Das Altpapier am 13. November 2020 Deals mit goldenen Gänsen

Der Nachrichtensender Fox News scheint sich von Donald Trump abzuwenden. Aber wir sehen: Wo sich die Tür zu einem Sender schließt, tun sich die Türen zu anderen auf. Ein Altpapier von Ralf Heimann.

Teasergrafik Altpapier vom 13. November 2020: Porträt Autor Ralf Heimann
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Klicks gegen Wahrheit

Der US-Nachrichtensender Fox News fiel zuletzt beim eigenen Publikum immer wieder negativ durch eine je nach Sichtweise parteiische oder objektive Berichterstattung auf. Arwa Mahdawi schreibt das in ihrer Guardian-Kolumne: Der Sender "flirtete mit echtem Journalismus". Es begann damit, dass Fox News der erste große Sender war, der sich darauf festlegte, dass Joe Biden Arizona gewinnt. Und dann meldete Fox wie alle übrigen großen Medien auch noch dessen Sieg. Im Altpapier von gestern ging es bereits um die möglichen wirtschaftlichen Erwägungen dahinter. Es könnte sein, dass Fox News das eigene Angebot mit Blick auf die bevorstehenden vier Jahre etwas anders ausrichtet. Da gäbe es allerdings erst einmal das Problem mit dem friedlichen Übergang, und nach einem solchen sieht es im Moment nicht aus.

Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete am Donnerstag: "Aktien von Fox News nach Gegenwind von Trump unter Druck." Was die Agentur mit Gegenwind meint, ist in Donald Trumps Twitter-Feed zu finden (wo sonst). Dort verbreitete er in großer Zahl Tweets von Menschen, die enttäuscht sind, weil der Sender nicht mehr nur liefert, was gefühlt der Wahrheit entspricht. Und Trump schrieb einen Tweet nach dem bekannten Muster, den ich hier stellvertretend für alle übrigen zitieren möchte:

"@FoxNews Tagesbewertungen sind vollständig zusammengebrochen. Wochenende tagsüber noch schlimmer. Sehr traurig, dies zu sehen, aber sie haben vergessen, was sie erfolgreich gemacht hat, was sie dorthin gebracht hat. Sie haben die Goldene Gans vergessen. Der größte Unterschied zwischen der Wahl 2016 und 2020 war FoxNews!"

Mit dieser ich will es mal Analyse nennen liegt Donald Trump richtig. Nach seinem Verständnis beschreibt er hier einen wesentlichen Faktor für den wirtschaftlichen Erfolg des Senders (und nach seinem Verständnis auch den von dessen Journalismus). Tatsächlich erklärt er aber vor allem den medialen Defekt, der dazu führt, dass Menschen sich abwenden, wenn sie mit so etwas wie Journalismus konfrontiert werden. Medien, die eine goldene Gans, also den wirtschaftlichen Erfolg zum Maßstab ihrer Berichterstattung machen, entscheiden sich im Zweifel für die Quote und gegen die möglicherweise geschäftsschädigende Wahrheit. Das beeinflusst auch die Erwartungshaltung des Publikums. Und das beobachten wir nun schon seit längerer Zeit. Aber plant der Sender nun tatsächlich einen Kurswechsel?

Nachricht schlägt Meinung

Heike Buchter kann so eine Entwicklung nicht erkennen. Es wäre ein "Missverständnis zu glauben, die Leute von Fox News hätten die Seite gewechselt", schreibt sie in einem Beitrag für die Zeit (€). Wie die Situation sich aus Sicht des Senders selbst darstellt, erklärt sie ebenfalls:

"Durch den Sender verläuft eine Trennlinie. Wie bei einer Zeitung gebe es auch bei Fox einen Nachrichten- und einen Meinungsteil, erklärt eine Sprecherin: (Chris, Anm. Altpapier) Wallace und die Analysten der Wahldaten gehörten zum News-Team, das neutral berichte. Die anderen kommentierten die Nachrichten subjektiv."

Völlig neutral, wie auch Heike Buchter anmerkt, ist die Berichterstattung sicher nicht. Aber wahrscheinlich sieht das Bild doch etwas differenzierter aus, wenn man den Sender nicht allein auf Figuren wie Sean Hannity und Tucker Carlson reduziert, was eben oft passiert – möglicherweise auch zu Recht, denn was kümmert eine seriöse Nachrichtenredaktion, wenn das öffentliche Bild des Senders geprägt ist von Propagandisten. Die Frage bleibt: Was hat sich nun verändert?

In der Fox-Meinungssektion anscheinend nichts. Sean Hannity steht weiterhin unerschüttert an Donald Trumps Seite. Und Trump verbreitet bei aller Wut auf Fox News weiterhin Ausschnitte aus dessen Sendung, die sein Narrativ vom Wahlbetrug stützen.

Anders als sonst war aber in den vergangenen Tagen vor allem eines: Eine Nachricht hat sich im Kräftemessen mit den ansonsten kaum bezwingbaren Meinungen durchgesetzt.

Nicht in der fanatischen Basis der Trump-Wähler. Aber doch eben auch im rechtskonservativen Lager der Medienöffentlichkeit, unter anderem eben bei Fox News. Wenn man nun die mutmaßliche Strategie des Trump-Lagers betrachtet, nämlich die Wahrheit als Maßstab unschädlich zu machen, sind die gegenwärtigen Schritte logisch und die kommenden erwartbar. Auch die Glaubwürdigkeit von Fox News muss in Zweifel gezogen werden, wenn Objektivität dort noch irgendeine Rolle spielt. Und so könnte es nun kommen.

Fox News Ultra

Das US-Portal Axios berichtet unter Berufung auf Freunde von Donald Trump über dessen wenn man so will medienpolitische Pläne – in Vorbereitung seiner eigenen Zukunft nach der Präsidentschaft. Eine Quelle beschreibt sie in einer an Trump angelehnten Rhetorik wie folgt: "Keine Frage, er will Fox News zerstören." Laut den Quellen von Axios plant Trump ein eigenes Medienunternehmen, das dann mit großer Wahrscheinlichkeit über keine an der Wirklichkeit orientierte Nachrichtensektion verfügen wird.

Wie das dann aussehen könnte?

"Trumps digitales Angebot würde den MAGA-Fans wahrscheinlich eine monatliche Gebühr in Rechnung stellen. Viele sind Fox-News-Zuschauer, und er würde versuchen, das Netzwerk– und den 5,99 Dollar pro Monat kostenden Fox-Nation-Streaming-Service, der eine 85-prozentige Umwandlungsrate von kostenlosen Testversionen zu kostenpflichtigen Abonnenten hat – als ihr Hauptziel zu ersetzen."

Das Ergebnis wäre gewissermaßen eine Art Fox Ultra, möglicherweise mit den gleichen Gesichtern. Leonhard Landes, der die ganze Diskussion in einem Beitrag für die Welt sehr gut zusammenfasst, zitiert dort einen Tweet des ABC-Journalisten John Santucci, der schon vor einer Woche bei Twitter geschrieben hatte:

"Im Leben danach kann die Wut auf die Familie Fox / Murdoch nicht unterschätzt werden. Sollte er verlieren, will Trump Fox zerstören – Helfer glauben, dass sie Gastgeber Hannity & Carlson stehlen können. Quellen glauben, dass Trump niemals zugeben wird, dass er verloren hat, wenn wir dort ankommen – stattdessen bleiben Sie bei 'manipuliertem' 'Betrug' 'gestohlen'.

Trump selbst hat die Vermutung, er wolle ein Medienunternehmen gründen, in einem Interview mit der Washington Post zurückgewiesen. Aber wie wir wissen: Das muss nichts heißen. 

Die Quote rettet Trump

Interessant ist eine Entwicklung, die sich in den vergangenen Tagen ergeben hat. Die Trump-Fangemeinde schwenkt über zu einem anderen Nachrichtensender mit dem Namen Newsmax, der bislang eher zu den Nischenanbietern gehört hat, aber der mit Unterstützung des abgewählten Präsidenten nun mehr Gewicht bekommen hat. Der Sender hat bislang nicht verkündet, wer die Präsidentschaftswahl gewonnen hat. Donald Trump verbreitete am Donnerstag bei Twitter eine Reihe von Tweets, in denen enttäuschte Fox-News-Zuschauer ankündigen, ihre Nachrichten zukünftig bei Newsmax zu beziehen – oder beim Sender One America News Network, kurz Oann, der in Social-Distancing-Kategorien mit großen Sicherheitsabstand auf der rechten Seite von Fox News steht.

Newsmax-Chef Chris Ruddy streitet in einem Interview mit Brian Stelter für CNN zwar ab, dass sein Sender nur trumpfreundliche Inhalte verbreite, aber er gibt relativ offen zu, dass journalistische Erwägungen bei der Hinwendung zum Trump-Lager nicht die Hauptrolle spielen. Ruddy sagt:

"Sicher hätte ich Donald Trump gern auf Newsmax, ob er Präsident ist oder nicht. Ich denke, er bringt großartige Fernsehquoten."

Damit macht Ruddy nun genau das, was Trump bei Fox News inzwischen vermisst: gemeinsame Sache mit der goldenen Gans – auf Kosten einer an Fakten orientierten Berichterstattung. Unabhängig davon, ob Fox News nun tatsächlich eine neue Richtung einschlägt, zeigt sich hier, dass die Hoffnung, mit dem journalistischen Instrumentarium, also Fakten, Belegen und Beweisen ließe sich dem Trump-Kosmos irgendwie beikommen – es ist keine Überraschung– vergeblich zu sein scheint.

DerTrump-Biograf David Cay Johnston ahnte das alles schon vor vier Jahren. Als Marc Pitzke für den Spiegel mit ihm darüber sprach, was Trump im Fall einer Niederlage machen wird, sagt er:

"Er wird sich ein neues Medienumfeld suchen, um seinen religiösen Hass und Rassismus weiter zu versprühen."

Mit Donald Trumps Lügen und Manipulationen scheint es ein bisschen zu sein wie mit Wasser. Man kann Widerstände errichten, aber das Wasser wird nicht nachgeben; der Druck wird größer, und wenn es andere Wege gibt, wird das Wasser sie finden. Der Journalismus sucht ebenfalls einen neuen Weg – einen Weg, mit diesem Druck umzugehen und um das Bild zu verlassen, den Manipulationen etwas entgegenzuhalten. Gefunden ist dieser Weg noch nicht. Aber eines ist relativ sicher: Wo die wirtschaftlichen Interessen von Medien groß sind, ist es besonders gefährlich


Altpapierkorb (MDR-Dossier, Ärger über Google, Bayer vs. Monitor, Hannah Suppa, Corona, Facebook)

+++ Die MDR-Plattform Medien360G, unser Altpapier-Host, hat sich einem Dossier mit der Debatte um den Rundfunkbeitrag und der Kritik an den öffentlich-rechtlichen Sendern beschäftigt. Steffen Grimberg gibt in einem Beitrag einen Überblick, was in dem Dossier alles zu finden ist. Spoiler: unter anderem ein 15-minütiges Interview mit Samira El Ouassil. Und hier finden Sie alle Beiträge.

+++ Bei der Gelegenheit auch noch mal der Hinweis auf das Medien360G-Dossier zur Bedeutung der Medien in Ostdeutschland, denn dazu passt sehr gut das am Mittwoch erschienene SWR2-Feature "Sendeschluss oder Neustart? – Vom Ende der DDR und der Neuordnung des Rundfunks" (hier auch als pdf-Datei zum Lesen): Der im April 2021 in den Ruhestand gehende RBB-Chefredakteur Christoph Singelnstein sagt darin: "Am Ende ist uns mehr geglückt, als man am Jahresanfang 90 hätte hoffen dürfen. Sehr, sehr viele Kollegen und Kolleginnen sind im Mitteldeutschen, im Norddeutschen und beim ORB untergekommen. Wir haben die Orchester und die Chöre retten können. Aber es gab extrem große Vorbehalte in der ARD gegen die Archive vom Rundfunk und Fernsehen der DDR, also die natürlich einfach auch ideologisch geprägt waren: Was wollen wir mit diesem ganzen Ostschrott? Und glücklicherweise ist es dann gelungen, die ARD zu überzeugen, das DRA zu erweitern um das DRA Ost (…) Aber natürlich kann man auch jetzt nicht sagen, dass alles geglückt ist. Es sind halt auch sehr viele Menschen auf der Strecke geblieben. Das gehört zur Wahrheit dazu."

+++ 165 europäische Verbände und Unternehmen, unter anderem der Bundesverband der Zeitungsverleger und Digitalpublisher (BDZV), haben die Europäische Kommission aufgefordert, sie gegen die in ihrem Augen unfaire Konkurrenz durch Google zu schützen, berichtet epd-Medien (leider nicht online). Der BDZV schreibt in einer Pressemitteilung, die Kommission habe Google schon vor drei Jahren aufgefordert, die eigenen Angebote nicht zu bevorteilen, der Suchmaschinen-Anbieter habe das aber faktisch ignoriert. Und in so einer ähnlichen Sache hat Google gerade auch noch anderen Ärger. Wer Gesundheitsthemen googelt, findet in einem prominenten Info-Kasten ein Portal der Bundesregierung. Darin sehen unter anderem die Zeitschriftenverleger "eine Verdrängung der privaten Presse durch ein staatliches Medienangebot", berichtet Alexander Krei für DWDL. Es könnte sein, dass die Kooperation auch nicht ganz kompatibel mit den Regeln des neuen Medienstaatsvertrags ist. Das prüfen die Medienhüter gerade.

+++ Der Leiter der Bayer-Unternehmenskommunikation, Christian Maertin, beschwert in einem LinkedIn-Beitrag darüber, wie öffentlich-rechtliche Politmagazine wie "Monitor" arbeiten. "Monitor"-Chef Georg Restle sagt, Bayer störe sich daran, dass Journalisten nicht einfach deren Botschaften transportieren. Jürn Kruse erklärt die Perspektiven beider Seiten für Übermedien etwas genauer.

+++ Hannah Suppa wird Chefredakteurin der Leipziger Volkszeitung und damit Nachfolgerin von Jan Emendörfer, der als Chefkorrespondent für Osteuropa und Russland für das Redaktionsnetzwerk Deutschland nach Berlin geht, hier nachzulesen bei der Leipziger Volkszeitung.

+++ In der Türkei ist der Schwiegersohn von Präsident Erdogan als Minister zurückgetreten, und die meisten Medien haben erst mit Tagen Verzögerung berichtet, weil sie auf die Freigabe gewartet haben. Einzelkämpfer wie der Journalist Cüneyt Özdemir, der die Nachricht bei Youtube verbreitet hat, finden daher ein großes Publikum, schreibt Susanne Güsten für den Tagesspiegel. Aber inzwischen regt sich auch bei den Staatsmedien Kritik, berichtet sie.

+++ Christian Meier berichtet, "wie Medien Corona für ihre Weltverbesserungs-Agenda genutzt haben". Das ist der Titel seines Beitrags für die Welt (€). Meier: "Bemerkenswert ist der auffällig häufige Gebrauch des einschließenden "Wir" bei Überschriften. Dieses signalisiert im einfachen Fall die simple Botschaft, dass 'wir' doch in einem Boot sitzen, dass Corona 'uns alle' betrifft. Das ist zwar richtig, negiert aber doch die ganz unterschiedlich ausgeprägten Einschätzungen der Maßnahmen, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen, sowie die individuelle Bereitschaft, diese Maßnahmen mitzutragen und die damit verbundene Risikoneigung. Das 'Wir' der Medien wird vor allem aus einem eher einfachen Grund verwendet: Es soll vermutlich möglichst viele Leser ansprechen."

+++Donald Trump hat weiterhin keine Belege dafür gefunden, dass bei der Wahl betrogen wurde, behauptet es aber weiterhin. Patrick Gensing beschäftigt sich für den ARD-Faktenfinder mit den Falschmeldungen.

+++ Facebook will Gruppen-Moderatoren stärker in die Pflicht nehmen, um gegen Hetze und Desinformation vorzugehen, berichtet Mascha Fouquet für Netzpolitik.org.

Neues Altpapier gibt es am Montag.

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