Das Altpapier am 22. Januar 2021 Gefährlicher Wunsch nach Normalität

Der US-Journalismus muss sich nach Trump neu sortieren. Auf dem Weg warten viele Fragen und einige Fallstricke, gleichzeitig herrscht ökonomischer Druck. Ein "back to normal" wäre aber fatal. Auch Schülerinnen und Schüler hätten in der Pandemie wohl gerne wieder etwas Normalität. Die Öffentlich-Rechtlichen könnten ihnen dabei etwas mehr entgegen kommen. Ein Altpapier von Nora Frerichmann.

Teasergrafik Altpapier vom 22. Januar 2021: Porträt Autorin Nora Frerichmann
Bildrechte: MDR | MEDIEN360G

Stand des Post-Trump-Journalismus in Washington

Es ist geradezu ein Aufatmen zu hören bei der US-Presse nach dem Abgang von Donald Trump aus dem Präsidentenamt. Das Echo ist bis hier drüben zu hören: Weg vom täglichen Reality-TV-artigen Hick-Hack mit dem Präsidenten im Washingtoner Nachrichtengeschäft, hin zu einer Politikberichterstattung, in der Inhalte zählen. Das jedenfalls ist die Hoffnung vieler Journalist:innen nach der Amtsübernahme durch Joe Biden.

Die White-House-Korrespondentin von PBS‘ "News Hour", Yamiche Alcindor, beschreibt ihre Hoffnungen bei der Columbia Journalism Review so:

"'We were all kind of drinking out of a firehose trying to process all of the different things that were happening,' Alcindor says of the last four years. The challenge, she says, is to address 'the different aspects of our society that we just haven’t spent time delving into, because we were instead focused on sort of reality TV, and rhetoric, and rallies.'”

So weit, so idealistisch. In ihrer neuesten Kolumne bei der Washington Post skizziert Margaret Sullivan eine wichtige journalistische Stolperfalle auf diesem Weg, die auch hier im Altpapier gestern anklang: Bei aller Erleichterung über die Rückkehr zu Normalität und Wahrheit im Weißen Haus dürfen Medienmenschen sich nicht von der Biden-Administration einlullen lassen. Zunächst überwog Sullivans Beobachtung nach nämlich hauptsächlich die Erleichterung:

"The commentary from TV broadcasters across the board, all day long, was at times embarrassingly complimentary. Maybe that’s fine for a day or two while everyone takes a few sighs of relief that democracy has survived its stress test."

Auch bei der New York Times beschreiben John Koblin und Michael M. Grynbaum ihre Befremdung über den Gleichklang:

"it was strange to hear Karl Rove, the Republican strategist, tell Fox News viewers that Mr. Biden had delivered 'a great speech for the moment,' around the time that CNN’s Jake Tapper praised the new president’s 'steely determination and compassion.'"

Das ist einerseits verständlich: Journalist:innen waren in den vergangenen vier Jahren keine Beobachter, die von außen auf die Ereignisse in Washington schauten und möglichst "neutral" berichteten (wobei diese Ansicht, man stünde als Berichterstatter:in über den Dingen ja ohnehin nie wirklich zutrifft). Die direkten Angriffe von Trump (z.B. "enemy of the people") machten Medienmenschen mehr denn je zu Akteuren im Regierungszirkus und seine antidemokratischen Aktionen und Äußerungen drängten die Kolleginnen und Kollegen in den USA in die Rolle, die Demokratie aktiv verteidigen zu müssen.

Andererseits liegen darin aber auch Gefahren, etwa Glaubwürdigkeit zu verspiele und den Kontakt zu Menschen, die noch nicht in verschwörungsmythische Parallelwelten abgedriftet sind, noch mehr zu verlieren.

Warum ein "Back to normal" gefährlich wäre

Jetzt also wieder "back to normal"? Nein, warnt Sullivan, das sollte nach den Lehren aus den vier Trump-Jahren aus verschiedenen Gründen nicht passieren. [Lesetipp am Rande: Gedanken über den Weg, den die US-Presse in der Post-Trump-Amtszeit (ob nach Trump auch vor Trump heißen wird, ist dabei ja auch noch nicht ganz auszuschließen) einschlägt, hat sich direkt nach dem Wahlergebnis im November auch der NYU-Journalistik-Prof Jay Rosen in einem umfangreichen Essay auf seinem PressThink-Blog gemacht. Und auch im "Recode Media" Podcast von Peter Kaftka (Vox) spricht Rosen über seine Beobachtungen, Erkenntnisse, Empfehlungen und Ratlosigkeit für die kommende Zeit.]

Einen kleinen Überblick der journalistischen Erkenntnisse aus der Trump-Praxis hat Norman Ornstein, emeritierter Politikwissenschaftler vom American Enterprise Institute, bei Twitter zusammengestellt. Er warnt Journalist:innen vor allem vor einem Zurückfallen in die Praxis der "false equivalence", also der zwingenden Berücksichtigung von realitätsverweigernden bzw. lügenden Politiker:innen. Sullivan ist überzeugt, dass diese Lektion nun gelernt sei:

"they’ll think twice before they put a reality-denying senator like Ted Cruz (R-Tex.) or Josh Hawley (R-Mo.) on the air to promote false claims about election fraud simply because they feel they need to 'balance' all the (truthful) Democratic voices. They will clearly call out lies. They will identify racism or white supremacy by using plain language instead of euphemism",

Eine pre-Trump-Art der Berichterstattung sei nicht mehr möglich, warnt Ornstein, denn das erlaube den Unterstützer:innen von Trumps antidemokratischen Aktionen, davonzukommen und ebne den Weg für weitere Lügen und Bombast-Rhetorik.

Interessant bleibt die weitere Beobachtung der Berichterstattung in den USA auch unter ökonomischen Aspekten: Denn Trump hatte ja den Nachrichtensendern wie auch den überregionalen Zeitungen teilweise einen enormen Zulauf beschert – und damit Geld eingebracht. Wie die Redaktionen nun mit dem Druck zum Halten dieser Zahlen umgehen, oder zumindest ihrem Abfedern, bleibt abzuwarten...

Die weiterhin unübersichtliche Odysee des Schulfernsehens

Aber blicken wir mal auf eine andere Art von Fernsehen, die in der Pandemie enorm an Bedeutung gewonnen hat: Bildungsinhalte für Kinder und Jugendliche bzw. Schulfernsehen. Grade in den Lockdowns wäre das DIE Gelegenheit für die Öffentlich-Rechtlichen, ihren Bildungsauftrag so richtig mit Leben zu füllen. Im Tagesspiegel formuliert Verena Friederike Hasel dazu folgende Utopie:

"An einem Sommertag im Jahr 2020 hielten die Intendanten von ARD und ZDF eine Zoom-Konferenz ab. Sie waren in Sorge. Was, wenn das Virus im Herbst zurückkäme? "Die Kinder dürfen nicht wieder die Verlierer sein!", rief einer. Eine halbe Stunde später begannen sie, Bildungsbehörden zu kontaktieren. Sie rekrutierten Lehrer und buchten Studios. Anfangs war es Lehrern unangenehm, binomische Formeln in einem Fernsehstudio zu erklären, aber schon bald fanden sie Freude daran. Und noch mehr freuten sich Eltern, als ihre Kinder im Lockdown 2021 jeden Tag zwischen neun und 16 Uhr Unterrichtsstunden der landesweit besten Lehrer erleben konnten, ausgestrahlt von ARD und ZDF."

Die jetzige Situation sieht deutlich anders aus. Klickt man sich durch das öffentlich-rechtliche Bildungsangebot, wie es zum Beispiel Altpapier Kollege Klaus Raab Anfang des Januar und am Montag gemacht hat, bekommt man eher den Eindruck man sei dort "stets bemüht" statt "mit glühendem Eifer bei der Sache".

Neben den bei Alpha, Funk, HR und sonst wo im Netz verstreuten Lernangeboten bündeln immerhin SWR und WDR einige ihrer Videos, Multimedia-Angebote und Begleitmaterial bei planet-schule.de - sortiert nach Themen und Klassen. Ich könnte mir allerdings vorstellen, dass man die für die jeweilige Altersstufe passenden Inhalte nach nicht allzu langer Zeit durchgearbeitet hat.

Als positive Orientierung galt in der Medienberichterstattung hierzulande meist die BBC. Hasel zeichnet in ihrem Tagesspiegel-Text auch die gute Organisation der Bildungsangebote im mexikanischen, kroatischen und koreanischen Schulfernsehen nach und stellt ihnen ein deutlich besseres Zeugnis aus, als hierzulande: Das öffentlich-rechtliche Angebot gleiche "einer Odyssee durch ein unübersichtliches Schulgelände: viele Wissenshäppchen, auf Nebensender und das Netz verteilt, sodass Eltern, die von zu Hause arbeiten, ständig unterbrechen müssen, um den nächsten kleinen Film herauszusuchen." Bei den Verantwortlichen in öffentlich-rechtlichen Häusern hat sie natürlich auch nachgefragt. 

Aber was könnte man von einem modernen, auffindbaren und am Lehrplan orientierten Schulfernsehen eigentlich erwarten? Könnte es in der Pandemie "wieder einen seiner Gründungszwecke erfüllen und mehr Bildungsgerechtigkeit schaffen?", fragt Franziska Schindler bei der taz, nachdem sie sich und ihren Leser:innen die Anfänge der Idee in den 60er- und 70er-Jahren ins Gedächtnis ruft. Die Experten in ihrem Text haben dazu verschiedene Einstellungen, so viel sei gespoilter.

Was die Sache in Deutschland im Vergleich zu zentralistisch organisierten Ländern erschweren dürfte, ist vor allem der Föderalismus – Bildung ist ja Ländersache. Das darf aber keine Ausrede sein, mahnt Schindler und fordert:

"Kultusministerien, Sender und Lehrkräfte sollten sich zusammentun, um Bestände zu sichten und noch nicht behandelte Themen filmisch aufzubereiten. 'Ein solches Angebot könnte man durchaus mit den besten Lehrpersonen des Landes in ein bis zwei Wochen auf die Beine stellen', sagt [Anm. Altpapier: Schulpädagogik-Professor Klaus] Zierer."

Er sieht jetzt vor allem die Kultusministerkonferenz (KMK) am Zug. Können die Maus und der Elefant den Intendant:innen und Fritz Fuchs (der Nachfolger von Peter Lustig in "Löwenzahn", Anm.d.Red.) den Kultusminister:innen etwas Feuer unter Hintern machen, würde die Organisation sicher schon seit Sommer stehen.


Altpapierkorb (BGH zu Clickbaiting, IVW-Zahlen, Werbedeal von Google & Facebook, Mediaset und ProSiebenSat.1)

+++ Kein Clickbaiting mit Promi-Bildern mehr, hat der BGH in den Fällen Jauch und Hehn entschieden. "Die Entscheidung, ob und in welcher Weise das eigene Bildnis für Werbezwecke zur Verfügung gestellt werden soll, ist wesentlicher - vermögensrechtlicher - Bestandteil des Persönlichkeitsrechts", zitiert der Tagesspiegel (via dpa) aus dem Urteil. Auch die Süddeutsche berichtet.

+++ Bei den Branchenportalen Horizont, dwdl.de und Meedia blättern die Kolleginnen und Kollegen sich durch die neuesten IVW-Zahlen. Zuwächse verzeichnet besonders die Zeit, die Welt hingegen rutscht ziemlich ab.

+++ Über einen interessanten, bisher unbekannten und kartellrechtlich wohl problematischen Werbedeal zwischen Google und Facebook berichtet W&V.

+++ Und noch ein kleines Häppchen: Der italienische Konzern Mediaset kauft weitere 3,4 Prozent der Anteile an ProSiebenSat.1. Insgesamt halte der Konzern unter der Leitung des Berlusconi Sohns Pier Silvio damit über die Mediaset Espana nun eine direkte Beteiligung von 13,18 Prozent am Münchener Konzern plus Derivate, heißt es beim Standard. Bei dwdl.de gibt‘s weitere Details.

+++ Ab Mitte Februar bekommt die Bild eine neue stellvertretende Chefredakteurin: Yvonne Weiß werde ressortübergreifend die redaktionelle Leitung "insbesondere für große, emotionale Geschichten" verstärken, heißt es bei dwdl.de und Meedia.

+++ Thomas Rabe bleibt weiterhin Vorstandchef von Bertelsmann, berichtet der Standard.

+++ Fußball-Kommentatorin Sabine Töpperwien geht aus gesundheitlichen Gründen vom auditiven Platz im WDR Radio, berichtet die FAZ. Da werde ich fast ein bisschen wehmütig: Über "WDR2 Liga live" fand nämlich in den 90ern meine Bundesliga-Sozialisation statt und Töpperwien war schon damals Kult.

Neues Altpapier gibt‘s wieder am Montag.

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