Das Altpapier am 9. April 2021 Ein Skandal, der keiner ist

Die Zeit versucht in ihrer aktuellen Ausgabe, die Debatte um "Lovemobil" auf einen weiteren Dokumentarfilm auszudehnen, und verlässt sich dabei auf einen nicht zwingend vertrauenserweckenden Informanten, der schon bei vielen anderen Institutionen abgeblitzt ist. Ein Altpapier von René Martens.

Teasergrafik Altpapier vom 9. April: Porträt Autor René Martens
Bildrechte: MDR | MEDIEN360G

Der missionarische Eifer eines Informanten

Die Enthüllungslust oder vielleicht auch der sich selbst auferlegte Druck, Enthüllungen produzieren zu müssen und also die Verfehlungen anderer aufzudecken, kann dazu führen, dass man selbst Fehler macht. Das Rauschgefühl, einem Skandal auf der Spur zu sein, kann dazu führen, dass Sensoren nicht mehr funktionieren.

Möglicherweise ist das gerade der Wochenzeitung Die Zeit passiert. Sie hat versucht, von der Debatte um den Film "Lovemobil" (siehe zuletzt dieses Altpapier) aufmerksamkeitsökonomisch mit einem eigenen, quasi-exklusiven Weiterdreher zu profitieren.

In der aktuellen Druckausgabe ist auf einer halben Feuilleton-Seite (und online kostenpflichtig hier) ein Artikel erschienen, in dem der Regisseur Marc Wiese unseriöser Methoden bei der Produktion des Dokumentarfilms "Die Unbeugsamen. Gefährdete Pressefreiheit auf den Philippinen" bezichtigt wird. Die Autorin Katja Nicodemus versucht dabei, einen Bezug zu "Lovemobil" herzustellen.

In "Die Unbeugsamen" geht es um staatliche Auftragsmorde auf den Philippinen und die Arbeit der oppositionellen Online-Plattform The Rappler sowie die (juristischen) Angriffe, mit denen sich vor allem Gründerin Maria Ressa konfrontiert sieht. Der Rappler und Ressa kamen schon in diversen Altpapier-Kolumnen vor, etwa in dieser und dieser. Der Informant der Zeit ist der TV- und Textjournalist Carsten Stormer, der auf den Philippinen lebt.

An dieser Stelle ist erst einmal eine multiple Offenlegung fällig: "Die Unbeugsamen" ist für den Grimme-Preis nominiert, ich war Mitglied der zuständigen Nominierungskommission. Im Juni 2020, nach der Ausstrahlung bei Arte, habe ich den Film rezensiert. Und ich schreibe gelegentlich für Zeit Online - etwa über "Lovemobil", also jenen Film, zu dem der Zeit-Text über "Die Unbeugsamen" einen Bezug zu konstruieren versucht. Ich habe vorm Schreiben dieser Altpapier-Kolumne mit Wiese gesprochen. Er wird im Zeit-Text nur an einer Stelle beiläufig zitiert.

Zum vollständigen Bild gehört vielleicht auch noch, dass der Zeit-Informant, Carsten Stormer, in den 2010er Jahren mehrere Texte für Die Zeit und Zeit Online verfasst hat.

Stormer war bei "Die Unbeugsamen" zunächst als Regieassistent im Einsatz, von ihm gedrehtes Material findet im fertigen Film auch Verwendung. Dass Wiese und er im Unguten auseinander gegangen sind, verschweigt der Zeit-Text nicht. Vorher hatten sie bei dem Film "War Diary" (Nominierung für den Deutschen Fernsehpreis 2019) einigermaßen einvernehmlich zusammengearbeitet. Wiese sagt, Stormer habe von dem Zeitpunkt an, als er an dem Projekt "Die Unbeugsamen" nicht mehr beteiligt war, den Film und ihn, Wiese, zu torpedieren versucht. Die Angriffe hätten bereits begonnen, während der Film noch in Arbeit war.

Seit rund zwei Jahren ist Stormer mit durchaus missionarisch zu nennendem Eifer und unter beachtlichem Energieaufwand in dieser Angelegenheit unterwegs, bombardiert Sender, Produzenten, Festivals und NGOs mit vermeintlich skandalträchtigen Dokumenten. Ohne nennenswerten Erfolg. Zuletzt soll Stormer im März versucht haben, den Spiegel aufs Gleis zu setzen. Wieder vergeblich. Im Windschatten der "Lovemobil"-Debatte hatte er nun bei der Zeit Erfolg. 

Im Zentrum des Textes aus der aktuellen Zeit-Ausgabe steht eine Passage, in der vorgeblich ein im Film verwendetes Interview erläutert wird, an dem ein lokaler Producer beteiligt war, den die Autorin im späteren Teil des Textes dann als eine Art Kronzeugen präsentiert. Nicodemus schreibt:

"'Die Unbeugsamen' lief in der internationalen Fassung auch auf dem Nachrichten- und Doku-Portal Vice. Im Anschluss an den Film wurde Marc Wiese interviewt. Sichtlich beeindruckt von der Szene mit dem Killer, fragt der Moderator, wie der Regisseur an den Interviewpartner gekommen sei und wie die Sicherheitsanforderungen gewesen seien. Wiese erwähnt einen lokalen Producer, der ihn in Kontakt mit dem Auftragsmörder gebracht habe. Vor dem Interview habe der Mitarbeiter zu ihm gesagt: 'Um deine Informationen zu bekommen, musst du ihn mit Worten angreifen, aber nicht zu sehr. Wenn du ihn zu sehr angreifst, wird er dich mit seiner Waffe angreifen.' Dann sagt Wiese: 'Und ich dachte, ein falscher Satz, und der Typ tötet mich.'"

Woran die Autorin den folgenden Satz anschließt:

"Die Wahrheit ist: Marc Wiese hat dieses Interview nicht geführt, er war nicht einmal anwesend."

Noch etwas prägnanter ist es in einem Tweet von Zeit Online zu dem Text formuliert:

"Marc Wiese sagt in einem Interview über einen Auftragskiller: 'Ich dachte, ein falscher Satz, und der Typ tötet mich.' Dabei ist Wiese ihm nie begegnet."

Doch, ist er. Denn in dem Interview, das die Zeit-Autorin zitiert, redet Wiese gar nicht über einen Auftragskiller von den Philippinen, es geht also gar nicht um 'Die Unbeugsamen'. Vielmehr bezieht sich Wiese an dieser Stelle auf einen Kommandanten der Lord Resistance Army in Uganda, mit dem er für den Film "Slaves" (Arte, 2018) gesprochen hat. Der Eindruck, dass Wiese hier über ein Interview mit einem philippinischen Auftragskiller redet, entsteht aufgrund eines Schnittfehlers. Nachdem die Produktionsfirma von Wieses Film Vice auf diesen Fehler hingewiesen hatte, nahm die Plattform den Beitrag aus dem Netz. Das geschah nach Informationen einer Vice-Mitarbeiterin im Februar 2021, der Beitrag war damit nur wenige Tage online.

Dass das Interview bei Vice nicht mehr zugänglich ist, hätte die Zeit-Autorin eigentlich irritieren können, zumal angesichts der zentralen Rolle, die dieses Interview in ihrem Artikel spielt. Dass Wiese in dem Gespräch als Producer eine "she" erwähnt (es ist diese Kollegin), der für den Zeit-Text zum Kronzeugen auserkorene Producer aber männlich, hätte ebenfalls auffallen können.

Wenn man das weiß, fällt der Zeit-Artikel komplett auseinander. Denn im Folgenden kommt nun der philippinische Producer Frederick Alvarez zu Wort und behauptet, dass er das, was die ugandische Producerin von "Slaves" gesagt hat, nicht gesagt hat. Tatsächlich hat auch niemand behauptet, er, Alvarez, habe das gegenüber Wiese gesagt. Dass das Interview Stormer und Alvarez geführt haben, ist unstrittig.

Nun hat Wiese nicht nur nicht behauptet, dass er das Interview mit dem philippinischen Auftragskiller geführt hat, er hat - weil Stormer hinter den Kulissen halt schon recht lange ackert - sogar in einer bei einem Gericht hinterlegten Eidesstattlichen Versicherung betont, dass er bei dem Interview nicht anwesend war.

Ein weiterer Argumentationsstrang im Zeit-Artikel betrifft Szenen, die gar nicht im Film vorkommen. Sie hätten, wenn sie vorgekommen wären, einen Interviewpartner gefährden können, heißt es. Ironischerweise hat Zeit-Informant Stormer für Chrismon einen Text geschrieben, das mit einem unverpixelten Foto des Mannes illustriert ist.

Im Text wird dann auch noch referiert, dass Producer Alvarez sagt, das von ihm mit geführte Interview sei teilweise "falsch übersetzt". 2020 hatte schon Stormer das behauptet - und mit einer Klage gedroht, falls die Passage nicht aus dem Film entfernt wurde. Ein Anwalt des Produzenten prüfte daher die von Stormer kritisierte Übersetzung - ohne die von Letzteren behaupteten Sinnentstellungen feststellen zu können. Daraufhin, so Wiese, habe Stormer seine Klageandrohung zurückgezogen.

Was Wiese des weiteren sagt:

  • Man habe die eigene Übersetzung des Films unabhängig gegenchecken lassen. Hinzu komme, dass Arte France, wie in anderen Fällen auch, die Originalfassung haben wollte, um für die französische Version eine eigene Übersetzung anzufertigen. Diese sei dann noch mal mit der deutschen Fassung abgeglichen worden, ohne dass dabei letzterer "Fehler" festgestellt worden seien.

  • Nicht zuletzt seien die Leute vom Rappler im Rahmen eines Faktenchecks den Film Bild für Bild durchgegangen und hätten ihn auf inhaltliche Richtigkeit und Übersetzungsfehler geprüft. Erst dann habe man den Film veröffentlicht.

Wiese kritisiert nicht zuletzt, dass Die Zeit ihm am Ostermontag, also einem Feiertag, eine knappe Anfrage geschickt habe - mit einer Fristsetzung von 24 Stunden. Anfragen an Feiertagen oder Wochenenden zu verschicken und dann nur kurze Fristen zu setzen, hat im Journalismus oft eher Alibicharakter. Heißt: Man stellt die Anfrage pro forma, spekuliert dann aber darauf, dass der Angeschriebene nicht rechtzeitig reagiert.

"Das Krasseste", wie unser Freund Rezo es wahrscheinlich formulieren würde, ist aber nun, dass Wiese nach eigenen Angaben in seinem trotz Fristdruck noch rechtzeitig übermittelten Statement an die Zeit auf den zentralen Fehler, also den Vice/Uganda/Schnittfehler-Komplex, hingewiesen hat, dies im Text aber nicht berücksichtigt wurde. Wiese hat nun einen bekannten Medienrechtler aus Berlin-Kreuzberg in Marsch gesetzt, der bereits ein Unterlassungsbegehren verfasst hat.

Altpapierkorb (Medienvertrauen, Krautreporter, Jasmina Kuhnke, Sebastian Pufpaff)

+++ Laut einer am Donnerstag veröffentlichten Erhebung im Rahmen einer Langzeitstudie zum Thema "Medienvertrauen", die die Uni Mainz und die Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf durchführen, ist "in der Corona-Krise (…) das Vertrauen der deutschen Bevölkerung in die Medien gestiegen". KNA und Tagesspiegel liefern eine Zusammenfassung.

+++ Dass die Krautreporter mit juristischen Mitteln gegen die vom Bundeswirtschaftsministerium ausbaldowerte Presseförderung zu Felde ziehen, weil diese reine Digitalpublisher in wettbewerbsverzerrendem Ausmaß benachteilige (siehe Altpapier von Donnerstag) - darüber berichtet nun die taz. Außerdem dazu: ein Interview von Brigitte Baetz (@mediasres) mit Krautreporter-Mitgründer Sebastian Esser.

+++ Dass sich die unter anderen für unseren MDR tätige Comedy-Autorin Jasmina Kuhnke alias Quattromilf alias @ebonyplusirony aufgrund von Bedrohungen von Rechsterroristen gezwungen sah, mit ihrer Familie kurzfristig umzuziehen, ist Thema beim Spiegel (€) und bei "Monitor". Dort bringt Lara Staatsmann auch den wichtigen Hinweis unter, dass sich an der Hetzkampagne auch "bürgerlich-konservative Journalist*innen beteiligen".

+++ "Man kann zurzeit (…) feststellen, dass Satire den Stellenwert von Information eingenommen hat, und das halte ich für fatal, wenn tatsächlich Formate wie das 'Magazin Royale' von Jan Böhmermann, Oliver Welkes 'heute-show' und auch 'Noch nicht Schicht' so konsumiert werden, als wäre das die Alternative zu echter Recherche und Informationsbeschaffung. Das geht nämlich nicht (…) Ich halte übrigens den 'Weltspiegel' für das beste Nachrichtenformat, weil darin eine Thematik über acht, neun Minuten beleuchtet wird. Bei der 'heute-show' ist keine Nachricht länger als eine Minute dreißig. Und der Informationsgehalt in diesen eins-dreißig ist eher gering." Das sagt - im Interview mit der Jüdischen Allgemeinen - der 3sat-Kabarettist Sebastian Pufpaff, der selbst die von ihm hier erwähnte und für den Grimme-Preis nominierte Sendung "Noch nicht Schicht" präsentiert. Nice natürlich, dass er den "Weltspiegel" hervorhebt. Was die Länge der Beiträge im Auslandsmagazin angeht, verschätzt sich Pufpaff aber. Dass Themen dort "acht, neun Minuten beleuchtet" werden, ist jedenfalls übertrieben.

Neues Altpapier gibt es wieder am Montag. Schönes Wochenende!

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