Das Altpapier am 22. März 2021 Zurück in die Steinzeit

Ist die aktuelle Realitätsverweigerung deutscher Politiker vergleichbar mit der Realitätsverweigerung von Trumpisten? Brauchen wir hauptberufliche Rundfunkräte? Was taugt "Ku’damm 63"? Ein Altpapier von René Martens.

Teasergrafik Altpapier vom 22. März 2021: Porträt Autor René Martens
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Option Craziness

Manche Texte liest man beim zweiten Mal anders als beim ersten, andere gewinnen Wochen nach der Niederschrift eine Aktualität, die die Autorin und der Autor nicht vorausahnen konnte. In diese Kategorie fällt meiner Wahrnehmung nach ein beim taz-Ableger Futur Zwei publizierter Artikel von Samira El Ouassil, der vor rund zwei Wochen gedruckt erschienen ist und seit Freitag online steht. Das eigentliche Thema: Dass Trumpisten keine "Irren" sind, sondern "opportunistische und damit mündige Selbstbelüger".

El Ouassil spricht in diesem Zusammenhang von einem "Fieberwahn", der "ein rationales, instrumentelles Moment" habe, von einer "Kosten-Nutzen-Entscheidung darüber, welche behauptete Welt für mich die meisten Vorteile beherbergt – also zurechnungsfähig kalkulierende Craziness".

Um zu veranschaulichen, warum ich den Text jetzt anders lese als zunächst, einige Beobachtungen vom Wochenende:

Da machten ein Bürgermeister aus Dortmund und ein Lehrerverband aus Sachsen auf sich aufmerksam, indem sie zu erkennen gaben, sich für so altmodische und Dinge wie das Retten von Menschenleben einzusetzen, während ihre Landesregierung oder ihr Ministerium eine offenbar andere Kosten-Nutzen-Entscheidung getroffen haben und lieber mit einem Auto auf eine Mauer zu rasen wollen.

Da fiel ein ehemals honoriger Medienwissenschaftler dadurch auf, dass er einem tichyoiden und reitschutereskem Leerdenker- und Schwurbler-Portal ein Interview gab.

Da gab es eine "Anne Will"-Sendung, die zwei Spiegel-Redakteure zu folgenden Bemerkungen animierte:

"Kubicki bei #annewill repräsentiert in a nutshell das Problem der Realitätsverweigerung der deutschen Politik",

twitterte Sebastian Fischer. Und sein Redakteurskollege Jonas Schaible:

"So weit ich mitbekommen habe, hat @janoschdahmen als einzige:r Politiker:in bei #AnneWill heute keine offenkundig unwahre Aussage getroffen. Es ist eine niedrige Hürde, aber man ist ja so mürb, man freut sich schon, wenn sie jemand nimmt."

Dahmen ist - dies für jene, die die Sendung nicht gesehen haben - ein vor nicht allzu langer noch als Oberarzt der Ärztlichen Leitung des Rettungsdiensts Berlin tätig gewesener Grünen-Politiker.

Kann man die Realitätsverweigerung der Trumpisten nun zum Beispiel mit der aktuellen "Realitätsverweigerung der deutschen Politik" (Fischer) vergleichen, die ja bei weit mehr als nur einer Partei verbreitet ist? Sind die Zurechnungsfähigen, die sich für die Craziness-Option entscheiden und in Talkshows "Schulen sind keine Pandemie-Treiber" sagen, also so etwas wie deutsche Trumpisten?

Blenden wir noch mal rein in El Ouassils Text: Sie spricht von "mündigen Selbstbelügern, die mit Entschlossenheit verdrängen, um mit sich auszukommen". Beziehungsweise:

"Man nimmt die narrativen Angebote an, welche die eigene Existenz zu einer ertragbaren und aushaltbaren Textur des Seins webt. Das Kultivieren eigener blinder Flecke wird zum identitätsstiftenden Merkmal."

Rundfunkratstätigkeit professionalisieren!

Über die Verkindlichung von Kulturradiowellen wie WDR 3 und RBB Kultur und über die Papiertigerhaftigkeit von Rundfunkräten hat der ver.di Senderverband im WDR mit Norbert Schneider gesprochen, der öffentlich-rechtlicher Programmdirektor und Landesmedienanstaltschef war und heute Autor von epd medien und Medienkorrespondenz ist. Ausgangspunkt des Interviews sind Moderationsleitlinien, die bei den Kulturwellen WDR 3 und RBB Kultur im Umlauf sind und die das VAN-Magazin aufgegriffen hat (Altpapier).

Schneider sagt dazu:

"Das Publikum wird unterschätzt. Es wird infantilisiert. Oben ist der Sender, unten der Empfänger. Das ist Rundfunk aus der Steinzeit. Das ist eine Art von oben nach unten, die nicht mehr zeitgemäß ist, die aber offenbar zurückkehrt."

Und:

"Es ist nicht Sache eines Rundfunksenders darüber zu befinden, was das Publikum versteht und was es nicht versteht."

Man kann das als Ergänzung zu dem Interview lesen, das Gerhart Baum, Vorsitzender des Kulturrats NRW und Mitglied der WDR-Rundfunkrates, gerade der SZ gegeben hat. Baum sagt dort (siehe auch Altpapier von Freitag):

"Wer glaubt Akzeptanz dadurch zu schaffen, dass er das Niveau absenkt, schafft sich langfristig selbst ab."

Obwohl sich Schneider und Baum diesbezüglich einig sind: Bei einem anderen Aspekt wären sie es vielleicht nicht. Denn wenn Rundfunkräte so wären, wie Schneider es sich wünscht, könnte Baum in keinem dieser Gremien Mitglied sein. Auf die Frage "Was müsste anders werden, damit Rundfunkräte ihrer Aufgabe gerecht werden können?", sagt Schneider nämlich unter anderem:

"Mitglied eines Rundfunkrates zu sein, muss eigentlich ein Beruf werden. Es muss von dem Objekt, das er/sie kontrolliert sehr, sehr viel Ahnung haben. Im Grunde genommen genauso viel wie die professionellen Akteure. Rundfunkrät*innen müssten (wie etwa auch Redakteure) kontinuierlich geschult werden. Mit Blick auf konkurrierende Technologien. Mit Blick auf Rechtsbereiche wie Urheberrecht, Datenschutz, Verbraucherschutz. Mit Blick auf die Daten der empirischen Sozialforschung. Mit Blick auf die Tendenzen des Kunst-und Kulturbetriebs. Man muss das Programm dauernd beobachten, man muss die Zeit dafür haben. Die Kontrolleur*innen müssen mit dem Kontrollierten auf einem Kenntnisstand sein. Das alles neben einem Hauptberuf zu leisten ist unter den heutigen Rahmenbedingungen eine Überforderung."

Neues vom Spahnismus

Dass Jens Spahn beim Grundbuchamt Berlin-Schöneberg vor einiger Zeit wissen wollte, welche Journalisten dort welche Anfragen in ihn betreffenden Angelegenheiten gestellt hatten, fand an dieser Stelle bereits kurz Erwähnung.

Der von Spahns Ermittlungseifer betroffene Tagesspiegel zitiert nun aus einem Schreiben der Berliner Datenschutzbeauftragte Maja Smoltczyk zur grundbuchamtlichen Datenherausgabe:

"Zwar habe Spahn ein Recht zu erfahren, welche Daten über ihn gespeichert seien. Dazu zählten auch auf ihn bezogene Anfragen von Medien (…) Durch Auskünfte über sie könnten deren Interessen jedoch 'unzumutbar eingeschränkt werden'. Journalistinnen und Journalisten müssten (…) zunächst angehört werden, bevor man Informationen an Spahn herausgibt. Wenn Medien in der Anhörung ein 'berechtigtes Interesse darlegen, die einen Schutz vor einer Auskunft (…) erfordern, darf diese nicht erteilt werden' (…) Die Auskunftserteilung (könne) auch in einer 'Gefährdung zukünftiger journalistischer Arbeit' münden, etwa wenn betroffenen Journalistinnen und Journalisten droht, von 'Interviews oder Hintergrundgesprächen ausgeschlossen zu werden'."

Medial etwas größeres Aufsehen erregt derzeit ein im Frühjahr 2020 "ohne vorherige Ausschreibung" zustande gekommenes "Maskengeschäft" zwischen dem von Spahn geführten Ministerium und dem Burda-Konzern, bei dem Spahns Ehemann hochrangig beschäftigt ist. Recherchiert hat’s der Spiegel. In dem Beitrag heißt es unter anderem:

"Das Maskengeschäft ist nach Darstellung von Burda über eine Firma in Singapur zustande gekommen, an dem das Unternehmen eine zehnprozentige Beteiligung hält. Burda habe den Kaufpreis vorgestreckt, später habe das Ministerium den Preis von gut 909.000 Euro erstattet. 'Hubert Burda Media hat die Kosten für die Masken 1:1 weitergereicht', teilte der Sprecher dem Spiegel mit."

Dass zu den Ergebnissen von Diversifizierungsstrategien deutscher Medienkonzerne in Südostasien auch gehört, dass sie ein paar hunderttausend FFP-2-Masken beschaffen können, ist natürlich im Prinzip nicht unerfreulich. Dass hier ein Zwischenhändler etwas mit null Euro Gewinn weiterverkauft haben will, weckt aber einen gewissen Argwohn. Selbst wenn die finanzielle Dimension unerheblich sein sollte - warum es darauf nicht ankommt, erläutert MdB Fabio de Masi (Die Linke) bei Twitter. Und dass ein Konzern bei einem Geschäft mit einem Bundesministerium einen Gewinn machen kann, der monetär nicht messbar ist, steht noch wieder auf einem anderen Blatt.

Erinnerungen an Hans Kantereit

Dass Hans Kantereit das Schaffen der deutschen Satiremagazine in den 1980er und 1990er Jahren mit geprägt hat, würde ich wohl auch sagen, wenn ich nicht sporadischer Autor der Rubrik "Zeichen, Zeiten, Tage & Wunder" gewesen wäre. Diese hatte der in der zuvor bei Titanic tätige Kantereit für die von September 1987 bis September 1993 existierende Zeitschrift Kowalski erfunden. "Zeichen, Zeiten, Tage & Wunder" war wiederum das Vorbild für die in den 2000er Jahren entstandene Titanic-Rubrik "Vom Fachmann für Kenner".

Ende Januar ist Hans Kantereit im Alter von 61 Jahren gestorben, und kurz nachdem er Ende vergangener Woche in Berlin beerdigt wurde, ist am Wochenende in der Jungen Welt nun ein mehr als 14.000 Zeichen langer Nachruf von Christian Y. Schmidt erschienen, der, wie er schreibt, Hans Kantereit "einiges zu verdanken" hat - nämlich, dass er selbst bei der Titanic gelandet ist. Es ist überhaupt erst der zweite ausführliche Nachruf, den anderen hat Fritz Tietz vor einigen Wochen fürs ND geschrieben. Noch gar kein Nachruf (abgesehen von einer Titanic-Meldung) findet sich bisher auf den wenige Wochen nach Kantereit verstorbenen früheren Kowalski-Chefredakteur Hans-Werner Saalfeld.

Was machte Kantereit nach Titanic und Kowalski? Er war in den 1990er Jahren Co-Drehbuchautor eines Filmes für eine Edgar-Wallace-Reihe (!) bei RTL, landete zwischendurch irgendwie bei Gruner + Jahrs Gala (!!) - ohne dass mir klar wäre, was er dort gemacht hat - und dann in seiner späten Phase in leitender Funktion bei der recht okayen Essenszeitschrift Efilee.

In "Vom Fachmann für Kenner", in der Titanic-Rubrik also, die ohne ihn nicht denkbar gewesen wäre, ist übrigens Kantereits letzter Text erschienen - das Heft erschien ein Tag vor seinem Tod. 


Altpapierkorb (14 Übergriffe auf Journalist:innen in Kassel, 15 Jahre Twitter, "BoschBot", "Ku’damm 63", "Quickie")

+++ "14 Übergriffe auf Journalist:innen" gab es laut Verdi-Chronist Jörg Reichel bei der illegalen Leerdenker-Demo in Kassel. Der nationalsozialistische Gentleman, der den Fotografen Felix Dressler attackiert hat, ist bereits identifiziert.

+++ Twitter wird 15, und Sibel Schick schreibt anlässlich dessen für die taz unter anderem über die von Nutzern des sozialen Netzwerks ausgehenden lebensverändernden Hasskampagnen gegen sie (siehe Altpapier). Ihr Fazit: "Wäre Twitter ein sicherer Ort für alle, wäre es ein wertvolles demokratisches Instrument. Doch das ist keine Realität. Fehlende Schutzkonzepte für vulnerable Gruppen führen zur Reproduktion gesellschaftlicher Machtverhältnisse, gerade da, wo ihnen ein Stück entgegengewirkt werden könnte."

+++ Als Twitter-Account der Woche empfiehlt Berit Glanz in ihrem Online-Phänomen- bzw. Online-Fundstück-Analyse-Newsletter "Phoneurie" den "BoschBot", der alle paar Stunden Ausschnitte aus Hieronymus Boschs Triptychon "Der Garten der Lüste" postet. Ausgangspunkt ist folgender Gedanke: "Ich habe die vage und noch nicht komplett zu Ende gedachte Vermutung, dass sich die Wahrnehmung von Gemälden durch die sozialen Medien verändert hat und ein neuer Modus der Auseinandersetzung entstanden ist, der darauf basiert, stark in Bilder hineinzuzoomen und dann einen Screenshot eines Ausschnittes zu teilen."

+++ Wie ist denn der neue historische Event-Mehrteiler des ZDF eigentlich so? "'Ku’damm 63' ist die Ausgeburt des Design-Revivals der Gegenwart. Es ist das Ergebnis der Vorstellung heutiger Design-Liebhaber von den 60-ern. Glatt, schick, stylisch. Geruchsfrei", schreibt Silke Burmester (Palais F*luxx). Ebenfalls viel auszusetzen hat Heike Hupertz (FAZ). Positive Urteile fällen dagegen Christian Buß (Spiegel) und Nikolaus von Festenberg (Tagesspiegel).

+++ "'Quickie' ist der Brettspielabend mit den Schwiegereltern, der Bingo-Nachmittag im Seniorenheim, Puzzeln im Kerzenschein", schreibt Ulrike Nimz in der SZ-Kolumne "Unser Beitrag". Warum wir das erwähnen? Weil das Quiz, um das es hier geht, bei unserem MDR läuft.

Neues Altpapier gibt es wieder am Dienstag.

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