Das Altpapier am 19. Februar 2021 Breit angelegte Diskussion als Ziel verfehlt

Die Uni Hamburg hat ein zweifelhaftes Forschungspapier veröffentlicht. Der Fall ist exemplarisch für den leichtfertigen Umgang mit dem Label Wissenschaft. Und er zeigt, wie viel Schaden das anrichten kann. Ein Altpapier von Ralf Heimann.

Teasergrafik Altpapier vom 19. Februar 2021: Porträt Autor Ralf Heimann
Bildrechte: MDR | MEDIEN360G

Ab wann ist eine Linksammlung Wissenschaft?

Mittlerweile ist die Wissenschaft sich sicher: Das Corona-Virus ist im Labor entstanden. Oder na ja, vielleicht nicht die ganze Wissenschaft. Aber zumindest die deutsche – wobei, im Grunde ist es nur ein Experte der Uni Hamburg. Und vielleicht ist "Experte" in diesem Fall auch nicht das richtige Wort. Der Mann ist Physiker. Wahrscheinlich ist "sicher" auch der falsche Begriff. Das hat Roland Wiesendanger, um den es hier geht, inzwischen selbst eingeräumt. Am Anfang stand ein Tweet, der am Donnerstagabend zu einer Diskussion führte, in der es um verschiedene Fragen zum Thema Wissenschaft, PR und Medien ging, unter anderem um folgende: Ab wann ist eine Linksammlung Wissenschaft? Sollte eine Uni durch eine Online-Recherche belegte Vermutungen über ihre Pressestelle als "Studie" bewerben? (Spoiler: Nein!) Und wie könnte eine Berichterstattung darüber aussehen?

In dem Tweet, den die Uni Hamburg am Donnerstagabend veröffentlichte, steht:

"Breit angelegte Diskussion als Ziel: Prof. Roland Wiesendanger hat eine Studie veröffentlicht, in der er den Ursprung der Coronavirus-Pandemie beleuchtet. Sein Ergebnis: Zahl und Qualität der Indizien sprechen für einen Laborunfall."

Die wissenschaftliche Fachwelt reagierte umgehend in der Kommentarspalte:

"Danke für diese Forschung und krass, wenn das zutrifft!",

schreibt ein mutmaßlicher Hobbyforscher mit Deutschlandflagge am Profilrevers, der kurz vor seiner Wissenschafts-Eloge noch die "Fridays-for-Future-Bewegung" als linksextrem bezeichnet hatte.

An diesen beiden Tweets lässt sich schon sehr vieles erklären. Eine Universität veröffentlicht das "Ergebnis" der "Studie" eines Forschers. Das sieht doch sehr nach Wissenschaft aus. Und so wird es auch aufgenommen. Aber was soll die vorangestellte Bemerkung: "Breit angelegte Diskussion als Ziel?"

In ihrer Pressemitteilung schreibt die Uni, die "Studie", liefert "keine hochwissenschaftlichen Beweise, wohl aber zahlreiche und schwerwiegende Indizien". Man könnte das übersetzen mit: "Ja, wir wissen es nicht. Aber sieht doch komisch aus. Findet ihr nicht auch? Oder?"

Und die Universität konkretsiert ihren Tweet: "Mit der Veröffentlichung soll nun eine breit angelegte Diskussion angeregt werden." Den Autor zitiert sie mit den Worten: "Dies kann nicht länger nur Angelegenheit einer kleinen Gruppe von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern bleiben, sondern muss dringend Gegenstand einer öffentlichen Debatte werden."

Das klingt zunächst nach einem guten Motiv. Die Wissenschaft will mit ihren Ergebnissen raus aus ihrem Elfenbein-Verwaltungshochhaus, fachübergreifend Ergebnisse diskutieren, das Wissen der Masse nutzen. Aber bevor wir über die Verbreitung sprechen, vielleicht erst mal die Frage: Um was für Ergebnisse geht es hier überhaupt?

Sechs Minuten, um Quatsch zu entlarven

Sie können sich selbst einen Eindruck machen. Der "Studie" wurde auf der Seite Research-Gate veröffentlicht. Warum hier die Anführungsstriche stehen erklärt unter anderem Paul Meerkamp in einem Twitter-Thread. Zutreffend sind danach vor allem zwei Punkte:

  • Es ist wenig über die Ursprünge des Corona-Virus bekannt?
  • China ist bei der Aufklärung nicht sehr behilflich.

Als "extrem unseriös" bezeichnet Meerkamp dagegen folgende Punkte:

  • Der Autor ist Physiker (auf diesem Gebiet darf man ihn wohl renommiert nennen), er habe sich mit Viren bislang aber anscheinend nicht wissenschaftlich beschäftigt.
  • Das Papier "hat weder Theorie noch Methodik, es werden Behauptungen aneinandergereiht".
  • Die Arbeit wurde in keiner Fachzeitschrift veröffentlicht, "Researchgate ist quasi das wissenschaftliche Youtube".
  • Die Uni Hamburg nennt die Studie "interdisziplinär", Hinweise auf weitere Autoren oder Autorinnen gibt es nicht.
  • "Quellenarbeit, systematische Inhaltsanalyse von Medieninhalten, alles wären okaye Methoden, nichts davon wird hier angewendet."
  • "Die Pressemitteilung der Uni suggeriert fälschlicherweise ein Peer-Review-Verfahren (wissenschaftlicher Begutachtungsprozess)".
  • Die Uni kennzeichne den Text als "Debattenbeitrag", räume aber ein, dass es hier nicht um Beweise geht, sondern um Indizien.

Man brauche sechs Minuten, um "um die Pressemitteilung zu lesen und die Studie als Quatsch zu entlarven", schreibt Meerkamp. Woher er das wisse? Er habe sie zunächst selbst geteilt.

Damit war er nicht allein. Vielen Redaktionen ging es genauso. Sie haben den Tweet nicht nur geteilt, sie haben aus der Veröffentlichung sogar Beiträge gemacht. Und damit sind wir beim eigentlichen Problem.

"Hamburger Forscher: Corona-Virus stammt wohl aus dem Labor."

Das Online-Portal des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlags schreibt:

"Studie der Universität: Hamburger Forscher: Coronavirus stammt wahrscheinlich aus dem Labor"

Die Gerüchte-Schleuder "Bild.de" schreibt:

"Hamburger Professor sicher: 'Corona kam doch aus einem Labor in Wuhan.'"

Auch die Hamburger Morgenpost paraphrasiert einfach die Pressemitteilung der Universität.

"Studie der Uni Hamburg: Corona soll bei Laborunfall in China entstanden sein!"

Und ja, das Rufzeichen steht dort tatsächlich. Das Hetz- und Falschbehauptungsportal Tichys Einblick hat ebenfalls schnell reagiert. Dort steht:

"Interdisziplinäre Studie: Uni Hamburg: Indizien sprechen für einen Laborunfall als Corona-Ursprung"

Und hier wird deutlich, was in der medialen Verwurstung schnell passieren kann. Die genaue Qualität einer Veröffentlichung spielt keine Rolle mehr. Die Universität hat die bunte Linksammlung durch ihre Veröffentlichung mit dem Siegel "Wissenschaft" versehen. Damit geht der Inhalt im Groben als glaubwürdig durch. Aber wie so oft ist es mal alles wieder nicht so einfach, denn die Theorie, dass das Virus im Labor entstanden ist, kann nicht als Quatsch widerlegt werden. Der Leiter einer WHO-Delegation, die in Wuhan recherchiert hat, sagte vor einer Woche laut FAZ, er halte die Labortheorie für "extrem unwahrscheinlich". Am vergangenen Samstag schrieb die Zeitung dagegen, die WHO verwerfe die These doch nicht. 

Uni Hamburg macht das Material unbrauchbar

Der Stern-Ost-Asien-Korrespondent Philipp Mattheis, den ich persönlich kenne und dessen Arbeit ich schätze, wies mich am Donnerstagabend bei Twitter auf Folgendes hin:

"Es gibt eine ganze Menge Indizien, dass das Virus aus dem Labor kam. Ich halte es selbst für am wahrscheinlichsten. Dem gegenüber steht der chinesische Propaganda-Apparat, der mit aller Macht zu verhindern versucht, dass die Wahrheit rauskommt."

Eine breite Diskussion, um die Formulierung aufzugreifen, in deren Verlauf Informationen zusammengetragen und diskutiert werden, wäre also durchaus nützlich. Allerdings macht die Uni Hamburg das Material von Roland Wiesendanger als Diskussionsgrundlage unbrauchbar, indem es das Papier vermeintlich mit ihrem Namen veredelt. Auch wenn Hinweise oder Indizien in dem Papier des Forschers richtig sein sollten, bleibt nun der Eindruck zurück, dass seine Recherche der Öffentlichkeit mit einer falschen Etikettierung untergejubelt werden sollte. Die Uni Hamburg hat ihr Renommee verliehen und es zerdellt zurückbekommen.

Aber wie kommt es zu solchen Veröffentlichungen? Mathieu von Rohr vom Spiegel hat bei Twitter den Screenshot eines Absatzes aus dem Hamburger Abendblatt veröffentlicht, in dem eine Sprecherin der Uni erklärt, warum man sich entschieden hat, diese "Studie" über den Presseverteiler rauszuhauen.

In der Stellungnahme heißt es:

"Die Hochschulleitung und die Pressestelle der Universität Hamburg üben keine Zensur zu Forschungsgegenständen und -ergebnissen ihrer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus."

In anderen Worten: Die Pressestelle vertraut ihrem wissenschaftlichen Personal blind. Die Qualitätskontrolle hat sich also gewissermaßen mit dem Einstellungsgespräch erledigt. Was die Pressestelle hier schreibt, muss man allerdings wirklich Quatsch nennen. Die Forderung lautet lediglich: Gewisse Qualitätsstandards sollten eingehalten werden. Dass es an ihnen Zweifel gibt, macht allein dieser Screenshot von Jonas Schaible deutlich, der seine Kritik ebenfalls in einem Twitter-Thread begründet.

Möglicherweise hätte die Pressestelle hier aber gar keine Chance gehabt, denn aus diesem empfehlenswerten ZDF-Beitrag von Oliver Klein und Nils Metzger zu dem Fall geht hervor, dass die Anweisung, das Material zu promoten, von oben kam. Sie zitieren Roland Wiesendanger mit den Worten:

 "Ich bin stolz auf den Präsidenten der Universität Hamburg. Wir haben sehr umfangreich über die Szenarien gesprochen, welche Reaktionen es auf die Veröffentlichung geben wird. Reaktionen, die uns in die Ecke von Verschwörungstheorien stellen wollen."

Aber wie passiert so was? Es könnte sich um einen Fall von Nobelitis handeln: Wissenschaftlerinnen oder Wissenschaftler, denen die Fachwelt zu Füßen liegt, halten ihren eigenen Durchblick irgendwann für so umfassend, dass sie sich auch zu Fragestellungen aus anderen Fachgebieten äußern, von denen sie keine Ahnung haben. Oft vergessen sie dabei wissenschaftliche Standards.

Im schlechtesten Fall vertrauen Medien dem Label, ohne die Inhalte einschätzen zu können. Dieses Phänomen nennt man Social Proof. Es ist der Grund dafür, dass auf Buchrücken die Zitate von Prominenten stehen. Erschwerend hinzu kommt eine weitere Wahrnehmungsverzerrung: der Halo-Effekt, also der Heiligenschein-Effekt. Die Kompetenz von Menschen auf einem Fachgebiet strahlt auf andere Gebiete ab. Deswegen machen prominente Fußballtorwarte Werbung für Pharmaunternehmen. Und deshalb verlassen Medien sich auf das Label "Wissenschaft", auch wenn ein Physiker sich zur Verbreitung von Infektionskrankheiten äußert – oder auf eine Pressemitteilung der Uni, wenn deren Inhalt mit Wissenschaft gar nicht so viel zu tun hat.

Marcus Anhäuser hat sich schon im Dezember in einem Beitrag für Übermedien mit der Problematik des Copy-and-Paste-Journalismus beschäftigt. Dort schreibt er über Pressemitteilungen von Hochschulen:

"Dass diese Texte vom Namen her ‚Mitteilungen an die Presse‘ sind, stimmt schon seit mehr als zwei Jahrzehnten nicht mehr, seit Universitäten und Forschungseinrichtungen mit dem Aufkommen des Internets ihre ‚Neuigkeiten‘ über eigene Webseiten oder spezialisierte Plattformen wie EurekAlert, Alpha Galileo oder den deutschen Informationsdienst Wissenschaft (idw) frei zugänglich machen, und sie damit jeder lesen, verlinken und in Diskussionen verbreiten kann – egal ob er oder sie die Ergebnisse kritisch hinterfragen kann oder nicht"

Und er schreibt:

"Dass mit der Ausweitung der Publikationszone auch eine größere Verantwortung verbunden sein könnte, weil viele Laien der Wissenschaft blind vertrauen und zugleich die Qualität von Forschungsergebnissen eher schlecht als recht einschätzen können, ist ein Umstand, den heute noch so mancher Vertreter aus den PR-Abteilungen überraschend findet."

In dem Zusammenhang verweist Anhäuser auf einen Leitfaden zu guter Wissenschafts-PR aus dem Jahr 2016, in dem unter anderem steht: Gute Wissenschafts-PR "arbeitet faktentreu. Sie übertreibt nicht die Darstellung der Forschungserfolge und verharmlost oder verschweigt keine Risiken". Und dort steht: Gute Wissenschafts-PR "macht Grenzen der Aussagen und Methoden von Forschung sichtbar". In den Veröffentlichungen der Uni Hamburg fehlen diese Elemente.

Warum es wichtig ist, dass Medien irreführende PR entlarven, zeigt das gerade erschienene Edelmann-Trust-Barometer, eine jährliche Untersuchung zum Vertrauen der Menschen in Medien. Danach sind in Deutschland knapp zwei Drittel der Befragten (61 Prozent) der Meinung, dass Medien ihrer Aufgabe, objektiv und überparteilich zu berichten, nicht gut nachkommen, hier nachzulesen in der Zusammenfassung im Magazin Werben und Verkaufen. Vier von zehn Befragten sind der Meinung, dass Journalistinnen und Journalisten "die Menschen absichtlich durch falsche und übertriebene Informationen in die Irre führen wollen".

Und damit weiter zum…


Altpapierkorb (Hanau, Kinder vom Bahnhof Zoo, Bundespressekonferenz, New York Times, Facebook in Australien)

+++ Michael Borges hat für das Deutschlandfunk-Medienmagazin @mediasres mit Yvonne Backhaus-Arnold, der Redaktionsleiterin des Hanauer Anzeigers, darüber gesprochen, was sich seit dem Anschlag vor einem Jahr verändert hat. Unter anderem: Die Redaktion stehe mittlerweile in Kontakt zu Menschen, mit denen früher kein Ausstausch stattfand. Das sei aber weiter nicht leicht. Es fehlten Türöffner. Stichwort: Diversität in Redaktionen. Hier auch zum Nachlesen.

 +++ Heike Hupertz ist begeistert von der neuen Serie "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo",  die ab heute bei Amazon Prime läuft. Auf der FAZ-Medienseite (€) schreibt sie: "Annette Hess, die für ihre Serie auf die mehr als dreißig Jahre alten Bänder der Interviews von Rieck und Hermann zurückgriff, stößt mit 'Wir Kinder vom Bahnhof Zoo' in die internationale Liga der einflussreichsten 'Showrunner' ohne jeden Zweifel vor."

+++ Markus Balser, Daniel Brössler und Boris Herrmann beschäftigen sich auf der Seite drei der SZ mit der Bundespressekonferenz, beziehungsweise damit, wie sie zur Verbreitung von Verschwörungsmythen und Propaganda missbraucht wird.

+++ Donald McNeil, Corona-Experte der New York Times, verlor seinen Job – weil er auf einer Studienreise in einer Diskussion beim Essen das N-Wort gesagt hatte, so hieß es (Altpapier). Kerstin Kohlenberg beschäftigt sich in der aktuellen Ausgabe der Zeit (€) mit den Hintergründen.

+++ Stefan Schirmer stellt in der aktuellen Zeit (€) die Frage, ob die Nöte der öffentlich-rechtlichen Sender nach dem verläufigen Scheitern der Rundfunkbeitragserhöhung wirklich so groß sind.

+++ Michael Hanfeld bewertet auf der FAZ-Medienseite (€) die Entscheidung von Facebook, Medienseiten in Australien zu sperren (Altpapier gestern):  In der Entscheidung sieht er den "Hochmut des Konzerns" bestätigt. Hanfeld: "Da stellt sich Google schon geschickter an – in Australien wie in Europa. Statt auf maximale Eskalation setzt dieser Konzern darauf, Kontrahenten mit Geld zu überzeugen. Rupert Murdochs News Corp hat Google so überzeugt. "Bedeutende Zahlungen" werde es geben, teilte News Corp zu dem Dreijahresvertrag mit, der sämtliche Inhalte des Medienhauses umfassen soll, von der Presse in Australien über das 'Wall Street Journal', die britische 'Times' bis zum Sender Sky News. So versucht Google mit seinem Programm 'Google News Showcase' (an dem auch der Verlag dieser Zeitung teilnimmt) die generelle gesetzliche Verpflichtung zu einer Abgabe für journalistische Inhalte zu unterlaufen. Das sollte die Gesetzgeber aber nicht davon abhalten, Urheber- und Leistungsrechte grundsätzlich kostenpflichtig zu machen. Was sonst herrscht, zeigt Facebook gerade auf: das Recht des Stärkeren."

+++ Damien Cave stellt für die New York Times die unterschiedlichen Reaktionen auf die Entscheidung von Facebook in Australien, er unter unterteil sie in drei Gruppen: 1. Es war Facebooks Fehler, sie haben das absichtlich gemacht. 2. Das Gesetz ist fürchterlich. 3. Vielleicht ist es auch alles ganz gut so.

Haben Sie ein schönes Wochenende. Neues Altpapier gibt es am Montag.

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