Das Altpapier am 3. November 2021 Brotlose Ausgewogenheit

Warum Joshua Kimmich einen würdigen Nachfolger gefunden hat. Warum eine "ARD extra"-Sendung eine Programmbeschwerde nach sich gezogen hat. Warum wir mal wieder über die Instrumentalisierung von Hanns-Joachim Friedrichs reden müssen. Ein Altpapier von René Martens.

Teasergrafik Altpapier vom 3. November 2021: Porträt Autor René Martens
Bildrechte: MDR | MEDIEN360G

Wer ist denn bloß die dritte Frau auf dem Bild?

Was ist unter medienkritischen Aspekten herausgreifenswert aus der Berichterstattung zur #COP26 (Altpapier von Freitag)? Aktuell bietet es sich in diesem Kontext an, über die ugandische Klimaaktivistin Vanessa Nakate zu reden. In einem Gespräch mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland sagt sie:

"Afrika ist nur für 3 Prozent der weltweiten Emissionen verantwortlich, und doch leiden die Menschen dort bereits unter einigen der schlimmsten Auswirkungen der Klimakrise (…) Ich erwarte von den internationalen Medien, dass sie wahrheitsgetreu über die Klimakrise berichten. Dazu gehört auch, dass sie Aktivisten und Aktivistinnen aus den am stärksten betroffenen Gebieten eine Plattform bieten und ihren Stimmen Raum geben."

Thema des Interviews ist auch ein Agenturfoto von 2020 mit u.a. Greta Thunberg und Luisa Neubauer, aus dem Nakate gewissermaßen herausgeschnitten wurde. Unter anderem darauf bezieht sich ihre für die Überschrift verwendete Formulierung "Der globale Süden wird aus dem Bild gelöscht".

Eine zusätzliche Aktualität bekommt dieser Lösch-Vorfall und damit auch das RND-Interview nun dadurch, dass Nakate nach diesem Interview die Erfahrung gemacht hat, dass man auf gewisse Weise auch aus Bildern gelöscht werden kann, auf denen man zu sehen ist. Einen entsprechenden Thread hat der Account @Lorna_TVeditor gerade verbreitet: Es geht um einige Berichte, Tweets und Teaser zu einem Treffen der schottischen Regierungschefin Nicola Sturgeon mit Nakate und (again) Greta Thunberg bei der #COP26. Auf den Bildern sind zwar alle drei zu sehen. Aber: In den Bildbeschreibungen wird Nakate ignoriert.

Der Joshua Kimmich der Philosophie

Sollte die mediale Aufmerksamkeit für Joshua Kimmichs Äußerungen zum Thema Impfen (Altpapier von Montag) langsam abebben, muss sich das Querdenker-Milieu nicht grämen. Als neues prominentes Maskottchen kann sie nun den Denkerdarsteller Richie D. Precht präsentieren.

Mit dessen Äußerungen in einem Podcast mit Markus Lanz - Precht sagt, er würde Kinder "niemals" gegen Corona impfen lassen, weil sie "ein im Aufbau begriffenes Immunsystem" hätten u.v.m. - rechnet nun Marco Evers in einem Spiegel-Text (€) ab: Precht verbreite "ungefilterten Unsinn, der nicht nur ärgerlich sein kann, sondern sogar gefährlich". Recherchiert habe Precht "ganz offensichtlich nicht in der wissenschaftlichen Literatur, bei namhaften Fachleuten oder anerkannten Zulassungsbehörden wie der US-Arzneimittelbehörde FDA. Precht hat sich, unwürdig für einen kritischen Geist, seine Meinung vermutlich gebildet anhand von Schmalspur-Internetinfos aus dem Milieu der 'Querdenker'."

In einer Hinsicht sei das, was Precht jetzt zum Thema Impfen sagt, aber nicht überraschend, denn:

"Er ist schon früher mit befremdlichen Äußerungen aufgefallen, die darauf hindeuten, dass er das Denken nicht in allen Fällen dem Reden voranstellt."

Als sich Hajo mit Rudis Sache gemein machte

Aus aktuellem Anlass - am morgigen Donnerstag wird der Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis verliehen - schreibt Übermedien mal wieder "die Wahrheit über das Hanns-Joachim-Friedrichs-Zitat" auf (siehe beispielsweise auch dieses und dieses Altpapier)

Dass sich Friedrichs sich sehr wohl mit Sachen "gemein machte" - anders als es jene, die ihn seit Jahren für ihre Sache instrumentalisieren -, belegt Übermedien-Autor Rüdiger Jungbluth u.a. anhand der Lektüre der Autobiografie des früheren "Tagesthemen"-Moderators. Er geht auch auf Friedrichs' Sendung "Wunderbare Welt" ein. Jungbluth schreibt:

"Bei der Bundestagswahl 1994 hatte Friedrichs seine 'Tagesthemen'-Zeit hinter sich. (Er) unterstützte (…) offen die SPD und ganz persönlich deren Kanzlerkandidaten Rudolf Scharping. 'Er ist ein politisches Talent', sagte Friedrichs dem Stern. 'Er ist absolut glaubhaft, kann zuhören, ist höflich und kein Angeber.' Er nutzte seine Fernsehpopularität zur Wahlwerbung. Und 'gemein' machte er sich dabei auch. Als persönlicher Berater wolle er Scharping eine 'heitere Gelassenheit' beibringen, kündigte Friedrichs an, die Aura werde dann mit der Macht von selbst kommen."

Und:

"Anders als ihm heute von Bewunderern und Kritikern unterstellt wird, hatte Friedrichs nichts gegen Meinungsfreude im Journalismus. Er verachtete Journalisten wie den ZDF-Chefredakteur Reinhard Appel und nannte ihn in seinem Buch einen 'Propheten der Ausgewogenheit, der brotlosen Kunst, es allen recht zu machen'."

Ich vermute ja mal: Die Reinhard Appels von heute, die ja nun eher nicht unter Brotlosigkeit zu leiden haben, wissen, dass sie Friedrichs falsch zitieren, aber es juckt sie halt nicht.

Programmbeschwerde wegen der 100. "ARD extra"-Sendung

Im Februar war an dieser Stelle mal von der Initiative "Familien in der Krise" (FidK) die Rede - und der "Penetranz, mit der Journalisten die nicht zwingend wissenschaftsnahen Positionen des Grüppchens verbreiten". Die FídK ist mittlerweile aufgegangen in der vergleichbar dubiosen "Initiative Familien", und auch dieser Verein ist supi vernetzt, jedenfalls tauchte deren Vorstandsfrau Zarah Abendschön-Sawall am Montag als allererste O-Ton-Geberin im allerersten Beitrag der ersten "ARD extra"-Sendung zur "Corona-Lage" seit fast einem Vierteljahr auf.

Das klitzekleine Problem dieses Films besteht nun darin, dass die Frau hier nicht als Funktionärin bzw. Aktivistin vorgestellt wird, sondern als besorgte Mutter. Und weswegen ist Abendschön-Sawall besorgt? Weil sie Angst hat, dass sich ihre Kinder infizieren könnten? Not at all. Michael Oberst (Humboldt-Uni) schreibt bei Twitter über die Sendung:

"Das #ARDExtra zur Corona-Lage ist zurück - und auch die schlechten Praktiken dieser Sendung. Der erste Beitrag präsentiert Familien, die offenbar keine Angst vor einer Infektion, sehr wohl aber vor einschränkenden Maßnahmen haben."

Oberst hat kurz darauf eine Programmbeschwerde verfasst wegen der Irreführung des Publikums in Sachen Abendschön-Sawall. Eine Irreführung, die auch deshalb ins Gewicht fällt, weil "sich der Verdacht erhärtet, dass die Initiative Familien eine Demonstration in Stuttgart mit einer Organisation aus dem Querdenker-Netzwerk organisiert hat" - was wiederum Gunnar Hamann in seinem Blog Ostprog schreibt (worauf sich Oberst bezieht).

In seiner zumindest zumindest teilweise publizierten Programmbeschwerde betont Oberst, dass es an sich zu loben sei, dass Das Erste und vier weitere Programme am Montag ein "ARD extra" gesendet haben, weil das den "Ernst der Lage" verdeutliche. Man kann hier noch ergänzen, dass die ARD dem Thema Corona in den vergangenen Monaten nicht mit der notwendigen Intensität berichtet hat. Im Juni gab es keine Sondersendung um 20.15 Uhr, im Juli und im August jeweils eine - bis an diesem Montag eine Art Jubiläum begangen werden konnte (100. Sendung!).

WDR entscheidet sich gegen El-Hassan

Hugh, Tom Buhrow hat gesprochen! So ließe sich sehr plakativ die aktuelle Entwicklung im "Fall" Nemi El-Hassan zusammenfassen. Der WDR hat nämlich entschieden, nicht mit der 28-jährigen Journalistin zusammenzuarbeiten.

"WDR stellt Nemi El-Hassan nicht als Moderatorin ein" (FAZ) und "WDR beendet Zusammenarbeit mit El-Hassan endgültig" (Tagesspiegel) lauten die divergierenden Überschriften der agenturmateriallastige Berichten dazu.

Anlass der gestrigen WDR-Entscheidung ist ein Gastbeitrag El-Hassans, der am selben Tag in der Berliner Zeitung erschien und in dem es zu der zu dem Zeitpunkt noch gültigen Wir-setzen-die-endgültige-Entscheidung-aus-Strategie der Kölner Granden (Altpapier) hieß:

"Der WDR hat sich – in der Hoffnung, sich selbst aus der Schusslinie zu ziehen – allen Argumenten der Bild-Zeitung angeschlossen und somit auch zukünftigen Kampagnen Tür und Tor geöffnet."

Wobei El-Hassan natürlich auch erwähnt, dass die Kampagne gegen sie ursprünglich von sehr rechten Online-Aktivisten losgetreten wurde (Altpapier). Was El-Hassan aber nicht erwähnt, dass nicht nur AfD und Bild-Zeitung und viele, viele rechte Heinis steil gegangen sind, sondern dass es auch substanzielle Kritik an ihr gab und gibt (siehe etwa Übermedien). Es bleibt also kompliziert.


Weitere Themen in Kürze (Debattenkulturpessimismus, 30 Jahre Apabiz, 85 Jahre Uwe Seeler, Colin-Kaepernick-Serie)

+++ "Debattenkultur" ist ja eigentlich ein ähnlich bekloppter Begriff wie "Unternehmenskultur". Erfreulich daher, dass sich Margarete Stokowski in ihrer Spiegel-Kolumne mit dem vernebelnden Charakter des Begriffs beschäftigt. Außerdem schreibt sie: "Debattenkulturpessimismus ist der Kitt, der Leute aus allen möglichen politischen Lagern zusammenhält: Gemeinsam gegen die Verrohung – ja, es wäre fast eine Bewegung, wenn irgendwer sich mal bewegen würde."

+++ "Seit 30 Jahren sammelt die archivarische Präsenzbibliothek alles, was mit der extremen Rechten nach 1945 zu tun hat (…) An keinem Ort der Welt findet man wohl eine derart große Fülle an Primärquellen zur extremen Rechten im Nachkriegsdeutschland." Mit unter anderem diesen Worten würdigt Gareth Joswig in der taz das Antifaschistische Pressearchiv und Bildungszentrum Berlin (Apabiz), auf dessen Material auch Journalist*innen immer wieder gern zurückgreifen (siehe das zweite Foto in diesem MDR-Beitrag).

+++ "Uwe Seeler – Einer von uns" lautet der Titel eines Films, den das NDR Fernsehen anlässlich Seelers 85. Geburtstag in Auftrag gegeben hat. "Sehenswert" sei die Dokumentation von Reinhold Beckmann (Long time no see! Die letzte Erwähnung im Altpapier ist jedenfalls schon mehr als zwei Jahre her) und Ole Zeisler, "weil sie auch ein rührender Film über das Älterwerden in einem bewegten Leben ist". Das meint die FAZ (Blendle-Link). Über die Schlussszene, heißt es weiter, habe Tim Walter, "der jetzige Trainer des in den vergangenen Jahren sportlich so tief gesunkenen HSV, an dem Seeler noch immer hängt, (…) gesagt, ihm seien fast die Tränen gekommen. Es wäre verwunderlich, wenn er der Einzige wäre, dem es so erging."

+++ Noch was Dokumentarisches über einen Sporthelden, aber in jeder Hinsicht anders: Colin Kaepernick, der Quarterback, der die "Take a knee"-Geste erfunden hat und, verkürzt gesagt, dafür mit einem Berufsverbot bestraft wurde, hat an einer Netflix-Serie in eigener Sache als Autor mitgewirkt. "Colin in Black & White" heißt sie, und Daniel Gerhardt schreibt bei Zeit Online darüber: "Wahrscheinlich muss man mehr als 50 Jahre zurückblicken, bis zur Wehrdienstverweigerung von Muhammad Ali im Vietnamkrieg, um auf einen Fall zu stoßen, bei dem der politische Aktivismus eines US-Sportlers ähnliche Konsequenzen hatte (…) Die sechsteilige Netflix-Serie verbindet dramatisierte Episoden aus der Highschool-Zeit des späteren Footballprofis mit dokumentarischen Einordnungen von Kaepernick selbst. Als Dokudrama ist sie jedoch nur unzureichend beschrieben. Nicht um die genaue Rekonstruktion der eigenen Jugend geht es Kaepernick, sondern um die Beispielhaftigkeit seiner Anfänge in einem ebenso rassistischen wie korrupten US-Sportsystem." Gerhardt spricht von einem "formell einzigartigen Projekt", das aber zahlreiche inhaltliche Schwächen habe. Die Kritiken bei der SZ ("kluges Dokutainment") und beim Spiegel (€) fallen insgesamt positiver aus.

Neues Altpapier gibt es wieder am Donnerstag.

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