Das Altpapier am 9. Juni 2021 Germany’s next Sarrazin

"Die Kandidatin", der sogenannte Roman des "Tagesschau"-Sprechers Constantin Schreiber, ist womöglich nicht nur ein schlechtes Buch, sondern auch ein Problem für die Redaktion von "ARD-aktuell" (die gerade auch noch andere Probleme hat). Außerdem: Gibt es bei Journalisten wirklich eine "Haltungsschlagseite" zugunsten der Grünen? Ein Altpapier von René Martens.

Teasergrafik Altpapier vom 9. Juni 2021: Porträt Autor René Martens
Bildrechte: MDR | MEDIEN360G

Noch ein Vereinsfarbenwechsel

Auf den Medienseiten der beiden großen überregionalen Tageszeitungen ist heute eine Art Fußballstimmung zu spüren, was aber weniger mit der am Freitag beginnenden EM zu tun hat. "Transfermarkt", "Ausbildungsverein", "aktuelle Transfers", "Blamage" - diese Begriffe finden sich in Artikeln von Michael Hanfeld (FAZ) und Claudia Tieschky und Carolin Gasteiger (SZ).

Anlass der Beiträge ist, "dass Pinar Atalay zum 1. August die Vereinsfarben wechselt" (noch mal Fußballjargonfan Hanfeld), nämlich zu RTL geht - was man ja im Zusammenhang sehen muss mit anderen Wechseln von "ARD aktuell"-Leuten zu Privatsendern (Stichworte: Hofer zu RTL, Zervakis zu Pro Sieben, siehe Altpapier).

"Drei Abgänge in wenigen Monaten – es ist schon ein vergleichsweise spektakulärer Exodus, den das Team von 'ARD-aktuell' verkraften muss",

meint Imre Grimm (RND). Er sieht die Strategie der Privaten als Teil einer Entwicklung. Diese setzten jetzt auf "gesellschaftliche Verantwortung" - das sei unter anderem ein "Rezept gegen die Masse an Serien und Filmen, die Netflix, Prime Video und Disney+ mit dem Schrotgewehr in alle Welt schießen".

Sind die Wechsel eine Frage des Geldes? Auch, aber nicht nur, meint Christian Buß (Spiegel):

"Man darf davon ausgehen, dass die werbefinanzierte Medienkonzerne RTL und ProSiebenSat.1 mit sehr viel höheren Gagen winken können als die ARD oder das ZDF, die durch die Überprüfung durch die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten eine gewisse Deckelung bei den Gehältern haben. Ein weiterer Grund für das Ausbluten gerade der ARD in Sachen junger bekannter Journalistinnen und Journalisten dürften aber auch die rasanten beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten bei der privaten Konkurrenz sein."

Das Pamphlet eines "Tagesschau"-Sprechers

Unter anderen Vorzeichen geht es heute auch im Aufmacher des SZ-Feuilletons von Stefan Weidner um "ARD-aktuell". Thema: "Die Kandidatin", der erste Roman des "Tagesschau"-Sprechers Constantin Schreiber, der seit Anfang des Jahres auch in der 20-Uhr-Ausgabe der Sendung zu sehen ist. Schon über die Genrebezeichnung lässt sich allerdings streiten. Weidner meint:

"'Die Kandidatin’ einen Roman zu nennen, ist eine real existierende Möglichkeit, jedoch keine überzeugende. Die großen Feuilletons der Republik haben das Anfang Mai erschienene Buch trotz der Prominenz des Autors bis jetzt ignoriert, womöglich aus Takt. Denn hinter der Fiktion verbirgt sich wenig mehr als ein rechtspopulistisches Pamphlet mit altbekannten Feindbildern: dem Islam und den Muslimen, den 'Linken' sowie allen, die mit ethnischer, religiöser oder sexueller Vielfalt kein Problem haben und diese verteidigen möchten."

Wie auch immer:

"Es ist sicher kein gutes Zeichen, dass der Autor so häufig darauf hinweisen muss, dass es sich bei dem Buch um eine 'Fiktion mit satirischer Überspitzung' handelt und er sich von rechts keinen Beifall wünsche, wie er auch der SZ auf Anfrage mitteilt. Zieht man allein den Text zurate, ist das Buch nur so zu verstehen: als reaktionäres Manifest."

Peter Hintz hat Schreibers Buch bereits in der vergangenen Woche für 54books verarztet:

"Der Roman steht (…) auch in der Tradition von Polemiken wie 'Deutschland von Sinnen' von Akif Pirinçci oder 'Deutschland schafft sich ab' von Thilo Sarrazin – wenngleich klar ist, dass sich Schreiber und sein Verlag durch die fiktionale Form, insbesondere ihre satirisch überzeichnende und multiperspektivische Erzählweise, gegen mögliche Kritik absichern können. Man sollte die Bedeutung einer solchen Immunisierungsstrategie aber auch nicht überschätzen: Vor allem nutzt der Text die Möglichkeiten des literarischen Erzählens, um aus dem Ressentiment kurzweilige Unterhaltung zu schöpfen, auch wenn das nicht durch plausible Handlungsbögen, sondern durch eine Aneinanderreihung drastischer Karikaturen passiert. Es ist gerade die aktuelle Phase des scheinbaren Posttrumpismus, die solche Narrative der unterdrückten Mehrheit befeuert und den ehemals journalistischen Büchern Schreibers eine neue Dimension gibt."

Kürzlich hat Schreiber zudem ein Projekt gestartet, auf das Stefan Weidner in seiner SZ-Rezension eingeht:

"Parallel zur umstrittenen österreichischen Seite islam-landkarte.at, auf die rechte, anti-islamische Aktivisten dankbar zurückgreifen, wie die Betreiber inzwischen selbst festgestellt haben, hat Schreiber aber eben auch die Seite moscheepedia.org initiiert und ruft dazu auf, Fotos, Videos und Beschreibungen von Moscheen hochzuladen. Welcher Zweck soll gut genug sein, um derartige Übergriffe auf fremde sakrale Räume zu rechtfertigen? Alle diese Nebentätigkeiten geschehen nicht unabhängig von Schreibers eigentlichen Arbeitgebern, ARD-aktuell und NDR, sondern ebendort im besten Wechselspiel von Tweet und Retweet, von Talkshowauftritten und 'Tagesschau'-Präsenz. Und so ist 'Die Kandidatin' womöglich mehr als nur ein schlechtes Buch."

Da hat Weidner natürlich einen Punkt. Natürlich dürfen prominente Gesichter von "ARD-aktuell" in ihrer Freizeit schlechte Bücher schreiben, aber es nicht unproblematisch, dass Schreibers "reaktionäres Manifest" durch die Seriosität, die man seinen bekannteren Tätigkeiten für die ARD ja zu Recht zuschreibt, quasi geadelt wird. Dass der NDR seine PR-Maschine für die eigenen Leute anschmeißt, in diesem Fall für den "tollen Mann" (Hubertus Meyer-Burckhardt, "NDR Talkshow", über Schreiber), fällt da vielleicht sogar weniger ins Gewicht.

Man muss bei dem Ganzen ja auch berücksichtigen, dass Constantin Schreiber nicht "nur" Sprecher ist, sondern als Moderator des Nachtmagazins auch journalistisch in Erscheinung tritt.

Dass er NDR-intern nicht nur Freunde hat, zeigt diese Besprechung, die bereits im Mai bei der bei der Deutschen Welle angesiedelten Plattform qantara.de erschienen ist. Geschrieben hat sie der freie "Panorama"-Mitarbeiter Stefan Buchen. Ihr fehlt die Souveränität der Rezensionen in der SZ und bei 54books, eine Passage scheint mir dennoch instruktiv zu sein:

"Literaturgeschichtlich knüpft 'Die Kandidatin' an vielgelesene Schundromane der Zwanziger und Dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts an, in denen ebenfalls an die Ängste und den Hass des Publikums appelliert und vor 'der Übernahme unseres Landes' gewarnt wird."

Jan Böhmermann hat in der ihm eigenen Art die Themenkomplexe Zervakis/Atalay und Schreiber gebündelt. Ich versuch’s dann mal auf meine:

Wenn eine Redaktion einerseits einen Mann zum Sprecher der "Tagesschau"-Hauptausgabe befördert, der auf einem seinen anderen Arbeitsfelder ein "reaktionäre Manifest" bzw. "rechtspopulistisches Pamphlet" vorlegt und wenn andererseits diese Redaktion kurz darauf von zwei Frauen verlassen wird, die als Töchter türkischer bzw. griechischer Einwanderer für eine gewisse Diversität in der Präsentation der ARD-Nachrichtensendungen stehen bzw. standen - dann ist das eine sehr ungute Gemengelage, auch wenn die beschriebenen Entwicklungen nicht in einem direkten Zusammenhang stehen müssen.

Zum Aspekt des drohenden Diversitätsverlusts äußern sich auch Claudia Tieschky und Carolin Gasteiger im oben schon erwähnten SZ-Beitrag:

"An diesem Mittwoch kommt die Rundfunkländerkommission zusammen, um wieder einmal über eine Reform des Auftrags der Öffentlich-Rechtlichen zu sprechen. Zu den Dingen, über die Einigkeit herrscht: ARD, ZDF und Deutschlandradio müssen stärker wirklich alle Zuschauer ansprechen. Kann die ARD also auf Kräfte wie Zervakis und Atalay verzichten?"

60 Jahre "Panorama"

Dass ich, bei aller Kritik an einzelnen Sendungen im Detail, die mangelnde medienjournalistische Wertschätzung der öffentlich-rechtlichen Politikmagazine bedauerlich finde, habe ich an dieser Stelle schon mal in einer monothematischen Jahresendkolumne zum Ausdruck gebracht. Ein kalendarischer Anlass bietet nun die Gelegenheit, einige würdigende Worte loszuwerden: "Panorama" wird in diesen Tagen 60 Jahre alt (morgen läuft die Jubiläumssendung). Von mir gab es dazu am Freitag bereits einen Text für die taz, außerdem hat Moderatorin Anja Reschke u.a. der Teleschau und epd medien (bereits in anderen Zusammenhängen hier erwähnt am Montag und Dienstag) Interviews gegeben. Im epd-Gespräch sagt Reschke zur generellen Bedeutung der Politikmagazine:

"Wenn ich mir heute die irrsinnig laute Berichterstattung anschaue, diese vielen Informationen, die auf uns einströmen, dann gibt es nicht viele, die diesen klassischen, kritischen, hinterfragenden Journalismus noch machen. Im Print schon, aber wer fragt im Fernsehen, was bei Cum-Ex passiert ist? Ich wüsste nicht, wer das machen soll, wenn es uns nicht gäbe. Wer fragt nach, was mit den Flüchtlingen in Libyen passiert, die da hängenbleiben? Wer fragt nach, wie das mit der Ausbeutung der Arbeiter bei der Spargelernte ist?"

Aus der jüngeren Vergangenheit fallen mir, was "Panorama" angeht, zwei besonders gute Beispiele aus der Kategorie "Wir machen das, was andere nicht machen" ein. Da wäre einmal "Die Rückkehr der Abgeschobenen" in "Panorama". Thema: Was wurde eigentlich aus "Seehofers 69"? Einige der mit großem finanziellen Aufwand und unter fragwürdigen Rahmenbedingungen Abgeschobenen (ein Ausbildungsplatz war vorhanden oder ein Vertrag schon unterschrieben) sind zurückgekehrt (und zwar mit einem Ausbildungsvisum, auf das man aber nur eine Chance hat, wenn man in Deutschland finanzkräftige Helfer hat).

Das andere Beispiel: "Verbrannte Erde: Wie Syrien seine Bürger verstößt" (Co-Autor: der heute oben im anderen Kontext erwähnte Stefan Buchen). Hier geht es unter anderem um die systematische Enteignung der Häuser und Gewerbeimmobilien der während des Krieg aus Syrien Geflüchteten (die nun nicht zurück können bzw. die Assad nicht haben will).

Keine Haltungsschlagsseite

Stefan Sasse beschäftigt sich bei Deliberation Daily mit der viel verbreiteten Erzählung von den mehrheitlich den Grünen zugeneigten Journalisten:

"Gerne wird von einschlägiger Seite (NZZ, Cicero, Döpfner, Fleischhauer, etc.) etwa auf eine Studie zur parteipolitischen Affinität der Journalist*innen hingewiesen, die ein deutliches Übergewicht der Parteipräferenz für die Grünen erkennen lässt. Dass diese Studie dabei, wie die Autor*innen selbst betonen, missverstanden wird, ist da quasi noch das Geringste. Selbst wenn wir die Erkenntnis direkt für bare Münze nehmen, so ist sie erst einmal verhältnismäßig irrelevant. Wichtig ist der Berufsethos: Lassen sie sich davon beeinflussen? Es dürfte ja auch kein Zweifel bestehen, dass etwa Wirtschaftswissenschaftler*innen überdurchschnittlich stark der FDP zuneigen, ohne dass man deswegen sofort deren wissenschaftliche Integrität in Zweifel zöge."

Ich würde dazu noch anmerken, dass Selbstauskünfte von Personen zur eigenen politischen Positionierung grundsätzlich eher wenig taugen.

Sasses Fazit lautet:

"Die Medien kann man für ihre Berichterstattung wahrlich genug kritisieren. Ihre Instinkte, ihre Dynamiken, ihre Herdenverhalten, ihre Vorliebe für simple Narrative und die unbedingte Jagd nach Skandalen, ob echt oder eingebildet, (…) Aber eine Haltungsschlagseite in dem Ausmaß, dass eine Dominanz bestehen würde - dafür braucht es schon einen arg verschobenen Blick."

En passant merkt Sasse noch an, dass "der MDR eher rechts tickt". Wir sind hier ja nun nicht gerade die Jubelperser des MDR (hier ein relativ aktueller Beleg), aber die Vermutung, dass Sasse das MDR-Programm (zum Beispiel diesen "Exakt"-Beitrag) nicht besonders gut kennt, würde ich mal riskieren.


Altpapierkorb (Yvette Gerner, "Lost Women Art", Inka Blumensaat)

+++ Für die medienpolitische Debattenreihe der FAZ (€) schreibt Radio-Bremen-Intendantin Yvette Gerner unter anderem über "die Bedeutung von in der Region gut verankerten Medien": "Auch nach der Corona-Pandemie gilt es, nah an den Themen vor Ort zu bleiben. Es geht darum, relevante Information und Überblick in einer Welt voller Veränderung, Unklarheiten, Komplexität und Ambiguität durch Verankerung in der eigenen Lebenswelt zu garantieren. Der Satz 'all politics is local' bekommt in einer globalisierten Welt neue Bedeutung und formuliert zugleich Chancen und Herausforderungen für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk." Als Beispiel für die beschriebene Art der Berichterstattung nennt Gerner diesen Beitrag des Radio-Bremen-Magazins "buten un binnen".

+++ Ebenfalls in der FAZ (und für 75 Cent bei Blendle): Ursula Scheer empfiehlt Susanne Radelhofs Dokumentation "Lost Women Art: Ein vergessenes Stück Kunstgeschichte" (Arte). "Radelhof will mit ihrer Recherche die Mechanismen offenlegen, die selbst zu Lebzeiten erfolgreiche Künstlerinnen später an den Rand der Wahrnehmung oder ins Vergessen drängten (…) Den Bogen spannt die Dokumentation vom Impressionismus bis zur Medien- und Aktionskunst der Sechzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts."

+++ Fußball war heute ein Stichwort zu Beginn dieser Kolumne, und mit dem Thema steigen wir auch aus. Markus Kavka hat für das MDR-Filmmagazin "Unicato" ein Interview mit der Fußballjournalistin und Dokuautorin Inka Blumensaat geführt. Unter anderem geht es um den "Boom" aufwändiger Dokumentationen über Fußball, deren Erkenntniswert oft eher gering ist.

Neues Altpapier gibt es wieder am Donnerstag.

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