Das Altpapier am 15. Dezember 2021 Von Affen und Narren

Strafrechtlich relevante Wortmeldungen auf Telegram bleiben oft deshalb folgenlos, weil zu wenig Polizisten und Strafverfolger "auf Patrouille im Netz" unterwegs sind. Außerdem auf der Agenda: Politikjournalismuskritik, Prognosen für 2022 und die Zukunft des Gedruckten. Ein Altpapier von René Martens.

Teasergrafik Altpapier vom 15. Dezember 2021: Porträt Autor René Martens
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Razzien und Hilflosigkeit

In der vergangenen Woche hat das ZDF-Magazin "Frontal" berichtet, dass eine Telegram-Chat-Gruppennamens "Dresden Offlinevernetzung" plane, den sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer zu ermorden. Es lässt sich durchaus sagen, dass dieser Beitrag des Politikmagazins (zur Entstehungsgeschichte siehe ein Podcast der Sächsischen Zeitung) ein Erfolg war, weil die Generalstaatsanwaltschaft Dresden und das LKA Sachsen kurz nach der Sendung Ermittlungen aufgenommen hat.

Seit diesem Mittwochmorgen ist die, wenn man denn so will: Dimension des Erfolgs noch gewachsen, weil in Dresden Razzien in den Wohnungen der Attentäter in spe stattfanden (siehe etwa dpa/FAZ oder auch das ZDF in teilweise eigener Sache). Warum erst Journalisten recherchieren müssen, ehe die Ermittlungsbehörden mit ihrer Arbeit beginnen, ist natürlich eine andere Frage, aber immerhin gibt der Sprecher des Landeskriminalamts Credits an die Magazinautoren Arndt Ginzel und Henrik Merker ("Das LKA ist heute im Einsatz im Zusammenhang mit der Berichterstattung von 'Frontal'")

Die Razzia bei den dem Terror zugeneigten Dresdner Telegram-Gruppenmitgliedern dürfte der Debatte um den Umgang mit Telegram noch weitere Nahrung geben.

"Die Forderungen nach Sperrungen, nach Verboten und dem sofortigen Ende Telegrams sind Ausdruck der Hilflosigkeit politischer Akteur:innen",

kommentiert aktuell Tanja Tricarico in der taz. Denn jenseits dessen, was auf politischer bzw. gesetzgeberischer Ebene vielleicht möglich wäre,

"können Polizeibehörden fragwürdige Chatverläufe in den offenen Gruppen verfolgen und auch ahnden. Etliche Extremisten outen sich mit Klarnamen in den Chatgruppen. Die Behörden müssten sie nur finden".

Einen Fall, in dem das eigentlich einfach wäre, benennt Josef Holnburger, der Geschäftsführer des Centers für Monitoring, Analyse und Strategie gGmbH (CeMAS), es handelt sich dabei um den Ex-Focus-Money-Journalisten Oliver Janich, der "seit Jahren ohne Konsequenzen" auf Telegram agieren kann.

In eine ähnliche Richtung wie Tricarico argumentiert Max Hoppenstedt (Spiegel). Unter Bezugnahme auf die "vorhersehbar vergeblichen Bemühungen, Telegram in Dubai postalisch Amtsschreiben zuzustellen" (Altpapier gestern), schreibt er:

"Für die deutschen Innenminister gibt es tatsächlich eine Maßnahme, die einfacher umzusetzen wäre, als das Zustellen eines Schreibens an Pawel Durow: Sie könnten mehr Polizisten und Strafverfolger auf Patrouille im Netz schicken. Sie also darauf ansetzen, diejenigen zu ermitteln, die auf Telegram Straftaten begehen. Erst kürzlich wurde etwa ein Betreiber einer radikalen Impfgegnergruppe mit über 40.000 Mitgliedern verhaftet."

Um es mal knackig bis flapsig zusammenfassen: Eine Straftat ist eine Straftat ist eine Straftat - unabhängig davon, ob ein Dunkelmann in Dubai ministerielle Post aus Deutschland möglicherweise für seine Hinterteilhygiene nutzt. 

Das Dilemma des Journalismus in 2022

Die aktuellen rechten Angriffe auf die Demokratie unterscheiden sich in den USA und in Deutschland zwar im Detail und in ihrer Bedrohungsintensität, aber möglicherweise kann der Text einer amerikanischen Kollegin über den journalistischen Umgang mit diesen Angriffen instruktiv sein für hiesige Medienleute.

Whitney Phillips hat sich jedenfalls für das Nieman Lab in einer der traditionellen "Vorhersagen" für den Journalismus des kommenden Jahren mit dem Thema befasst. Dass es, "insbesondere im Journalismus", keinen Königsweg gibt, schreibt sie unter anderem. Inwiefern?

"Fighting back against the anti-democracy faction feeds into anti-democratic attacks — but so does refusing to take up arms. This isn’t a prediction for 2022; it’s the promise of 2022. The task for journalists is to navigate the battlefield and help audiences understand how, why, and to what effect the war against democracy is being waged. A first critical step is tactical assessment of risk."

Phillips benennt zum Beispiel die grundlegende Sorge, dass man "durch das Wiederholen hässlicher Botschaften" dazu beiträgt, diese weiter zu verbreiten:

"The more publicity those messages have, the more normal they seem, and the more normal they seem, the more dangers there are."

Aber: Wer über "ugly culture war-fueled attacks" nicht berichte und damit den Eindruck erwecke, dass diese Botschaften es nicht wert seien, erwähnt zu werden, riskiere eine "andere Art der Normalisierung".

Und noch ein Aber:

"Those who seek to foment violence and erode democracy need to elicit strong reactions from the opposition, which can later be pointed to as 'proof' that the other side — in this case, what’s loosely and not very accurately described as 'the left' — is the aggressor. That’s what makes their culture war, up to and including physical violence, seem just and unavoidable."

Ihr Fazit:

"In 2022 and beyond, audiences will need to understand what’s happening to democracy — and that includes understanding how our networks, media, and economic structures have been weaponized in a war that we simply cannot afford to lose."

Eine hiesige Zeitung, auf die man in Sachen Demokratieverteidigung nicht unbedingt zählen sollte, ist der partiell Querdenker-freundliche Nordkurier (siehe Altpapier sowie Missbilligungen des Presserats). Dessen Chefredakteur Jürgen Mladek sorgt heute für den LOL-Moment der Woche

"Im Schweriner Landtag soll mit großer Mehrheit ein brisanter Antrag beschlossen werden, der radikale Kritiker der Corona-Maßnahmen ins Visier nimmt. Aber gibt es diese Extremisten auf den Demos überhaupt? (…) Auf den Straßen sind auch viele Menschen, die tatsächlich einfach nur glauben, dass man mit friedlichen Demonstrationen in diesem Land etwas erreichen kann."

Mladeks Belege: Vor-Ort-Einschätzungen seiner Reporter und Reporterinnen im Verbreitungsgebiet bzw. dem "Nordkurier-Land (und da kennen wir uns wirklich aus!)".

Kritik an Politikjournalismus und Medienkritik

Dass sich Politikjournalismus zu oft mit Dingen jenseits der politischen Inhalte beschäftigt, ist keineswegs ein unterrepräsentiertes Thema im Altpapier. Durchaus erfreulich also, dass sich aktuell ein Autor und eine Autorin, die sich sagen wir mal: stark voneinander unterscheiden, des Themas annehmen.

Harald Welzer etwa haut in einem Artikel der am Dienstag erschienenen Winter-Ausgabe des Vierteljahresmagazins taz FUTURZWEI zwar auch ein paar anti-woke Platitüden raus (da geht’s dann um die "Wirklichkeitsverweigerung der besorgten Sprachbürgerinnen und -bürger, die sich zukünftige Rettung durch symbolische Kämpfe und Reinheitsvorstellungen versprechen"), kritisiert aber - und da pflichte ich ihm dann bei - auch einen

"politischen Journalismus, der sich intensiv für die Interna des Betriebssystems Politik interessiert, darüber aber vergessen hat, dass die Politik Aufgaben hat, die mit Erfolg in Intrigen, Machtkämpfen und Worterfindungen nicht zu bewältigen sind. Das sind dann so materielle Dinge wie die Handlungsfähigkeit des Staates unter verschärftem Klimastress. Oder glaubt irgendjemand, es sei möglich, der nächsten und der übernächsten Flutkatastrophe zu begegnen, indem man wieder 30 Milliarden Euro oder so mobilisiert? (…) Fragen nach derlei Dingen hätten mich in Zeiten des Wahlkampfs schon interessiert, aber die Medien interessierten sich dann doch eher für die Söder-Laschet-Show. Oder so."

Während Welzer über den "spektakulär inhaltsfreien Bundestagswahlkampf 2021" zürnt, beschäftigt sich Margarete Stokowski in ihrer Spiegel-Kolumne mit der aktuellen Berichterstattung über die Frühstücksdebakel und die bevorzugten Fortbewegungsmittel bei bzw. von prominenten Politikerinnen und Politiker der Grünen:

"Man wird nicht davon wegkommen, dass Politiker*innen immer auch danach bewertet werden, wie sie sich als Menschen verhalten, und das ist normal und okay. Aber wenn man zu sehr darauf guckt, wer wann mit der Bahn oder mit dem Fahrrad gefahren ist oder mal etwas reduziert gefrühstückt hat, vergisst man eventuell, was die eigentlichen Aufgaben von Politiker*innen sind. Politik ist immer auch Show und Inszenierung, aber wenn man das Spiel zu sehr mitspielt, macht man sich leider auch ein bisschen zum Affen."

In dieser Woche erscheint zum 30. und letzten Mal das "Jahrbuch Fernsehen" - zumindest in gedruckter Form. Denn, so unser MDR-Kollege Steffen Grimberg im Abschieds-Editorial:

"Gerade für ein Werk mit großem Service, Kontakte- und Adressteil ist die klassische Buchform nicht mehr optimal. Nun braucht es wie beim Fernsehen selbst eine Neujustierung in der digitalen Welt."

Aus der Reihe der sechs Essays (Altpapier-Mitstreiterin Jenni Zylka ist eine der Autor*innen) sei zunächst der von Wolfgang Michal hervorgehoben, in dem er Medienkritiker als "die Hofnarren des Medienbetriebs" bezeichnet. Kommen wir also von den eben im Zusammenhang mit Margarete Stokowski Kolumne erwähnten Affen zu den (vermeintlichen) Narren.

Abgesehen von drei, sagen wir mal: jahresaktuellen Absätzen zu Bild-TV, ist der neue Jahrbuch-Beitrag vor zwei Jahren schon mal in einer anderen Abschiedsausgabe erschienen - in der des Magazins Funkturm (siehe Michals Nachbemerkung zur Re- bzw. Präpublikation auf seiner eigenen Website). Eine der Kernpassagen des neuen alten Textes lautet: 

"Der Münchner Professor für Medienethik, Alexander Filipović, bringt (es) auf den Punkt: 'Die Entrüstung über journalistische Fehlleistungen wird Teil der Aufführung.' Medienkritik lässt sich bequem als unterhaltendes Element in die Medienwelt integrieren. Das heißt, die Medienkritiker von heute kommen über das Stadium des Hofnarren selten hinaus."

In diesem Zusammenhang passt ein Zitat aus dem Abschnitt zum neuen Springer-Fernsehen:

"(Die) Medienjournalisten und Medienkritiker (…) waren die geeigneten Paperboys, die die Schlagzeile 'Gnade euch Gott. Jetzt kommt Bild Live' in die Welt hinausposaunen sollten. Und tatsächlich: Die Kritiker reagierten zuverlässig wie Pawlowsche Hunde."  

Die maliziöseste Kritik an der Medienkritik scheint mir in diesem Fall der Akt der erneuten Veröffentlichung zur sein, denn er impliziert ja, dass sich dieses Genre im Laufe der vergangenen zwei Jahre nicht nennenswert verändert hat. Oder vielleicht sogar seit Anfang 2016 nicht, als Michal die "Medienkritiker sind Hofnarren"-These auch schon ausgeführt hat.

Aus der Zeit gefallen wirkt der Jahrbuch-Text jedenfalls am Ende, wo sich Michal positiv auf den nach Spinnerhausen bzw. Richtung Fox News abgewanderten Glenn Greenwald bezieht.

Papier hat eine Zukunft

"Neigt sich die Zeit gedruckter Medien nun wirklich ihrem Ende zu?" Das fragt die Medienkorrespondenz im Vorspann eines Interviews, das Altpapier-Autor Christian Bartels mit dem Buchwissenschaftler und Papiergeschichts-Fachmann Daniel Bellingradt von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg geführt hat. Der Fachdienst hat allen Grund, solche grundsätzlichen Fragen zu stellen. Seine Geschichte neigt sich gerade sehr dem Ende zu (siehe Altpapier), übermorgen erscheint die allerletzte Ausgabe.

Die kurze Antwort auf die eben zitierte Frage ist jedenfalls: Nein. Eine der etwas längeren Begründungen Bellingradts lautet:

"Nachhaltigkeitsfragen nach den Energiebilanzen der Kommunikationsstrukturen werden in Zukunft deutlicher und lauter gestellt werden. Was die Klimadebatte derzeit an Themen andeutet, wird auch unsere Kommunikationsgewohnheiten erfassen. Dann werden wir uns überlegen, ob wir wirklich jedes Video auf TikTok hochladen müssen. Dann ist zu klären, ob Papier aus nachwachsenden und wiederverwertbaren textilen Rohstoffen beim CO2-Fußabdruck nicht besser abschneidet als Online-Kommunikationszusammenhänge. Aus dem künstlichen Gegensatzpaar 'Papier' und 'digitale Medien' muss ein Blick auf zusammenhängende Infrastrukturen der Herstellung und Bereitstellung werden."

Und eine Art Merksatz für künftige Nachhaltigkeitsdebatten formuliert Bellingradt dann auch noch:

"Die Energiebilanzen unserer schrift- und bildorientierten Kommunikation werden in der nahen Zukunft zu mächtigen Argumenten."


Altpapierkorb (ak wird 50, Einschätzungen zur "Wechselwirkung von Pandemie und Infodemie", neuer "Near-Future-Film" im Ersten, Warnstreik vor dem MDR-Funkhaus Dresden)

+++ Während die MK nach fast 70 Jahren eingestellt wird (und das gedruckte, von ihr mitherausgebene Jahrbuch Fernsehen nach 30), feiert die ak gerade den 50. Geburtstag. Die Monatszeitschrift, deren Namenskürzel heute für Analyse & Kritik steht und früher für Arbeiterkampf, veröffentlicht dazu unter anderem Geburtstagswünsche von Kollegen und Kolleginnen anderer linker Medien (ND, Missy) und aus unterschiedlichen Gründen prominente Leserschaft wie Andrea Ypsilanti (!) und Thomas Ebermann. Letzterer meint: "Was im AK stand, vor 50 oder 45 Jahren, war, über den Daumen gepeilt, weder stilistisch noch inhaltlich besser als heute – und heute (wie damals) übertrifft die Zahl sich als links verstehender Publikationen, die das Niveau der ak unterschreiten, deutlich jene, die klüger und informativer sind."

+++ Sibylle Anderl geht in der FAZ (€) auf einen Kommentar ein, den 19 Wissenschaftler*innen in der Zeitschrift Cell zur "Wechselwirkung von Pandemie und Infodemie" veröffentlicht haben. Der Begriff Infodemie, das muss man an dieser Stelle vielleicht noch mal erläutern, beschreibt "wie Fakten in Kombination mit Ängsten, Spekulationen und Gerüchten und verstärkt durch moderne Informationstechnologien einen weltweiten politischen und ökonomischen Einfluss erlangen, der sich von seinen faktischen Ursprüngen weitgehend abkoppelt" (Anderl). Das Fazit des Cell-Autor*innenteams: "Die Verzahnung von Infodemien und Pandemien stellt eines der kritischsten Gebiete zukünftiger Studien dar, um die Vorbereitung und die Gesundheit der Weltbevölkerung zu verbessern."

+++ Die Hauptfigur des ersten Films der dreiteiligen "Near-Future-Schwerpunkt"-Reihe in der ARD war eine Journalistin, und die Hauptfigur in "Das Haus", dem zweiten Film der Reihe, der heute im Ersten läuft, ist Journalist. Die These, dass die Welt der  Kreativen, die sich solche Figuren ausdenken, recht klein ist, liegt da nicht fern. Worum genau geht es nun im neuen Film? "'Das Haus' (…) prognostiziert eine Machtübernahme durch Rechtspopulisten, das Ende der Demokratie, den Beginn des bewaffneten Widerstandes, zudem das Regime entfesselter KI. Ein bisschen viel Übel auf einmal, oder?" So fasst es Joachim Huber für den Tagesspiegel in einem Interview mit NDR-Fernsehfilmchef Christian Granderath, einem der verantwortlichen Redakteure, zusammen. Der kontert: "Von einer möglichen Zukunft zu erzählen, ist nicht gleichbedeutend damit, diese zu prognostizieren." Unter anderem die Stuttgarter Zeitung hat "Das Haus" rezensiert.

+++ Ein Warnstreik fand am Montag und Dienstag vor dem MDR-Landesfunkhaus in Dresden statt. Es demonstrierten Mitarbeitende der MCS Sachsen GmbH, einer Technik-Dienstleistungsfirma, die "über die 100-prozentige Tochter DREFA Media Holding quasi eine 100-prozentige Enkelin" des MDR ist, wie es das Verdi-Magazin Menschen Machen Medien formuliert. Der Grund des Protests: "Wir fühlen uns als Mitarbeiter zweiter Klasse gegenüber den MDR-Beschäftigten, viele von uns bekommen kein Urlaubsgeld, es gibt keinen Bestandsschutz, deshalb wollen wir einen Tarifvertrag". So lautete jedenfalls eines der Statements von Ort.

Neues Altpapier gibt es wieder am Donnerstag.

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