Grafik: Weg vom Jahr 2000 bis zum Jahr 2020. Außerdem der Buchstabe A und die Zahl 20. Kleines Logo: 20 Jahre Altpapier
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Medien-Watchblog-Jubiläum Seit 20 Jahren bürstet das Altpapier die Medienkritik gegen den Strich

28. Oktober 2020, 08:29 Uhr

Das Altpapier ist der älteste deutsche Medien-Watchblog. Es versteht sich bis heute als Wächter über all das, was hierzulande an Medienjournalismus und Medienkritik veröffentlicht wird. Die erste Ausgabe erschien vor 20 Jahren in der Netzeitung. Seit 2017 ist die Medienkolumne beim Online-Portal MDR MEDIEN360G zu Hause und erscheint täglich von Montag bis Freitag.

Das Altpapier ist wie ein guter Wachhund. Es schnüffelt nach den Hinter- und Abgründen hinter den Ereignissen und beißt bei schwerwiegenden Fällen schon mal beherzt zu. Natürlich hebt es hier und da auch mit feiner Ironie das Beinchen, wenn sich mal wieder jemand ganz unmöglich gemacht hat.

Wer hat’s erfunden? Die Norweger!

Doch fangen wir ganz vorne an: Am Anfang war Norwegen. Dort gab es schon seit 1996 die Online-Zeitung Nettavisen. Das Internet steckte noch in den Kinderschuhen, die Euphorie war groß und viele Medien schickten sich an, "was im Netz" zu machen. Anfang 2000 expandierte Nettavisen nach Deutschland und startete am 8. November in Berlin die Netzeitung nach dem in Norwegen erfolgreichen Vorbild.

Start am 8. November 2000

"Nettavisen hatte im Sommer 2000 den früheren Stern- und Berliner-Zeitung-Chefredakteur Michael Maier zur Netzeitung geholt", erinnert sich Altpapier-Mitgründer Thomas Schuler. "Maiers Idee war es, mit Berichterstattung über andere Medien für Aufmerksamkeit zu sorgen." Schuler war damals Medienredakteur bei der Berliner Zeitung. Zusammen mit dem taz-Journalisten und späteren BILDblog-Gründer Christoph Schultheis entwickelte er die Idee eines täglichen Medienblogs – lange bevor das so genannt wurde. Am 8. November 2000 ging mit der Netzeitung auch Das Altpapier an den Start. Themen der ersten Ausgaben waren beispielsweise der Ludwig-Börne-Preis für Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein oder das Ende der ZDF-Hitparade. Es findet sich aber auch eine seltsam aktuell wirkende Meldung, dass Zeitungen von der US-Ostküste wie die New York Times, Washington Post und USA today befürchten, für die Auswertung der Stimmen in Kalifornien zu früh in Druck zu gehen und deswegen am Tag nach der US-Präsidentschaftswahl ohne Ergebnis zu erscheinen.

"Die Norweger hatten damals eigentlich gar nicht richtig kapiert, wie Online-Journalismus funktioniert", so Schuler heute: "Die haben Nachrichten und Berichte gebracht, aber kaum auf andere Medien verlinkt. Die Stärke des Altpapiers war von Anfang an die Verlinkung auf die Beiträge, um die es ging. Dieses Kuratieren gab es so im Rest der Netzeitung kaum oder viel zu wenig."

Nach vielen Zwischenstationen seit 2017 beim MDR

Das ist bis heute so geblieben. Und während die Netzeitung 2008 eingestellt wurde, hat Das Altpapier unverdrossen weiter gemacht. Noch immer steht die Autorinnen- und Autorencrew sehr zeitig auf, um das medienjournalistische Angebot des Tages zu sichten und gegen den Strich zu bürsten. 2009 war Das Altpapier an die heute nicht mehr existierende Online-Nachrichtenseite dnews.de angedockt. Von 2010 bis zum Sommer 2017 erschien es beim Online-Portal evangelisch.de der Evangelischen Kirche. Dass sich die Kirchen um Medienkritik kümmern, mag auf den ersten Blick verwundern, hat in Deutschland aber eine lange Tradition. Die Fachdienste epd medien und Medienkorrespondenz werden bis heute von kirchlichen Medienorganisationen herausgegeben. Seit September 2017 erscheint Das Altpapier bei MDR MEDIEN360G, der Medienplattform des Mitteldeutschen Rundfunks.

Reflektion, Offenheit für unterschiedliche Perspektiven der Kritik an der eigenen Arbeit muss heute Teil des journalistischen Prozesses sein. Nicht aus Masochismus, sondern aus der Vorstellung heraus, dass kluge Kritik von klugen Kolleginnen und Kollegen Journalismus besser macht.

Boris Lochthofen | Direktor des MDR-Landesfunkhauses Thüringen

Auch kritisch gegenüber ARD und MDR

Allen Unkenrufen zum Trotz tut auch die neue Adresse seiner Unabhängigkeit keinen Abbruch. "Es ist Teil der Souveränität unseres Hauses, dass wir uns die Kritik reinholen und bisweilen auch eine Watschen aushalten oder uns ärgern und gegenhalten, wenn uns Kritik ungerechtfertigt oder überzogen erscheint. Journalismus heißt, sich der Welt aussetzen, wie sie ist und dazu gehört die Realität der Kritik", sagt Landesfunkhausdirektor und MDR MEDIEN360G-Chef Boris Lochthofen. Und so macht das Altpapier auch vor dem MDR keinen Halt. "Der MDR hat Björn Höcke heute zum Interview eingeladen. Das ist eine schlechte Idee. Und schon die Ankündigung lässt nichts Gutes erwarten", heißt es im Altpapier zum Sommerinterview von MDR Thüringen mit dem AfD-Politiker. Das dann übrigens in den meisten Medien für ziemlich gut befunden wurde – worüber natürlich auch ein Altpapier berichtete. "Auf Fehler öffentlich-rechtlicher Sender einzugehen, gehört für uns im Altpapier zum täglichen Brot", bringt Altpapier-Autor René Martens diesen Ansatz auf den Punkt. "Eine gewisse Hartgesottenheit ist uns wohl nicht abzusprechen" – und die trifft oft und völlig zurecht eben auch den MDR.

Unsere Altpapier-Autorinnen und -Autoren