der HR so tut, als habe er den Beitrag produziert. Wenn öffentlich-rechtliche Redakteure keine Faktenchecks lesen und selbst erst welche produzieren, wenn es viel zu spät ist. Wenn Mitarbeiter aus der Finanzwirtschaftsbranche zu Schauspielern in Dokumentarfilmen werden. Ein Altpapier von René Martens.

Teasergrafik Altpapier vom 15. Oktober 2020: Porträt Autor René Martens
Bildrechte: MDR | MEDIEN360G

Was der MDR mit Pippi Langstrumpf zu tun hat

Manchmal passiert es, dass mehrere Wochen alte Texte im aktuellen Kontext virulent werden. Das gilt gerade für "einige persönliche Beobachtungen über das Kommunizieren in einer digitalen Welt", die Norbert Schneider für die Medienkorrespondenz aufgeschrieben hat. Gedruckt ist der Text, der mit Wortspielen nicht geizt ("Die letzte Mail hat keine Taschen"), am 11. September erschienen, und am Mittwoch hat ihn die Redaktion online gestellt. Und schon nach wenigen Absätzen sind wir mittendrin im Tagesgeschäft:

"Unabhängig von einer Pandemie gilt: Informiert zu sein, ist wichtiger denn je, gerade der Unübersichtlichkeit wegen, die die zigtausend Quellen herstellen. Zugleich muss man sich mehr denn je fragen: Stimmt das, was ich höre, sehe, lese? Und woher weiß man, dass es stimmt, solange sogar Präsidenten sich gebärden wie Pippi Langstrumpf ('Zweimal drei macht vier') und ihre geglaubte Wirklichkeit als real verbreiten, solange unter dem Schirm der Meinungsfreiheit ungestört Lügen verbreitet werden können?"

Der MDR und der HR haben nun gerade einen Wissenschaftler interviewt, der in der Pandemie-Debatte die "Zweimal drei macht vier"-Position vertritt: Sucharit Bhakdi. Wer noch nie etwas von ihm gehört hat, klicke nach 15 Sekunden in die aktuelle Mailab-Folge der Bundesverdienstkreuzträgerin Mai Thi Nguyen-Kim. Sie bringt dort einen Gag, der sich schlecht verschriftlichen lässt.

Bei netzpolitik.org schreibt Jana Ballweber zum aktuellen Interview mit Bhakdi:

"Nicht alle Menschen, die (ihm) Glauben schenken, haben ideologische Gründe oder führen Böses im Schilde. Sie tun eigentlich alles, was ihnen beim Bewerten von Fakten immer empfohlen wurde. Sie berufen sich auf einen Mann, der Professor an einer anerkannten Uni war. Diesen ersten Reputationscheck nehmen viele der Menschen vor, die sich auf Bhakdis Thesen beziehen. Viel mehr kann man von wissenschaftlichen Laien auch nicht erwarten. Wer sich nicht akademisch oder zumindest regelmäßig journalistisch mit Virologie und Epidemiologie auseinandersetzt, kann die Evidenz von Bhakdis Behauptungen nicht prüfen, weiß nicht, welches Ansehen Bhakdi in Fachkreisen (nicht) genießt. Man kann nicht erwarten, dass Laien zwischen der Glaubwürdigkeit von Virologe Christian Drosten und Epidemiologe Sucharit Bhakdi unterscheiden können. Und genau das ist die entscheidende Aufgabe der Medien in derartigen Krisensituationen (…) Ich muss mich als Laie darauf verlassen können, dass ein Wissenschaftler, der von seriösen Journalist:innen interviewt wird und dessen Thesen in diesem Interview unwidersprochen und unwiderlegt bleiben, keinen Mist verzapft. Es ist der Job der Redaktion, so etwas vorher zu prüfen."

Letzteres betont auch Nguyen-Kim in dem bereits erwähnten Video.

Bei Twitter war das Ziel der Kritik, die am Mittwoch unter anderem Philip Kreißel in Gang brachte, zunächst der HR. Nach einigen Stunden wies dieser in einer "Korrektur" auf die Hintergründe hin:

"Das Interview mit Sucharit Bhakdi wurde vom MDR für die ARD-Infonacht (Nacht vom 11. auf 12. Oktober) geführt. hr-iNFO hat es am Montag um 6.20 Uhr wiederholt. Die Moderatorin hatte dazu die Fragen neu eingesprochen und zu den Antworten, die Herr Bhakdi dem MDR gegeben hatte, hinzugefügt. Dies erweckte den Eindruck, das Interview sei live und vom hr geführt worden. Die Entscheidung, das Gespräch in der Frühsendung zu wiederholen, ohne dies kenntlich zu machen, war ein Fehler."

Was der HR bei seiner Art der "Wiederholung" getan hat, ist im Übrigen ein Verstoß gegen die Forderungen des "Tutzinger Appells" der Initiative Fair Radio. Hinzuzufügen wäre, dass der HR das Interview 24 Stunden nach der linearen Ausstrahlung unter der Rubrik "Podcast" verfügbar gemacht hat. Und: Die Moderatorin des HR hat das Interview mit einem Einleitungstext versehen, der in der beim MDR online abrufbaren Fassung (Einstellungsdatum: 12.10, 7.19 Uhr) fehlt. Und zumindest eine Reaktion des MDR-Interviewers auf die Wahnwitzigkeiten Bhakdis, die der Journalist womöglich für kritisch hält ("Das würden viele sicherlich anders sehen"), hat sie nicht nachgesprochen.

Die Selbstkritik, die der HR in seiner "Korrektur" übt, ist natürlich berechtigt. Sich auf eine formale und sei es eine noch so gravierende Unzulänglichkeit zurückzuziehen, greift angesichts der inhaltlichen Ungeheuerlichkeit aber zu kurz.

Eine Stunde nach der Korrektur kam vom HR ein vorher bereits angekündigter "Faktencheck". Der MDR veröffentlichte bereits am Montagabend einen entsprechend rubrizierten Beitrag. [Anm. d. A.: In einer vorherigen Fassung stand, der MDR habe seinen Faktencheck ebenfalls am Mittwochnachmittag veröffentlicht. Tatsächlich wurde der Text zuerst am 12.10. um 18:41 Uhr veröffentlicht. Die bei MDR aktuell angegebene Zeit - 14.10, 16:02 Uhr - bezieht sich auf die letzte Aktualisierung, nicht aber auf die Erstveröffentlichung.]

Was aber bringt es, mit Verspätung "Faktenchecks" zu eigenen Beiträgen nachzuschieben? Die Frage wirft zum Beispiel Sandra Ciesek auf, Teil des Experten-Duos beim NDR-Corona-Podcast. HR und MDR wirken hier wie eine Werkstatt, die bei einer Inspektion schwerwiegende Mängel an einem Auto übersieht und sich dann kurz nach einem schweren Unfall zur Reparatur des Fahrzeugs entschließt.

Abgesehen davon, gab es auch ja vorher schon zahlreiche Faktenchecks, im bereits zweimal erwähnten Mailab/funk-Video zum Beispiel. Und der Volksverpetzer-Blog Beispiel verweist auf vier Faktenchecks, die er selbst publiziert hat. Der umfangreichste stammt von der Uni Kiel, er liegt seit zwei Monaten vor.

Das Fazit der Volksverpetzers:

"Der MDR und HR haben völlig unkritisch einem vielfach kritisierten und widerlegten Corona-Fake-News-Verbreiter eine Bühne gegeben und dessen Falschaussagen prominent verbreitet. Nicht jeder Randmeinung, die auf wissenschaftlich unbelegten Behauptungen beruht, muss eine Bühne geboten werden."

Dass man Bhakdi "diese Bühne" gegeben habe, zeuge von einer "tragischen Fahrlässigkeit", bilanziert netzpolitik.org-Autorin Ballweber. Noch etwas schärfer ist der Ton auf dem Twitter-Account der "Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften":

"Lieber HR, bei Medizin-Themen kann 'false balance' für eure Hörer tödlich sein!"

Sowohl der MDR - der in der Ankündigung des Interviews Bhakdi als "Coronaskeptiker" bezeichnet, was die Befürchtung aufkommen lässt, dass er bald auch einen "Schwerkraftskeptiker" zum Gespräch bitten wird - und der HR scheinen leider die Schüsse nicht gehört zu haben. Wünschenswert wäre es gewesen, wenn sie folgendermaßen reagiert hätten: Es war ein grober Fehler, Bhakdi zu interviewen, es war journalistisch unzulässig und gesellschaftlich unverantwortlich. Vergleichbares war, trotz vereinzelter Selbstkritik im Detail, bisher nicht zu vernehmen.

Was falsch ist an der false balance - darüber hätten sich MDR-Redakteure natürlich auch beim MDR informieren können. Zum Beispiel in einem vor etwas mehr als zwei Jahren erschienenen Interview von MDR Sachsen-Anhalt und natürlich im Altpapier -  siehe dazu Kolumnen aus dem Januar und dem Februar 2019 sowie dem April und dem Mai diesen Jahres.

Dass es aus etwas anderen Gründen unangemessen ist, den Wissenschafts-Promi Hendrik Streeck zu interviewen, finden die Ärztin und taz-Autorin Gilda Sahebi und die Wissenschaftlerin und Radiopreisjury-Vorsitzende Nadia Zaboura. Ihre Bemerkungen beziehen sich auf die gestrige Maischberger-Sendung. Den Eindruck, dass Streeck ein recht seltsamer Heiliger ist, legen Recherchen von Übermedien nahe. Streeck, so Stefan Niggemeier, habe im Zuge des Autorisierungsprozesses eines Cicero-Online-Interviews zuerst zwei Fragen der Autorin umgeschrieben - und habe später, nachdem die Redaktion sich diesen Eingriff nicht hatte bieten lassen, eine seiner Antworten nachträglich geändert, und zwar so, dass da plötzlich das Gegenteil stand von dem, was er vorher autorisiert hatte.

Wenn die Finanzbranche auf Reenactment setzt

Harter Schnitt, große Frage:

"Wer kollabiert zuerst: unser Ökosystem Erde oder der Kapitalismus?"

Das fragt ein Experte am Ende des Dokumentarfilms "Oeconomia", eines heute im Kino startenden Films über die großen, in gewisser Hinsicht aber auch einfachen Fragen, die das Wirken der Finanzwirtschaft aufwirft. Unter medienkolumnistischen Aspekten ist der Film der Grimme-Preisträgerin Carmen Losmann unter anderem deshalb interessant, weil er Beispiele für eine ungewöhnliche Form des Reenactments zeigt. Im Interview mit dem ND sagt die Regisseurin dazu:

"Ich komme eigentlich vom beobachtenden Dokumentarfilm: Ich beobachte Menschen gern bei regulären Arbeitsabläufen und in Situationen, die auch ohne Kamerateam so stattfinden. Während der Arbeit an 'Oeconomia' habe ich festgestellt, dass das gar nicht mehr möglich ist. Bei Drehanfragen haben mir die PR-Abteilungen jedes Mal angeboten, Situationen nachzustellen, und nur so konnten wir dann drehen. Irgendwann nach den Dreharbeiten habe ich entschieden, diese Produktionsverhältnisse transparent zu machen, und habe die jeweiligen Absprachen in den Film mit aufgenommen."

Dass die Nachstellungen für die Regisseurin eine "Notlösung" sind, wie sie im Interview auch sagt, ist nachvollziehbar. Für das Publikum, das nicht wissen kann, was sich Losmann konkret vorgestellt hat, ist es mehr als das. Wenn Unternehmen ihre Mitarbeiter als Schauspieler agieren lassen und dies als Akt der Generösität verstehen - "Wir können Ihnen gern ein Meeting nachstellen" und "Wir können gern ein Performancegespräch nachstellen" lauten die entsprechenden Formulierungen aus dem von Losmann im Film zitierten Firmenschreiben -, legen sie den Eindruck nahe, dass sie nicht nur in diesen Szenen etwas vorspielen, sondern auch sonst ein Teil des Gaukelgewerbes sind.

Die FR geht in einer Rezension auf die Unbeholfenheit mancher Interviewpartner aus der Banken- und Geldanlagewelt ein:

"Immer wieder lassen stammelnde Antworten auf einfache Anfragen den Gedanken aufkommen, dass Milliardensummen im Blindflug entstehen und vertrieben werden: "Wo kommt das Geld her, damit Unternehmen gesamtwirtschaftlich Gewinne machen können?" – "Das ist ’ne gute Frage".

Losmann sagt dazu in dem ND-Interview, "dass Leute in solchen Positionen, die öfter in den Medien zu Wort kommen, kürzere, pointiertere Formate gewohnt ist, in denen sie schnell ihre gewohnten Antworten abspulen".

Mehr Rezensionen zu dem Film, der unter Beteiligung von ZDF und 3sat entstanden ist, stehen im SZ-Feuilleton, in der Berliner Zeitung und der Wochenzeitung Kontext.


Altpapierkorb (die Fortführung von Daphne Caruana Galizias Arbeit, der Publikumsbezug des Attentäters von Halle, ein journalistenfreundliches Urteil des Bundesverwaltungsgerichts, die wissentliche Stigmatisierung in der Berichterstattung über sog. Clankriminalität)

+++ Am morgigen Freitag jährt sich der Jahrestag der Ermordung der maltesischen Investigativjournalistin Daphne Caruana Galizia zum dritten Mal, und dies nimmt die FAZ das Anlass, darüber zu berichten, auf welche Art die Söhne der Ermordeten deren Arbeit fortführen. Den Artikel gibt es für 55 Cent bei Blendle.

+++ Lothar Müller geht im SZ-Feuilleton auf "Halle (Saale), 9. Oktober 2019. Protokoll eines gescheiterten Anschlags" ein - einen Beitrag aus der Oktober/November-Ausgabe der ab Januar kommenden Jahres von einem Noch-SZ-Mann verantworteten Zeitschrift Mittelweg 36 ein, die unter dem Titel "Von einsamen Wölfen und ihren Rudeln. Zum sozialen Phänomen des Einzeltäters" erschienen ist. Autor Chris Schattka, so Müller zeige, "dass Stephan B. seine Tat nicht durch die Explikation seines Weltbildes ankündigt, sondern durch Signale der Zugehörigkeit, Erkennungszeichen, die ausweisen, dass er den Code seines Publikums beherrscht.Während der Tat ist er auf dieses anonyme Publikum fixiert, spricht auf Englisch mit ihm, kommentiert nach dem vergeblichen Versuch, die Tür der Synagoge aufzuschießen, sein 'Versagen' und das seiner Waffen ('Sorry, guys'). Längst hat er sich durch eine Kaskade des Ungeschicks vor seiner peer group desavouiert. Warum bricht er seine Aktion nicht ab, sondern setzt sie mit hektischen Bewegungen im Stadtraum und der Ermordung zweier Menschen fort? Das Tatprotokoll mündet in die These, dass das Nicht-Abbrechen-Können und die Neuzündung der Gewaltdynamik, der zwei Menschen zum Opfer fielen, vom Publikumsbezug befördert wurde." Man kann Schattkas Beitrag für 2,99 Euro online kaufen (muss aber vorher ein wenig scrollen).

+++ Der Tagesspiegel berichtet, dass das Bundesverwaltungsgericht (BVerwG) das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) in die Schranken gewiesen habe: Bisher habe sich dieses "notorisch" geweigert, "investigative Anfragen von Journalisten zu beantworten", aufgrund eines am Dienstag veröffentlichten BVerwG-Urteils könne es an dieser Praxis aber nicht mehr festhalten. Die Zeitung berichtet hier auch in eigener Sache, denn: "Auch der Tagesspiegel führte und führt verschiedene Auskunftsverfahren gegen das Kölner Bundesamt."

+++ Einer der Lieblingsbegriffe biodeutscher Journalisten ist die "Clankriminalität", und damit setzen sich die Kriminologen Thomas Feltes und Felix Rauls von der Uni Bochum auseinander: Die "Berichterstattung und (die) pseudowissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema" erfolgten "ohne eine verlässliche Definition dessen, was als 'Clan' bezeichnet wird". Außerdem kritisieren die Autotoren die "wissentlich(e) Stigmatisierung ganzer Bevölkerungsgruppen". Zu finden ist der Text in der sechsmal pro Jahr erscheinenden Fachzeitschrift Sozial Extra.

Neues Altpapier gibt es wieder am Freitag.

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