Das Altpapier am 17. Januar 2022 Gatekeeper verzweifelt gesucht

Manche Journalisten scheinen den Unterschied zwischen Indikativ und Konjunktiv nicht zu kennen. MDR und RTL bereiten Querdenkern auf unterschiedlich skandalöse Weise unterschiedliche Bühnen. Das Ende der BBC, wie wir sie kannten, steht möglicherweise bevor. Ein Altpapier von René Martens.

Teasergrafik Altpapier vom 17. Januar 2022: Porträt Autor René Martens
Bildrechte: MDR | MEDIEN360G

Was Drosten wirklich gesagt hat

Der Indikativ und der Konjunktiv sind unterschiedliche Verbmodi, und man kann natürlich finden, dass es sich hierbei um einen sehr profanen Kolumneneinstieg handelt. Wer sich ein bisschen vergackeiert fühlt ob solcher Banalitäten zum Wochenanfang, hat aber womöglich nicht verfolgt, wie sich am Wochenende Aussagen eines Tagesspiegel-am- Sonntag-Interviews mit Christian Drosten verbreiteten.

Mit "Omikron ist eine Chance" hat der Tagesspiegel selbst eine Zusammenfassung dieses Interviews überschrieben, und diverse "Abschreibmedien" - wie Dirk Specht, der vor ewigen Zeiten mal bei der FAZ digitalstrategisch zugange war, sie in seinem Blog nennt - haben diese Formulierung wörtlich oder sinngemäß übernommen. Tatsächlich hat Drosten in dem Interview (das zwischenzeitlich hinter der Paywall stand) aber nicht gesagt, dass Omikron eine "Chance" ist, sondern auf die Frage "Sie sehen Omikron also als Chance, in den endemischen Zustand zu kommen?" so geantwortet:

"Es wäre eine Chance jetzt, breite Immunität vorausgesetzt. Zumal niemand ausschließen kann, dass der Zug auch wieder schneller wird und wir dann nicht mehr so leicht draufkommen, beispielsweise weil das Virus rekombiniert und eine Variante mit einer Immunflucht-Fähigkeit wie bei Omikron und gleichzeitig erhöhter Krankheitsschwere wie bei Delta entsteht."

Um zwecks Zuspitzung noch einmal den bereits zitierten Dirk Specht zu bemühen: "Omikron WÄRE eine Chance und es IST eine für Länder mit hoher Immunität in der Bevölkerung" - also in anderen Ländern, aber nicht in unserem Hinterwald.

An Beispielen dafür, dass das im Interview Gesagte sich nicht in Einklang mit der Überschrift der Zusammenfassung bringen lässt, herrscht auch sonst kein Mangel. Auf die Frage "Dass Omikron schon das Ende ist, oder zumindest nun ein Trend zu milderen Varianten bleibt, auf diese Hoffnung sollte man besser nicht setzen?" antwortet Drosten zum Beispiel:

"Bei dem Virus kann man sich darauf nicht verlassen. Aber man kann sich darauf verlassen, dass die Bevölkerungsimmunität sich immer weiter aufbaut. Wenn wir das hinbekommen, wäre selbst ein nochmals verändertes Virus keine Katastrophe mehr. Nur ist das Erhalten der Bevölkerungsimmunität nicht dasselbe wie das Aufbauen der Immunität. Das Aufbauen müssen wir in unserer alten Gesellschaft über Impfungen machen, das Erhalten muss das Virus erledigen. Natürlich unterstützt mit Booster-Impfungen, so wie bei Influenza auch."

Erhellende Erläuterungen des Interviews findet man bei @Musician1980 und DaxWerner.

Allmähliche Wirklichkeits- und Wahrheitsverdünnung

Die Debatte und die Meta-Debatte um die medienkritische Komödie "Don’t look up", die Anfang Januar hier Thema war, ist in den vergangenen Tage weiter gegangen, etwa in der Zeit (€), wo die Position jener, die die von Adam McKay inszenierte dystopische Satire loben, zusammengefasst wird mit den Worten "Wie im Film hätten in dieser Krise politische Entscheidungsträger zu oft die Wissenschaft ignoriert, Journalisten zu oft Scheindebatten inszeniert und den Erkenntnisstand verzerrt".

Bernhard Pörksen konstatiert nun im aktuellen Spiegel (€):

"Was Adam McKay hier vorführt, ist der totale Fokusverlust polarisierter und medialisierter Gesellschaften, die existenzielle Prioritäten nicht mehr erkennen können. Was er wie nebenbei entwirft, könnte man eine Theorie der allmählichen Wirklichkeits- und Wahrheitsverdünnung nennen, die die kollektive Flucht in die Ignoranz und die Illusion im Stichflammenspektakel des Moments neu verstehbar macht."

Die mMn entscheidende Passage lautet:

"Pandemie und Klimawandel sind schon für sich genommen sogenannte wicked problems, besonders vertrackte Probleme. Sie sind zwar allgegenwärtig, aber doch abstrakt und schwer fasslich. Sie verlangen sofortiges, vorausschauendes Handeln und setzen die globale Kooperation beziehungsweise eine Art 'Weltinnenpolitik' (Carl Friedrich von Weizsäcker) voraus, die es bisher nicht gibt. Entscheidend ist aber, ebendies macht McKay begreifbar, eine andere Aporie, das super wicked problem unserer Zeit. Sie besteht darin, dass wir mit Krisen konfrontiert sind, die nichts so sehr brauchen wie kompetent einordnende Gatekeeper, wissenschaftliche und journalistische Instanzen, die mit der nötigen Expertise und Autorität sortieren, filtern und robustes Wissen von falschen Behauptungen trennen. Und dass wir gleichzeitig in einer Medienumwelt leben, in der sich diese Expertise und Autorität so leicht wie nie zuvor ignorieren, marginalisieren und diffamieren lassen."

Es ist ja nun gar noch nicht so lange her, dass kluge Menschen den Machtverlust der Gatekeeper bejubelt oder zumindest mit Wohlgefallen registriert haben - man wird auch in früheren Werken Pörksens und in alten Altpapieren entsprechende Passage finden -, aber angesichts der aktuellen Lage sollten wir nun über die These diskutieren, ob wir derzeit nicht besser dran wären, wenn Old-School-Gatekeeper-Verhältnisse herrschten.

Ein Beispiel dafür, wie Medien an der, um es in Anlehnung an Pörksen zu sagen: Vertracktheit des Problems Klimawandel scheitern, greift übrigens klimareporter.de auf. Es geht um die Mitte Dezember einsetzende Berichterstattung über das Schmelzen des Thwaites-Gletschers:

"Die Nachricht fand viel Aufmerksamkeit, alle Medien berichteten von den 'dramatischen Veränderungen' in der Antarktis und dem drohenden Untergang des Thwaites-Gletschers, der aufgrund seiner besonderen Bedeutung auch 'Doomsday Glacier'" genannt wird, 'Weltuntergangsgletscher'. Doch kurz darauf war das Thema wieder aus den Schlagzeilen verschwunden – bis das nächste Mal alarmierende Forschungsergebnisse veröffentlicht werden über das schon lange nicht mehr 'ewige Eis' unseres Planeten."

Klimareporter-Autorin Verena Kern ordnet das folgendermaßen ein:

"Der Anstieg des Meeresspiegels ist eine stille Katastrophe. Etwas völlig anderes als Sturzfluten, die ganze Dörfer verwüsten, oder Waldbrände, die riesige Flächen in Rauch aufgehen lassen. Die Zerstörung durch die steigenden Pegel ist weniger spektakulär, eine schleichende Veränderung, die kaum und in vielen Regionen gar nicht wahrnehmbar ist. Aber sie vollzieht sich eben kontinuierlich, jeden Tag, und ist damit genauso gefährlich wie andere klimabedingte Katastrophen, die mehr Aufsehen erregen. Wahrscheinlich sogar noch gefährlicher."

Nonsens bei MDR und RTL

Christian Drosten in seinem langen Interview mit dem Tagesspiegel und Bernhard Pörksen in seinem zweiseitigen Spiegel-Gastbeitrag haben darüber hinaus medienkritische Merksätze formuliert, die tagesaktuell aufgreifenswert sind. Drosten sagt: "Es ist Aufgabe der Medien, vorher zu prüfen, wem man eine Bühne bietet." Und Pörksen: "Es gilt (…), die falsche Tonlage einer seltsam betulichen Toleranz im Umgang mit Nonsenspositionen zu korrigieren."

Bei unserem MDR und bei RTL gibt es allerdings Kolleginnen und Kollegen, für die diese Sätze so klingen dürften wie eine in aserbaidschanischer Sprache verfasste Gebrauchsanweisung - jedenfalls wenn man die Interviews als Maßstab nimmt, die Mitarbeitende der Sender am Wochenende mit Leuten aus dem Querdenker-Milieu geführt haben: MDR Sachsen sprach mit einer Frau, die in der Pflege arbeitet und sich nicht impfen lassen will. Und RTL setzte in einer Sonderausgabe von "Stern TV" den rechtsextremen Strategen Marcus Fuchs auf den wieder eingeführten "Heißen Stuhl", auf dem dieser unter anderem Fragen eines "Let’s dance"-Jurors beantworten musste. Letzteres klingt ein bisschen so, als hätte sich der Postillon das ausgedacht, aber dafür kann ich ja nichts.

Die vom MDR befragte Querdenkerin sagt in dem Interview Dinge wie  "Die Menschen sterben ja meist an einer Vorerkrankung. Letztendlich sehe ich das wie eine verstärkte Grippe-Infektion", und sie darf auch über fehlende "Langzeitstudien" schwadronieren, ohne dass die oder der Interviewende das auch nur ansatzweise kommentiert - was zum Beispiel den Radebeuler Lokalpolitiker Martin Oehmichen, der selbst in der Pflege tätig ist, auf die Palme bringt. 

Zur "unausweichlichen Verlängerung der Pandemie und vielen vermeidbaren Todesfällen, die Impfverweigerung zwangsläufig hervorbringt" (Christian Stöcker in seiner Sonntagskolumne für den Spiegel), hat der MDR mit diesem Desinformations-Beitrag also seinen kleinen Teil beigetragen.

Was die "Stern TV"-Sendung angeht, wirkte es am Sonntag zunächst widersprüchlich, dass die Redaktion des Magazins bei YouTube ein Video postete, das zeigt, wie eine "Stern TV"-Reporterin bei einer rechten Demo angegriffen wurde, später aber einem Mann eine Bühne bot, der auf Demos offenbar schon zur Behinderung der Arbeit von Journalistinnen und Journalisten beigetragen hat.

Der Widerspruch klärte sich am Abend durch einen Tweet der "Stern TV"-Leute auf (den etwa t-online zitiert):

"Die Sendung wird nicht wie sonst von i&u TV produziert. Die inhaltliche Ausgestaltung sowie die Auswahl der Themen und Gäste verantwortet die Redaktion von RTL, die heute als Gast aus unserem Studio sendet."

Um diese gemeingefährliche Kasperletheater-Sondersendung veranstalten zu können, hatte der Sender also die eigentliche Redaktion entauftragt. i&u TV gehört mittlerweile ja zu KKR, so dass sich diese bizarre Hinter-den-Kulissen-Kontroverse durchaus auf die Formel KKR gut, Bertelsmann böse zuspitzen ließe.

Als der Bertelsmann-Hierarch Stephan Schäfer im vergangenen Jahr bei Mitarbeitern von Gruner + Jahr für die nun vor wenigen Tagen zelebrierte Verschmelzung des Zeitschriftenverlags mit RTL (Altpapier) warb, sagte er übrigens, er wolle nicht, dass RTL jemals wieder "mit dem Begriff Trash-TV in Verbindung gebracht". werde. Für die gestrige "Stern TV"-Sendung wäre der Begriff "Trash-TV" aber zu euphemistisch.

The end of the BBC as we know it

Wenn es künftig um geplante Veränderungen des öffentlichen-rechtlichen Systems in Deutschland gehen wird, dann wird das wohl sehr oft vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen in Großbritannien geschehen. Der Guardian meldet aktuell, dass es nach dem Willen der dortigen Regierung ab 2027 einen von der gesamten Gesellschaft finanzierten öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht mehr geben soll:

"The BBC will have to make deep cuts to its programme budgets after the government said the broadcaster’s funding would be frozen for the next two years, with the licence fee abolished completely in 2027. The culture secretary, Nadine Dorries (…), said this would be the end of the current licence fee funding model for the BBC, raising doubts about the long-term financial future and editorial independence of the public service broadcaster under a Conservative government."

Zu den "potenziellen Optionen", so der Guardian, gehörten "a subscription service, part-privatisation, or direct government funding". Boris Johnson wolle "offenbar die BBC zerstören, das große Vorbild aller öffentlich-rechtlichen Sender der Welt", twittert ORF-Mann Armin Wolf - während die SZ mit dem unfassbaren Satz "Die britische Regierung unter Premierminister Boris Johnson hat sich schon lange für eine Verschlankung der öffentlich-rechtlichen BBC ausgesprochen" aufwartet Wer "Verschlankung" sagt oder schreibt, der ertränkt auch Katzenbabys.  

Eine Art Abschiedsgespräch mit der TV-Journalistin Navina Sundaram

Marietta Schwarz hat für die "Zwischentöne" von Deutschlandfunk Kultur mit der zwischen 1964 und 2003 als NDR-Redakteurin tätigen Navina Sundaram gesprochen - der "ersten Fernsehjournalistin mit Migrationshintergrund", die vor der Kamera agierte (und deren Schaffen sich mit Hilfe dieses bemerkenswerten Archivs zumindest teilweise konstruieren lässt). Es geht in dem Gespräch um alte öffentlich-rechtliche Zeiten, die zwar nicht immer gut waren, aber in denen zum Beispiel eine Sendung wie der "Film-Club" eine heute im Fernsehen nicht mehr vorstellbare Filmwissensvermittlung ermöglichte, und in denen lange Dokumentarfilme, die "Zeit brauchen wie ein indischer Raga", es leichter hatten, weil "die Zeitgrenzen fließend waren" und die Filme also nicht in ein starres Programmschema passen mussten.

Was nicht so gut war, so Sundaram: "Es wurde nicht so gern gesehen, dass ich vor der Kamera bin, wenn es um deutsche Themen ging", also nicht um "Flucht und Vertreibung oder die Situation in Pakistan", sondern etwa um "die Grünen in Niedersachsen". Die Reaktion der Kollegen in solchen Fällen: "Die Leute werden dir das nicht abnehmen, dass du dich auskennst in den Niederungen der niedersächsischen Politik." Hier klingen also auch aktuelle Debatten über People of Colour in den Medien an (und wie sie auf bestimmte Themen reduziert werden).

Dass Sundaram an einer unheilbaren Krankheit leidet - darüber sprechen Schwarz und sie auch. Und das klingt jetzt viel profaner als es sich am Ende der Sendung anhört. Es wirkt jedenfalls so, als könnte dies der letzte Auftritt Navina Sundarams in der Öffentlichkeit gewesen sei.


Altpapierkorb (Begleitschützer von Journalisten über ihre Arbeit, Schönenborn über Interviews, Prantl über Perversitäten, noch mehr Debattenstoff in Sachen Stromae)

+++ Wie können sich Journalistinnen und Journalisten vor der Gewalt schützen, die ihnen bei rechten Demonstrationen droht (siehe etwa Altpapier vom 4. Januar und vom vergangenen Donnerstag)? Jessica Ramczik stellt in der taz die Initiative Between the Lines vor, die Medienvertretern bei Demonstrationen den Begleitschutz eines Zwei-Personen-Teams anbietet: "War Kampfsporterfahrung der Begleitpersonen zu Beginn keine Voraussetzung, hat man sich bei Between the Lines nun dazu entschlossen, dass kein Team mehr ohne eine kampfsport­erfahrene Person eine Begleitung durchführt." Der "Fokus der Arbeit von Between the Lines" liege auf Sachsen, schreibt Ramczik, und den Begleitschutz-Initiator Klemens Köhler zitiert sie in dem Zusammenhang mit den Worten: "Gerade auch die Kleinstadtberichterstattung, die ja in Sachsen besonders heikel ist, versuchen wir zu schützen."

+++ "Das bevorzugte Gesprächsformat des öffentlich-rechtlichen Fernsehens ist die Talkshow. Reicht das oder müssen neue Formate gefunden werden?" fragt der Tagesspiegel den WDR-Programmdirektor Jörg Schönenborn. Das veranlasst diesen zu folgender Entgegnung: "Ist das Ihr Eindruck? Wir pflegen nach meinem Eindruck viel stärker als früher die Form des längeren Interviews: im 'Morgenmagazin', in den 'Tagesthemen' oder im WDR in der 'Aktuellen Stunde'. Das ist oft exzellent." Und obwohl ich sonst eher selten dazu neige, Schönenborn Recht zu geben, tue ich es in diesem Fall - zumindest, was die "Aktuelle Stunde" angeht - gern. Ich gehe sogar noch weiter: Die zupackende, auf angenehme Weise angriffslustigen und die Konventionen der journalistischen Gesprächsführung manchmal auch ignorierenden Interviews der "Aktuellen Stunde" sind die besten, die man im deutschen Nachrichten-Fernsehen derzeit zu sehen bekommt - siehe die Sendungen mit Jan-Josef Liefers (ab Time Code 4:00) und Armin Laschet (ab 19:30), um nur die bekanntesten Beispiele des vergangenen Jahres zu nennen. Die Hoffnung, dass die sechs für die Sendung tätigen Interviewerinnen und Interviewer ihre Qualitäten in absehbarer Zeit auch mal jenseits des Regionalfernsehens beweisen dürfen, sei hiermit geäußert.

+++ Der SZ-Haudegen Heribert Prantl sagt in der "Geschichte im Ersten"-Doku "Jagd auf Verfassungsfeinde - Der Radikalenerlass und seine Opfer", die an den 50. Jahrestag der Verabschiedung eben jenes Erlasses erinnert: "Da war ein Bundeskanzler, Willy Brandt, ein Widerstandskämpfer, einer, der gegen die Nazis angetreten war, und da war ein Ministerpräsident aus Baden-Württemberg, Herr Filbinger, der ein Teil des braunen Apparats war, und dass diese beiden ganz unterschiedlichen Menschen in dem Radikalenerlass zusammen gefunden haben, gehöht eigentlich zu den großen Seltsamkeiten, fast Perversitäten der bundesrepublikanischen Geschichte." Die SZ empfiehlt den Film, allerdings ohne Prantl zu erwähnen - dafür aber einen der Nachfolger des "Herrn Filbinger": "Winfried Kretschmann, ehemals Kommunistischer Bund Westdeutschland, als Lehrer deshalb abgelehnt und zwischendurch aufgefangen in einer Kosmetikschule, bekommt einen eigenen Auftritt als resozialisierter Musterknabe."

+++ Die Debatte, die der französische Sender TF1 und der belgische Popstar Stromae auslösten, nachdem dieser eine Frage in einer Nachrichtensendung direkt mit einem neuen Song beantwortete (Altpapier), geht weiter. Die FAS-Kulturchefin Julia Encke (Blendle-Link) schreibt: "Die Redaktion und der Künstler (schufen) mit ihrer Performance einen Moment der Selbstreflexion: Was sehen wir, wenn wir Nachrichtensendungen sehen? Was ist inszeniert und abgesprochen, was spontan? Und wie oft kennen die Gesprächspartner die Fragen schon, bevor sie ihnen in der Sendung gestellt werden?" Encke sieht es also ähnlich wie die in dem eben verlinkten Altpapier zitierte Samira El Ouassil, die bei Übermedien von einer "Kunstversion eines PR-Interviews, das in seiner artistischen Verdichtung die Artifizialität 'echter' Interviews veranschaulicht", sprach. Dass die Debatte darüber, wie Popkünstler in anderen Ländern die Regeln des Fernsehens außer Kraft setzen, in diesem Fall überhaupt bis nach Deutschland gelangt, ist an sich schon mal erfreulich. Im November vergangenen Jahres, als Taylor Swift bei "Saturday Night Live" eine zehnminütige, angesichts des üblichen Umfangs von Musikerauftritten in TV-Shows also überlange Fassung ihres Songs "All too well" performte und dabei "unwahrscheinlich fesselndes Fernsehen" (The Atlantic) bot, geschah das meiner Erinnerung nach nicht.

Neues Altpapier gibt es wieder am Dienstag.

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