Das Altpapier am 14. August 2020 Die Schildbürger der ARD

Deutsche Journalisten tun sich teilweise ein bisschen schwer damit, die Plagiatorin Cornelia Koppetsch zu kritisieren, weil sie sich in dem Zusammenhang auch selbst kritisieren müssten. Die Öffentlich-Rechtlichen nennen für die Abwicklung ihres Forschung- und Technik-Instituts Spargründe, obwohl sie es aus der Kaffeekasse finanzieren könnten. Ein Altpapier von René Martens.

Teasergrafik Altpapier vom 14. August 2020: Porträt Autor René Martens
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Empathie für eine Hochstaplerin

Wenn eine Untersuchungskommission der TU Darmstadt 111 Textstellen aus vier Aufsätzen und zwei Büchern der Soziologin Cornelia Koppetsch "als Plagiate bzw. Verstöße" einstuft - ist das denn ein Thema für eine Medienkolumne? Ja. Ein Grund: Dank eines der untersuchten Bücher, "Die Gesellschaft des Zorns", ist Koppetsch zu einem Star im deutschen Feuilleton geworden (das war zumindest am Rande bereits Thema in diesem Altpapier). Einen anderen Grund nennt Dirk Peitz bei Zeit Online:

"Hier geht es um mehr als nur den möglichen Fall einer Wissenschaftlerin, deren Schriften viel gelesen und deren Analysen weithin beachtet wurden. Gerade wegen der gewachsenen Bedeutung der Soziologie für den öffentlichen Diskurs – ob der sich um Pandemiefolgen dreht oder vermeintliche gesellschaftliche Spaltungen – wird das nun beginnende Disziplinarverfahren gegen Cornelia Koppetsch eine Signalwirkung besitzen: Fast notwendigerweise wird es auch Aufschlüsse über die Qualität der soziologischen Forschung in Deutschland geben."

Ähnlich äußerte sich Felix Stephan am Donnerstag im SZ-Feuilleton:

"Zuletzt haben der Spiegel-Journalist Claas Relotius und der Wirecard-Gründer Markus Braun gezeigt, dass Hochstapler nur in einem Umfeld reüssieren können, dessen Kontrollsysteme versagen. Dass die Darmstädter Kommission die wissenschaftlichen Standards jetzt so entschieden verteidigt, könnte deshalb auch damit zu tun haben, dass diese ohnehin unter Druck sind. Es geht in diesem Fall nicht nur um Cornelia Koppetsch, sondern im Zweifel um alles."

Über die Hochstaplerin sind aber auch Einschätzungen zu finden, die man über andere Hochstaplerinnen und Hochstapler eher selten liest:

"Man hat gern mit ihr geredet, ihr noch lieber zugehört – und ihr geglaubt. Und muss sich nun selbst infrage stellen – zumindest in Teilen",

schreibt Simone Schmollack in der taz. Das (Zwischen-)Ergebnis der Selbstinfragestellung wirkt freilich milde:

"Sie hat die Wissenschaftswelt genarrt und gefoppt. Aber deswegen muss nicht ihr gesamtes Forschungswerk falsch sein, deswegen muss ihr nicht ihr gesamtes Wissen abgesprochen werden."

Angesichts dessen, dass die FAZ (€) schreibt, "noch nie" habe man "in Deutschland eine solch deutliche Distanzierung einer Hochschulkommission von den Forschungsmethoden einer aktiven Geisteswissenschaftlerin lesen" können, müsste man dann aber doch vor allem fragen: Spricht die halunkische Form dafür, noch Teile des Inhalts zu verteidigen?

Ähnlich wie bei Schmollack klingt es bei Gustav Seibt, der in einem Kommentar fürs heutige SZ-Feuilleton einen anderen Tonfall anschlägt als gestern Kollege Stephan:

"Wer wie Koppetsch eine großräumige Landkarte entwirft, muss zwangsläufig Entdeckungen anderer aufgreifen."

Der Tenor bei Schmollack und Seibt: Unsere Cornelia kann doch nicht alles falsch gemacht haben! Sonst hätten wir selber ja auch alles falsch gemacht.

"Warum war #Koppetsch denn beim Feuilleton so beliebt?",

fragt der freie Journalist Tobias Prüwer aus naheliegendem Anlass. Sagen wir es mal so: Dem Feuilleton - und auch anderen Ressorts -hat genau das gefallen, was der Soziologe Floris Biskamp in einer mehrteiligen Auseinandersetzung mit der nun teilweise geächteten Koppetsch kritisiert hat. Er hat im vergangenen Jahr hingewiesen "auf die allzu polemische Schelte gegen Kosmopolit_innen, auf die allzu dünne Datenbasis, mit der Koppetsch allzu steile Thesen vertritt, auf die weitestgehende Ausblendung der faschistischen Vergangenheit, auf den paradoxen methodischen Nationalismus".

Und im März dieses Jahres schrieb Biskamp:

"Egal, wie genau man liest, es bleibt unklar, in welchen Momenten Koppetsch als Ethnographin das Weltbild der Rechten rekonstruiert und in welchen sie als Sozialstrukturanalytikerin Gesellschaft beschreibt. Das führt dazu, dass sie rechte Ideologie erst empathisch nachfühlt und dann soziologisch verdoppelt, statt sie wie behauptet zu ‚prüfen'. Im Ergebnis erscheint die Weltsicht der Rechten damit auch als rational rechtfertigbare Perspektive, die sich im weitgehenden Einklang mit soziologischer Forschung befindet."

Nick Cave ist leider ein Depp

Die Zeit hat in ihrer aktuellen Druckausgabe - sofern ich das überblicke - drei Texte zu Cancel Culture und Lisa Eckhart. Um das Phänomen CC im eher allgemeinen Sinne kümmern wir hier uns mindestens seit Juli, um Cancel Culture und Eckhart ging es in dieser Woche in jedem Altpapier, unter anderem diesem. Man sehe mir daher nach, dass mich bei diesem Themenkomplex eine Müdigkeit befällt, die die Ausübung meiner Chronistenpflicht beeinträchtigt. Ich konzentriere mich daher auf einen Beitrag Alexander Cammanns. Er schreibt:

"Die Panik vor Social-Media-Attacken, die hemmungslos eskalieren, steckt allen Institutionen neuerdings in den Knochen, Kuratoren, Lektoren, Autoren und Pressestellen starren auf die nächste Retweet-Rudelbildung. Wenn dann Institutionen nicht stark genug sind, sind die Klimaerhitzer daran mitschuldig."

In der Formulierung "die Panik vor Social-Media-Attacken" soll wohl die dramatische Assoziation "Panikattacke" mitschwingen. Zur "Retweet-Rudelbildung"hat Ex-Titanic-Chefredakteur Tim Wolff schon alles Nötige gesagt. Und Patrick Bahners schlägt das Wochenblatt gewissermaßen mit dessen eigenen Waffen, nämlich mit einer Anspielung auf ein sehr berühmtes Zitat eines noch berühmteren Ex-Herausgebers:

"Der Literaturbetrieb starrt auf etwas, das es noch gar nicht gibt? Helmut Schmidt kann's nicht mehr canceln: Wer Visionen hat, sollte @DIEZEIT lesen!"

Samira El Ouassil (Übermedien) stellt fest:

"Am Beispiel Eckhart können wir übrigens wahrnehmen, dass ihr, nunja, Deplatforming im Rahmen der Aufmerksamkeitsökonomie für gegenteilige Effekte gesorgt hat. Dafür, dass sie beinahe fast irgendwie also vielleicht von einem nicht-existenten Mob gecancelt wurde, wird sie mit überwältigender öffentlicher Präsenz kompensiert."

Dass große Künstler große Deppen sein können, ist keine überraschende Erkenntnis. Der Musiker Nick Cave reiht sich nun ein in diese Gruppe. Der Guardian zitiert aus dem aktuellen Newsletter Caves:

"Political correctness has an 'asphyxiating effect on the creative soul of a society', according to Nick Cave, who has criticised 'cancel culture' in his latest newsletter where he calls it 'bad religion run amuck'."

Auch bei Cave kommt - siehe "Panikattacke" oben - der Körper ins Spiel, wenn er von einem "asphyxiating", also "erstickenden" Effekt spricht. Ergänzen müsste man aber: Natürlich ist Cave ideologisch eigentlich nicht dort zu verorten, wo jene deutschen Politiker, Journalisten und Twitter-Publizisten zu verorten sind, die das, was er sagt, schon seit einer gefühlten Ewigkeit sagen.

Ein "lachhaftes" Sparargument

Dass die öffentlich-rechtlichen Sender die Abwicklung ihres Instituts für Rundfunktechnik (IRT) in München (Altpapier, Altpapier) mit finanziellen Argumenten begründen, hält Diemut Roether (epd-medien-Tagebuch, derzeit nicht online) für wenig schlüssig:

"Das IRT hat einen bescheidenen Etat: Die 14 Gesellschafter trugen im vergangenen Jahr insgesamt 11,6 Millionen Euro zu den Gesamterträgen des Instituts bei, weitere fünf Millionen Euro erwirtschaftete das IRT selbst. In den Verhandlungen der vergangenen Wochen ging es um die 2,5 Millionen Euro, die bisher das ZDF trug."

Der Sender war im Dezember ausgestiegen. Dessen Anteil hätte

"von anderen Gesellschaftern übernommen werden müssen. 2,5 Millionen Euro, das sind bei 5,7 Milliarden, die die ARD aus Rundfunkbei-trägen erhält, knapp 0,5 Promille. Hier mit dem Sparargument zu kommen, wie einige Sender es tun, ist nicht nur lachhaft, es ist geradezu fahrlässig."

Wenn die Öffentlich-Rechtlichen die Absetzung einer Sendung, den Umbau einer Hörfunkwelle oder Ähnliches damit begründen, dass sie sparen müssen, tun sie das, weil sie über die inhaltlichen bzw. programmpolitischen Gründe für die Entscheidung möglichst wenig sprechen wollen. Dennoch ist es offensichtlich, dass ein Sender Redaktionen relativ gering schätzt, wenn er sie auflöst oder ihnen so viel Geld streicht, dass sie ihr bisheriges Angebot kaum noch aufrecht erhalten können. Die inhaltlichen Gründe für die Entscheidung, das IRT abzuwickeln, sind allerdings weniger offensichtlich, jedenfalls für mich. Roether schreibt weiter:

"Wenn ARD und ZDF all die Expertise, die sie bisher vom IRT erhielten, künftig extern einkaufen müssen, könnte sie das sehr viel teurer zu stehen kommen. Ganz abgesehen von den Abhängigkeiten, in die man sich mit externen Dienstleistern begibt."

Diesen Aspekt beleuchtet auch ein vor rund einer Woche bei der Fernseh- und Kinotechnischen Gesellschaft (FKTG) erschienener Kommentar. Bei der FKTG handelt es sich um einen Verein, der sich als Forum für jene versteht, die in der Branche in den Bereichen Forschung und Technik tätig sind. Jürgen Burghardt, der Geschäftsführer des Verein, schreibt:

"Glauben die Entscheider unserer öffentlich-rechtlichen Anstalten, die zum kostenbewussten Handeln verpflichtet sind, wirklich, dass externe Technologiedienstleiter mit mindestens gleicher Qualifikation wie die des IRT preiswerter zu haben sind?"

Und, etwas schärfer gefragt:

Wäre (…) nicht sogar eine Verletzung des Unabhängigkeitsgebotes gegeben, wenn (…) sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk durch die Schließung des IRT in eine Abhängigkeit von externen und ausschließlich wirtschaftlich agierenden Technologie-Unternehmen (begibt)?

Roethers Fazit jedenfalls lautet:

"Das Aus für das Institut ist ein echter Schildbürgerstreich."


Altpapierkorb ("Regenbogenniveau" bei funk, exzessive Gewalt gegen Journalisten in Belarus, Angriffe auf die Pressefreiheit auf den Philippinen, mehr Spielraum fürs ZDF bei Online-only-Produktionen, die "unendliche Geschichte" des Ausfallfonds für Produzenten, eine bald zu Ende gehende Sport-TV-Ära)

+++ Die "Hessenschau" des HR geht in einem Bericht vom Lübcke-Prozess darauf ein, dass am gestrigen Verhandlungstag auch der Beitrag des NDR/funk-Formats "Strg_F" Thema war, der Aufnahmen von polizeilichen Vernehmungen des Täters verwendet (Altpapier, Altpapier): "Richter Thomas Sagebiel lässt es sich nicht nehmen, seine persönliche Meinung zum Vorgehen der Redaktion kundzutun: ‚Das war die Befriedigung öffentlichen Voyeurismus auf Regenbogenniveau.‘"

+++ Der russische Journalist Nikita Telishenko, der zur Berichterstattung nach Belarus geschickt worden war, war in Minsker Polizeihaft "sadistischen Gewaltexzessen" ausgesetzt. Seinen Bericht darüber hat dekoder.org übersetzt.

+++ Nicola Glass beschreibt in einem derzeit nicht frei online zugänglichen epd-medien-Artikel die Angriffe des philippinischen Präsidenten Rodrigo Duterte auf die Pressefreiheit - insbesondere auf Maria Ressa, die zur Ikone gewordenen Herausgeberin der Nachrichtenplattform Rappler (Altpapier, Altpapier). "Auch für seine verbalen Ausfälle ist der Präsident berüchtigt. Er beschimpfte Ressa als ‚Betrügerin'. Indes ist die internationale Unterstützung für die couragierte Journalistin immens: Unter dem Hashtag "#HoldTheLine" haben Dutzende Bürgerrechtsorganisationen, Journa- listenvereinigungen und Schriftsteller-Verbände eine Kampagne für Maria Ressa sowie unabhängige Medien auf den Philippinen ins Leben gerufen. Rappler ist nicht das einzige Medium, das der staatlichen Willkür ausgesetzt ist. Ein Ausschuss des philippinischen Parlaments entschied am 10. Juli, dem landesweit größten TV-und Radionetzwerk ABS-CBN mit mehr als 11.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern keine neue Lizenz für weitere 25 Jahre auszustellen (…)", schreibt Glass. Eine kürzere Fassung ihres Artikels ist im ND erschienen.

+++ Das ZDF hat künftig mehr Spielraum, was Online-only-Produktionen angeht und kann zudem "Fernsehsendungen länger in seiner Mediathek zum Abruf bereitstellen und stärker Drittplattformen wie YouTube nutzen". Das berichtet die Medienkorrespondenz. Der Grund für die Entwicklung: Der ZDF-Fernsehrat hat ein entsprechendes Konzept des Senders einstimmig gebilligt.

+++ "Die Einrichtung eines Ausfallfonds für Kino- und Fernsehproduktionen scheint eine unendliche Geschichte zu werden", schreibt Helmut Harting in der FAZ (€) - wo er bereits am 24. Juli die mangelnde Einigkeit der (potenziellen) Fonds-Geldgeber kritisiert hatte (siehe Altpapier). Zum Thema gibt es auf der heutigen FAZ-Medienseite nicht nur den Harting-Text. Auch Michael Hanfeld ist im Einsatz: "Wenn die Länder, vor allem aber die Sender, und dort in erster Linie die Öffentlich-Rechtlichen, den Ausfallfonds nicht hinbekommen, stellen sie sich das größte denkbare Armutszeugnis aus", kommentiert er (€).

+++ "Wenn von der Saison 2021 an erstmals seit 30 Jahren die Formel 1 fährt, ohne von RTL übertragen zu werden, endet eine Ära des Sportfernsehens", schreibt Anna Dreher heute auf der SZ-Medienseite. Sie nimmt das zum Anlass, auf die frühen Jahre dieser ‚Ära" zurückzublicken. Um Grid Girls geht es dabei unter anderem. Und den früheren RTL-Chefredakteur Hans Mahr zitiert Dreher folgendermaßen: "In der Hochzeit hatten wir bis zu zehn Helikopter, die zwischen Köln und dem Nürburgring die Promis eingeflogen haben. Und mal eine neunstündige Sendung von Monaco aus mit einem Freiluftstudio. Die Formel 1 war der Durchbruch für RTL, sie ist Teil der Sender-DNA."

Neues Altpapier gibt es wieder am Montag. Schönes Wochenende!

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