Das Altpapier am 6. April 2021 Die Grenzüberschreitung von Stuttgart

SWR-Intendant Kai Gniffke jetzt noch verständnisvoller. Rezo jetzt noch härter. Außerdem: Kritik an der vermeintlich zu "proseminaristischen" Debatte über "Lovemobil". Die Wochenzeitung Kontext wird zehn Jahre alt. Ein Altpapier von René Martens.

Teasergrafik Altpapier vom 6. April: Porträt Autor René Martens
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Reaktionen auf den Stuttgarter Steinwurf

Als am 6. Januar amerikanische Rechtsextremisten das Capitol stürmten, mussten Reporter von ARD und ZDF Live-Schalten abbrechen, weil es für ihr Team zu gefährlich wurde. Betroffen waren damals in unterschiedlichen Situationen Claudia Buckenmaier (ARD) und Elmar Theveßen (ZDF).

An diese Szenen erinnerten am Samstag Bilder bei Tagesschau 24, als der SWR-Reporter Thomas Denzel wegen Attacken auf sein Team, die in einem Steinwurf kulminierten, die Berichterstattung über eine rechtsextreme Demonstration in Stuttgart abbrechen musste. Marcus Bornheim, der Erste Chefredakteur von "ARD-aktuell", verlangt nun "von der Polizei eine Aufklärung zu diesen Vorfällen". Fritz Frey, der SWR-Chefredakteur fragt, ob "ChefInnen es noch verantworten können, ReporterInnen rauszuschicken", und spricht angesichts des Steinwurfs von einer "Grenzüberschreitung". Unter Freys Tweet ist übrigens in einem kurzen Clip zu sehen, was im Fernsehen nicht zu sehen ist: der fliegende Schotterstein, den der Täter oder die Täterin offenbar aus einem Gleisbett aufgehoben hat.

Kai Gniffke, Vorgänger des eben zitierten Marcus Bornheim und nun Intendant des SWR, äußert sich am ausführlichsten, nämlich in einem Blogbeitrag. "Zutiefst verwerflich", "eklig", "ungehörig" - so schätzt Gniffke den Vorfall ein.

Was aber schreibt er noch?

"Eine gewisse Emotionalität verstehe ich ja. Viele von uns fahren auf der letzten Rille. In vielen Haushalten liegen die Nerven blank, und nicht wenige Menschen bangen um ihre wirtschaftliche Existenz. Da ist die Aggression gegen Journalistinnen und Journalisten ein Ventil. Mal das Mütchen kühlen gibt einem für einen Augenblick das Gefühl, dem Kontrollverlust zu entgehen. Es ist leichter, seine Wut an Kamerateams auszulassen als an einem unsichtbaren Virus."

Diese Appeasement-Politik, dieser joviale Umgang mit Rechtsextremismus nach dem Motto "Ey, Jungs, Emotionen und so’n bisschen Mütchenkühlung sind ja okay, aber jetzt kommt mal wieder runter" - das ist auf andere Weise ebenfalls "ungehörig", um eine Gniffke-Formulierung aufzugreifen. Überraschend ist die Strategie des Intendanten allerdings nicht (siehe Altpapier).

Was er, wenn es ihm um eine politische Analyse jenes Milieus gegangen wäre, das seine, Gniffkes, Leute angreift, hätte schreiben können:

"'Querdenken' wird in Baden-Württemberg vom Verfassungsschutz beobachtet. Die öffentliche Abgrenzung von Neonazis und Reichsbürgern ist keine. Bei Demonstrationen werden sie geduldet oder sogar willkommen geheißen. Es war ein ehemaliger Pfarrer, der bei einer Großdemonstration in Leipzig die Anwesenheit rechtsextremer Hooligans damit rechtfertigte, die Bewegung brauche Masse. Diese Hooligans prügelten sich anschließend durch eine Polizeikette, räumten den Weg frei, damit Demonstranten mit Kerzen und Plakaten marschieren konnten. Mittlerweile sind es auch die vermeintlich Friedensbewegten, die Polizisten und Journalisten angreifen."

Das schreibt statt dessen Antonie Rietzschel auf der heutigen Meinungsseite der SZ.

Andere Beispiele für Angriffe auf Journalist*innen in Stuttgart: Eine rechte Dame zerstörte einen Teil des Equipments des freien ARD-Mitarbeiters Silvio Duwe. Ein Schlägertyp griff den freien Journalisten David Peters an. Der berichtet in seinem Beitrag für Belltower News noch über weitere Vorfälle. Eine Überblicksdarstellung gibt es auch bei der taz.

Schmerzursache Armin Laschet

Die Schärfe der Politikkritik in den etablierten Medien ist mittlerweile bemerkenswert. Am Voroster-Wochenende stand im Aufmacher-Artikel der SZ auf Seite 1:

"Ob es eine neue Strategie ist? Einfach nicht hinzuschauen und zugleich zu hoffen, dass dann alles nicht so schlimm kommt? Dass die Kurven nicht weiterwachsen, wenn man sie nicht ständig anstarrt? Auf Kurven starren - das ist ja zu einem negativ gemeinten Synonym für eine wissenschaftsgesteuerte Politik geworden. Nun versucht es die Politik offenbar gerade ohne die Wissenschaft."

Mit einem aktuellen Videokommentar beweist nun ein Team des WDR-Wissenschaftsmagazins "Quarks", dass solcherlei Fundamentalkritik auch bei den Öffentlich-Rechtlichen möglich ist. Mit Galgenhumor und noch halbwegs lässiger Verzweiflung präsentieren die Redakteur*innen eine sowohl niedrigschwellige als auch fundierte Abrechnung:

"Das Zermürbende" sei, dass "die selben Fehler immer und immer und immer wieder gemacht werden", sagen die Wissenschaftsredakteur*innen. Es sei "kaum zu ertragen, wie die Politik in Deutschland die Warnungen und Erkenntnisse aus der Wissenschaft ignoriert".

Und im Fazit-Teil heißt es:

"Seit einem Jahr wurde der Anstieg dreimal vorher gesagt, dreimal trat er ein, und meist wurde zu spät reagiert, es war, ist und bleibt naiv zu denken, dass es auf magische Weise einfach so nicht eintritt, und wenn es nicht magisches Denken ist, dann würde das bedeuten, dass die Regierenden vorsätzlich nicht handeln."

Das zeigt, welches Level die Kritik mittlerweile erreicht hat, und man wünscht sich, dass es mit solcher Härte nach dieser Pandemie auch bei anderen Themen zur Sache ginge.

Während im WDR-Video die Haltung der Politik als "Realitätsverweigerung" beschrieben wird, spricht Rezo in einem neuen Video in diesem Zusammenhang von "Arbeitsverweigerung". Verglichen mit diesem aktuellen Rant war "Die Zerstörung der CDU" ein Kindergeburtstag,

Thematisch ist er durchaus nah bei den "Quarks"-Leuten. Er kritisiert bei den regierenden Politikern "die grundsätzliche Haltung, sich irrational zu verhalten", "diese tief sitzende Respektlosigkeit vor wissenschaftlichen Erkenntnissen" und "den Prinzipien der Logik", aber der Tonfall in "REZO zerstört Corona-Politik" ist anders: Das Video ist eine im weiteren Sinne Punkrock-artige In-your-face-Attacke.

Zur berüchtigten, auch im Altpapier und im eben erwähnten "Quarks"-Video aufgegriffenen Landtagsrede Laschets mit der Slapstick-Passage zu den warmen Frühlingstemperaturen sagt Rezo etwa:

"Das ist ein Mensch, der will Kanzler werden. Das tut körperlich weh, wie dumm das ist."

Aber Laschet ist ja nicht dumm, er spielt halt die Rolle des Volltrottels, weil er sich etwas davon erhofft, und nur weil er derzeit die beliebteste Witzfigur in aufgeklärten Bubbles ist und sich in Rekordzeit unvorteilhafte Memes und Twitter-Trend-Spitzenpositionen erarbeitet - #LaschetDenktNach (siehe dazu auch Berit Glanz), #Brückenlockdown, #Laschethatnachgedacht -, heißt es ja nicht, dass er sich zu Unrecht etwas erhofft.

Die 60-jährige, die aus dem Film "Lovemobil" rausflog

Die "Lovemobil"-Debatte (siehe zuletzt das Altpapier von Gründonnerstag) geht in eine weitere Runde. Bei einer Zoom-Veranstaltung der AG Dok am Donnerstag sagte der Moderator David Bernet, man habe "das Gefühl, noch nie in den letzten zehn Jahren" sei "in der Breite so viel über Dokumentarfilm gesprochen" worden, man könne sich ja "fast darüber freuen".

In einem FAZ-Beitrag (für 75 Cent bei Blendle) geht Thomas Frickel, der langjährige Vorsitzende und Geschäftsführer der AG Dok, der 2020 in den Ruhestand ging, auf eben diese Veranstaltung ein. Seine grundsätzliche Kritik an dem Umgang mit dem Thema in seinem Milieu lautet so:

"Dass (die Regisseurin Elke Lehrenkrauss) von Teilen der Filmwissenschaft und aus der Festivallandschaft heraus mit dem Argument unterstützt wird, die Grenzen des dokumentarischen Arbeitens seien nirgendwo definiert und durch Mischformen ohnehin in flagranter Auflösung begriffen, mag für filmtheoretische Proseminare interessant sein, blendet aber aus, dass sich die überwiegende Mehrheit des Fernsehpublikums in der Bilderflut unserer Zeit nach genau der Verlässlichkeit sehnt, die ihr ein seriöses dokumentarisches Arbeiten verspricht."

Wobei ich es nicht für sonderlich produktiv halte, diesen Gegensatz aufzubauen, denn er insinuiert ja, dass sich jenseits einer mit "Filmtheorie" befassten Blase grundsätzliche Debatten über Dokumentarfilm nicht führen lassen.

In der Berliner Zeitung nimmt die Sexarbeiterin Hanna Lakomy alias Salomé Balthus unter anderem einen Aspekt auf, der bereits in einem im Altpapier erwähnten Interview mit Lehrenkrauss zur Sprache kam: Dass der NDR-Redakteur Timo Großpietsch, jedenfalls nach Darstellung der Regisseurin, entschieden hatte, eine ihr besonders wichtige Protagonistin "rauszuschmeißen":

"Interessant ist, welche es nicht schafften: Da wäre nämlich eine Figur namens Ira, die so ziemlich das Gegenteil der beiden verzweifelten jungen Armutsprostituierten ist. Eine 60-jährige Sexarbeiterin, die ihren Job liebt. Von über 100 Stunden Gesamtmaterial fällt angeblich fast ein Drittel auf Iras Geschichte. Eine Geschichte, die mir viel glaubwürdiger vorkommt als der restliche Film: Iras Leben in dem kleinen Dorf, wo sie niemandem von ihrer Arbeit erzählen konnte, wo niemand von ihrem Wohnwagen wusste. Ihr Outing vor der besten Freundin, die erstaunlich liebevoll reagiert. Und die Treue zu ihrem Mann, den sie pflegt und versorgt und nach über 23 Jahren heiratet. Er erlag seiner Krankheit noch während der Drehzeit. Eine Geschichte, die zum Gesamtbild gehört? Die Redaktion war anderer Meinung."

Was jetzt keine Rechtfertigung dafür sein soll, dass die Regisseurin den Einsatz von Darsteller*innen nicht offen gelegt hat, der "Rausschmiss" dieser Protagonistin ist aber durchaus relevant für das Gesamtverständnis, und es sagt, vielleicht, auch grundsätzlich etwas darüber aus, wie Fernsehredakteure ticken. Wobei eine abschließende Beurteilung dieses Aspekts schwierig ist, denn naturgemäß kennen nur wenige direkt Beteiligte das nicht verwendete Material.

In der SZ von heute geht es dann auch wieder um "Lovemobil", zumindest am Rande - weil ZDFinfo ab 20.15 Uhr den dokumentarischen Zweiteiler "Der Maulwurf - Undercover in Nordkorea" sendet, der zeigt, "wie Nordkoreas Waffenhändler offenbar bereit sind, Drogen und schwere Waffen an jeden zu liefern, der dafür bezahlt", und dabei einen Schauspieler einsetzt. Der spielt bei diesem dänisch-schwedisch-norwegisch-britischen Investigativprojekt einen Investor, "der die Nordkoreaner in die Kamerafalle lockt". Anders als "Lovemobil", schreibt Kai Strittmatter in seiner Rezension, spiele "Der Maulwurf" diesbezüglich aber mit offenen Karten.

BR lernunwillig in Sachen Blackfacing

Über Blackfacing ist ja schon fast alles gesagt worden, und dennoch bietet es sich heute an, das Thema aufzugreifen. Das liegt an der Art und Weise, wie der BR auf Kritik an seiner Kabarettsendung "SchleichFernsehen" reagiert hat. Für die Darstellung eines Franz-Josef-Strauß-Wiedergängers, der in einem fiktiven afrikanischen Land regiert (hier der entsprechende Ausschnitt und hier die komplette Sendung), hatte sich Macher Helmut Schleich das Gesicht schwarz angemalt.

Marc Röhlig zitiert in einem Spiegel-Kommentar zunächst diese Reaktion des Senders:

"Die Diskussionen zum Thema 'Blackfacing' und der damit verbundenen Problematik waren der Redaktion bewusst, und deshalb wurde im Vorfeld der Sendung über diesen Beitrag intensiv mit Helmut Schleich diskutiert."

Was Röhlig zu Recht übersetzt mit:

"Wir kennen die Debatte. Die ist uns aber wurscht!"

Weiter schreibt der Spiegel-Redakteur:

"Wenn es darum geht, einen Despoten mit CSU-Kolorit zu mimen, braucht es nicht zwingend schwarze Schuhcreme im Gesicht. Und wenn doch, wenn unbedingt ein Schwarzer für die Nummer gebraucht wird – gibt es im ganzen Freistaat oder im Rest der Republik keinen schwarzen Satiriker, der die zwei Minuten Sketch hätte füllen können? All das sind Fragen, die den Verantwortlichen beim BR hätten durch den Kopf gehen können, wenn ihnen die mit 'Blackfacing' verbundene Problematik tatsächlich bewusst war. Die einzige Antwort, die ihnen einfiel: Nö, das soll so."

Wir haben es hier also wieder mal mit einem Fall zu tun, in dem Kritiker öffentlich-rechtliche Sender auf "Fehler" hinweisen, auf die man sie schon oft hingewiesen hat. Oft heißt es in solchen Zusammenhängen dann, die Sender seien "nicht lernfähig" oder hätten "immer noch nicht begriffen, dass …" Die meiner Ansicht nach auch auf andere Sachverhalte übertragbare Reaktion des BR zeigt nun: Viele Redaktionen wollen gar nichts "lernen", weil sie gar nicht einsehen, warum sie etwas lernen sollten; weil sie richtig finden, was sie tun.

Der Wert geistiger Arbeit

In einem Essay für 54books setzt Johannes Franzen einen Gegenpol zur Debatte um die sogenannte Printkrise, die er dominiert sieht von einer "kulturellen Panik, die oft mit äußerster Bitterkeit artikuliert wird". Diese Haltung sei "in den meisten Fällen lähmend und unproduktiv". Franzen konstatiert:

"In den Köpfen der Leser*innen (scheint) sich nur sehr langsam (eine unangenehme) Erkenntnis (…) durchzusetzen (…) Nämlich, dass es gar nicht sie waren, die für die Texte, die sie wie selbstverständlich gelesen haben, in erster Linie bezahlt haben (…) Texte, deren Produktion oft sehr kosten- und arbeitsaufwendig ist, waren deshalb so preiswert, weil die Werbebranche für einen Großteil dieser Kosten aufkam."

Das "Bedrohungsszenario" vom "Zusammenbruch des Zeitungs- und Zeitschriftenmarktes" verstelle "den Weg für eine nüchterne Auseinandersetzung mit den ökonomischen und kulturellen Problemen, die der Medienwandel mit sich gebracht hat".

Denn:

"Das grundsätzliche Problem ist nicht die Digitalisierung selbst, sondern die Tatsache, dass ein wichtiger kulturgeschichtlicher Bewusstseinswandel noch nicht stattgefunden hat, der vor allem die Rolle der Leser*innen im System der Textmedien betrifft. Kurz gesagt, geht es darum, dass die Menschen für die Texte, die sie lesen wollen, jetzt vollständig bezahlen müssen. Was bisher fehlt, ist eine tiefgehende gesellschaftliche Reflexion über den Wert geistiger Arbeit."

Die Wochenzeitung Kontext feiert

Sich mit der Lage und den Perspektiven des Journalismus aus anderen Blickwinkeln zu befassen als Franzen - einen Anlass dafür liefert das zehnjährige Jubiläum, das die Wochenzeitung Kontext heute feiert. Die Zeitung - für die, das als Offenlegung, ich in den vergangenen Jahren drei oder vier Texte geschrieben habe - sticht aus der Branche heraus, weil sie gemeinnützig ist, ohne Werbung auskommt und sich u.a. durch 1700 "Soliabos" und die Beiträge von 400 Mitgliedern eines Trägervereins finanziert.

Die Frankfurter Rundschau schreibt, Kontext stehe für

"ein bewusstes Gegenprogramm zu einem Journalismus, der in Teilen immer noch glaubt, es diene der Wahrheitsfindung, ein paar Zitate von Politikerinnen und Politikern aneinanderzureihen und allenfalls einen mageren 'Kontextparagrafen' beizufügen, etwa nach dem Motto 'Die Opposition hatte sich zunächst gegen das Gesetzesvorhaben gewehrt'."

Die Geburtstagsausgabe der Wochenzeitung geht am Mittwoch online. Zu finden ist dort unter anderem ein Gespräch zwischen dem 26-jährigen Redakteur Minh Schredle und dem 70-jährigen Kontext-Mitgründer Josef-Otto Freudenreich. Schredle fragt:

"Die Klimakatastrophe eskaliert ungebremst, die Rechten feiern weltweit ein Comeback, Menschen ertrinken vor der Festung Europa, andere hungern, obwohl sie nicht müssten. Viele Krisenherde, kaum Aussicht auf Besserung – trotz aller Mühen, über diese Missstände aufzuklären. Hast Du einen Tipp für Frustrationstoleranz?"

Freudenreichs im guten Sinne originelle Antwort lautet: Brennende Gelassenheit. Und die kann man ja auch gebrauchen im Umgang mit der Realitätsverweigerung von Politikern beim Thema Pandemie und mit der Ignoranz öffentlich-rechtlicher Sender in Sachen Blackfacing.

Mit Blick auf die ökonomische Gesamtsituation der Medienbranche sagt Freudenreich dann noch, es müsse "dringend an anderen Modellen gearbeitet werden. Sei es an Stiftungen, an öffentlich-rechtlichen Lösungen oder eben an gemeinnützigen Projekten wie Kontext, die nicht profitgetrieben sind". 

Zum Tod des Filmkritikers Hans Schifferle

Was den unter anderem durch seine Texte für die SZ bekannt gewordenen Filmkritiker Hans Schifferle, der vor einer Woche im Alter von 63 Jahren verstorben ist, von anderen Personen dieser Zunft bzw. von den meisten Journalisten insgesamt unterschied, haben in den vergangenen Tagen verschiedene Weggefährten beschrieben. Tobias Kniebe und Doris Kuhn erwähnen in der SZ:

"Bis zuletzt schrieb er mit Stift und Zettel und tippte das Ergebnis in die Schreibmaschine. Den Schritt, sein Gedächtnis einem Computer zu überantworten, ist er nie gegangen."

Daniel Kothenschulte (Frankfurter Rundschau) stellt unter anderem heraus, dass Schifferle

"seine besten Texte über das Verkannte im vermeintlich Bekannten (schrieb): Über Hollywoods Genrefilme und B-Pictures, deren fast vergessenen Nebendarstellerinnen und -darsteller er mit punktgenauen Charakterisierungen lebendig hielt (…) Grundlagenforschung leistete er im filmhistorisch kaum erschlossenen Terrain der kurzlebigen Porno-Avantgarde der 60er und 70er."

Was Kothenschulte ebenfalls bemerkt:

"Vielleicht war Hans Schifferle der einzige bekannte Filmkritiker, der nie im Leben mit gewetztem Messer einen Verriss geschrieben hat."

Was man wiederum vielleicht etwas besser versteht, wenn man hört, was Ulrich Mannes, Herausgeber der halbjährlich erscheinenden Filmzeitschrift SigiGötz-Entertainment, für die Schifferle bis zuletzt arbeitete, im Gespräch mit "Fazit" (Deutschlandfunk Kultur) sagt: Er habe "auch schlechten Filmen etwas abgewinnen" wollen. Zuletzt habe Schifferle sich sämtliche 430 Folgen der Western-Serie "Bonanza" angeschaut und dann die Biographien von zwei deutschen Nebendarstellerinnen recherchiert. Vorher sei niemand auf sie aufmerksam geworden.

Altpapierkorb (#NichtSelbstverständlich, das unvollständige Bild des Bundeswehr-Einsatzes in Afghanistan, Journalisten-Bespitzelung in Italien, eine "Todesanzeige" für eine RBB-Sendung, die "Erfolgsmessmethoden" der Medien)

+++ Unter anderem über die formal radikale und mancherorts "historisch" genannte siebenstündige Pro-Sieben-Reportage "Pflege ist #NichtSelbstverständlich" hat die SZ am Wochenende mit einem der dort zu Wort kommenden Pfleger gesprochen: dem möglicherweise auch aufgrund anderer Medienauftritte bekannten Alexander Jorde. Der nimmt das Gespräch auch zum Anlass für einige medienkritische Bemerkungen: "In den Talkshows der letzten Monate spielte die Pflege kaum eine Rolle. Es ist jede Woche das Gleiche - wie hoch sind die Inzidenzzahlen? Was schließt, was macht auf? (…) Und selbst wenn es dann mal um Pflege geht, diskutieren das in der Regel Politiker und vielleicht mal ein Arzt. Fast nie sitzen da Pflegekräfte. Zu oft werden auch leider Sachen durcheinander geworfen. Zum Beispiel, als es auf einmal wie aus dem Nichts hieß: Pflegekräfte wollen sich nicht impfen lassen. Dabei gab es gar keine breit angelegte, repräsentative Umfrage dazu! Da war ich richtig sauer. Wir, die wir bei uns auf der Intensivstation jeden Tag Corona-Patienten betreuen, (…) haben damals jeden Tag gefragt: Wo bleiben unsere Impfungen? Mittlerweile sind bei uns über 90 Prozent der Leute geimpft."

+++ Mit den "Narrativen des Kriegs im Film" beschäftigen sich Markus Metz und Georg Seeßlen im Deutschlandfunk. Weil wir diese, wie so oft nach Feiertagen, recht üppige Kolumne nicht aus den Fugen geraten lassen wollen, sei nur ein Aspekt herausgegriffen: "Was Deutschland anbelangt, ist es schwer, sich ein mediales Bild vom andauernden militärischen Einsatz in Afghanistan zu machen. Die Berichterstattung ist auf ein paar wiederkehrende Bilder reduziert: staubige Wüstenlandschaften, die Versuche, zwischen Soldaten und Soldatinnen und dem afghanischen Volk Freundschaft und Vertrauen zu stiften, und die furchtbaren Folgen von Terroranschlägen."

+++ "Pressefreiheit, Quellenschutz, Berufsgeheimnis - es geht um alles" lautet eine Zwischenüberschrift eines SZ-Artikels, und von Übertreibung kann hier keine Rede sein. Es geht um einen Skandal aus Italien, über den Oliver Meiler berichtet: "Die kleine Zeitung Domani hat herausgefunden, dass die Staatsanwaltschaft von Trapani bei ihren Ermittlungen gegen private Seenotretter im zentralen Mittelmeer monatelang Journalisten ausspionierte, die über Libyen, Migration und NGOs berichteten. Sie legten auch Karteikarten über die Reporter an. Darin waren Kontakte und Reisedaten festgehalten, auch private Dinge waren aufgeführt, obschon die Journalisten nur ihrer Arbeit nachgingen, recherchierten und mit Quellen redeten. Gegen keine und keinen von ihnen wird strafrechtlich ermittelt, es gab also auch keinen gültigen Grund für die Beschattung. Hunderte Seiten kamen so zusammen."

+++ Auf eine von Frauen "aus allen Denk- und Himmelsrichtungen" unterzeichnete und damit auch finanzierte "Todesanzeige" für die frauenpolitische RBB-Kultur-Sendung "Zeitpunkte" geht der Tagesspiegel ein. Besagte Anzeige war ebenfalls dort erschienen. Der Todeszeitpunkt der Sendung ist allerdings schon ein bisschen her, zuletzt lief sie im September 2020.

+++ Die Altpapier-Dachredaktion MEDIEN360G hat ein neues Dossier online gestellt. Das Thema dieses Mal: Quoten, Reichweite und User-Verhaltensanalysen. Beziehungsweise: Wie Medien Resonanz und Erfolg messen. Ich habe als Autor an dem Dossier mitgewirkt.

Neues Altpapier gibt es wieder am Mittwoch.

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