Das Altpapier am 30. November 2020 Der Unterschied zwischen Leben und Tod

Eine Journalistin und eine Wissenschaftlerin lassen drei Alpha-Politiker bei "Anne Will" sehr alt aussehen. Eine "asiatische Mentalität" gibt es nicht, auch keine ostasiatische oder südostasiatische. ARD-Hierarchen führen ein vermeintlich dem Geweinwohl dienendes Gespräch mit sog. Querdenkern. Der Spiegel bemerkt "Unruhe im Konrad-Adenauer-Haus" wegen der Abstimmung zum Rundfunkbeitrag in Sachsen-Anhalt. Ein Altpapier von René Martens.

Teasergrafik Altpapier vom 30. November 2020: Porträt Autor René Martens
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Ideen vs. Mantren

Wirkt lineares Fernsehen noch ein bisschen? Falls ja, dann könnte die gestrige "Anne Will"-Sendung wichtige Impulse für die Diskussion über das Thema Nummer eins gegeben haben.

"Bei der Debatte darüber, ob Deutschlands Corona-Strategie sinnvoll oder doch unübersichtliches Wischiwaschi ist, verschob sich die Stimmung vom Lockdown light hin zum Lockdown hard",

beobachtete jedenfalls Tatjana Kerschbaumer für den Tagesspiegel.

Der, wenn man denn so will: Stimmungswechsel war der Physikerin Viola Priesemann und der Zeit-Redakteurin Vanessa Vu zu verdanken. Kerschbaumer:

"Während Müller, Söder und Lindner kaum etwas zu bieten hatten als wohlbekannte Mantras und Möglichkeiten, die teils seit Monaten diskutiert werden – Risikogruppen schützen, Schließung der Gastronomie ja/nein – legte Priesemann simpel aber effektiv dar, warum die Zahl der Neuinfektionen drastisch gedrückt werden müsse."

Auf eines der Mantren, die gestern Abend der Berliner Meisterdenker Michael Müller sang, spielte Teresa Bücker bei Twitter an:

"Ziemlich trauriger Moment auch, als Müller das deutsche Pandemie-Management lobt, und @_vanessavu ihn daran erinnern muss, dass jeden Tag aktuell rund 400 Menschen sterben."

Allemal bekräftigte die Sendung meine hardcore-minotäre These, dass Polit-Talkshows am Instrukivsten wären, wenn man gar keine Politiker einlüde.

Thomas Hummel schreibt in seiner Nachkritik für die SZ:

"(Vu) nennt die deutschen Debatten zynisch, schließlich stirbt nach ihren Informationen derzeit etwa alle dreieinhalb Minuten ein Mensch an oder mit Covid-19. In Vietnam etwa gebe es eine kollektive Anstrengung, jeder leiste seinen Beitrag. ‚Da wird nicht gemeckert: Ich brauche aber Böller, ich brauche meine Fußballspiele und ich brauche dies und das. Sondern man schränkt sich freiwillig ein, um eine freiheitlichere Situation für alle zu ermöglichen.’ In Vietnam werden derzeit täglich zwischen fünf und 20 Neuinfizierte gezählt. Zum Vergleich: In Deutschland mit etwas weniger Einwohnern sind es zwischen 14 000 und 24 000 Neuinfizierte pro Tag."

Hummel singt kurz danach auch ein Mantra, nämlich dieses:

"Nun tun sich bei Vergleichen mit anderen, weit entfernt liegenden Ländern Fragen auf. Nach Mentalität, nach kultureller Historie, nach Positionierung des Einzelnen in der Gemeinschaft etwa."

Christian Y. Schmidt schrieb im ND zu derlei Einwänden am Tag vor der Sendung:

"In den Diskussionen zur Corona-Pandemie hört man immer wieder, ein gewichtiger Grund, weshalb die Infektions- und Todeszahlen in einigen asiatischen Ländern so niedrig lägen, sei eine ominöse 'asiatische Mentalität.'"

Wozu sich, so Schmidt, beispielsweise sagen ließe:

"Asien ist als Kontinent deutlich diverser als Europa. Der Iran gehört dazu, genauso wie der größte Teil Russlands, die Türkei, Israel oder Indien (…) Mit ‚asiatischer Mentalität‘ in der Regel tatsächlich gemeint ist die Ostasiens - also China, Japan und Korea. Allenfalls ist dabei noch Südostasien eingeschlossen, das von Myanmar über Vietnam bis nach Indonesien reicht."

Und unter anderem, weil es zwischen diese Ländern wiederum erhebliche politische Unterschiede gebe, seien

"die Maßnahmen, die die Staaten der Region zur Pandemiebekämpfung ergriffen haben, (…) nicht einheitlich ausgefallen. China oder Vietnam haben sehr stark auf harte Lockdowns gesetzt, jedenfalls in bestimmten Regionen, Thailand und Taiwan auf frühzeitige Schließung der Grenzen, Südkorea auf konsequentes Testen und Nachverfolgen von Infektionen, während Japan ganz auf Lockdowns verzichtet und stattdessen mehr an die Eigenverantwortung appelliert hat."

In eine nicht unähnliche Richtung geht ein frustrierter Tweet, den Spiegelredakteur Jonas Schaible während oder kurz nach der "Anne Will" -Sendung absetzte.

"Der wichtigste Grund" für die Nicht-Eindämmung des Virus, so nun wiederum Schmidt, "dürfte der gerade in den westlichen Gesellschaften verbreitete neoliberale Irrglaube an den schlanken Staat sein, der sich möglichst wenig in gesellschaftliche Abläufe einzumischen hat, und selbst Bereiche wie Gesundheitsvorsorge dem Markt beziehungsweise der Eigenverantwortung überlässt."

Als Ergänzung zu den aktuellen Reaktionen auf die Reaktionen deutscher und österreichischer Politiker und Journalisten auf Pandemie-Bekämpfungserfolge in Asien sei noch ein sarkastischer Facebook-Post des Wiener Publizisten Fabian Lehr empfohlen: 

"Australien und Neuseeland haben Corona bei minimalen Opferzahlen so gut wie ausgerottet. Das kann man aber nicht auf Europa übertragen, weil das Inseln sind (…) Kuba hat Corona bei minimalen Opferzahlen so gut wie ausgerottet. Das kann man aber nicht auf Europa übertragen, weil das dumme Kommunisten sind, die nicht verstehen, wie Wirtschaft funktioniert und dass staatliche Gesundheitspolitik eine verrückte Idee ist."

Wir haben hier zu Twitter verlinkt, weil Facebook Lehr wegen dieses Posts gesperrt hat (was vermutlich nicht wegen der suboptimalen Formulierung "ausgerottet" passiert ist, sondern weil sie beim Gesichtsbuchladen die Ironie nicht wahrgenommen haben).

Neue Folge der Serie "Mit Rechten reden"

Die SZ berichtet heute über "ein Hintergrundgespräch per Videokonferenz", das sieben führende ARD-Leuten mit einem kenjebsenoiden "Wildnispädagogen" und einigen seiner Gesinnungsgenossen geführt haben, die eine von diesen verfasste querdenkerische Petition an die ARD unterzeichnet hatten. Am Freitag war diese Videokonferenz mit den "Denk-Rebellen" (Ralf Heimann) bereits Thema im Altpapier - und am Dienstag via Übermedien deren Vorgeschichte, die WDR-Programmdirektor Jörg Schönenborn in zwei internen Mails an die Mitarbeiter des Senders beschrieben hatte. Die SZ greift  in ihrem Artikel unter anderem eine bereits im erwähnten Altpapier von Dienstag zitierte Formulierung Schönenborns:

"Spürt das Publikum, dass unsere Empathie für Demos von 'Fridays for Future' größer ist als die von Querdenkern - obwohl doch unsere Berichterstattung gleichermaßen sachlich sein müsste?"

Fridays for Future kämpft für das Leben, die sog. Querdenker kämpfen für den Tod, und man könnte meinen, dass zwischen Leben und Tod ein Unterschied besteht, aber vielleicht ist diese Position unter ARD-Hierarchen auch nicht mehr mehrheitsfähig. Und dass Fridays-for-Future-Demonstranten nicht mit Schildern herumlaufen, die ARD-Redakteure in Sträflingskleidung zeigen, ist möglicherweise auch kein unwichtiges Unterscheidungsmerkmal.

Die SZ zitiert "die ARD" mit den Worten, man habe das Hintergrundgespräch angeboten, "damit wir zu Kritik, Sorgen und Vorschlägen der Petenten in einen Dialog kommen und miteinander reden statt übereinander - das ist für uns als öffentlich-rechtliche Sender, die dem Gemeinwohl dienen, wichtig". Ein Senderverbund, der dem Gemeinwohl dienen möchte, sollte vielmehr deutlich machen, dass es keinen Dialog geben kann mit Leuten, die das Gemeinwohl aus allen Rohren torpedieren.

Dieses Hintergrundgespräch ist ein weiteres Indiz dafür, dass die Öffentlich-Rechtlichen alle Fehler, die sie im Umgang mit der AfD gemacht hat und macht, nun bei den quer Denkenden wiederholt. Ein anderes Indiz: Diese schafften es, mit einer Demo, an der vermutlich weniger als die von der Polizei gemeldeten 1.500 Menschen beteiligt waren, um 20.03 Uhr in die Hauptausgabe der "Tagesschau" zu kommen. Vor einer Woche war Jagoda Marinic schon Ähnliches aufgefallen.

Saskia Esken wurde in einem Magdeburger Hotel gesehen!

Wer eine Extended Version der am Donnerstag erschienenen Altpapier-Passage zur Abstimmung in Sachen Rundfunkbeitragserhöhung in Sachsen-Anhalt lesen möchte: Der Spiegel (€) liefert eine in seiner aktuellen Print-Ausgabe. Es handelt sich um eine Extended Version mit makropolitischem Schwerpunkt. "Die schwarz-braune Gefahr" lautet die Überschrift, aber gemeint ist damit nicht die Gefahr, die ein gemeinsames Abstimmen von CDU und AfD für die Öffentlich-Rechtlichen und ihre Programme und Mitarbeiter mit sich bringen würde. Gemeint sind die möglichen Auswirkungen auf die Bundes-CDU bzw. die gesamte Bundespolitik. Um Lesern, die für Beitragserhöhungs-Berichterstattungs-Schwarzbrot nicht zu haben sind, das Ganze schmackhaft zu machen, werden alle Spiegel-Soundregister gezogen:

"Das Konrad-Adenauer-Haus" sei "in Unruhe", es spiele sich "ein Krimi" ab, "der nicht nur Kramp-Karrenbauers letzte Wochen als Parteichefin zu belasten droht, sondern die CDU insgesamt schwer strapazieren könnte", weshalb sich "die Parteispitze seit Tagen die Finger wund telefoniert, um die Landtagsfraktion von ihrem Kurs abzubringen".

In diesem Sinne der Höhepunkt der Geschichte ist eine Passage, in der die sieben Autorinnen und Autoren darüber spekulieren, ob Saskia Esken, die Bundesvorsitzende jener Partei, mit der die CDU (bekanntlich nicht nur) in Sachsen-Anhalt koaliert, "nicht zündeln" will, weil das Ganze für den Partner eh zerstörerisch ausgeht, oder ob sie bereits einen Brandbeschleuniger zum Einsatz gebracht hat:

"Gerüchte aus Magdeburg kursieren im Konrad-Adenauer-Haus. Esken sei am vergangenen Freitag vor Ort gewesen, um die SPD gegen die Christdemokraten in Stellung zu bringen. Sie sei in einem Hotel gesehen worden, heißt es. Esken lässt einen Besuch dementieren, aber die Verdächtigungen zeigen, wie vergiftet die Atmosphäre ist."

Die Formulierung "Sie sei in einem Hotel gesehen worden" erinnert an Berichte über Fußballspieler, deren Wechsel zu einem anderen Verein als mehr oder weniger sicher vermeldet wird, weil irgendjemand sie in einem Restaurant, auf dem Flughafen oder einer Autobahnraststätte in oder in der Nähe der Stadt des mutmaßlichen neuen Clubs gesehen hat.

Während das Spiegel-Autoren-Septett weiß, dass der "der Fall längst die Berliner Parteizentralen erreicht hat" - weshalb zum Beispiel auch an zwei Stellen Robert Habeck in den Text flaniert -, vertreten Stefan Reinecke und Sarah Ulrich in der taz übrigens die Ansicht, "in Berlin" sei "noch nicht recht angekommen", was sich in Sachsen-Anhalt "zusammenbraut".

Matthias Daniel, der Chefredakteur des Medienmagazins journalist kommentiert:

"Der CDU geht es überhaupt nicht um den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Es geht ihr um das eigene Schicksal bei der Landtagswahl im nächsten Jahr. Sie vermutet, dass sich mit dieser billigen Haltung in AfD-Nähe Stimmen ködern lassen."

Womit er wiederum das Gegenteil schreibt von dem, was Michael Hanfeld schreibt (siehe auch Altpapier von Dienstag). In der Samstags-FAZ geht Hanfeld darüber hinaus auf die Einschätzungen einiger Stakeholder jenseits der Politik ein: Der Fachverband Rundfunk- und Breitband-Kommunikation (FRK) ersuche die CDU zum Beispiel "ausdrücklich, nicht zuzustimmen". Denn:

"Die Beitragserhöhung trage zur Wettbewerbsverzerrung auf dem Breitband- und Kabelmarkt zu Lasten mittelständischer Unternehmen bei (…) Der Geschäftsführer der Münchner Filmfirma Tellux, Martin Choroba, appelliert an die CDU-Fraktion in Magdeburg indes, der Beitragserhöhung zuzustimmen (…) Sein Argument: Große Projekte wie das von der cross media Medienproduktion aus Halle für den Kinderkanal Kika erstellte Krippenspiel würde es ohne eine ‚bedarfsgerechte‘ Finanzierung des Rundfunks nicht mehr selbstverständlich geben."

Die Grenzen zwischen Entertainment und Journalismus verschwimmen weiter

Anders als Kika-Krippenspiel-Produzenten möglicherweise besser gegen "die schwarz-braune Gefahr" (Spiegel) gewappnet sind die Rechercheure der Öffentlich-Rechtlichen. Seit Freitagabend ist mal wieder ein neuer öffentlich-rechtlich-privatwirtschaftlicher Rechercheverbund am Start. Ob die Zusammenarbeit zwischen dem "ZDF Magazin Royale" und dem Handelsblatt in Sachen Wirecard mehr ist als ein One Night Stand, weiß man jetzt natürlich noch nicht, aber dass eine Unterhaltungssendung überhaupt mit einer Wirtschaftszeitung kooperiert, ist allemal bemerkenswert.

Als eine formale Besonderheit wäre das Interview mit drei Mitgliedern des Wirecard-Untersuchungsausschusses zu nennen, das in der linearen Show-Fassung zwar nur in einer Kürzest-Version auftauchte, in der Online-Verlängerung aber 25 Minuten lang war. Man merkte Böhmermann hier (ab 8:11) an, dass ihm unter anderem daran gelegen war herauszustellen, dass der Fall Wirecard auch ein Fall Scholz ist.

"Journalistisch versucht" habe sich Böhmermann ja "schon in den ersten beiden Ausgaben der im ZDF-Hauptprogramm relaunchten Show", schreibt Markus Ehrenberg (Tagesspiegel) etwas dünkelhaft. Man könnte auch sagen, dass solche Sendungen zeigen: 2020 ist das Jahr, in dem die Grenzen zwischen Unterhaltung und Information noch stärker verschwimmen als vorher schon - siehe dazu auch das Black-Lives-Matter-Special in einer Carolin-Kebekus-Show ("Da die ARD dazu bisher keinen Brennpunkt gemacht hat, machen wir einfach einen") und Klaas Heufer-Umlaufs und Joko Winterscheidts "15 Minuten"-Specials zu sexueller Belästigung gegen Frauen (Altpapier) und ihre "Short story of Moria".

Brauchen wir Merz-Memes?

Die Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin Berit Glanz variiert in ihrem wöchentlichen Newsletter eine Frage, die in Mediendebatten schon öfter aufpoppte:

"Wie Trump nimmt mittlerweile auch Merz mit seinen polarisierenden Aussagen erheblichen Medienraum ein und inspiriert in Folge auch immer wieder neue Memes. Dieses grundsätzliche Dilemma wird uns noch länger begleiten: Hilft man einem Populisten zum Erfolg, wenn man sich daran beteiligt, aus seinen Aussagen Memes werden zu lassen oder ist dies einfach eine aktuelle Variante subversiven Verlachhumors?"

Letzteres, würde ich sagen. Schlussendlich kommt es, wie auch im Vormerz bzw. in Prä-Meme-Zeiten, auf die Qualität des Verlachhumors an. Wenn Trump die Tragödie ist bzw. war und Merz die Farce ist bzw. sein wird, können wir guten subversiven Verlachhumor vielleicht noch gut gebrauchen.

Altpapierkorb (50 Jahre "Tatort", der Umgang mit dem Thema Fehlgeburt, die Veränderungen im rechten Medienspektrum der USA, die Grenzen der journalistischen Distanz)

+++ Am Sonntag feierte der "Tatort" sein 50-jähriges Jubiläum. Beim Spiegel präsentiert der "Allesseher" Peter Ahrens, der sich sämtliche Folgen seit 1970 chronologisch anguckt und derzeit angelangt ist "bei Nummer 729. ‚Häuserkampf', Erstausstrahlung 13. April 2009, mit dem lässigen Cenk Batu, der in einer Wohnschachtel in der Hamburger Mundsburg haust und im Dienste der Gerechtigkeit seine Identitäten wechselt", seine Top Ten, Dauerrezensent und Ex-Altpapier-Autor Matthias Dell hat sich für Zeit Online von den Titeln der 1.146 Folgen zu einer "lyrischen Rückschau" inspirieren lassen, und Matthias Schwarzer informiert beim Redaktionsnetzwerk Deutschland darüber, welche fünf "Tatort"-Filme "im inoffiziellen 'Giftschrank' der Sender gelandet" sind. Holger Gertz schließlich schreibt im "Buch Zwei" der Wochenend-SZ: "Wenn man (…) darüber nachdenkt, warum die ARD-Krimireihe 'Tatort' fünfzig Jahre durchgehalten hat, obwohl sie so selten gerühmt und so oft verrissen wird, dann hat das genau damit zu tun: dass sie so oft verrissen wird. Gerade in Deutschland, Heimathöhle von Besserwissern und Hämeschleudern, ist doch ein Fernsehformat dann besonders langlebig, wenn es seinen Kritikern das unwiderstehlichste Angebot macht: ihr ewiger Punchingball zu sein. Das ist übrigens kein Social-Media-Phänomen, sondern war in den Anfängen des 'Tatorts' genauso. Früher war alles besser? Im Archiv kann man aus Leserbriefen und TV-Kritiken das Gegenteil herauslesen."

+++ Anne Fromm kommentiert in ihrer "Unter Druck"-Kolumne für die taz die äußerst fragwürdigen Reaktionen darauf, dass Prominente wie Meghan Markle und das Model Chrissy Teigen ihre Fehlgeburten öffentlich gemacht haben: "Die Fehlgeburt von Chrissy Teigen kommentierte eine 'Bild'-Reporterin: 'Es gibt Dinge, die man nicht für Ruhm teilen sollte.' Teigen habe sich inszeniert für 'Likes und Follower'. Na und?! Natürlich setzen Teigen und Markle ihre Prominenz ein. Der Text einer unbekannten Bloggerin hätte wohl kaum so viele Menschen erreicht. Ihnen deswegen vorzuwerfen, sie würden sich wichtig machen, verhöhnt alle Frauen, die unter einer Fehlgeburt gelitten haben – und es zeigt, wie anders Fehlgeburten noch immer behandelt werden. Hätten Markle und Teigen auch solche Kommentare bekommen, wenn sie eine schwere Krankheit öffentlich gemacht hätten?"

+++ Mit den Veränderungen im rechten Medienspektrum der USA nach der Abwahl Donald Trumps beschäftigen sich mit unterschiedlichen Schwerpunkten Artikel im Tagesspiegel und in der SZ - ersterer mit den Entwicklung bei Fox News, letzterer mit der rechten Twitter-Alternative Parler (siehe auch Altpapier von Mittwoch)

+++ Für die taz setzt sich Karim El-Gawhary, der Ägypten-Korrespondent der Zeitung, mit der Frage auseinander, wie man die journalistische Distanz wahrt, wenn man über einen sehr guten Freund schreibt, der kürzlich verhaftet wurde. Es geht um Gasser Abdel Razek, den Leiter der Egyptian Initiative for Personal Rights. "Ich habe immer wieder argumentiert, dass guter Journalismus für mich bedeutet, ganz nah dran zu sein, die Objekte der Berichterstattung zu Subjekten zu machen, die ihre Geschichten erzählen, über die sich die Leserinnen und Leser dann eine Meinung bilden können", schreibt El-Gawhary. Und mit Blick auf einen Besuch bei der Familie des Inhaftierten: "Ich werde an dem Küchentisch sitzen, an dem ich oft stundenlang mit ihnen gelacht, gespielt und debattiert habe. Wir werden über Gasser reden, meinen Freund und Trauzeugen, der nur wenige hundert Meter entfernt als 'angeklagter Terrorist' im Gefängnis sitzt. Und es wird zu nah sein, um darüber zu berichten."

Neues Altpapier gibt es wieder am Dienstag.

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