Das Altpapier am 15. März 2021 Freistellung, Schlammschlacht, Wettbewerb

Die Berichterstattung über das Compliance-Verfahren gegen Bild-Chef Julian Reichelt nimmt noch mehr Fahrt auf. Er inszeniert sich als Opfer. Einige seiner Kritiker machen es sich zu leicht. Aber manche Kritik an den Kritikern erfolgt wohl auch nicht ganz uneigennützig. Ein Altpapier von Klaus Raab.

Teasergrafik Altpapier vom 15. März 2021: Porträt Autor Klaus Raab
Bildrechte: MDR | MEDIEN360G

Reichelt I: Die News vom Wochenende

Die Wochenendschichten waren in den Medienressorts vornehmlich Julian Reichelt gewidmet, dem Bild-Chefredakteur, gegen den ein Compliance-Verfahren läuft (Altpapier vom Dienstag und Freitag). Denn es gab News: Der Axel-Springer-Konzern hat nun mitgeteilt, dass Reichelt freigestellt worden sei. Gegen die mögliche Deutung, das sei eine Art Geständnis oder vorweggenommene Bestätigung der Vorwürfe, wehrt sich Reichelt allerdings. Freigestellt werde er, so heißt es in der Mitteilung, auf seinen eigenen Wunsch hin, "um eine ungestörte Aufklärung sicherzustellen und die Arbeit der Redaktion nicht weiter zu belasten".

Das ist der Kern des Neuen. Drumherum geht es nun aber um die Frage, was das für Reichelts Zukunft bedeutet. Und welche Deutung der Geschehnisse sich durchsetzt.

Das beginnt mit Stefan Niggemeiers Hinweis bei Übermedien, dass es sich bei der Mitteilung, Reichelt habe um seine Freistellung gebeten, um eine Sprachregelung handele:

"Wenn sich gerade intern auch nur halbwegs abzeichnen würde, dass die Untersuchung der Vorwürfe durch Axel Springer und die Kanzlei Freshfields in Kürze mit einer Entlastung Reichelts abgeschlossen wird, hätte der Chefredakteur jetzt nicht noch beurlaubt werden müssen. Das Verfahren läuft ja schon ein paar Wochen; die paar Tage hätte man dann auch noch aussitzen können."

Wenn er "nicht komplett falsch liege" mit seiner Deutung der Formulierungsfeinheiten in der Springer-Mitteilung, schreibt ein von Niggemeier im Übermedien-Newsletter zitierter Anwalt in einem Twitter-Thread, werde es für Julian Reichelt "keine Rückkehr geben".

Andererseits geht Reichelt intern wohl in die Offensive und schreibt, dass die Vorwürfe gegen ihn "falsch" seien (u.a. kress hat den Wortlaut). Ebenfalls in seiner internen Nachricht heißt es demnach: "Ich werde mich gegen die wehren, die mich vernichten wollen, weil ihnen BILD und alles, wofür wir stehen, nicht gefällt. Die über mich schreiben, ohne mich vorher anzuhören, weil meine Antworten ihnen noch nie gepasst haben." Wen könnte er mit dem letzten Satz meinen?

Reichelt II: Wer gegen wen?

Nun, die Berliner Redaktion der NZZ berichtete am Samstag unter Berufung auf Reichelts Umfeld, dass er "presserechtlich" gegen den Spiegel vorgehen wolle, wohl wegen des am Freitag hier schon aufgegriffenen Texts. Das Magazin habe Reichelt, heißt es laut NZZ, "vor seiner jüngsten Berichterstattung nicht mit den darin kolportierten Vorwürfen über angebliche Affären und Machtmissbrauch konfrontiert".

Ein Spiegel-Sprecher bestreitet das, etwa gegenüber der Süddeutschen Zeitung, die schreibt: "Der Spiegel teilte am Sonntag auf Anfrage mit, man habe Julian Reichelt im Zuge der Recherche 'persönlich zu kontaktieren versucht' und die Pressestelle des Axel Springer Verlags seit Ende Februar mehrfach mit den später beschriebenen Anschuldigungen konfrontiert."

Spiegel gegen Reichelt also? Nein, so einfach ist es nicht, das ist wohl eher Teil eines Ablenkungsmanövers. Stefan Niggemeier betont, es seien nicht die Spiegel-Leute, die Vorwürfe gegen Reichelt erhöben. Die "Vorwürfe gegen ihn kommen aus seiner Redaktion. Von jungen Frauen, die behaupten, sein Opfer geworden zu sein, zum Beispiel nach intimen Beziehungen zu ihm. Und von Leuten, die ein furchtbares Redaktionsregime schildern."

Wichtig ist also vor allem der Blick nach innen. Ulrike Simon kultiviert in ihrem Horizont-Text (frei lesbar nach Anmeldung) einen kritischen Blick aufs Reichelts Gegnerinnen und Gegner innerhalb des Hauses Springer: "Könnte man von selbstbewussten Journalisten, zumal solchen, die sich für Bild als Arbeitsplatz entschieden haben, nicht erwarten, weniger empfindsam auf harsche Töne zu reagieren und manchem Disput standzuhalten, auch mit dem Chef?", fragt sie und nennt Benjamin von Stuckrad-Barre als möglichen Motor einer Art konzerninterner Kampagne gegen Reichelt.

Dass Niggemeier (im Übermedien-Newsletter) die Annahme formuliert, bevor alles vorüber sei, werde es noch "eine gewaltige Schlammschlacht geben", ist deshalb wohl nicht waghalsig.

Reichelt III: Warum prominent berichtet wird

Die Frage, die uns hier in dieser Metamedienkolumne auch beschäftigen muss, ist aber: Warum befasst sich mittlerweile so gut wie jede Redaktion in Deutschland, die mit Medienjournalismus etwas am Hut hat, prominent mit springer-internen Konflikten? Warum, naiv gefragt, nicht einfach den Aufklärungsbericht abwarten – und gut?

Zum ersten sind die Umstände zu nennen, wie die Sache publik wurde: mit einer insiderischen Andeutung von Jan Böhmermann (Minute 18). Mehrere Journalistinnen und Journalisten waren zu dem Zeitpunkt nach meiner Kenntnis mit der Recherche beschäftigt – nun galt es, nicht als letzter fertig zu werden. Denn auch wenn es so nicht im Journalismus-Lehrbuch stehen mag: Wenn irgendwann der Damm bricht, sollte man in der Praxis da sein, auch wenn noch nicht alles ganz wasserdicht ist. Dammbruchhinweise aus dem Humoristischen, wie in diesem Fall, sind auch nicht zum ersten Mal in der deutschen Mediengeschichte der Türöffner für eine breite Folgeberichterstattung.

Indem alle einander lesen, einigt man sich quasi implizit darauf, dass eine Geschichte nicht nur relevant ist, wie diese es sicher ist, sondern das zentrale Thema. Und zwar nicht, weil sich alle abgestimmt hätten, sondern weil es Wettbewerb gibt. Aufpassen muss man dann, dass die Stimmung nicht zu fiebrig wird. Sonst bleibt hinterher der Eindruck, die Medienbranche habe ein wenig zu viel Freude daran, im Matsch zu baden.

Zum zweiten sind Mediengeschichten bisweilen gute Möglichkeiten, zwischen den Zeilen etwas in eigener Sache loszuwerden. Einen der NZZ-Artikel vom Samstag zum Thema kann man durchaus so deuten. Die Medienkritik, die darin geübt wird, ist zum Teil berechtigt (siehe auch Altpapier vom Donnerstag). Simon Hurtz empfiehlt den Text bei piqd, weil er "valide Kritikpunkte an den Reaktionen auf die Vorwürfe gegen Bild-Chef Julian Reichelt enthält". Dessen journalistische Arbeit, so Hurtz, dürfe "keinen Einfluss darauf haben, wie Journalistïnnen über Reichelt berichten".

Aber nicht nur nebenbei arbeitet sich die NZZ am Spiegel ab, dem sie in der Reichelt-Berichterstattung unterstellt, er würde auf "feucht-fröhliche Spekulationen" setzen:

"Wollte man den Spiess umdrehen, könnte man zum Schluss kommen, dass beim ‚Spiegel‘ heute die Devise gilt: Was kümmern uns die Fakten, Hauptsache, es trifft den Richtigen. Aber damit würde man den Journalisten unrecht tun, die dort seriös arbeiten. Vielleicht sind die verantwortlichen Autoren auch einfach nur ihrem Sujet verfallen. Drei von ihnen hatten Reichelt erst im vergangenen Jahr porträtiert. Schon damals fiel der Eifer beim Bemühen auf, den ‚Bild‘-Mann in einer Weise darzustellen, die selbst Boulevard pur war: 'Reichelt war früher einmal Kriegsreporter, den Schützengraben hat er nie wirklich verlassen.' Und so weiter."

Einer der drei Autoren hat kürzlich auch kritisch über die Berliner NZZ-Redaktion geschrieben. Dass sie die Spiegel-Berichterstattung als spekulativ und boulevardesk darstellt, kann man als Selbstverteidigung durch Gegenangriff lesen, frei nach dem Motto: Hauptsache, es trifft die Richtigen.

Zum dritten gibt es womöglich wirklich eine gewisse Lust, Julian Reichelt fallen zu sehen. Man kann allerdings von seiner Arbeit nicht darauf schließen, dass die gegen ihn erhobenen Vorwürfe zutreffen. Das tut etwa die Frankfurter Rundschau, wenn sie über den "früheren Kriegsreporter" schreibt: "(W)er seine Arbeit verfolgt hat, dürfte wenig Zweifel hegen, dass an den Vorwürfen etwas dran ist." An Julian Reichelts immer wieder kritikwürdiger Arbeit als Bild-Chef und Bild-Chef-Chef kann man ablesen, dass er zum Beispiel konkrete Abhängigkeitsverhältnisse ausgenutzt habe, wie ihm vorgeworfen wird? Kaum.

Der Mainzer Journalismusprofessor Tanjev Schultz macht im Interview, das Bascha Mika ebenfalls in der Frankfurter Rundschau mit ihm geführt hat, ein gewisses Reiz-Reaktions-Schema aus: "Und auch wenn wir nicht wissen, was dabei herauskommt, was an den Vorwürfen stimmt und was nicht, ist diese Geschichte nicht sonderlich überraschend."

Er weist auch darauf hin, dass gewisse Impulse, die gemeinhin dem Boulevard zugeschrieben würden, nicht nur den Boulevard beträfen: "(J)eder von Aktualität getriebene Journalismus steht in der Gefahr, das Leiden zu ignorieren oder gar zu instrumentalisieren. Der Boulevard treibt es zynisch auf die Spitze", sagt er. Und er antwortet auf die Frage, ob Springer-Chef Mathias Döpfners berechtigte Warnung vor einer Vorverurteilung im Fall Reichelt angesichts des Bild-Geschäftsmodells nicht doch "irgendwie heuchlerisch" sei:

"Ich sehe einen öffentlichen Impuls, jetzt mit Häme und Vorverurteilungen an die Sache heranzugehen. Ich selbst habe ja auch kritische Worte gewählt. Aber man muss sich vor Selbstradikalisierung schützen, vor Schadenfreude und Häme. Man braucht die aktuellen Vorgänge nicht, um die Bild-Zeitung als problematisch einzustufen. Triumphgeheul verbietet sich. Doch der Fall ist ein guter Anlass darüber nachzudenken, ob es einen besseren, sauberen Boulevard-Journalismus geben kann."

Altpapierkorb (Alexandra Würzbach, Michael Hopp, Palais F*luxx)

+++ Alexandra Würzbach, die Chefin der Bild am Sonntag, leitet derzeit nun Bild; ein paar Details zur Aufgabenverteilung hat die taz. Gibt es mit ihr einen besseren, sauberen Boulevard-Journalismus? Hm. Joachim Huber nennt im Tagesspiegel, das ist offensichtlich unvermeidlich, auch schon erste Kandidatinnen für die Reichelt-Nachfolge: Gabor Steingart und die einstige BamS-Chefin Marion Horn.

+++ Altpapier-Kollege René Martens interviewt für die taz Michael Hopp, den ehemaligen Chefredakteur des österreichischen Wiener und Autor zahlreicher Titelgeschichten der vom Wiener stark beeinflussten Zeitschrift Tempo. Anlass ist Hopps autobiografischer Roman (zuletzt hier im Altpapier).

+++ Der Tagesspiegel stellt Silke Burmesters Plattform Palais F*luxx "für Frauen ab 47" vor.

Transparenzhinweis: Ich habe in den vergangenen Jahren frei für spiegel.de geschrieben.

Neues Altpapier erscheint am Dienstag.

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