Das Altpapier am 15. Februar 2021 Fakten, Fragen, Frames

Der "Focus" spart an der Kulturberichterstattung – und ist da in Gesellschaft. Im politischen Journalismus hat der Wahlkampf begonnen: Es wird wieder über Pappkameraden diskutiert. Und beim Rundfunk Berlin-Brandenburg geht es um die Frage, ob einzelne Radiowellen in einigen Jahren nur noch digital angeboten werden sollen. Ein Altpapier von Klaus Raab.

Teasergrafik Altpapier vom 15. Februar 2021: Porträt Autor Klaus Raab
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Wollen die Grünen etwa Dinge verbieten?

Falls bei Ihnen vor Ort die Internetnutzung nicht verboten ist, haben Sie es vielleicht mitbekommen: Es gab am Wochenende mal wieder eine kleine, aber hübsch aufgeregte Verbotsdebatte. Es ist Wahljahr.

Rekapitulieren wir die Geschehnisse: Im Spiegel steht ein Interview mit Anton Hofreiter von den Grünen. "Wollen die Grünen die eigenen vier Wände verbieten?", fragt der Spiegel im Lauf des Gesprächs. Hofreiter verneint: "Natürlich wollen die Grünen nicht die eigenen vier Wände verbieten. Die können übrigens sehr verschieden aussehen: Einfamilienhaus, Reihenhaus, Mehrfamilienhaus, Mietshaus. Wo was steht, entscheidet allerdings nicht der Einzelne, sondern die Kommune vor Ort." So weit nicht weiter der Rede wert: Redaktion fragt, Politiker verneint.

Daraus allerdings wurde alsbald die passend gemachte Bild-Schlagzeile "Grüne wollen neue Einfamilien-Häuser verbieten". Den "irreführenden" Spiegel-Tweet, der wieder gelöscht wurde, muss man auf dem Weg zur kalkulierten Verbotsdiskussion auch noch unbedingt erwähnen.

Medial interessant ist weniger dieser einzelne Fall als die wiederkehrende Dynamik. Andreas Niesmann vom Redaktionsnetzwerk Deutschland hat sie gut analysiert: Man könne hier erkennen,"wie Kommunikation bei Twitter nicht funktioniert", schreibt er – natürlich in einem Thread bei Twitter. Gut an seinem Thread ist, dass er eines klar macht: Die Frage an Hofreiter ist in der Sache absolut angebracht. Der Politiker äußert sich "sehr kritisch über die Wohnform Einfamilienhaus"; aus seinen Aussagen lasse sich schließen, dass die Grünen – wären sie Teil der Bundesregierung – den Bau von Einfamilienhäusern nicht fördern würden, so Niesmann.

Das Problem ist, dass die Frage, ob die Grünen Einfamilienhäuser "verbieten" wollten, in dieser Formulierung mehr Frame als Frage ist. Deshalb geht es nun nur noch um den Aufregerbegriff "verbieten" – wodurch die Debatte über das eigentlich relevante Sachthema "nur noch über Pappkameraden geführt wird", wie Niesmann schreibt. Das ist natürlich nicht verboten. Aber ermüdend ist es doch, wenn eine Art Instinkt-SEO die politische Auseinandersetzung mitschreibt.

"Verboten" übrigens, die Seite-1-Glosse der Berliner taz, die ihres Namens wegen ein großer Fan von Verboten ist, frohlockt am heutigen Montag ob der "vielen Verbote", die derzeit überall "aufploppen" würden: "Es ist eine wunderbar restriktive Zeit, die kaum noch zu toppen ist. Höchstens natürlich mit einem Verbot für Verbote." Diese Pointe ist hiermit genehmigt.

Der "Focus" spart an der Kulturberichterstattung

Die Kulturschaffenden haben’s gerade nicht leicht. Und die Kulturberichterstattung auch nicht.  Dafür gibt es mehrere Beispiele, auch bei den Öffentlich-Rechtlichen (dazu etwas später).

Beim Münchner Magazin Focus, das zu Burda gehört, wurde die Belegschaft am vergangenen Donnerstag nun über "weitreichende Veränderungen" informiert, wie der umtriebige junge Dienst Medieninsider zuerst berichtet hat. Dort hieß es: "Die Corona-Pandemie hinterlässt Spuren, auch beim Focus Magazin. … Die Redaktion Kultur & Leben wird aufgelöst."

Ob es wirklich einen Corona-Bezug gibt, ist ohne genaue Zahlenkenntnis nicht gut nachprüfbar. Die dpa, etwa via Berliner Zeitung, zitierte aus dem Verlag: "‚Wir kontrollieren regelmäßig die Wirtschaftlichkeit unserer Strukturen und optimieren das redaktionelle Setup.‘ Mit der Corona-Pandemie habe der Schritt nichts zu tun."

Nun. Theoretisch denkbar ist natürlich auch, dass die Pandemie ein Anlass für Kulturressort-Einsparungen ist, die man in anderen Zeiten lediglich nicht so leicht hätte vermitteln können. Bei der NZZ seien just "im vergangenen Jahr" jedenfalls "Pauscha­len sämt­li­cher Thea­ter­kri­ti­ker been­det sowie der Film­re­dak­teur entlas­sen" worden, schreibt die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (Abo).

Warum also auch immer: Als gesichert kann gelten, dass der Focus demnächst Stellen im Ressort "Kultur und Leben" einsparen wird. "Neun festangestellte Menschen, die bisher dem Namen des Ressorts mit Texten und Bildern gerecht wurden, werden abgefunden, versetzt oder gekündigt. Zwei Redakteure sollen überbleiben als Kopf ohne Körper und ‚Kultur und Leben‘ anderweitig befüllen", schrieb die Süddeutsche.

Weil der Focus vielen nicht als erstes einfällt, wenn sie an Kultur denken, hat das keinen Aufschrei verursacht, sondern eher ein wenig Häme der Marke "Focus und Kultur, hoho!" Aber dann schauen wir halt mal rein ins Heft: In der aktuellen Ausgabe stehen im betreffenden Ressort Beiträge über eine Amazon-Serienbearbeitung des Christiane-F.-Stoffs ("Wir Kinder vom Gucci-Strich"), eine Rezension eines Albums des britischen Rappers Slowthai und ein Text über die Internetaktivitäten der New Yorker Met während der Pandemie. (Bei Blendle gibt’s das alles bei Bedarf auch einzeln.) Ich kann die aktuelle Focus-Kulturberichterstattung nicht in langjährige tiefe Lektüreerfahrung einordnen, aber so schlecht ist das Programm dieser Woche nicht, dass man ihm nicht nachtrauern dürfte.

Kurt Kister, der ehemalige Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung, hat sich der Sparmaßnahmen beim Burda-Magazin in der Medienkolumne "Abspann" am Wochenende noch einmal angenommen. Er hat auch Verlagspersonalitywissen einfließen lassen, weil ein Kurt-Kister-Medientext sonst kein richtiger wäre. Und er hat die drei Magazine mit den klingendsten Namen der BRD-Geschichte in einem einzigen Absatz untergebracht:

"Focus ist ein Magazin, das nicht mehr sehr gut geht. Es gehört zum Burda-Verlag, und als es 1993 von Helmut Markwort erfunden wurde, sollte es die Alternative zum Spiegel werden. Der Spiegel braucht heute keine solche Alternative mehr, weil er mittlerweile selbst Titelgeschichten über Haustiere macht. Focus war mal recht erfolgreich, hat sich aber vielleicht überlebt. In dieser Gefahr schweben manche, wie sagt man so schön, Presseorgane, darunter durchaus solche, die mal zum Gerüst der Bundesrepublik gehörten, wie der Stern." (Mehr zum Stern im Altpapierkorb.)

Ich lese hier Wehmut. Auch ein wenig Trauer um einen Medienjournalismus, der sich stärker darauf fokussieren konnte, sich über Focus und Stern lustig zu machen, statt Bilanzen zu lesen.

Das eigentliche Zentrum des Kurt-Kister-Texts ist freilich Focus-Verleger Hubert Burda. Der sei "Kunstmäzen, promovierter Kunsthistoriker, einer, der sich mit Intellektuellen umgibt". Und nun dampft der Focus das Kulturressort in seiner bisherigen Form wohl deutlich ein: eine Plotentwicklung, die man sich nicht entgehen lassen darf. Andererseits könnte man sagen, dass Hubert Burda viele Erzeugnisse des Hauses tendenziell nie für sich selbst oder gar im Namen der Erkenntnis gemacht hat. (Wer einen kurzen Einblick gewinnen möchte, dem sei die Burda-Berichterstattung von Übermedien empfohlen.)

Zu ergänzen wäre, dass Einsparungen im Kulturbereich nicht Sache von Privatmedien only ist – die Öffentlich-Rechtlichen können das bekanntlich auch. Altpapier-Kollege René Martens beschäftigt sich in der Medienkorrespondenz, nun online, mit den Kulturkürzungsüberlegungen beim WDR-Hörfunk (siehe auch Altpapier vom 26. Januar). Er ordnet die Pläne in eine Formatierungsgeschichte ein. Und schreibt etwa: Es "entsteht der Eindruck, dass der WDR gerade mit aller Gewalt versucht, seine Kulturwelle WDR 3 zu einem Programm umzumodeln, das tendenziell jedem gefallen soll, aber bloß nicht der kulturinteressierten Kulturradio-Zielgruppe."

Und was wird aus dem RBB-Hörfunk?

Der Deutsche Journalisten-Verband kritisiert die Sparmaßnahmen beim Focus übrigens (epd, etwa via Tagesspiegel).

Ein anderer Text aus Gewerkschaftskreisen hat allerdings mehr Neuigkeitswert. Steffen Grimberg, der neue Vorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbands Berlin-Brandenburg, der auch taz-Kolumnist und ehemaliger ARD-Sprecher ist und den MDR und diese Kolumne gut kennt, schreibt auf den Verbandsseiten über den neuen Staatsvertrag des RBB, der Formen annehme. Und da sei Musik drin, wenn auch noch "Zukunftsmusik":

"Der rbb plant große Veränderungen bei seinen Radioangeboten. Und setzt dabei ganz klar auf das Internet. (…) radioeins, Fritz, rbb Kultur, Inforadio und Cosmo könnten dann zum Beispiel nur noch als Apps und in der Audiothek angeboten werden. Das ist ein drastischer Schritt, den in der Konsequenz bislang keine andere ARD-Anstalt plant."

Drastisch daran wäre die Einstellung der analogen Verbreitung einzelner Wellen. Was der RBB dazu sagt, steht im Tagesspiegel: Der RBB "setze sich dafür ein, dass ein neuer Staatsvertrag auch die Ausspielung über Apps/im Internet ermöglicht. ‚Wie sich das dann künftig praktisch darstellt, ist damit nicht vorweg genommen‘".

Wie aber fände Steffen Grimberg den Schritt, der freilich längst nicht gegangen ist?

"Der Grundansatz ist gut. Denn der rbb will hier technische Kosten für die teure Ausstrahlung seiner Radioprogramme über UKW sparen, um das knapper werdende Geld lieber ins Programm zu stecken."


Altpapierkorb (Kasia Lenhardt, BBC World News in China, RTL und Gruner+Jahr, Ilja Richter, Nelson Müller)

+++ Imre Grimm beschäftigt sich in einem lesenswerten Text, online bei rnd.de, mit dem Tod des jungen Models Kasia Lenhardt. Sie hatte zuvor "im Zentrum eines medialen Sturms" gestanden, "aus dem der Boulevard von RTL bis ‚Bild‘ ordentlich Windenergie sog", schreibt Grimm. Es geht um Hassbotschaften und Mobbing im Internet, aber auch um die medialen Mechanismen, die es befördern und fast schon verlangen: "(D)ieser Tod hat eine Vorgeschichte, und sie verrät viel über die Mechanismen eines Teils der modernen Medienwelt, die ihr Heil darin sieht, Menschen bedenkenlos als Gossip-Objekte und Glamour-Rohstoff auszubeuten, erst recht, wenn diese von sich aus nach Aufmerksamkeit streben. Die Unschuldsbeteuerungen klingen dabei immer gleich: Ist doch nicht unser Problem. Die profitieren doch davon! Kein Licht ohne Schatten. Im 21. Jahrhundert müssten doch die Gesetzmäßigkeiten einer Medienkarriere als Sternchen weithin bekannt sein. Und wer wie Kasia Lenhardt in der Hoffnung auf einen Karriereturbo das Licht der Öffentlichkeit aktiv suche, wer also von der Aufmerksamkeit profitiere, der müsse doch bitte schön auch fiese Schlagzeilen aushalten. Die Frage ist nur: Was, wenn nicht? Was, wenn die Kraft nicht ausreicht, Verleumdung zu ertragen? Wer trägt dann die Verantwortung?"

+++ Am Freitag hat China die Ausstrahlung des britischen Auslandssenders BBC World News eingestellt. "Schon vor der Entscheidung hatte dieser nur noch wenige Zuschauer in China. (…) Immer wieder blendeten die Zensoren auch Bilder aus, wenn chinakritische Berichte ausgestrahlt wurden" (sueddeutsche.de). "Peking reagiert damit auf eine Entscheidung der britischen Medienaufsicht aus der vergangenen Woche, dem chinesischen Staatsfernsehen die Lizenz für den Auslandskanal CGTN zu entziehen" (FAZ.net).

+++ "Geht der gute alte Stern unter?", fasste Christian Bartels hier im Altpapier kürzlich die Berichterstattung über die Entwicklungen bei Gruner+Jahr zusammen. Im Welt/Meedia-Podcast von Christian Meier und Stefan Winterbauer geht es nun um die Frage, warum Gruner+Jahr "schrumpfen muss". Zu dieser Frage gesellen sich die jüngsten Meldungen, denen zufolge der Stern-Verlag Gruner+Jahr und RTL verschmolzen werden sollen. Bei Meedia (Abo) ist schon von einem "nationalen Medien-Champion" die Rede, der laut Mutter Bertelsmann entstehen soll. Wenn die Größe der Ideen mit der Größe der Worte korrespondiert, wird es demnach gut.

+++ Ein Interview der Süddeutschen Zeitung mit Ilja Richter ist lesenswert. Unter anderem weil er von einem Streich mit der versteckten Kamera erzählt, der ihm gespielt wurde, der aber für ihn gar nichts Spielerisches gehabt habe. Und es geht um die Wiederholungen der Sendung "Disco", die er moderiert hat: "Mein Anwalt hat recherchiert, dass im ZDF und seinen Nebenkanälen allein bis 2016 weit über 3500 Disco-Wiederholungen liefen. Dagegen habe ich natürlich nichts. Allerdings: Ich wurde für keine dieser Wiederholungen entlohnt."

+++ Mit dem "Fischstäbchen-Fluch" von Nelson Müller befasst sich Peer Schader in seiner DWDL-Kolumne: "Es ist zwar gewiss ein ehrenwertes Anliegen der Redaktion, das Publikum darüber aufklären zu wollen, welche Inhaltsstoffe in Lebensmitteln stecken und wo das alles herkommt, was zuhause auf dem Teller landet. Aber die meisten dieser Filme sind inzwischen so sehr durchstandardisiert wie ein Convenience-Produkt der Industrie, die ständig Thema ist."

Neues Altpapier gibt es am Dienstag.

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